Gedanken zur Osterzeit

Immer wieder an Ostern dieses Kopfzerbrechen. Man befürwortet die Lehre Jesu, ihre Radikalität, versucht auch im Alltag einigermaßen als Christ zu leben und genießt so manchen Gottesdienst: aber was soll man von der Auferstehung halten? Wie kann man als Mensch des 21. Jahrhunderts, wie kann man als Naturwissenschaftler das denn bitte glauben, was da behauptet oder zumindest gelehrt wird – eine leibliche Auferstehung? Auf rein biologischer Ebene ist nach, sagen wir, einer Viertelstunde Gehirn ohne Sauerstoffversorgung definitiv Schluss, dann wird die Leiche nicht mehr lebendig, der Mensch ist tot. Würde es sich nicht gerade um Jesus handeln und hätte man nicht aufgrund seines Glaubens sich an diese Absurdität gewöhnt – kein Mensch käme heute auf die Idee, anzunehmen, eine Leiche, die tatsächlich und nachprüfbar tot war, käme irgendwie wieder zu einem Leben, wie sie es vorher besessen hat, und sei es auch eine einem noch so nahestehende und im Leben noch so gute Person gewesen. Man muss doch mal ehrlich sein: was in der Zeit der Antike für viele ein Wunder und somit ein Argument für die Übernahme Jesu Lehre oder eine Art Bestätigung derselben gewesen sein mag, ist doch heute ein ziemliches Hindernis, schlechterdings ein Stein des Anstoßes für den denkenden Menschen! Früher mag man geglaubt haben, weil Jesus leiblich auferstanden ist, heute muss man glauben, obwohl es diese Lehre der leiblichen Auferstehung gibt.
Es gibt gewisse Naturgesetze und ein Glauben an einen Gott, der durch unmögliche Wunder seine dann von ihm selbst festgelegten Naturgesetze sprengt, erscheint mir als Naturwissenschaftler lächerlich, dafür hänge ich zu sehr an der Natur, dafür stehe ich zu sehr auf dem Boden der Tatsachen. Vielmehr sollte man glauben, dass die Naturgesetze immer Gültigkeit besitzen, d. h. dass allerunwahrscheinlichste Anomalien im Ablauf des raumzeitlichen Geschehens eben für allerunwahrscheinlichst zu halten sind, und jegliches Wunder, das im Bereich des empirisch Überprüfbaren stattfindet, nur im Rahmen der Naturgesetze ablaufen kann, jedoch durch sein Auftreten in seiner ganz spezifischen Situation, durch eine Haltung des Glaubens, also alleine durch seine Interpretation, als solches erkenntlich wird. Anders gesagt: Gott hält sich an seine eigenen Naturgesetze und ein jedgliches Wunder muss im Bereich des naturgesetzlich Möglichen liegen. Wer will oder wer glaubt, kann in irgendeiner Sache ein Wunder sehen, wer es nicht tut, kann es auch aners erklären. Und keiner muss die vernünftige Annahme gewisser Naturgesetzlichkeiten aufgeben, wenn er glauben möchte, denn die Bereiche der mechanischen Erklärung (vielleicht sogar eher Beschreibung; das „Wie genau?“) und der sinngebenden Erklärung (sozusagen die Deutung; das „Warum?“ oder „Wozu?“) sind sauber von einander getrennt.
Offensichtlich entspricht aber die Behauptung einer leiblichen Auferstehung, ohne die laut Paulus das Christentum angeblich nicht funktionieren würde, nun nicht dieser Weltsicht der sauber aufgeteilten Fragen. Kein Wunder also, dass sich der Denkende dann nach einer alternativen Erklärung sehnt.
Wenn man die überlieferten biblischen Berichte einmal genauer durchliest, fällt einem auf, dass die Begegnungen mit dem Auferstandenen als eine Art persönliche oder kollektive Vision beschrieben werden. Es ist eigentlich ganz klar, auch wenn es nur zwischen den Zeilen zu lesen ist, dass der auferstandene Jesus nicht empirisch nachprüfbar etwas gegessen hat oder nach Emmaus gegangen ist, dass man die Situationen also nicht hätte fotografieren oder filmen können (Aufgrund der Art dieser Berichte kann man auch ausschließen, dass Jesus womöglich nach einer Phase des Scheintodes wieder zu seinen Jüngeren zurückgekehrt ist. Ein ehemals Scheintoter erscheint den Anwesendenen nicht plötzlich wundersam und verschwindet dann wieder, sondern ist ganz konkret da – das kann man aber beim besten Willen nicht aus den Berichten der Begegnungen mit dem Auferstandenen herauslesen, die Berichte hätten dann einen anderen Charakter und vermutlich wäre Jesus dann sogar nochmal öffentlich aufgetreten, nach einer gewissen Zeit oder andernorts.). Vielmehr wird eine Glaubenswahrheit enthüllt und dem Kreis der Nachfolger plötzlich deutlich – man ist also nur auf der Glaubensebene. Man kann solche Situationen selbstverständlich psychologisch beschreiben im Sinne der in das Mechanische zielenden „Wie?“-Frage – interpreterieren, deuten kann man es aber wieder ganz beliebig, in Konsistenz mit seinem Glauben oder eben Unglauben. Jedenfalls wurden hier bei den Erscheinungen eben keine Naturgesetze gesprengt, es ist sozusagen alles in Ordnung. Der Mensch hat die Freiheit, aufgrund des Berichtes von Visionen zu glauben oder eben nicht zu glauben, aber nichts sprengt den Bereich des Möglichen (d. h. Nicht-Allerunwahrscheinlichsten), er muss nicht gegen seine Erfahrung glauben. Ja, im Grunde würde der christliche Glauben so ja perfekt funktionieren: „Jesus wurde getötet, aber uns wurde bewusst, dass er auf irgendeine andere, nicht überprüfbare Weise weiterlebt. Wir können es nicht beweisen, aber wir sind fest davon überzeugt.“
Jetzt gibt es nur noch die Sache mit dem leeren Grab. Seien wir ehrlich, das hätte es eigentlich nicht gebraucht. Genau das leere Grab ist es doch, dass einen zu der – naturwissenschaftlich denkbar unwahrscheinlichen – Annahme verleiten soll, dass Jesus Leiche tatsächlich leiblich auferstanden, also zu neuem biologischen Leben gekommen ist: dass sie plötzlich wieder 37 ° Körpertemperatur hatte, das geronnene Blut wieder zu fließen begonnen hatte und die Zersetzung der feinen Nerven im Gehirn usw. rückgängig gemacht wurde. Hätte das Grab nicht einfach voll sein können? Das hätte den Erfahrungen der Anhänger Jesu mit dem Auferstandenen doch nichts genommen. Das leere Grab hat aber einen fahlen Beigeschmack, den auch die Zeitgenossen der Jünger schon wahrgenommen haben: „Seine Jünger haben ihn gestohlen.“ Es ist natürlich unwahrscheinlich, dass Jünger, die diesen Betrug selbst vorgenommen haben, in einer Art Nacht- und Nebelaktion am Sabbat, dann trotzdem eine derartig feste Überzeugung von der Auferstehung Jesu entwickelt hätten, aufgrund welcher sie dann selbst vielfach bis in den Tod gegangen wären. Aber dennoch ist dem gesunden Menschenverstand und insbesondere dem naturwissenschaftlich Denkenden eigentlich klar, dass, wenn die Geschichte des leeren Grabes eine Tatsache beschreiben soll, es dann auch eine natürliche Erklärung dafür geben muss, sei es, dass irgendein Unbekannter oder Josef von Arimathäa die Leiche verschwinden hat lassen, dass die Frauen und Jünger das falsche Grab aufgesucht hatten oder Jesus, nocht nicht ganz tot, mit letzter Kraft das Grab verlassen konnte – der spekulativen Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt, solange sie den Bereich des Möglichen nicht verlässt (Es gibt sogar die Theorie, der „Auferstandene“ sei nach einem Koma nach Indien ausgewandert – dann wäre er aber höchstwahrscheinlich irgendwie seinen Jüngern nicht nur – wie oben deutlich gemacht – erschienen, sondern begegnet.). Wie auch immer es gewesen sein mag, sozusagen unphysikalisch war es wohl kaum, woran man sich als vernünftiger Glaubender gewöhnen sollte, der sonst der Lehre Jesu zuliebe oft unnötigerweise über ein genaues Nachdenken an dieser Stelle hinweggesehen hat.
Letztenendes ist das leere Grab nämlich auch egal, solange man nicht von einer leiblichen Auferstehung ausgeht (was die meisten Gläubigen heute ohnehin nicht tun): das Grab kann voll sein und Jesu Leichnam verwest darin oder es kann leer sein, weil „man meinen Herrn gestohlen“ hat, wie Magdalena sagt, d. h. dass Jesu Leichnam irgendwo anders verwest, und trotzdem kann die innere Erfahrung den Glauben an eine transzendente Auferstehung entstehen lassen. Keine leibliche Auferstehung, kein Konflikt von Natur und Glauben, keine Sprengung von Naturgesetzen, sondern Glauben allein aus dem Glauben, oder eben nicht, ein Mensch frei zum Glauben und Unglauben, so ist eigentlich alles in Ordnung.
Seien wir ehrlich, die andersartige, visionsartige Erfahrung der Anhänger Jesu entspricht doch dem, was man ohnehin fühlt, wenn man die Leiche eines toten Menschen sieht: dass die Leiche und der Mensch, der das mal war, zwei verschiedene paar Stiefel sind und der Mensch nun irgendwo anders ist, vorzugsweise im – transzendenten – Himmel. Eine leibliche Auferstehung passt doch sowieso nicht zu dieser userer intuitiven Vorstellung.

Jeder Gedanke verändert die Welt

Oder: Hirngespinste sind ganz real gesponnene Nervenvernetze.

Hugo Kauffmann: Mädel am Spinnrad. Wer denkt, spinnt sich aus seinen Nervenzellen tatsächlich einen schönen, realen Faden zusammen.

Hugo Kauffmann: Mädel am Spinnrad. Wer denkt, spinnt sich aus seinen Nervenzellen tatsächlich einen schönen, realen Faden zusammen.

„Die Gedanken sind frei“ heißt es in einem bekannten Volkslied. Völlig abgetrennt von der äußeren Welt scheinen sie irgendwo unabhängig im eigenen Geiste zu existieren und nur, wenn man es will, per Wort oder Tat nach außen zu gelangen. Ganz richtig ist diese Sichtweise der Trennung von Gedankenwelt und tatsächlicher, „physikalischer“ Welt aber nicht, denn man übersieht dabei, wie es so oft beim Denken über das Denken geschieht, das Gehirn. Solange man nämlich selbst denkt, tut man sich schwer, das eigene Gehirn, dasjenige Organ, das man je nach Sichtweise selbst ist oder bewohnt oder gebraucht, als äußeres Objekt wahrzunehmen. Man kann – ohne Hilfsmittel bildgebender Verfahren – sein eigenes Denkorgan nicht genauso wahrnehmen wie die Vögel am Himmel, die nette Kollegin am Schreibtisch nebenan oder die Außentemperatur am Thermometer auf dem Balkon. Philosophisch gesprochen scheitert man da an der unüberbrückbaren Schwelle der Subjekt-Objekt-Spaltung. Ich bin ich, alles andere ist eben etwas anderes und „ich“ und „alles andere“ ist nicht dasselbe.

Wenn man sich allerdings nicht auf das eigene Gehirn, sondern auf dasjenige anderer Menschen bezieht und die Erkenntnisse dann erst auf sich selbst und – äquivalent – das eigene Gehirn überträgt, wird es einfacher. Nehmen wir zum Beispiel an, eine Versuchsperson wird mit der funktionellen Magnetresonanztomografie untersucht, einem selbstverständlich noch nicht ausgereiften Verfahren, dass die Aktivität bestimmter Hirnareale grafisch darstellt. Während die Versuchsperson also mitteilt, dass sie sich gerade die beeindruckende Kathedrale aus dem letzten Sommerurlaub in Spanien vorstellt, sieht man auf dem Bildschirm wohl, dass Areale der räumlichen Vorstellung aktiv sind. Geistige Welt – Mitteilung des Gedankeninhalts der Versuchsperson – und physikalische Welt – Aktivitätsmuster auf dem Bildschirm – gehen offenbar miteinander einher, noch mehr: sie sind nur unterschiedliche Betrachtungsweisen ein- und derselben realen Welt; im Blick auf andere Menschen oder Gehirne (wo es das Problem der Subjekt-Objekt-Spaltung nicht gibt) ist das völlig klar.

Die Funktionsweise des Gehirn ist, um noch etwas weiter zu gehen, aber sogar noch mehr als nur das Ein- oder Ausgeschaltetsein bestimmter Teile einer Maschine, wie wenn beispielsweise in einer Software am Computer mal der eine und mal der andere Programmteil aktiv ist, in Analogie zu den beobachteten Mustern aktiver Nervennetze. Denn zusätzlich kann das Gehirn auch Lernen, was im Wesentlichen bedeutet, dass sich neue Verknüpfungen zwischen einzelnen Nervenzellen, Synapsen, bilden. Lernen geht also einher mit der Veränderung des Organs Gehirn, geistiges und physikalisches (bzw. physiologisches) Phänomen sind auch hier untrennbar miteinander verwoben, sind die zwei Seiten der einen Medaille oder sind eben noch mehr: dasselbe. Es ist, wie wenn sich ein funktionierender Computer selbst verändern und umprogrammieren würde – und dabei sogar noch seine „Verdrahtungen“ verändern würde.

Ein Gehirn, sei es das eines Mitmenschen oder das eigene, ist Teil dieser einen Welt im ganz materialistischen Sinn. Gedanken sind aber immer dynamische Prozesse des komplexen Nervensystems Gehirn und insofern also auch Teil dieser einen Welt. Gedanken sind genauso real wie der Blutstrom in Blutgefäßen, welche sich ja auch mit der Zeit verändern, oder wie der Verkehrsstrom auf Straßen und Autobahnen, welche auch, je nach Bedarf, aus- oder rückgebaut werden.

Es ist damit klar, dass eine Trennung in Geistiges und Materielles im Grunde Unsinn ist und nur aus der Unfähigkeit, dem eigenen Datenverkehr und Nervenstraßenbau in allen Details zuzusehen, der Subjekt-Objekt-Spaltung, resultiert. Diese Trennung ist also nur eine Illusion, die daraus resultiert, dass sich ein System wohl nicht komplett selbst verstehen kann (auch rein biologisch wäre es kompletter Unsinn, würde das eigene Gehirn nur mit sich selbst, seiner Selbstanalyse, beschäftigt sein. Jede Nervenzelle wäre nur damit beschäftigt, sich selbst zu verstehen, und wahrscheinlich damit schon komplett überfordert, – da bliebe ja nichts mehr fürs eigentliche Leben da draußen übrig).

Die eigenen Gedanken kann man also auch auf physikalischer, „realer“ Ebene sehen. Denkt man etwas, lernt man etwas, so verändert man dadurch willentlich (zumindest kommt es einem willentlich vor) das eigene Gehirn. Spinnt man gerade an einem Gedankengespinst, so spinnt man tatsächlich auch ein ganz reales, beobachtbares Nervennetz im eigenen Denkorgan.

Diese Spinnereien kann man natürlich noch weiterführen, denn auch die oft unter Naturwissenschaftlern, insbesondere überzeugten Materialisten, als sinnloses Geplapper verrufenen Geisteswissenschaften im weiteren Sinne werden so zu etwas ganz Physikalisch-Realem. Wer beispielsweise einen Roman oder auch ein philosophisches Werk liest, verändert dadurch sein Denken über das Leben oder seine Einstellung zu anderen Menschen und diese Veränderung ist nichts anderes als eine Veränderung seines Gehirns. Die „Moral von dieser G’schicht‘ “ ist damit in das Nervengeflecht des Denkorgans eingewebt und konsequenterweise für ein anderes Erleben und Handeln des Lesers verantwortlich. Ein Schriftsteller oder Philosoph ist insofern ein Fremdnervenzellenweber, böse formuliert ein Manipulator, gut formuliert ein Lehrmeister; er ermöglicht Lernen, Selbstverbesserung, Läuterung, das heißt neuronale Umstrukturierung ohne die Gefahr eigener misslungener Unternehmungsversuche. Er bietet bereits bei diesen oder jenen Lebensproblemen erfolgreiche Nervenstruktur wie eine Software zur Kopie an, sodass nicht jeder sich eine komplett neue Software bilden muss, sondern sie aus verschiedenen Programmteilen zusammenstellen kann. Der Mensch muss sich so gesehen nicht komplett einen neuen Nerventeppich in Sinne der Selbstwerdung oder im Sinne der Bildung im Bildungsroman weben, sondern muss nur die bereits vorhandenen Flicken zu einem harmonischen Flickenteppich zusammensetzen. (Natürlich ist es bei der Naturwissenschaft nicht anders, nur bezieht sie sich nicht auf Innermenschliches. Auch da werden bereits erfolgreiche Nervenstrukturen, genannt Theorien, weitergegeben.)

Auch, um weiterzugehen, Denkgebilde wie die das Gesetz oder menschlichen Staaten, Abstrakta, festgehalten in realen Büchern und Dokumenten, aber dennoch wie von Geisterhand funktionierend, sind zusätzlich noch als mehr oder weniger stark ausgebildetes Nervengeflecht in den Gehirnen der einzelnen Menschen vorhanden. Selbst die Religion erscheint durch die Einheit von geistigem Denken und physikalischem Hirnprozess in einem viel realeren Licht, als man es wohl oft zu glauben versucht ist. Ihre Symbole sind subjektive Worte ganz realer Phänomene im menschlichen Erleben, in der Funktion des Gehirns; sie beziehen sich auf subjektive Grunderfahrungen des Menschseins ganz genauso wie mathematische Formeln auf Objekte der physikalischen Welt. Eine Sünde ist damit nichts anderes, als ein Wort für das – als unangenehm empfundene – Aktivitätsmuster eines schlechten Gewissens; „teuflisch“ ist ein Wort, dass für ein unausgeglichenes, dominant rational-präfrontales Denken bei Unterdrückung natürlichen, intuitiven, wertegeleiteten, menschlicheren Denkens steht; „sich im Namen der Gottesmutter für das kommende Gottesreich einsetzen“ ist somit ein subjektiver, verschlüsselter Ausdruck, der für ein Nervengeflecht (Richard Dawkins würde sagen, ein „Mem“) steht, das emotional geladene Fürsorglichkeit gegenüber den Mitmenschen anregt und insofern ja ganz klar als positiv zu bewerten ist. Religiöse Rituale sind dann ein Spiel mit diesen Symbolen (ähnlich wie Heisenberg theoretische Physik mit einem Spiel vergleicht), aber noch viel mehr, nämlich ganz reale, physikalische Umstrukturierungen der Gehirne der Gläubigen mit ganz realen Konsequenzen, idealerweise guten, kritisch formuliert Gehirnwäsche, wohlwollend formuliert Seelsorge. Der Segen, das heißt ein guter Zuspruch durch einen anderen im Namen Gottes, geht also einher mit der Anregung und Verstärkung von Neuronenkreisen, deren Aktivität als heilsam und stabilisierend empfunden werden, und heilt und stabilisiert so tatsächlich das komplexe System Gehirn. Die für das Leben des Menschen ganz zentrale Bedeutung der Symbol-Komposition Religion, bedeutend, da es ja um die eigene neuronale Stabilität bzw. gleichbedeutend um das Seelenheil geht, wird durch ganz bedeutsame Worte (wie z. B. Ewigkeit, Allmacht, Ursünde, Heil der Welt) und prächtige Gebäude und Ritualgegenstände unterstrichen und sogar noch erhöht.

Man könnte mit dieser Spinnerei von Nervengespinsten sogar so weit gehen (mir persönlich ist es eigentlich schon zu abwegig), Gott als physikalisch-real zu beweisen. Wenn man Gott nämlich denken kann, so gibt es auch damit einhergehend ein Nervengeflecht, welches diesen Gedanken repräsentiert, gewissermaßen verkörpert. Der Gedanke „Gott“ ist also eine bestimmte, ganz real nachweisbare Nervenstruktur in den Gehirnen der Menschen mit ganz realen (wiederum idealerweise positiven) Konsequenzen auf das Denken und Handeln der Menschen. Verkündigung und Bekehrung sind dann der Vorgang der Ausbreitung dieser Nervenstruktur, wie die Übertragung von ein paar Programmcodezielen auf einen anderen Rechner; religionskritisch formuliert die Übertragung eines Nervenparasiten, der ohne menschliches Gehirn nicht auskommt, theologisch formuliert lässt man Gott in sich wohnen. (Beide Sichtweisen sind eigentlich ein- und dasselbe, nur die färbende Haltung gegenüber der Sache an sich macht den Unterschied.)

Die feine philosophische Unterscheidung, die sich hier aufdrängen würde, wäre dann nur folgende: gibt es nur den Gedanken an Gott, dh. ist Gott nur der Gedanke an sich und gar nicht mehr, oder ist der Gedanke an Gott eben tatsächlich erst einmal ein Gedanke und das Objekt dieses Gedankens irgendwo anders, aber vom Gedanken unabhängig? Leider ist das aber eine prinzipiell unlösbare Frage und insofern ist der „Beweis“ oben eben wieder kein Beweis; die Unlösbarkeit der Frage garantiert aber immerhin die logische Möglichkeit einer Entscheidung für oder gegen einen Glauben an Gott, sodass eben keine der beiden Alternativen prinzipiell ausscheiden müsste. Letztlich – und so wird es immer bleiben – ist allein die persönliche Position maßgebend, sei sie nun gläubig oder nicht. Es obliegt dem eigenen, zumindest subjektiv als frei empfundenen Denken, die grundsätzlich neutralen Fakten, eben beispielsweise der Neurowissenschaften, in das eine oder andere Weltbild, einem persönlichen Neuronenflickteppich, zu integrieren; man verhält sich dabei wie der Interpret eines Musikstückes, der bei aller Eindeutigkeit in der Notation dennoch seine künstlerische Freiheit bewahrt.

Abschließend noch diese (im Leser und mir ganz realen) Gedanken: Ein Psychotherapeut verändert durch sein Gespräch mit dem Klienten dessen Gehirn, seine Worte sind einem ganz realen Sinn das Skalpell, mit dem er am Gehirn operiert, denn sie verändern als Gedankeninput die Nervenstruktur des Patienten (und freilich auch des Therapeuten). Weitläufiger gefasst ist natürlich eine jede Form der Erziehung eine Operation am Gehirn, indem sie die neuronale Beschaffenheit des Zöglings verändert und das anfangs noch wildwuchernde Nervengeflecht zur hübsch-kultivierten Hecke zurechtschneidet; eine im ungünstigen Fall tyrannische Erziehung wird so ohne jegliche Handgreiflichkeit zur ganz realen Körperverletzung. Noch weitergedacht verändert aber jedes Gespräch, jede Lektüre, sei sie wissenschaftlicher oder innermenschlicher Natur, ein jeder Kontakt mit der Außenwelt, eine jeden Wahrnehmung und sogar jeder tiefsinnige introspektive Gedanke dieses komplexe System aus Nervenzellen, das eigene Gehirn. So fließt alles mit der Zeit; alles ist der Veränderung unterworfen und alles hängt miteinander zusammen – in einer einzigen, realen Welt, unsere Köpfe mit einbegriffen.

Ich bleib‘ in meinem heil’gen Nimmerland

In einem relativ ungewöhnlichen Schritt hat der neue Papst Franziskus seine Bewerbungsrede, gehalten vor den Kardinälen kurz vor dem Konklave, an die Öffentlichkeit gebracht. (http://en.radiovaticana.va/news/2013/03/27/bergoglios_intervention:_a_diagnosis_of_the_problems_in_the_church/en1-677269, aufgerufen am 3. 4. 2013)

Eine scharfsinnige „Diagnose der kirchlichen Probleme“, in der er vor allem vor einer Selbstbezogenheit der Kirche warnt.

Papst Franziskus

Der neue Papst Franziskus warnte noch als Kardinal kurz vor dem Konklave vor „theologischem Narzissmus“.

Besonders beeindruckt dabei der Begriff „theologischer Narzissmus“, der beispielsweise den als Sprecher bei Radio Vatican bekannten Jesuitenpater Eberhard von

Gemmingen, einem doch recht besserwisserischen reinen Kirchenmann, in der BR-Müncher-Runde vom 2. April merklich trifft. Er muss sich bei einem derart sitzenden Vorwurf – dem allgemeinen

Klischee der Jesuiten entsprechend – ganz schön herausreden, um danach wieder reinen Gewissens im Kirchendickicht verschwinden zu können.

Nun, was hat man sich also unter dem „theologischen Narzissmus“ vorzustellen, warum trifft dieser Vorwurf Theologen und hohe Kirchenleute so empfindlich?

Narzissmus bezeichnet in der Psychologie eine übermäßige Selbstverliebtheit und Selbstbezogenheit, die in einem krassen Fall als Persönlichkeitsstörung gemäß ICD-10 unter anderem durch den Glauben, etwas Besonderes zu sein, durch einen bevorzugten Umgang mit hochgestellten Personen, selbst oft Narzissten, durch arrogante und hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten, durch ein Ausbeuten menschlicher Beziehungen und durch einen Mangel an Empathie gekennzeichnet ist. Lässt man einmal von der leidigen Diskussion ab, ob es sich nun beim Narzissmus tatsächlich um eine Krankheit handelt oder nur um eine im Normbereich zu verortende Spielart der menschlichen Charaktervariabilität, so springt die Übereinstimmung bei so manch Theologen und Kirchenmann mit diesen Kriterien, unlängst bis in die oberste Riege hinein, dennoch ins Auge.

Natürlich ist ein Theologe, der sein Leben der Kirchenlehre widmet, schnell dazu verleitet, sich im Vergleich zum gewöhnlichen Alltagsgläubigen für etwas Besonderes zu halten, gerade wenn er wissenschaftlich oder kirchenhierarchisch erfolgreich ist. In diesem Erfolgsfall wird er auch häufig Umgang mit anderen Fachleuten und Würdenträgern haben, die sich wiederum als besonders fromm oder linientreu sehen, und dann in diesen relativ geschlossenen Kreisen mit erhobenem pharisäischen moralischen Zeigefinger – Moral ist ja das Metier der Theologen – auf das Kirchenvolk oder gar die Heiden herabsehen. Ein Ausbeuten menschlicher Beziehungen mag vielleicht vorliegen, wenn tatsächlich gute Taten oder seelsorgerliches Wirken nur zum Zwecke der Vergrößerung des eigenen Ruhms oder der eigenen selbstgefälligen Heiligkeit dienen. Und nicht gerade für Empathie spricht es, wenn die ganz konkreten subjektiven und persönlichen Alltagssorgen der Gläubigen mit der Dampfwalze der theologischen Besserwisserei überfahren werden. Selbst einem zölibatären Leben, das die eigene moralische Integrität über eine echte, liebevolle Beziehung stellt, kann man eine narzisstische Komponente unterstellen.Zuletzt muss ein frommer Theologe – in dem Sinne fromm, als dass er keine Sünde seines eigenen Kataloges begeht – sich sehr selten schuldig fühlen oder gar eigene Fehler eingestehen – wiederum typisch für etwas zu sehr von sich selbst überzeugte Menschen. Kurz, die Gefahr in der Kichenhierarchie oder -wissenschaft narzisstische Züge zu entwickeln, ist groß.
Einige Psychologen unterscheiden auch zwischen einer männlichen und einer weiblichen Form des Narzissmus, deren Merkmale natürlich selten ganz diskret in Reinform auftreten. Während obige Punkte gut der männlichen Variante zuzuordnen sind, zeichnet sich die weibliche Form unter anderem durch Aufopferung, Minderwertigkeitsgefühle, übermäßige  Leistungsbezogenheit und Überanpassung aus (siehe auch http://www.selbsthass.com/narziss.htm, Tabelle links, aufgerufen am 3. 4. 2013). Diese Merkmale, selbstverständlich weit davon entfernt, naturwissenschaftliche Tatsachen zu sein, können wohl die eine oder andere Klosterschwester oder Religionslehrerin, die in der Angst lebt, ihre eigene Reinheit vor Gott durch beispielsweise falsches oder nicht ausreichendes Tun zu verlieren, ebenso aber auch manch aufopferungsvollen Priester zu einer kritischen Selbstreflexion bewegen.
Ein wenig erinnern mich auch manche Theologen, die sich lieber in ihrer bunten und heilen Theologiewelt verkriechen – in das Raritätenkabinett aus Heiligen, Bräuchen, Symbolen, Ritualen, aus Kirchengeschichte, spitzfindigen Diskursen und Moralkodizes – an die Figur des Peter Pan. Peter Pan lebt lieber mit seiner Fee im tollen Nimmerland, wo, was man sich nur vorstellt, schon zur Realität wird, und welches er sich nicht kaputt machen lässt; ja, seine größte Angst ist es, erwachsen zu werden. Auch Peter Pan ist dem Sinne narzisstisch, als er bei seinen spielerischen Abenteuern vor allem ans eigene Vergnügen denkt und aus Egoismus lieber im Nimmerland, lieber ein Kind bleibt. Der amerikanische Psychotherapeut Dan Kiley wählt ihn sogar zum Namensgeber des Peter-Pan-Syndroms, das er bei verantwortunglosen, vergnügungssüchtigen, selbstverliebten und kindischen Männern sieht, die doch innerlich voller Ängstlichkeit, Schuldgefühle und Einsamkeit sind und unsicher in ihrer sexuellen Rolle. (*) Wer weiß, ob Kiley mal einen Katholiken von Rang auf der Couch hatte.
Wenn man nun wieder alle Psychologie beiseite lässt, bleiben ein paar mahnende Denkanstöße an die Theologen und Kirchenleute zurück. Theologie nur um ihrer selbst willen, als l’art pour l’art, ist wie Dauergast-Sein auf Kur, das heißt, anstelle die Zeit in der heilen Welt zur Regeneration für die Arbeit zu nutzen allein die Vorzüge des sorglosen Lebens zu genießen, am besten für immer. Wer Inhalt und Zweck der Theologie, die man vertritt, nicht selbst lebt, zumindest ehrlich danach strebt, gleicht den verrufenen BWLern des Klischees, die anschaffen, sich dabei aber die Arbeit selbst vom Halse halten, um sich in ihrer Selbstverliebtheit ja nicht die Finger bei der Arbeit schmutzig zu machen. Wer Theologie nur als wissenschaftliche Disziplin sieht, in der er glänzt, läuft leicht Gefahr, in Selbstgefälligkeit zu denken, dass er sie daurch selbst schon lebt, sie schon erfüllt. Theologie, die sich auf ein heiles innerkirchliches Leben beschränkt, ist emanzipiert von den unangenehmen Forderungen Jesu, sie ist vielleicht katholisch oder christlich, aber nicht mehr jesuanisch.
Christlich leben – das heißt aber, die Theologie, den Glauben, das Reich Gottes in die Welt hineinwirken zu lassen, wie es in dem Gleichnis mit dem Sauerteig beschrieben. Sich zu bücken, in Demut vor Gott, nicht nur gegenüber frommen Katholiken – denn was ist es schon für eine Leistung, nur seines Gleichen beizustehen? Christen,ob Geweihte, Ordensleute, Theologen oder Laien, müssen auch herausgehen aus ihren kirchlichen Bahnen! Oder singemäß nach den Worten von Franziskus: eine nicht auf sich selbst bezogene Kirche lässt den in ihr eingesperrten Jesus aus sich heraus.

* Natürlich hält Jesus auch das Ideal der sorglosen Kinder hoch. Kindliche Sorglosigkeit bezogen auf existentielle Probleme, kindliche Unvoreingenommenheit und kindlicher Idealismus sind urchristlich; kindischer Leichtsinn, der nur auf eigenen Spaß und auf Spielerei aus ist, kindische Sandkastendiskussionen, kindische Rangkämpfe und faule kindische Tatenlosigkeit dagegen kaum.