Berlin

Berlin bei Nacht. (Fotografie: Robert Debowski)

Berlin bei Nacht. (Fotografie: Robert Debowski)

Auf dem Heimweg von einem netten sommerlichen Picknick auf einer viel zu trockenen Wiese, es ist schon dunkel. Der Weg zur nächsten S-Bahn-Station führt nur um ein paar Ecken in Mitte. Zu den Füßen eines nichtssagenden Graffiti-Kunstwerks an den zerbröckelnden Backsteinen des über hundertjährigen Bahngebäudes liegt Müll, zum Teil wenigstens in einem grauen Sack, unter Zweigabschnitten. Vorbei an den Touristen, über die Straße und hinein in die S-Bahn-Station. Ein Glück, bisher kein Zusammenstoß mit einem dieser bremsenlosen Fahrradfahrer, die an jeder Stelle in dieser Stadt plötzlich ohne irgendein vorheriges Anzeichen an einem vorbeirauschen. Selbst zu Hause auf dem Klo würde mich so einer nicht mehr wundern. Die Treppen hoch zum Bahnsteig: der käsig-fischige Geruch nach Pisse ist heute besonders dominant. Ich sehe mich um, sehe aber keinen – pardon – Penner, der nun eben ohne Dusche leben muss, in der Nähe, es muss wohl wirklich nur an den gelblich-angetrockneten Pfützen in den Ecken liegen. Zehn Minuten Wartezeit, naja, dann flaniert man halt ein bisschen den Bahnsteig auf und ab. Irgendwie sind es arme Seelen, die jetzt um diese Uhrzeit hier warten, mit ihren blauen Haaren oder löchrigen Hosen, manche mit müden Augen im Handylicht, manche mit schmutzigen Füßen. Während ich überlege, ob ich mich, da ebenso wartend, zu diesen armen Seelen dazurechnen sollte, gerät der Pissegestank langsam in den Hintergrund von Cannabisgeruch. In der S-Bahn schwäbische Abiturienten, man macht noch Party an der Warschauer Straße. Bleibt doch bitte einfach in eurer schwäbischen Kleinstadt und fresst Spätzle, ein gut gemeinter Ratschlag!
Umstieg am Ostkreuz, diesem Nachwende-Technik-Palias, das so gar nicht in das leicht verlotterte, aber natürlich bunte Partygänger- und Hausbesetzer-Viertel hier passt. Wie das feingliedrige Räderwerk einer Schweizer Uhr in der Cordsofaritze in einer Hippie-WG, zwischen Tabakkrümeln. Um einen halb-komatösen Raver mit weißen Plastik-Kopfhörern, absurd, da der Herr an die fünfzig ist, stehen ein paar Frühzwanziger, also Hipster. Soll man was machen, soll man nichts machen? Im Halb-Delirium ist der Kerl ja noch irgendwie ansprechbar, einen Arzt will er, ok, aber das will er vermutlich wöchentlich, wenn er so in seiner nassen Hose daliegt. Vielleicht auch ein Simulant, der nur schmarotzerisch in der Klinik zu einer warmen Dusche kommen möchte. Naja, man muss mal in die S-Bahn. Naja, man ruft mal kurz ’n Krankenwagen. Irgendjemand bleibt doch da, trotz allem. Zehn Ecstasy hat er drin, oder zwanzig, ok, ein bisschen weniger wäre wohl besser gewesen, aber kann ja jedem mal passieren, kennt man ja. „Was hat er,“, fragt einer der Sanitäter, „zu viel Drogen? Das hat hier jeder Dritte.“ Weitermachen können sie gleich bei den englischen Schülern, die ihr schlecht gekautes Falafel auf den Bahnsteig würgen. Oder, Moment mal, das sieht mehr nach Fleisch aus, es war wohl eher Döner. Nun gut, alle sind vorerst mit ihrem wohlverdienten Mindestmaß an Humanität versorgt, weiter also mit der nächsten S-Bahn.
Nach ein paar Stationen dann in den Nachtbus, nachdem man noch am Ende des Bahnsteigs sich einen Wild- oder sagen wir Mauerpinkler zum Vorbild genommen hat. Was soll man machen, man ist schon eine Stunde unterwegs und selbst wenn es Toiletten an dieser Station gäbe, wäre das die hygienischere Variante. Das vorausschauende Fahren des Nachtbusfahrers ist auf einen Prognosezeitraum von einer Sekunde beschränkt, vielleicht hat er eine Kurzgedächtnisstörung. An seinem Stehplatz also immer hin- und her-, vor- und zurückgeworfen, trainiert man jetzt wenigstens sowohl die Armmuskulatur als auch den Gleichgewichtssinn. Studien belegen ja, dass sich Großstädter im Alltag mehr bewegen, ob das da eingerechnet wurde? Ich versuche die begehrlichen Blicke der Tunte am Sitzplatz hinter mir zu ignorieren und versuche mich auf das schnelle, aber lustlose Tippen der Finger einer Teenagerin zu konzentrieren, mit ihren weiß lackierten Plastiknägeln. Aussteigen.
Im Schwindel der plötzlichen Bremsung versuche ich zu erkennen, ob die schmutzigen Gehwege und die beschmierten Häusern diejenigen sind, an die zu kommen ich beabsichtigt hatte. Im Vorbeigehen beobachte ich, wie drei Polen in fleckigen, grauen Jogginghosen einem an der Haltestelle wartenden Fahrgast das Päckchen Zigaretten aus der Hand klauen. Nur eine zu schnorren war dann doch ein bisschen mickrig, so reicht es doch etwas länger. Tja, auf sein Recht pochen und eine halbe Stunde auf den nächsten Bus warten oder zigarettenlos in diesen Bus steigen, die Qual der Wahl. Auf der anderen Seite haben sich zwei Halbstarke mit hochgekrempelten Jeans – macht man das hier noch oder womöglich schon wieder? – gegen das Warten auf den Anschlussbus entschieden und so gehen sie auf den letzten paar Metern bis nach Hause vor mir her. Ein Fuchs huscht über die Straße und die Straßenlöcher und, obwohl gerade erst richtig dunkel geworden, ist schon der allererste Anschein des Morgenanbruchs zu erahnen. Er spiegelt sich im Heckfenster des doch noch gekommenen, aber an der Haltestelle vorbeigefahrenen Anschlussbusses. In der Ferne der vertraute Ton einer beschleunigenden S-Bahn, etwas tiefer als das A einer Stimmgabel. Die Tür hinter mir fällt zu. Gute Nacht, Berlin.

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Lieber Kühle

Oh, wie ich diese Jahreszeit hasse, wenn sich der Winter dem Ende zuneigt und der Frühling anbricht, diese Zeit zwischen Ende Februar und Mitte April. Der Schnee taut weg in der verlockend und spöttisch hellen Sonne, zurück bleibt ein schmutziger Haufen aus Kies und Hundekot, alles ist voll gleißendem Staub. Die Natur ist noch nicht wirklich aufgestanden, sie lacht aber schon aus ihrem Gitterbett mit ihrer Energie: „Gleich tu‘ ich’s, ich hab schon Kraft!“. Sie ist ein freches Kleinkind, das dann aus seinem Kinderwagen grinst, da es weiß, dass es eigentlich schon laufen kann.
Noch ein paar kühle, dunkle Nächte gibt es zu genießen, ein kleiner Nachklang kommt noch jener nüchternen, ruhigen, gemütlichen Abende am Schreibtisch bei Tee, als draußen noch stille die Schneeflocken myriardenhaft rieselten.
Doch der ganze Trotz nützt nichts, schon regen sich die ersten jungen Triebe, durchbrechen die Vernunft. Eine seltsame, unkontrollierbare Energie liegt in der Luft, aufmunternd zu großen Taten, zum Durchsegeln der Weltmeere, Bezwingen von Gipfeln, Ausreißen von Bäumen – zur großen Treibjagd. Oh ein Rausch hervorsprudelnder triebhafter Unvernunft, übermütig, und doch höchst zweifelhaft, brüchig und labil. Wohin mit der ganzen Energie – ist doch keiner da, den das juckt, alles lächerlich!
Alles läuft wieder los, der ganze Taumel, ein überbordend Seiltanz von barocker, vollblumiger und dekadent-fleischiger Uneleganz, jede Sekunde schon im Absturz ins ewige Ende. Sprießend-glitschige Keime der kadaverhaften Wurzeln dringen hervor in den hinwegtauenden Schneematsch, „Wir sind wieder da!“, rufen sie, von wegen eisige Starre für immer. Die Luft, durchsetzt von einem verlockenden Duft baldiger Blüte, tatsächlich aber Gestank fauler Erde. Und wieder das Gerufe: „Der Tod ist gewiss, aber vorher sprießen wir nochmal wie wild, ziehen alles in den warmen Dreck, Ruhe, Vernunft, alles rechte Maß, die edle Gesinnung.“
Frühling kommt, die Zeit der Sünde, ekelhaft erwacht er jetzt.
Sogar das schattige Büro, die schattige Bibliothek bei ordentlich Kaffee kann er einem verderben, wenn er einen zur sinn- und kopflosen Teilhabe am pulsierenden Gemenge der wiedererwachten Fleischstücke in den gleißenden Schmutz zieht. Wenn ich so überlege: manchmal würde ich wirklich gerne auf den Norpol auswandern.