Der einsame Vogel

– oder der Popp-Star –

Als die Vögel erwachsen wurden, begannen die Männchen langsam, pfeifen zu lernen. Pfeifen, damit sich bald ein Weibchen für sie interessieren würde, mit dem sie dann ihr weiteres Vogelleben verbringen würden. Einer um den anderen pfiff, um das richtige Weibchen anzulocken, mit dem sie dann gemeinsam Kinder großziehen würden, dem sie dann möglichst fette Würmer ins Nest bringen würden. Mancher pfiff eine kurze Melodie, machner eine etwas längere, der eine traf die Töne der, andere weniger, je nachdem. Aber alle fanden sie bald das richtige Weibchen, ein kleineres oder ein größeres, ein hübsch gefiedertes oder ein etwas zerzaustes, je nachdem; bald ging es für sie los mit der eigentlichen Arbeit eines Vogels, mit der Beschaffung von Würmern, von kleineren oder größeren, von prächtigen oder weniger prächtigeren, je nachdem.
Nur einer der jungen Vögel hatte kein Glück: durch eine üble Laune der Natur pfiff er nicht einfach irgendetwas wie seine Altersgenossen, nein, er pfiff Mozart. Je nach Lust und Laune pfiff er die Melodien von Klaviersonaten, Konzerten oder von Symphonien, bei schlechter Laune auch mal die des Requiems. Wie gerne hätte er damit ein Weibchen beeindruckt, doch den meisten gefiel das alles zwar schon irgendwie, aber letzten Endes war ihnen dann doch ein schlichterer Musikant lieber. Und die paar wenigen, die vielleicht doch einen gemeinsamen Nestbau im Sinn gehabt hätte, die sagten ihm selbst nicht zu, denn er hätte ihnen ein um das andere Mal vergeblich zu erklären versucht, dass er nicht Beethoven, nicht Schubert, auch nicht Bach pfiff, ja erst recht nicht Beatles-Songs, sondern nur Mozart – nein, nicht auszudenken, das hätte am Ende bestimmt viel Streit gegeben.
Und so blieb dieser Sonderling von Vogel, selbst unter den Vögeln ein Vogel, einsam. Es wollte einfach nicht Zeit werden, dass er für die Liebe und den Nachwuchs Würmer hätte anschaffen müssen – wo er, so war er sich sicher, durch die Laune der Natur doch sicherlich auch im Stande gewesen wäre, kleine Schnecken herbeizubringen, was die anderen gar nicht vermochten. Hier, im heimatlichen Wäldchen, fand er einfach nicht, was er suchte und so beschloss er, auf Reisen zu gehen. In den Bergen, in den Tälern, am Fluss und an der See, überall pfiff er vor sich hin. Überall gefiel er den Weibchen, aber dann doch zu sehr, als dass ihn eines zu sich genommen hätte. Der Applaus und die kurzen Umarmungen seiner Fans jedoch waren ihm sicher und das genügte ihm schon, es tröstete ihn über seine Einsamkeit hinweg. Bald flog er aber wieder weiter, in andere Länder, weil er ja immer noch nicht das Gefühl hatte, am Ziel angekommen zu sein.
Viele Jahre zogen über das Land und der einsame Vogel hatte längst schon die Hoffnung aufgegeben, irgendwann das richtige Weibchen für sich zu finden. Nein, so dachte er, bei mir ist das anders, mein Beruf ist es nicht, Würmer heranzuschaffen, mein Beruf ist es, zu pfeifen und zu gefallen. So dachte er und sein Denken machte seine Not zur Tugend, aus seinen Lockrufen wurde Kunst, aus einem leidenden Romantiker wurde ein zufriedener Berufsmusiker.
Noch einmal viele Jahre später war der einsame Vogel längst gestorben. Und doch erinnerte man sich überall, über Länder und Meere, an diesen einen Vogel – denn überall, wo er war gab es bald ein paar Jungvögel, die auch Melodien von Mozart pfiffen. Wie er ihnen das wohl beigebracht hat – war er denn, als sie geschlüpft sind, nicht schon fortgeflogen? Doch zu faul, Würmer, geschweige denn Schnecken, zu fangen, waren sie allesamt, Mozarts Söhne.

Komm mit mir

Nachts ist es schon wieder und ich bin alleine unterwegs. Zur Linken und Rechten des Weges dunkle Bäume, kühler jetzt die Luft als an den vergangenen paar Sommertagen. Sogar ein wenig silbriger Nebel steigt aus den feuchten Wiesen, die sich auf der einen Seite des Weges entlang eines kleinen Baches ziehen. Nach den letzten, geradezu ekstatischen Sommernächten scheinen mir nun auch die Grillen und die Frösche eine Erholungspause nötig zu haben.
Alleine bin ich unterwegs, auf dem Heimweg von einer netten Gesellschaft, von Freunden, die mich doch nur kurz von meiner Einsamkeit ablenken konnten. Die Natur jetzt in der nächtlichen feuchten Kühle – was unterscheidet sie schon von den tiefen Gedanken, von der Technik und der Wissenschaft, denen ich mich verschrieben habe? Genauso menschenleer, genauso alleine kämpfe ich mich dort in der Grübelwelt fort wie jetzt hier, auf dem Weg. Wäre es ein Sommertag gewesen, tiefe Gefühle hätten mich auf dem einsamen Heimweg, weiter in die Einsamkeit zu Hause, aufgewühlt, doch heute ist es eher eine Art Gefühlsleere, keine Gleichgültigkeit, aber auch kein großer innerer Kampf gegen die unvermeidliche Heimkehr, hin zu meinem Schreibtischleben.
Als ich so vor mich hintrotte, tritt mir auf einmal eine Gestalt ins Blickfeld. Ohne sich von mir groß stören zu lassen, geht da ein junger Mann, Anfang zwanzig, freudigen Schrittes an mir vorbei, seinen frohen Blick nur kurz mir zugewandt, wie zu einem Gruß. Ein Wandersmann, leise singend, mit Wanderstock, Hut, Weste und einem roten Halstuch. Anmutig und unbeirrt geht er seinen fröhlichen Weg weiter, weg vom meinem Weg, hinüber zu den Wiesen und in Richtung des Baches; der Tritt seiner rundlichen Stiefel ist stark und weich zugleich. Wie ein prächtiger Hengst, wie ein reich geschmückter Bulle, auf der Höhe seiner selbst und in reiner Freude über seine eigene Schönheit geht er so dahin ins Dunkle.
Nicht sofort kehren meine Tiefsinnigkeiten nach dieser unwirklichen Begegnung wieder, wie im Schweife eines Kometen war ich noch im Nachhinein belebt und meine Versteinerung war unterbrochen. Wie rein, wie heilig dieser war, man kann es ihm nicht verübeln. Sicherlich, so dachte ich, zieht er so frohgemut in das nächste Wirtshaus, zum Weingenuss bei rotbackigen Mädchen, oder er kommt von da. Ach ja, du weckst hübsche Bilder in mir, ich will es dir danken auf meinem dunklen Weg!
Doch, schon auf der kleinen, hölzernen Brücke über dem leise rauschenden Bächlein angelangt, da dreht er sich nochmal um und blickt mich mit seinen großen, braunen Augen aus seinem fast noch kindlichen, gleichmäßig geformten Gesicht an. „Komm mit mir!“, so sagt er. Er sagt es ganz leise, flehentlich und sehnsuchtsvoll, und doch in keinster Weise in seinem Frohsinn getrübt, und ich höre es nur, weil er mir jetzt eigentlich direkt gegenüber steht und nicht dort drüben bei der Brücke. „Komm mit mir! Wo ich bin, da ist es schön, du weißt es, du warst doch auch schon dort!“ Ich spüre, wie bei diesen Worten eine eigenartig liebevolle Kraft des gewaltigen Begehrens, die mich mit ihm mit, ja noch mehr zu ihm hin ziehen möchte, von ihm ausströmt.
„Ja, ich weiß“, sage ich ihm, „ewige, kindliche Freude! Sinnenfreuden, und doch voller Heiligkeit. Wie gern käme ich mit, wie gern käme ich dorthin zurück, aber ich war dem wirklichen Ziel schon so nahe, musst du wissen, ich habe das wahre Ziel schon gefühlt, ich kenne es schon. Keine Frage, ich muss jetzt viel mehr durchs Dunkel, immer wieder, aber das ist richtiger so für mich, das ist wahrer; es ist wie in einem Gesetz geschrieben, es muss so sein!“