Was mir bei den Flüchtlingen fehlt

Gleich vorab: nein, ich habe nichts gegen Flüchtlinge, denn wer mit dem Tod bedroht wird, dem muss man helfen, wenn man es kann und wir furchtbar wohlhabenden Europäer können das, solange wir wollen. Es ist klar, dazu muss der Zusammenhalt in Europa gegeben sein und von wirklich lächerlich übertrieben Angstreaktionen – der Zaun in Ungarn scheint mir eine Verdrängung der Angst vor der eigenen Empathie, die zur Hilfe führen muss, zu sein, eine Verdrängung in Form von Maschendrahtzaun – abgesehen werden. Es kann doch nicht in erster Linie darum gehen, dass das ruhige europäische Vorgartenleben ein wenig gestört wird, wenn Menschen Hilfe benötigen, denen andernorts die Hand oder der Kopf abgehackt werden. Doch anstelle zu helfen und so die Probleme zu lindern, kann man sich auch mit einem Zaun die Probleme vom Hals schaffen – human, geschweige denn christlich ist das aber definitiv nicht mehr. Es wäre ja noch verständlich, wenn es bei der ganzen Sache tatsächlich um Ressourcen ginge, denn wer selbst nicht genug zu leben hat, will das wenige nicht auch noch teilen, aber davon sind wir, gemessen an dem wenigen, was ein Flüchtling, ein Mensch, wirklich zum Überleben braucht, meilenweit entfernt – vielmehr sind, auch wenn der Beigeschmack von Sklavenhandel dabei ist, die Eintreffenden für unsere Länder auch human capital. Nein, wir brauchen Zusammenhalt in Europa, der nicht mehr vielleicht drohende marginale Einbußen im eigenen Wohlstand oder minimale Vorteile oder Nachteile im europäischen Wettbewerb im Blick hat, sondern sich der Verantwortung gegenüber realer Not stellt. Dass sich Frau Merkel wieder daran erinnert hat, Christin zu sein und dementsprechend zu handeln, mögen da Schritte in die richtige Richtung gewesen sein.
Was mich aber mehr als die fehlende europäische Einheit stört ist die fehlende Einheit unter den Flüchtlingen selbst. Warum organisieren sie sich nicht? Warum gibt es keinen Verband der Vertrieben aus Syrien, warum keine konzertierte Aktion? Warum keine Flüchtlingspolitiker, keine Flüchtlingsvertreter? Warum keinen Moses, keinen Aeneas, keinen Anführer derer, die ins gelobte Land gezogen sind und noch ziehen? Gewiss, wer direkt aus dem Krieg kommt, mag erst einmal andere Sorgen haben, aber viele Flüchtlinge in Deutschland sind schon Monate hier in Sicherheit und, auch durch unseren Staat verschuldet, nicht gerade überbeschäftigt – da wäre genügend Zeit zur Formierung einer Organisation, die in Zusammenarbeit mit dem deutschen Staat die Hilfe für die noch kommenden Flüchtlinge organisiert, Selbsthilfe sozusagen, und die Zukunft all der Landsleute in Not plant. Warum gibt es eigentlich keinen Anführer der Flüchtlinge, der in der Öffentlichkeit das Wort ergreift, der für ihre Rechte kämpft, der legitimiert und auf Augenhöhe ist um mit den europäischen Politikern an einem Tisch problemorientiert zu verhandeln? Warum nimmt da keiner der gebildeten Syrer das Ruder in die Hand?
Was mir fehlt, das ist die positive Vision, das ist der Patriotismus, das sind die Ideale. Warum tritt da keiner aus den Flüchtlingen heraus und sagt, wie es sein soll, das heißt, was ein mögliches Ziel ist, auf das es hinzuarbeiten gilt?
„Meine lieben Landsleute, wir alle hatten es satt, in einem Land zu leben, in dem wir vom Terror umgeben sind. Wir sind geflohen vor der Angst um unser Leben und das vereint uns. Wir sind jetzt in Sicherheit und müssen, gemeinsam mit unseren Gastländern dafür Sorge tragen, dass unsere Brüder und Schwestern auch noch in Sicherheit kommen. Wir danken unseren Gastländern für ihre Aufnahmebereitschaft und die Hilfe, auch wenn wir wissen, dass wir für viele Einheimische wie Fremdkörper wirken. Wir hoffen, auch noch weitere Hilfe zu erhalten – auch wenn wir kaum mehr als bitten können. Wir sind in Not, wir brauchen Hilfe! Aber, liebe Landsleute, seien wir ehrlich, wir lieben unser Land, unsere Heimat. So gut es uns hier geht und so freundlich wir aufgenommen worden sind, so sehr möchten die meisten von uns im Herzen doch irgendwann wieder zurückkehren. In ein Land, das wieder sicher ist. In einen Staat, der ein geregeltes Leben ermöglicht. In eine Wirtschaft, die jedem ein erschwingliches Leben führen lässt. Bauen wir uns eine Gesellschaft, so wie wir sie hier erleben dürfen, auch bei uns auf. Packen wir es an, stecken wir die Terroristen ins Gefängnis. Bitten wir die reichen Länder um Hilfe dabei, auf dass wir bald in unsere Heimat zurückkehren können. Bitten wir sie um Zusammenarbeit beim Aufbau eines neuen Syrien. Packen wir es an!“
Warum sagt das keiner? Warum gibt es keinen, der soviel Mut hat?