Eingeimpfte Schuld: kleine Analyse der Kurzgeschichte „Kinderseele“ von Hermann Hesse

Kloster Maulbronn als Höhepunkt der pietistischen Karriere Hesses: hier hätte seine Ausbildung zum evangelischen Pfarrer begonnen.

Kloster Maulbronn als Höhepunkt der „pietistischen Karriere“ Hesses: hier hätte seine Ausbildung zum evangelischen Pfarrer begonnen.

Aufgewachsen als Sohn zweier aus Indien zurückgekehrten Missionare wurde Hermann Hesse (1877 – 1962) sehr früh von der strengen und frömmelnden protestantischen Strömung des Pietismus geprägt. Allen voran muss wohl sein rechtgläubiger Vater ihm gewissermaßen mit einem Stempel den Pietismus eingedrückt haben und auch früh schon hätte sein Lebensweg ins Richtung Pfarramt weisen sollen. Dazu kam es jedoch nicht; nach einem Ausbruch aus dem theologischen Seminar, einem unfreiwilligen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt und missglückten Ausbildungsversuchen in seiner Pubertät konnte sich der junge Hesse aus der Enge des Pietismus herauswinden und als freigeistiger Künstler seine schließlich nobelpreiswürde schriftstellerische Begabung ausleben.

Einen frühen Einblick in den inneren Konflikt zwischen den hohen Idealen des Pietismus und dem angeborenen Eigensinn gibt die Kurzgeschichte „Kinderseele“ aus dem Jahr 1919. Hesse berichtet in dieser Kindheitsanekdote, wie er als Elfjähriger an einem typischen Mittag zwischen den Schulstunden zu Hause in den Habseligkeiten seines Vaters stöberte und dabei einige Feigen aus einem Kranz stahl und in seinem Zimmer versteckte. Dieses Kavaliersdelikt löste in ihm aber immense Schuldgefühle und Gewissensbisse aus, sodass er dem Nachmittagsunterricht fernblieb und voller schrecklicher Skrupel wegen seines ungezügelten Verbrechertums und erfüllt von Fantasien eines Strafgerichts vor Gott durch das Umland streunte. Wieder in der Stadt traf er am Abend dann auf einen Schulkameraden, mit dem er eine Art Handel ausgemacht hatte, verwickelte sich mit ihm in einen Streit und prügelte sich schließlich mit ihm. Blutend wurde er zu Hause von seiner Mutter umsorgt. Am nächsten Tag, einem Sonntag, hatte er das schlechte Gewissen schon längst verdrängt und genoss den Kirchbesuch und die Zeit für sich, als ihn dann doch sein Vater zur Rede stellte. Auch wenn der Sohn es erst nicht zugeben wollte, musste er schließlich doch am Ende zur Strafe den Nachmittag auf dem Dachboden verbringen.

Beispielhaft kommt hier also ein grundlegender seelischer Konflikt zwischen überhöhten moralischen Ansprüchen und natürlichen Neigungen zum Vorschein. Auf der einen Seite möchte der junge Hesse ja, getreu seiner pietistischen Erziehung und den Forderungen der Lehrer entsprechend, „den idealen, reinen, edlen Pfad zur Höhe gehen“, indem er ein vollends tadelloses und tugendhaftes Leben an den Tag legt. Andererseits muss er aber feststellen, dass ein jeder Versuch in diese Richtung bald durch Rückfälle in „Sünde und Lumperei“ durchkreuzt wird und geradezu ein „grauenvolle[r] Bann“ ihn „dämonisch“ immer wieder zu Regelverstößen treibt. So genießt er eigentlich die innere Reinheit, und schwört sogar bei Kerzenschein dem Bösen ab, vor Augen all die großen tugendhaften Männer vergangener Tage, – und spürt zu Beginn der Handlung der Kurzgeschichte eben doch das Drohen des „Unsägliche[n]“. Von Selbstzweifel erfüllte Angst, eine Angst auch vor Bestrafung, quält ihn da, als er von der Schule ins Elternhaus zurückkehrt und merkt, dass er die als „verbrecherisch“ empfundenen Regungen seiner Seele wohl nicht komplett unter Kontrolle halten können wird. Und so bringt ihn dann auch der „Zwang, Böses zu tun“ in den Wohnbereich seines Vaters, wo er – wie er feststellt – alleine herumstöbert und schließlich der großen Versuchung, Feigen aus dem Kranz zu stehlen, unterliegt. Kurz nach dieser Tat überkommt ihn dann aber „Ekel“ der sich dann, entsprechend der Vorahnung, immer mehr in immense Schuldgefühle und Angst vor einer Bestrafung durch den Vater steigert. Davon erfüllt, wünscht er sich selbst fast den Tod, fürchtet, der Vater könne ihn totschlagen, und sieht in allem, was ihn an die Vergangenheit erinnert – in seinen Zeichnungen, in seiner Schmetterlingssammlung oder, als er den Nachmittagsunterricht schwänzt, draußen in den Schauplätzen der Familienausflüge – nur Relikte einer für immer unwiederbringlichen Reinheit. In einer Art Höhepunkt seiner „Phantastereien“ sieht er sich schon bei seinem eigenen Strafgericht vor Gott stehen und erwägt dort, in einer Art letztem trotzigen Aufbegehren seine Sünden nicht zu bereuen, bevor ihn wieder Selbstzweifel packen.

Dass ein Kind, wenn es gegen die Regeln der Eltern verstößt, ein schlechtes Gewissen hat, ist selbstverständlich und normal, dass dies aber derart drastisch wie bei Hesse ausfällt, ist dagegen höchst bemerkenswert. Die Schwere seines Lausbubenstreichs und die Intensität seiner daraus resultierenden Schuldkaskade stehen ja in keinem Verhältnis zueinander. Diese verzerrte, geradezu hypersensitive moralische Bewertung mag neben Hesses hoher Intelligenz vor allem in der schon erläuterten strengen religiösen Erziehung gründen, die ihm diesen Schuldkomplex gewissermaßen eingeimpft hat. Verzerrt nämlich ist es beispielsweise, wenn er die paar gestohlenen Feigen gleich mit Brandstiftung und Mord in Verbindung bringt; noch drastischer und geradezu ad absurdum geführt sieht man diesen verzerrten Maßstab beim zur Schlägerei entglittenen Streit mit dem Mitschüler am Abend, der eben in Hesse keineswegs noch viel größere Schuldgefühle erzeugt, sondern als „Kriegsrausch“ eher seinen Lebenswillen wieder wach ruft. Sein Gegner, ein Mitschüler, der ihn aufgrund seiner einfachen Herkunft aus der Arbeiterklasse faszinierte, wird dabei als weniger idealistisch und religiös erzogener Gegenpol zum greifbaren Adressaten seiner Wut über sein eigenes moralisches Versagen.

Auf etwas abstrakterer Ebene kann man also festhalten, dass die Anekdote „Kinderseele“ auf zwei Gefahren zu strikter moralischer Erziehung hinweist: zum einen kann diese beim zu Erziehenden einen sehr leidvollen Schuldkomplex erzeugen; denn je strenger die Verhaltensregeln sind und je höher die Bedeutung ihrer Einhaltung eingeschätzt wird, auch eingegliedert in ein religiöses System, desto schwerwiegender wird das Kind jeden kleinsten Regelverstoß einschätzen*; ein eigenverantwortliches und souveränes Überdenken moralischer Richtlinien wird so behindert. Zum zweiten ebnet sie den Weg hin zum Gefühl einer moralischen Überlegenheit gegenüber anderen, deren Effekt es ist, dass die Wut über die eigenen Anstrengungen, dem strengen moralischen Maßstab gerecht zu werden, auf andere, an die derselbe Maßstab angelegt wird, dem diese anderen dann noch weniger genügen, projiziert wird**.

Aus einem erst einmal anerzogenen „Schuldkomplex“, mit Hesses Worten „einer schäbigen Charakterschwäche, einer Neurose“***, auszutreten ist, sofern man es versuchen will oder soll, schwer, auch der Autor pendelte in seinem späteren Leben noch „hundertmal“ zwischen hohem Ideal und enttäuschender Realität hin und her. Interessant ist, dass er, unzufrieden mit dem dennoch anerzogenen Konzept des Pietismus, sich im weiteren Verlauf seines Lebens auch eingehend mit dem Buddhismus beschäftigte; so sehr, dass er dem Religionsgründer Gautama Siddharta einen Roman widmete. Wäre er natürlich gleich buddhistisch erzogen, wäre ihm wohl keine Schuld „eingeimpft“ worden, denn in dieser Lehre gilt das Schuldgefühl allgemein als ein zu vermeidendes Leid.

* Selbstverständlich gibt es auch Kinder, bei denen eine besondere Strenge in moralischen Fragen ganz natürlich und von innen heraus kommt.

** Dieses Verhalten findet sich bei vielen strengen Geistlichen.

*** Es muss aber zugestanden werden, dass er diesen starken Konflikt auch als „Auszeichnung“ und eine besondere Nähe zu Gott empfand.

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Ich bleib‘ in meinem heil’gen Nimmerland

In einem relativ ungewöhnlichen Schritt hat der neue Papst Franziskus seine Bewerbungsrede, gehalten vor den Kardinälen kurz vor dem Konklave, an die Öffentlichkeit gebracht. (http://en.radiovaticana.va/news/2013/03/27/bergoglios_intervention:_a_diagnosis_of_the_problems_in_the_church/en1-677269, aufgerufen am 3. 4. 2013)

Eine scharfsinnige „Diagnose der kirchlichen Probleme“, in der er vor allem vor einer Selbstbezogenheit der Kirche warnt.

Papst Franziskus

Der neue Papst Franziskus warnte noch als Kardinal kurz vor dem Konklave vor „theologischem Narzissmus“.

Besonders beeindruckt dabei der Begriff „theologischer Narzissmus“, der beispielsweise den als Sprecher bei Radio Vatican bekannten Jesuitenpater Eberhard von

Gemmingen, einem doch recht besserwisserischen reinen Kirchenmann, in der BR-Müncher-Runde vom 2. April merklich trifft. Er muss sich bei einem derart sitzenden Vorwurf – dem allgemeinen

Klischee der Jesuiten entsprechend – ganz schön herausreden, um danach wieder reinen Gewissens im Kirchendickicht verschwinden zu können.

Nun, was hat man sich also unter dem „theologischen Narzissmus“ vorzustellen, warum trifft dieser Vorwurf Theologen und hohe Kirchenleute so empfindlich?

Narzissmus bezeichnet in der Psychologie eine übermäßige Selbstverliebtheit und Selbstbezogenheit, die in einem krassen Fall als Persönlichkeitsstörung gemäß ICD-10 unter anderem durch den Glauben, etwas Besonderes zu sein, durch einen bevorzugten Umgang mit hochgestellten Personen, selbst oft Narzissten, durch arrogante und hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten, durch ein Ausbeuten menschlicher Beziehungen und durch einen Mangel an Empathie gekennzeichnet ist. Lässt man einmal von der leidigen Diskussion ab, ob es sich nun beim Narzissmus tatsächlich um eine Krankheit handelt oder nur um eine im Normbereich zu verortende Spielart der menschlichen Charaktervariabilität, so springt die Übereinstimmung bei so manch Theologen und Kirchenmann mit diesen Kriterien, unlängst bis in die oberste Riege hinein, dennoch ins Auge.

Natürlich ist ein Theologe, der sein Leben der Kirchenlehre widmet, schnell dazu verleitet, sich im Vergleich zum gewöhnlichen Alltagsgläubigen für etwas Besonderes zu halten, gerade wenn er wissenschaftlich oder kirchenhierarchisch erfolgreich ist. In diesem Erfolgsfall wird er auch häufig Umgang mit anderen Fachleuten und Würdenträgern haben, die sich wiederum als besonders fromm oder linientreu sehen, und dann in diesen relativ geschlossenen Kreisen mit erhobenem pharisäischen moralischen Zeigefinger – Moral ist ja das Metier der Theologen – auf das Kirchenvolk oder gar die Heiden herabsehen. Ein Ausbeuten menschlicher Beziehungen mag vielleicht vorliegen, wenn tatsächlich gute Taten oder seelsorgerliches Wirken nur zum Zwecke der Vergrößerung des eigenen Ruhms oder der eigenen selbstgefälligen Heiligkeit dienen. Und nicht gerade für Empathie spricht es, wenn die ganz konkreten subjektiven und persönlichen Alltagssorgen der Gläubigen mit der Dampfwalze der theologischen Besserwisserei überfahren werden. Selbst einem zölibatären Leben, das die eigene moralische Integrität über eine echte, liebevolle Beziehung stellt, kann man eine narzisstische Komponente unterstellen.Zuletzt muss ein frommer Theologe – in dem Sinne fromm, als dass er keine Sünde seines eigenen Kataloges begeht – sich sehr selten schuldig fühlen oder gar eigene Fehler eingestehen – wiederum typisch für etwas zu sehr von sich selbst überzeugte Menschen. Kurz, die Gefahr in der Kichenhierarchie oder -wissenschaft narzisstische Züge zu entwickeln, ist groß.
Einige Psychologen unterscheiden auch zwischen einer männlichen und einer weiblichen Form des Narzissmus, deren Merkmale natürlich selten ganz diskret in Reinform auftreten. Während obige Punkte gut der männlichen Variante zuzuordnen sind, zeichnet sich die weibliche Form unter anderem durch Aufopferung, Minderwertigkeitsgefühle, übermäßige  Leistungsbezogenheit und Überanpassung aus (siehe auch http://www.selbsthass.com/narziss.htm, Tabelle links, aufgerufen am 3. 4. 2013). Diese Merkmale, selbstverständlich weit davon entfernt, naturwissenschaftliche Tatsachen zu sein, können wohl die eine oder andere Klosterschwester oder Religionslehrerin, die in der Angst lebt, ihre eigene Reinheit vor Gott durch beispielsweise falsches oder nicht ausreichendes Tun zu verlieren, ebenso aber auch manch aufopferungsvollen Priester zu einer kritischen Selbstreflexion bewegen.
Ein wenig erinnern mich auch manche Theologen, die sich lieber in ihrer bunten und heilen Theologiewelt verkriechen – in das Raritätenkabinett aus Heiligen, Bräuchen, Symbolen, Ritualen, aus Kirchengeschichte, spitzfindigen Diskursen und Moralkodizes – an die Figur des Peter Pan. Peter Pan lebt lieber mit seiner Fee im tollen Nimmerland, wo, was man sich nur vorstellt, schon zur Realität wird, und welches er sich nicht kaputt machen lässt; ja, seine größte Angst ist es, erwachsen zu werden. Auch Peter Pan ist dem Sinne narzisstisch, als er bei seinen spielerischen Abenteuern vor allem ans eigene Vergnügen denkt und aus Egoismus lieber im Nimmerland, lieber ein Kind bleibt. Der amerikanische Psychotherapeut Dan Kiley wählt ihn sogar zum Namensgeber des Peter-Pan-Syndroms, das er bei verantwortunglosen, vergnügungssüchtigen, selbstverliebten und kindischen Männern sieht, die doch innerlich voller Ängstlichkeit, Schuldgefühle und Einsamkeit sind und unsicher in ihrer sexuellen Rolle. (*) Wer weiß, ob Kiley mal einen Katholiken von Rang auf der Couch hatte.
Wenn man nun wieder alle Psychologie beiseite lässt, bleiben ein paar mahnende Denkanstöße an die Theologen und Kirchenleute zurück. Theologie nur um ihrer selbst willen, als l’art pour l’art, ist wie Dauergast-Sein auf Kur, das heißt, anstelle die Zeit in der heilen Welt zur Regeneration für die Arbeit zu nutzen allein die Vorzüge des sorglosen Lebens zu genießen, am besten für immer. Wer Inhalt und Zweck der Theologie, die man vertritt, nicht selbst lebt, zumindest ehrlich danach strebt, gleicht den verrufenen BWLern des Klischees, die anschaffen, sich dabei aber die Arbeit selbst vom Halse halten, um sich in ihrer Selbstverliebtheit ja nicht die Finger bei der Arbeit schmutzig zu machen. Wer Theologie nur als wissenschaftliche Disziplin sieht, in der er glänzt, läuft leicht Gefahr, in Selbstgefälligkeit zu denken, dass er sie daurch selbst schon lebt, sie schon erfüllt. Theologie, die sich auf ein heiles innerkirchliches Leben beschränkt, ist emanzipiert von den unangenehmen Forderungen Jesu, sie ist vielleicht katholisch oder christlich, aber nicht mehr jesuanisch.
Christlich leben – das heißt aber, die Theologie, den Glauben, das Reich Gottes in die Welt hineinwirken zu lassen, wie es in dem Gleichnis mit dem Sauerteig beschrieben. Sich zu bücken, in Demut vor Gott, nicht nur gegenüber frommen Katholiken – denn was ist es schon für eine Leistung, nur seines Gleichen beizustehen? Christen,ob Geweihte, Ordensleute, Theologen oder Laien, müssen auch herausgehen aus ihren kirchlichen Bahnen! Oder singemäß nach den Worten von Franziskus: eine nicht auf sich selbst bezogene Kirche lässt den in ihr eingesperrten Jesus aus sich heraus.

* Natürlich hält Jesus auch das Ideal der sorglosen Kinder hoch. Kindliche Sorglosigkeit bezogen auf existentielle Probleme, kindliche Unvoreingenommenheit und kindlicher Idealismus sind urchristlich; kindischer Leichtsinn, der nur auf eigenen Spaß und auf Spielerei aus ist, kindische Sandkastendiskussionen, kindische Rangkämpfe und faule kindische Tatenlosigkeit dagegen kaum.

Christsein ist im Zweifelsfall unerbittlich

Eigentlich Maßstab für den Ernst des Christentums: Jesus am Kreuz.

Eigentlich Maßstab für den Ernst des Christentums: Jesus am Kreuz.

Der neue Papst hat sich als erster in seinem Amt den Namen Franziskus gegeben, angelehnt an den heiligen Franziskus von Assisi, der als Patron der Händler, der Armen, der Tierärzte und des Umweltschutzes gilt.
Der heilige Franz wuchs, geboren wohl 1181, als Sohn eines reichen Tuchhändlers in sehr wohlhabender Umgebung auf, brach aber dann, nach einem Berufungserlebnis, in dem Jesus am Kruzifix in einer Kirche zu ihm sprach, komplett mit diesem Leben. Er baute mit den eigenen Händen eine Kapelle wieder auf, lebte dann in ärmlicher Kleidung als Einsiedler, pflegte Kranke und Tiere und gründete schließlich den Bettelorden der Franziskaner. Der heilige Frankziskus ahmte das Leben Jesus nach, als Ganzes, und das macht ihn gleichermaßen bewundernswert und wunderlich.
Im Zweifelsfall ist Christsein unerbittlich, verrückt, radikal, dass vergisst man als lauwarmer Sonntagskirchgänger viel zu schnell. Auch Jesus selbst, den man als oberste Instanz, als größtes Vorbild, sogar als göttlich verehrt, war nicht nur ein braver, heilender und kinderlieber Wanderprediger – er war ein der Besatzungsmacht verhasster Auftreiber, ein unwillkommener Sonderling, ein Radikaler. Eigentlich ist Christsein etwas ziemlich unangenehmes, für sich genauso wie auch für die Gesellschaft, würde man es in strenger Konsequenz ähnlich ernst meinen wie der heilige Franziskus.
Wie lächerlich erscheint einem da die mitteleuropäische katholische Glaubenspraxis: Kindergottesdienste mit pädagogisch wertvollen Puppenspielen, flott komponierte Kirchenmusik, Predigten, die entweder von der Weltferne des Priesters zeugen oder dem von der Arbeit gestressten Kopf als Weichspüler zur Erholung dienen, Jugendgruppen, die Mädchen das Bravolesen und Jungs das Saufen beibringen, sich dabei aber möglichst von Tiefergehendem oder gar Christlichem fernhalten, Gebets- oder Altengruppen, die eher als Selbsthilfegruppen durchgehen anstelle den Jüngeren oder Kirchenfernen von den Erfahrungen eines langen, christlichen Lebens zu zeugen. Noch drastischer hat es ein mir namentlich nicht mehr bekannter Philosoph formuliert: die organisierte Kirche sei nicht etwa die Braut Christi, sondern sie habe Jesus verbannt. Statt sich Jesus zum Vorbild zu nehmen, hat sie ihn in ihre Kirchengebäude gehängt, am  Kreuz, aufgeräumt, vertrieben aus dem Alltag. Zu unangenehm, zu radikal ist seine Botschaft und sein Leben!
Das Trauma dieses unangenehmen Zeitgenossen sitzt immer noch, seit etwa zweitausend Jahren jetzt schon – und irgendwie muss man es verabeiten. Einmal in der Woche, sonntags, setzt man sich dann all den ungenehmen Forderungen aus. Verrückte, absurde, radikale Forderungen hört man dann im Evangelium: die Familie verlassen für den Glauben soll man; die Ersten werden die Letzten sein; als Anführer einer Gruppe soll man gerade allen in Demut dienen; Reichtum schadet der Wahrscheinlichkeit einer Aufnahme in den Himmel ungemein; zu den Alten, Kindern und Kranken soll man gehen; ein Sünder, der die meiste Zeit gegen die moralischen Ideale gelebt hat und dann umkehrt, ist Gott lieber als die Rechtschaffenen; im Zweifelsfall geht der Glaube über das eigene Leben. Ungeheuerlich, welchen Forderungen man sich da eigentlich aussetzt, was das eigentlich für sein Leben bedeuten müsste, wie sehr man sich da eigentlich verändern müsste! Doch die radikale Ungeheurlichkeit wird ja abgemildert durch eine theologische Einordnung ins Alltagsleben in der Predigt; die Alten, Kranken, Sterbenden, Armen, Verfolgten oder Krieg leidenden muss man nicht wirklich besuchen und sich um sie kümmern, es reicht schon in den Fürbitten für sie zu beten und nachher einen oder zwei Euro zu spenden. Schließlich wird Jesus noch symbolisch am Altar geopfert, dann ist er endlich wieder weggesperrt in seiner Kirche, wo er erst nächste Woche wieder mit als seinen unangenehmen Forderungen besucht werden muss.
In der kommenden Woche hat man dann Ruhe von all den schrecklichen Dingen auf der Welt – Krankheit, Krieg, Leiden – und in Anbetracht derer des Imparativs des Dagegen-handeln-sollens. Man kann wieder seinem lächerlichen Alltagsbüro-Job nachgehen, sozusagen in Ruhe Briefmarkensammeln.
Mir scheint es, als hätte die Kirche die Funktion als Institution die radikal-verstörende Botschaft Jesu für die Gläubigen gegen einen kleinen Obulus psychisch zu verarbeiten. „Komm herein, halte es eine Stunde durch, aber dann hast du wieder Ruhe davon.“ Ein System, dass den Kirchgängern das Moralischsein abnimmt, ein bisschen liturgische Gehirnwäsche gegen das schlechte Gewissen, dass die Radikalität dieses Jesus macht.
Christsein aber ist in Wahrheit unerbittlich. Christsein, in der radikalen und unerbittlichen Art und Weise wie es auch der heilige Franziskus gelebt hat, heißt in der heute: gegen den Mainstream Gefangene im Gefängnis besuchen; erst einmal seinen Widerwillen überwinden, um einen Nachmittag oder mehr im Altersheim ehrenamtlich mitzuhelfen; konsequent für den Tierschutz eintreten, was zum Beispiel einen minimalen Fleischkonsum miteinschließt; öffentliche Verkehrsmittel der egoistischen PKW-Nutzung vorziehen; sich nicht in den Nichtigkeiten der eigenen Schönheit, Macht, Bedeutung oder Intelligenz – dem Egoismus – zu verlieren; oberflächlichen Fernsehsendungen oder Internetexkursen die spirituelle Ruhe im Gottesdienst vorziehen; Bettelnden nicht nur den Anstandseuro zu geben, sondern sie vielleicht sogar eine Stunde zum Einwohnermeldeamt zu begleiten; statt der Münze im Klingelbeutel, die einen freikauft, möglichst in Armut leben, den Rest an richtige Stelle spenden; das seelsorgerliche Bemühen eines jeden Christen schätzen – ob geweihter oder nicht geweihter Mann oder Frau; in der gläubigen Nähe im Gebet der Verzweiflung und dem Pessimismus keine Chance geben, sondern neue Kraft und Kreativität schöpfen; sich nicht in theologischen Detailfragen der Auslegung des Evangeliums verlieren, sondern pragmatisch und in Liebe den Menschen im Blick haben; im Arbeitsalltag nicht nur eigenen Erfolg, sondern Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verträglichkeit anstreben; im Denken und Tun den kleinbürgerlichen Sorgen die Not in anderen Teilen der Welt entgegenstellen; beständige und ehrliche Liebe zum Partner über flüchtige sexuelle Begierden, Experimentierlust und lächerliche Diskussionen über die Homo-Ehe stellen; Ehrlichkeit über eigenes Ansehen stellen; nachsichtig sein und Enschuldigungen annehmen statt beharrlichen Nachtragens und Streitsucht; anstelle der Nervenschonung Kinder als Angehörige der nächsten Menschheitsgerenation zu fördern und ihnen wichtige Erfahrungen weitergeben; für seine Prinzipien eintreten, sich in ihnen nicht ausnutzen lassen, sondern für sie eintreten, im Zweifelsfall auch laut.
Christsein ist Protest gegen ein Untergehen dieser Prinzipien. Wie Jesus und die Unmenge an Heiligen setzt man als Christ, auch wenn man an diesen radikalen und unangenehmen Forderungen immer wieder scheitern wird, ein Zeichen in der Gesellschaft, dass auch gesehen werden darf und soll. Man verkörpert die verstörende, aber ewige Botschaft Jesu aufs Neue und wird dadurch selbst ewig. Der Christ ist kein abstrakter, theoretischer Theologe, er lebt ganz pragmatisch seine Prinzipien. Seine Theologie bewährt sich in der Praxis, nicht in esoterischen Sphären. Christliche Botschaft ist gelebtes Wort, in Gottvertrauen und in die Tat umgesetzter Gedanke. Durch ihre Aufhebung des Relativitätsprinzips, das Gleichem mit Gleichen vergilt, durch ihre radikale Verwurzelung in Gott, der die ultimative Zukunft ist und durch das höchste Ziel der Förderung des Menschenwohls; durch die Anstrengung, die es kostet, ihre Umsetzung zu erstreben, verstört sie und rüttelt sie wach. Sie lässt den Christen zum Stein des Anstoßes werden, der so durch sein Leben die Gesellschaft verändert. Denn nicht nur bessere Technik, bessere Wissenschaft, größere Gewinne, hübschere Kunst, Musik, Malerei oder Architektur, strengerer Gesetze; kurz nicht nur veränderter Systeme braucht es, sondern auch ein besseren Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen, kurz einen von sich heraus neuen Menschen – Himmel hin oder her.
Christsein ist im Zweifelsfall unerbittlich, vor allem auch gegenüber sich selbst, aber es lässt den Christen über sich selbst hinauswachsen. Das wird der neue Papst Franziskus vorleben.

Der Archetyp des „kränklichen Genies“

Beim kurzen Blick in ein Buch über den Physiker Oppenheimer fiel mir auf, dass er zu einer Art Archetyp des „kränklichen Genies“ gehört. Oppenheimer war ein begabter Junge, der fernab Gleichaltriger wohlbehütet aufwuchs, lieber in Literatur und Wissenschaft versunken. In Konfrontationen mit Jungs in seinem Alter zog er den Kürzeren, weshalb man getrost annehmen darf, dass seine männliche Identität angekratzt war. Auch in späteren Jahren – längst war er genialer Physiker – war ihm eine auffallend schwächliche Statur zu eigen. Vielleicht war diese physische Unterlegenheit gegenüber Männern, selbst wenn sie nur unbewusst in ihm schlummerte, eine Art Triebfeder für den Ehrgeiz in der Wissenschaft. Heute gilt Herr Oppenheimer als Prometheus der Atombombe, die er gewissermaßen ebenso wie der Held der antiken Mythologie das Feuer der Natur für die Menschheit abringen konnte. Der Junge hatte also doch was drauf. In seiner kränklichen, weltfremd-akademischen Art übersah der Gute dabei aber die Konsequenzen; die Kombination von Schwäche im Alltagsleben und Ehrgeiz im Geist kann als Nährboden himmelschreiender Verantwortungslosigkeit angesehen werden.
Zur selben Zeit findet man diesen Archetypus des „kränklichen Genies“ auch auf dem Heiligen Stuhl. Man mag über die Intensität des Protestes von Papst Pius XII. während der Zeit des Nationalsozialismus denken, was man will, unberührt davon bleibt, dass er ein hochintelligenter Mann, abstammend aus einer Kirchenjuristenfamilie, war. Früh schon ging der Weg für den begabten Jungen, begeistert vom Reitsport und der klassischen Musik, in die Hierarchie Roms, die er steil emporklettern sollte, um fast 20 Jahre lang an deren Spitze zu sein. Während seiner Ausbildung war er allerdings von gesundheitlichen Problemen gequält, auch der Zölibat mag etwas zur Schwächung seiner Männlichkeit beigetragen haben. Sicherlich mag man dem promovierten Theologen eine gewisse Weltfremdheit, einhergehend mit einer unrealistischen Einschätzung des Verhalten der Menschen außerhalb des kirchlichen Zirkels unterstellen, eine kompensatorisch-ehrgeizige Unmenschlichkeit kann man ihm aber nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil nämlich setzte sich Pius XII. hochengagiert für die Humanität ein. Man kann vielleicht sagen, dass er seine Kraft dadurch in bessere Kanäle gelenkt hat.
Ein drittes Bespiel für das „kränkliche Genie“ ist der Mathematiker Gödel, berühmt für seine Unvollständigkeitssätze in der mathematischen Logik. Schon in der frühen Jugend litt er oft unter einem sehr schlechten Gesundheitszustand und erzielte dennoch gleichzeitig Bestnoten in der Schule. Kein Wunder, dass sich, als er bereits ein angesehener Mathematiker, eingebarbeitet in ein absurdes und gleichzeitig streng-logisches Denkgebilde, war, entsprechend seines sich schärfenden Verstandes auch seine anfangs begründeten Gesundheitssorgen steigerten. Seine Hypochondrie steigerte sich schließlich soweit, dass er, aus Angst, durch irgendeine übersehene Lücke, eine Unvollständigkeit vergiftetes Essen zu sich zu nehmen, verhungerte.

Das Päpstchen

Jetzt in der Zeit der Osterfeiertage kommt wieder der katholische Glauben in meine Gedanken. Meine Vergangenheit hat er ja doch ziemlich geprägt. Habe deswegen ein paar Videos angesehen, auch von Joseph Ratzinger, z. B. als er sich von seiner damaligen Diözese München verabschiedete (http://www.youtube.com/watch?v=8SNsKUzWA5Y). Kurz vorher verliest da in dem Video noch der damalige bayrische Ministerpräsident F. J. Strauß Grußworte, bevor dann Ratzinger selbst zu Wort kommt. Ein Unterschied wie Tag und Nacht: hier der mächtige, spitzbübische, blitzgescheite, aber grobschlächtige Strauß mit seinem Stiernacken, der Worte mit Nachdruck sagt. Einfach eine Persönlichkeit, ein Alpha-Tierchen. Dagegen der schmächtige, knaben-, ja fast jungfernhafte Ratzinger. Zunächst klingen seine Worte weise, hochgebildet, intellektuell. Er trägt sie mit sanften Armbewegungen vor, mit damenhafter Eleganz. Hört man aber genauer hin, so erkennt man: der spielt eine Rolle. Der sagt seine Worte nur so dahin, wie ein kleiner Schulbub, der ein Gedicht auswendig gelernt hat. Was ist er schon mehr, als ein Schulbub, der genau so geformt ist, wie ihn Mama – Mutter Kirche – haben wollte, der ein Leben lang nur brav war? Ich konnte mir bei den Worten das Lachen einfach nicht verkneifen. Kein Auslachen, sondern Mitlachen mit ihm. Er verwendet in der Ansprache so viele Floskeln, so viele inhaltsarme Worthülsen, Stilfiguren. Ja, eigentlich ist er ein Künstler, kein Kardinal oder Papst. Der Mozart der Theologie, mit Worten spielend statt mit Noten. Verschnörkselt, dabei aber ohne tieferen Sinn, flach, sinnlos, aber schön, so wie Mozarts Musik. Er erinnert mich auch an meinen erzkatholischen Mathe-Dozenten, ein 40-jähriger Schulbub, der mit Formeln spielt, der verkünstelte Beweise vorführt. Zweitens kommt mir auch die verkomplizierte Ausdrucksweise von Thomas Mann in den Sinn, der war auch ein Wort-Künstler. Der Inhalt spielt dabei eine untergeordnete Rolle, wichtig ist die Ästhetik der Form.
Was waren das doch gleich für Männer, die einen Sinn für Schnörksel, für Eleganz, für Ästhetik haben, die ewigen Buben? Modedesigner, Pop-Sänger, Musical-Schreiber, Romantik-Komponisten, Schriftsteller: Lebenskünstler. Familie, Verantwortung, echte Arbeit, dafür sind sie sich zu schön. Akkurat inszenierte Liturgie, prächtige Gewänder, nett formulierte Gebetsfloskeln, frömmelndes Getänzel: David Berger (der wirkt ähnlich wie Ratzinger) spricht vom Typus des homosexuell-katholischen Ästheten. So jemand mogelt sich durch bis auf den heiligen Stuhl? Einer der es nicht ernst meint, sondern als Kunst, künstlich? Ich finde, das in Erwägung zu ziehen, nicht komplett absurd. Erbärmerlich nur, dass gerade derselbe Vorschriften gegen den eigenen Schlag erlässt. Weitere Künstler-Priester so wie er sind verboten. Vielleicht ist sich Ratzinger gar nicht so bewusst, welche psychische Triebfeder hinter seinem Werdegang steht. Wahrscheinlich weiß er es aber in sich ganz genau; man kann es ihm ja nicht einmal vorwerfen, den kirchlichen Weg eingeschlagen zu haben, in einer Zeit, in der man sonst mit dem rosa Winkel im KZ gelandet wäre. Nur ist es das nicht, was die Kirche braucht: einen feenhaft-schwärmerischen Modefürsten, vordergründig Mamas brävstes Kind, auf der Bühne des Altarraums für alle zu bestaunen, ein über-angepasstes Kind, dem die Verantwortlichkeiten über den Kopf wachsen. Einen Nachfolger Christi, der kurz vor der Kreuzigung noch einen anderen Pelzhut aufsetzen würde. Nein, nötig wäre ein Mann, ein tatkräftiger, lebensnaher und pragmatisch-rechtgläubiger Leitwolf. Wäre er nicht schon gestorben und würde es nicht alle möglichen kirchlichen Vorschriften sprengen, ich wäre für Franz Josef Strauß als Papst.

Von der Leyen

Ein grandioser Auftritt gerade bei Jauch. Meine Gedanken dazu:

 

Wo lernt man denn diese Show? Miss Perfect, die Vorzeige-Barbiepuppe, zeigt ihre wohl distinguierten Gesten, macht klare, deswegen aber keineswegs richtige Aussagen. Beim Zuhören blinzelt sie brav, Scherze erwidert sie mit einem gekünstelten Lächeln. So eine Person, die kann erzählen was sie will, ich sehe durch sie hindurch, ihre Fassade zerfällt. Neugierig wäre ich, ob sich dahinter noch Menschliches verbirgt, was der straffen Perfektion ihrerselbst standgehalten hat. Das Verbliebene muss wohl furchtbar schwach sein, so schwach, dass sie es der Öffentlichkeit fernhält. Warum fallen so viele Menschen auf derartige Politiker herein, die doch nur bedienen, was erwartet wird, die ständig ihre Rolle spielen?

Zweimal Thomas Mann

Wer Thomas Mann gelesen hat, der kennt sie ohnehin schon: die zwei Stimmen des Literatur-Nobelpreisträgers. Da ist der gestrenge und präzise Kritiker, der am Polytechnikum studiert hat. Und auf der anderen Seite – um nicht zu sagen am anderen Ufer – ist der verspielt-schelmenhafte Künstler-Thomas Mann, der das Geschehen der Welt mit verschmitzter Ironie beantwortet.