Zweierlei Märtyrer

Märtyrer gab und gibt es ja sowohl bei radikalen Christen als auch bei radikalen Moslems. Der Unterschied ist eigentlich nur das Vorzeichen, mathematisch gesprochen:

Der muslimische, genauer gesagt der islamistische Märtyrer jagt möglichst viele Ungläubige in die Luft, was leider auch sein eigenes Leben kostet.

Der christliche Märtyrer lässt sich von den Ungläubigen dahinmetzeln.

So oder so – rein evolutorisch ist das Märtyrertum jedenfalls keine Erfolgsstrategie.

Über gute und bessere Taten

Wohltaten sind gut, ohne Frage. Ehrenamtliche Nachhilfe, Pflege von Verwandten, Spenden, Engagement in Organisationen, Flüchtlings- und Entwicklungshilfe – das ist alles gut.
Manche tun es, um andere damit zu beeindrucken, um sich zu profilieren, um durch die eigene „social responsibility“ Werbung für sich zu machen oder um den Forderungen eines religiösen Systems gerecht zu werden – um Gott zu gefallen. Wie auch immer, die Triebfeder, die zu den Wohltaten führt, ist eigentlich egoistisch: das Tun für andere ist im Grunde ein Tun für sich (prosoziales Verhalten sichert den Rang in der menschlichen Gattung). Durch das Engagement steigt vor allem auch das eigene Anerkennen. Man mag von diesen Motiven halten was man will, am Ende kommen doch Wohltaten zustande, am Ende kommt doch Gutes Benachteiligten zu gute.  Da kann man doch die Anerkennung schenken.
Andere tun jedoch Gutes nur um anderer Willen, aus wahrer Liebe zu anderen, ja oft sogar fremden Menschen heraus. Wie viel besser ist das! Es kommt am Ende zwar ebenso Gutes heraus, aber das Gute kommt schon vom Guten her, das Gute ist sozusagen reiner. Wenn man ehrlich ist, sind wohl nur sehr wenige Menschen zu diesem besseren Guten fähig, man mag sie „Heilige“ nennen. Es gehört nämlich sehr viel dazu, über allen tierischen Wettstreit hinweg, zu dem auch der Drang, das eigene Ansehen zu steigern – um des eigenen Vorteils Willen – gehört, im anderen, auch im Fremden, einfach nur einen anderen Menschen zu sehen und ihm um seiner selbst willen Hilfe zu bieten. Wahre Hinwendung zum Du, auch zum fremden Du, statt zum Ich, das ist das macht die besseren guten Taten aus.

Spiegelneuronen und die menschliche Gesellschaft

Eine relativ neue Entdeckung in den Neurowissenschaften sind die sogenannten Spiegelneuronen, deren Erforschung durch den Neurophysiologen Giacomo Rizzolatti 1992 für einen wissenschaftlichen Durchbruch sorgte. Diese spezielle Art von Nervenzellen im Gehirn von Primaten, also auch Menschen, hat eine ganz faszinierende Eigenschaft: sie sind nämlich dann aktiv, wenn das betreffende Lebewesen eine Handlung bei einem anderen Lebewesen, vorzugsweise einem Artgenossen, wahrnimmt – und zwar mit einem derartigen Aktivitätsmuster, als ob es die Handlung gerade selbstdurchführen würde. Durch diese Nervenzellen sieht das Menschen- oder Primatenhirn also im anderen sein eigenes Spiegelbild.

In vielen Situationen in unserem Leben (aber auch im Affenleben, das wir jetzt einmal beiseitelassen) spielen diese Spiegelneuronen eine zentrale Rolle, so zum Beispiel beim Erlernen neuen Verhaltens. Sieht ein Kind bei seiner Mutter, wie man mit Messer und Gabel isst, wird es das viel leichter erlernen, als wenn es das komplett neu lernen müsste. Sieht es dagegen, wie die älteren  Kinder im Kindergarten die Zunge herausstrecken oder Grimassen schneiden, wird es auch bald zu Hause dadurch für Verärgerung oder Belustigung sorgen – selbst wenn es von alleine nie auf die Idee zu derartigen Fratzen gekommen wäre. Ganz wichtig sind die Spiegelneuronen speziell beim Erlernen der Sprache – wir müssen nicht mühsam wie im Lateinunterricht Vokabeln und Grammatik pauken, es reicht, die Sprache in ihrer Anwendung sozusagen aufzuschnappen. Was die anderen so sagen, köchelt im Gehirn eines Kindes zumindest zum Teil so dahin, wie wenn es das alles selbst gesagt hätte, und bald kann es das auch tatsächlich und wendet die grammatischen Regeln ganz von alleine an. Kein Wunder also, dass Sprachreisen, auch in höherem Alter, das beste Mittel sind, um eine Fremdsprache zu erlernen.

Nicht wegzudenken sind die Spiegelneuronen auch bei der Empathie: fühlt sich mein Gegenüber schlecht, so fühle auch bald ich selbst mich schlecht. Aber zumindest ist geteiltes Leid halbes Leid, denn – nach dem Prinzip Actio gegengleich Reactio – hellen die Spiegelneuronen des Gegenübers durch meine gespiegelte gute Laune seine eigene auf.

Ganze Stimmungen und Verstimmungen breiten sich so also mittels Spiegelneuronen, allein schon über die Mimik und subtile Wahrnehmungen der anderen Menschen, über ganze Menschenmengen aus. Ein depressiver Mensch kann eine ganze Familie in ein Jammertal ziehen, ein Spaßvogel eine ganze Klasse in Heiterkeit versetzen und ein Musiker ein ganzes Publikum zum Schwelgen bringen; umgekehrt kann aber auch die vorherrschende Stimmungslage der Menge den Einzelnen mit einer kaum beschreibbaren Macht und selbst gegen seinen Widerstand ergreifen. Ein konkretes Beispiel der verheerenden Macht der Spiegelneuronen dazu nur aus der Arbeitspsychologie: ein fleißiger, hochmotivierter Angestellter wird in eine Abteilung versetzt, in der im Grunde lauter faule Schlafmützen sind, die sich die Zeit im Büro mit Kaffeetrinken, Blumengießen und Klatsch und Tratsch vertreiben. Er kann tun, was er will, jede kleine und subtile Wahrnehmung, sei es das Rascheln nebenan, das Schlurfen über die Gänge, der dumpfe Klang der Stimmen der Untätigen, die Ahnung eines Gähnens  – kurz, ein jeder Kontakt mit den Anzeichen des geringen Arbeitstempos und der geringer Leistungsbereitschaft wird ihn im Sinne eines spiegelneuronalen Mitzieheffektes selbst dämpfen. Bald schon wird er sich assimiliert haben, abends erholt aus der Arbeit in der neuen Abteilung zurückkehren und verzweifelt Herausforderungen im Privatleben suchen. Nur mit größtem Widerstand vermag er gegen die Macht der Spiegelneuronen anzukämpfen und, anstelle sich mitziehen zu lassen, die anderen mitzuziehen.

 

Ja, im Grunde muss man sich also durch die ständige Imitation der und Abstimmung mit den anderen die Stimmungslage, aber auch die Gedankenwelt, das heißt die Emotio und Ratio der Masse, als trüben See vorstellen, also als einen Meinungspool, in dem allerlei Stoffe und Gemenge durcheinander wirbeln und den klaren Blick auf den Grund erschweren. Man kann sich auch tausend schlechte Maler vorstellen, die alle tausend das gleiche Motiv malen sollen und dabei ständig von allen anderen abschauen und ihr eigenes Gemälde gleich wieder anpassen. Ein jedes Gemälde wird immer verwaschener und alle untereinander werden sie immer ähnlicher, die Maler sind sich auch untereinander immer einiger darin, was als richtiger Stil, dh. als akutelle Stimmung und aktuelle Wissenskonsens, gilt ist, was also etabliert ist, doch die Reinheit der Grundform des Motivs, das Ideal sozusagen, ist verloren, wenngleich auch noch zu erahnen.

Selbstverständlich gibt und braucht es aber Menschen, die aus der Reihe tanzen, die sich – aufgrund der großen dazu notwendigen Anstrengung gebührt ihnen oft großer Ruhm – gegen den Druck der Spiegelneuronen zum Leben als Original und somit als Motiv oder verkörpertes Ideal der ganzen Malerschar durchgerungen haben. Ich denke dabei zum Beispiel an Lehrer, die sich nicht in ihrem Wissen, ihren Fertigkeiten und ihren pädagogischen Überzeugungen an die verschwommene Menge ihrer Schüler assimilieren, sondern als (relatives) Original der Grammatik, dh. des Sachwissens, und der Umgangsformen den Schülern als Vorbild dienen, das es zu spiegeln gilt. Auch Wissenschaftler müssen, damit ihre Lehren und Erkenntnisse möglichst sachlich, neutral und unbeeinflusst vom Gerede der Menge bleiben, oft natürlich unter dem Vorwurf der kühlen Empathielosigkeit, sich zu einem gewissen Grad zum Dasein als Original bekennen. Ebenso wie die Lehrer sind aber zum Beispiel auch religiöse Anführer idealerweise Vorbilder im moralischen Handeln. Ihre moralische Originalität sorgt so für Moraltupfer auf Millionen von nachgemalten, gespiegelten Selbstbildern. Nicht, weil ein behinderter Mensch tatsächlich beispielsweise von der Berührung des Papstes profitiert, ist dieses Handeln so wichtig, sondern, weil Millionen Menschen dabei zusehen und es dann in ähnlichen Situationen nachahmen. Selbstverständlich findet man auch in den Künsten, denen die Analogie ja entnommen ist, genügend Originale.

Diese Originale geben also einen Input an reinen, vielleicht auch neuen oder ungewöhnlichen Denk- und Verhaltensmustern, bereit zum Kopieren (die Kopie wird kaum ganz fehlerfrei erfolgen), in die breite Menge, die sich viel mehr durchmischt. Keine Frage, dass bei originellen Menschen also, selbst wenn sie nur symbolisch handeln oder lehren, eine immense Verantwortung liegt – denn indirekt handeln sie – und das wissen sie ja –  über ihre Nachahmer, die deren Wesensart ja oft millionenfach multiplizieren und dann also entsprechend ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse denken und vorgehen oder gemäß ihrem moralischen Beispiel handeln. Nicht übersehen darf man daher die immense Gefahr falscher Vorbilder. Ein starkes Original, unbeeinflusst von der allgemeinen Menge, kann ganze Völker mit wissenschaftlichen Irrtümern durchsetzen und, schlimmer sogar, verhetzen.

Physik als Religion des Einsamen

Ein paar Gedanken über folgendes Zitat von Albert Einstein:

„Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzete Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.“

Naturwissenschaft als alternative Religion?

Naturwissenschaft als alternative Religion?

Es ist ein wenig traurig, wenn ein Mensch behauptet, die tiefste Erfahrung seien für ihn ein paar genauere Einsichten in die Zusammenhänge der Natur gewesen. Naturwissenschaft ist gut, keine Frage, insbesondere wenn sie der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen dient oder einem besseren Verständnis der Welt, in der wir leben, aber sie als höchstens Maßstab für das eigene Leben oder gar das aller Menschen zu setzen – das heißt, sie zur Religion emporzuheben – erscheint mir doch ein bisschen unreif. Wie einsam muss ein Mensch in seinem Herzen sein, dessen tiefste Erfahrung es ist, sozusagen die kreisförmigen Wellen auf einem See beobachtet zu haben, die enstehen, wenn er am Ufer Steinchen ins Wasser wirft? Hat er nie Gelegenheit gehabt, lieben zu lernen oder wollte er sich nicht das kleinste Quantum an Gefühlsregung in seiner Seele, versteckt hinter der Fassade abgeklärt-wissenschaftlicher Rationalität, womöglich als Peinlichkeit empfunden, zugestehen? Die Steinchen am See verlangen einem nicht den Mut zum Gefühl ab!
Die tiefste Erfahrung, unser Herzallerliebstes – das ist unser Himmel, das ist das Göttliche, das eben ist unsere Religion. Weise scheint mir der zu sein, der, selbst wenn er ein einsamer Wolf ist, an dieser Stelle statt kalter Materie die bleibende Liebe zur Familie, zu den Freunden, zu den Wegbegleitern im Leben, trägt. Er bekennt sich trotz aller kühlen Einsamkeit zur Menschlichkeit.

(Aber wenig verwunderlich eigentlich, dass ein Wissenschaftler, in dessen Leben wenig Menschliches oder gar Gefühle Platz hatten, auch ein unpersönliches Gottesbild hat – ein Gottesbild im Sinne Spinozas. Man könnte meinen, dass der Wissenschaftler wie ein jeder andere das für ihn persönlich Höchste, nämlich die Naturerkenntnis, zu Gott macht. Dreht man den Lichtweg dieser Projektionshypothese um – das steht dem Menschen immer frei – und lässt man so die eigenen Augen zum Farbfilter werden, wird klar, das man Gott nur unvollständig oder gar verfälscht durch die unzulänglichen eigenen Augen sehen kann, dass also der Wissenschaftler Gott kaum anders als als ewiges Naturprinzip sehen kann. Besser als nichts.)

Erster Eintrag

Das ist mein erster Eintrag hier. Dachte mal, es wäre an der Zeit, ein paar Gedanken, Erlebnisse, Bemerkungen und was auch immer ins weite Informationsmeer des Internets zu entsenden. Was dabei herauskommt, lässt sich so im vornehinien noch nicht sagen. Was hier jedenfalls landet, ist, was mich irgendwo bewegt, interessiert oder auch sonst erzählenswert erscheint. Dinge, die mich ins Denken (welcher Art auch immer) gebracht haben und worüber ich es für nötig erachte, mich im Sinne einer geistigen Verrenkung zu verdenken.