Gedanken zur Osterzeit

Immer wieder an Ostern dieses Kopfzerbrechen. Man befürwortet die Lehre Jesu, ihre Radikalität, versucht auch im Alltag einigermaßen als Christ zu leben und genießt so manchen Gottesdienst: aber was soll man von der Auferstehung halten? Wie kann man als Mensch des 21. Jahrhunderts, wie kann man als Naturwissenschaftler das denn bitte glauben, was da behauptet oder zumindest gelehrt wird – eine leibliche Auferstehung? Auf rein biologischer Ebene ist nach, sagen wir, einer Viertelstunde Gehirn ohne Sauerstoffversorgung definitiv Schluss, dann wird die Leiche nicht mehr lebendig, der Mensch ist tot. Würde es sich nicht gerade um Jesus handeln und hätte man nicht aufgrund seines Glaubens sich an diese Absurdität gewöhnt – kein Mensch käme heute auf die Idee, anzunehmen, eine Leiche, die tatsächlich und nachprüfbar tot war, käme irgendwie wieder zu einem Leben, wie sie es vorher besessen hat, und sei es auch eine einem noch so nahestehende und im Leben noch so gute Person gewesen. Man muss doch mal ehrlich sein: was in der Zeit der Antike für viele ein Wunder und somit ein Argument für die Übernahme Jesu Lehre oder eine Art Bestätigung derselben gewesen sein mag, ist doch heute ein ziemliches Hindernis, schlechterdings ein Stein des Anstoßes für den denkenden Menschen! Früher mag man geglaubt haben, weil Jesus leiblich auferstanden ist, heute muss man glauben, obwohl es diese Lehre der leiblichen Auferstehung gibt.
Es gibt gewisse Naturgesetze und ein Glauben an einen Gott, der durch unmögliche Wunder seine dann von ihm selbst festgelegten Naturgesetze sprengt, erscheint mir als Naturwissenschaftler lächerlich, dafür hänge ich zu sehr an der Natur, dafür stehe ich zu sehr auf dem Boden der Tatsachen. Vielmehr sollte man glauben, dass die Naturgesetze immer Gültigkeit besitzen, d. h. dass allerunwahrscheinlichste Anomalien im Ablauf des raumzeitlichen Geschehens eben für allerunwahrscheinlichst zu halten sind, und jegliches Wunder, das im Bereich des empirisch Überprüfbaren stattfindet, nur im Rahmen der Naturgesetze ablaufen kann, jedoch durch sein Auftreten in seiner ganz spezifischen Situation, durch eine Haltung des Glaubens, also alleine durch seine Interpretation, als solches erkenntlich wird. Anders gesagt: Gott hält sich an seine eigenen Naturgesetze und ein jedgliches Wunder muss im Bereich des naturgesetzlich Möglichen liegen. Wer will oder wer glaubt, kann in irgendeiner Sache ein Wunder sehen, wer es nicht tut, kann es auch aners erklären. Und keiner muss die vernünftige Annahme gewisser Naturgesetzlichkeiten aufgeben, wenn er glauben möchte, denn die Bereiche der mechanischen Erklärung (vielleicht sogar eher Beschreibung; das „Wie genau?“) und der sinngebenden Erklärung (sozusagen die Deutung; das „Warum?“ oder „Wozu?“) sind sauber von einander getrennt.
Offensichtlich entspricht aber die Behauptung einer leiblichen Auferstehung, ohne die laut Paulus das Christentum angeblich nicht funktionieren würde, nun nicht dieser Weltsicht der sauber aufgeteilten Fragen. Kein Wunder also, dass sich der Denkende dann nach einer alternativen Erklärung sehnt.
Wenn man die überlieferten biblischen Berichte einmal genauer durchliest, fällt einem auf, dass die Begegnungen mit dem Auferstandenen als eine Art persönliche oder kollektive Vision beschrieben werden. Es ist eigentlich ganz klar, auch wenn es nur zwischen den Zeilen zu lesen ist, dass der auferstandene Jesus nicht empirisch nachprüfbar etwas gegessen hat oder nach Emmaus gegangen ist, dass man die Situationen also nicht hätte fotografieren oder filmen können (Aufgrund der Art dieser Berichte kann man auch ausschließen, dass Jesus womöglich nach einer Phase des Scheintodes wieder zu seinen Jüngeren zurückgekehrt ist. Ein ehemals Scheintoter erscheint den Anwesendenen nicht plötzlich wundersam und verschwindet dann wieder, sondern ist ganz konkret da – das kann man aber beim besten Willen nicht aus den Berichten der Begegnungen mit dem Auferstandenen herauslesen, die Berichte hätten dann einen anderen Charakter und vermutlich wäre Jesus dann sogar nochmal öffentlich aufgetreten, nach einer gewissen Zeit oder andernorts.). Vielmehr wird eine Glaubenswahrheit enthüllt und dem Kreis der Nachfolger plötzlich deutlich – man ist also nur auf der Glaubensebene. Man kann solche Situationen selbstverständlich psychologisch beschreiben im Sinne der in das Mechanische zielenden „Wie?“-Frage – interpreterieren, deuten kann man es aber wieder ganz beliebig, in Konsistenz mit seinem Glauben oder eben Unglauben. Jedenfalls wurden hier bei den Erscheinungen eben keine Naturgesetze gesprengt, es ist sozusagen alles in Ordnung. Der Mensch hat die Freiheit, aufgrund des Berichtes von Visionen zu glauben oder eben nicht zu glauben, aber nichts sprengt den Bereich des Möglichen (d. h. Nicht-Allerunwahrscheinlichsten), er muss nicht gegen seine Erfahrung glauben. Ja, im Grunde würde der christliche Glauben so ja perfekt funktionieren: „Jesus wurde getötet, aber uns wurde bewusst, dass er auf irgendeine andere, nicht überprüfbare Weise weiterlebt. Wir können es nicht beweisen, aber wir sind fest davon überzeugt.“
Jetzt gibt es nur noch die Sache mit dem leeren Grab. Seien wir ehrlich, das hätte es eigentlich nicht gebraucht. Genau das leere Grab ist es doch, dass einen zu der – naturwissenschaftlich denkbar unwahrscheinlichen – Annahme verleiten soll, dass Jesus Leiche tatsächlich leiblich auferstanden, also zu neuem biologischen Leben gekommen ist: dass sie plötzlich wieder 37 ° Körpertemperatur hatte, das geronnene Blut wieder zu fließen begonnen hatte und die Zersetzung der feinen Nerven im Gehirn usw. rückgängig gemacht wurde. Hätte das Grab nicht einfach voll sein können? Das hätte den Erfahrungen der Anhänger Jesu mit dem Auferstandenen doch nichts genommen. Das leere Grab hat aber einen fahlen Beigeschmack, den auch die Zeitgenossen der Jünger schon wahrgenommen haben: „Seine Jünger haben ihn gestohlen.“ Es ist natürlich unwahrscheinlich, dass Jünger, die diesen Betrug selbst vorgenommen haben, in einer Art Nacht- und Nebelaktion am Sabbat, dann trotzdem eine derartig feste Überzeugung von der Auferstehung Jesu entwickelt hätten, aufgrund welcher sie dann selbst vielfach bis in den Tod gegangen wären. Aber dennoch ist dem gesunden Menschenverstand und insbesondere dem naturwissenschaftlich Denkenden eigentlich klar, dass, wenn die Geschichte des leeren Grabes eine Tatsache beschreiben soll, es dann auch eine natürliche Erklärung dafür geben muss, sei es, dass irgendein Unbekannter oder Josef von Arimathäa die Leiche verschwinden hat lassen, dass die Frauen und Jünger das falsche Grab aufgesucht hatten oder Jesus, nocht nicht ganz tot, mit letzter Kraft das Grab verlassen konnte – der spekulativen Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt, solange sie den Bereich des Möglichen nicht verlässt (Es gibt sogar die Theorie, der „Auferstandene“ sei nach einem Koma nach Indien ausgewandert – dann wäre er aber höchstwahrscheinlich irgendwie seinen Jüngern nicht nur – wie oben deutlich gemacht – erschienen, sondern begegnet.). Wie auch immer es gewesen sein mag, sozusagen unphysikalisch war es wohl kaum, woran man sich als vernünftiger Glaubender gewöhnen sollte, der sonst der Lehre Jesu zuliebe oft unnötigerweise über ein genaues Nachdenken an dieser Stelle hinweggesehen hat.
Letztenendes ist das leere Grab nämlich auch egal, solange man nicht von einer leiblichen Auferstehung ausgeht (was die meisten Gläubigen heute ohnehin nicht tun): das Grab kann voll sein und Jesu Leichnam verwest darin oder es kann leer sein, weil „man meinen Herrn gestohlen“ hat, wie Magdalena sagt, d. h. dass Jesu Leichnam irgendwo anders verwest, und trotzdem kann die innere Erfahrung den Glauben an eine transzendente Auferstehung entstehen lassen. Keine leibliche Auferstehung, kein Konflikt von Natur und Glauben, keine Sprengung von Naturgesetzen, sondern Glauben allein aus dem Glauben, oder eben nicht, ein Mensch frei zum Glauben und Unglauben, so ist eigentlich alles in Ordnung.
Seien wir ehrlich, die andersartige, visionsartige Erfahrung der Anhänger Jesu entspricht doch dem, was man ohnehin fühlt, wenn man die Leiche eines toten Menschen sieht: dass die Leiche und der Mensch, der das mal war, zwei verschiedene paar Stiefel sind und der Mensch nun irgendwo anders ist, vorzugsweise im – transzendenten – Himmel. Eine leibliche Auferstehung passt doch sowieso nicht zu dieser userer intuitiven Vorstellung.

Das rein wissenschaftstheoretische Problem am Christentum

Naturwissenschaft und Glauben – solange die zwei Paar Stiefel voneinander getrennt bleiben, gewissermaßen als Aktivität in verschiedenen Gehirnregionen beobachtbar wären, gibt es eigentlich kein Problem. Naturwissenschaft behandelt die Frage „Wie funktioniert es?“ in der Natur (zu der auch das Gehirn und die menschliche Gesellschaft zählen), Religion behandelt die Frage „Was bedeutet es für uns Menschen?“. Naturwissenschaft wird nüchtern, pragmatisch, analysierend und problemlösend gedacht, Religion dagegen gefühlvoller, sinnstiftender, werteorientierter und menschlicher. Dass es das Phänomen naturwissenschaftlichen Denkens gibt ist, ist ebenso unzweifelhaft, wie es das Phänomen religiösen Denkens gibt, und schon von daher haben beide eine Existenzberechtigung. Am einfachsten lebt auch der Weise, der erkannt hat, dass jegliche Grübelei in Fragen der Religion vielleicht zum Scheitern oder zum Unglücklichsein führt, jedenfalls aber Zeitverschwendung ist, und man eben einfach religiös lebt und glaubt oder nicht, in Toleranz auch anderer Lebensformen.

Schade nur, dass sich das Christentum nicht so sehr an die Trennung der zwei Paar Stiefel halten will. Nicht so sehr in der zu Recht bewunderten Lehre Jesu als vielmehr in den Naturwundern, also in der Verwandlung von Wein in Wasser, der Jungfrauengeburt, der Vermehrung von Brot und Fischen, der Heilung von ernsthaft Kranken ohne adäquate Therapie oder der Auferweckung des Lazarus. Na gut, Ausschmückungen der damaligen Zeit, die die wesentliche Bedeutung von Jesus unterstreichen sollten, aber nicht wörtlich zu nehmen sind. Aber wie ist es mit der Auferstehung Jesu? Nach Paulus ist sie die wesentliche Grundlage des Christentums; ist sie erst mal entzogen, so sind die Christen einem ordentlichen Quatsch auf den Leim gegangen; ist sie aber wahr, wer könnte dann glücklicher sein, als ein Christ. Andererseits fordert die Auferstehung Jesu Zweifel geradezu heraus, indem sie eben den Bereich der Religion überschreitet und stattdessen in dem der Naturwissenschaft herumfuhrwerkt. Einem vernünftigen Menschen von heute, wenn nicht gar einem Naturwissenschaftler, ist sie so eher ein Dorn im Auge, eher ein unnötiger wackliger Tonfuß, auf dem die Religion gar nicht zu stehen braucht, da sie doch auch so schwebt, und ein Anlass ewigen Zweifelns und Grübelns. Geht das Reich Gottes wirklich nicht auch so, geht denn Christentum nicht auch ohne wiederbelebte Leiche mit Haut und Knochen? Kann man denn nicht in gedanklicher Ehrlichkeit Naturwissenschaftler sein (und den physischen Tod Tod sein lassen) und dennoch gleichzeitig christlich-religiös (und den Himmel im rein Religiösen, im Subjektiven sehen)?

Nun, der Weg zum Weisen ist schwer, das sind aber nicht seine Schritte. Einfach erkennen, dass man mit der Denkerei nicht weiterkommen wird, und sie bleiben lassen – und besser in der Naturwissenschaft ausleben.