Der einsame Vogel

– oder der Popp-Star –

Als die Vögel erwachsen wurden, begannen die Männchen langsam, pfeifen zu lernen. Pfeifen, damit sich bald ein Weibchen für sie interessieren würde, mit dem sie dann ihr weiteres Vogelleben verbringen würden. Einer um den anderen pfiff, um das richtige Weibchen anzulocken, mit dem sie dann gemeinsam Kinder großziehen würden, dem sie dann möglichst fette Würmer ins Nest bringen würden. Mancher pfiff eine kurze Melodie, machner eine etwas längere, der eine traf die Töne der, andere weniger, je nachdem. Aber alle fanden sie bald das richtige Weibchen, ein kleineres oder ein größeres, ein hübsch gefiedertes oder ein etwas zerzaustes, je nachdem; bald ging es für sie los mit der eigentlichen Arbeit eines Vogels, mit der Beschaffung von Würmern, von kleineren oder größeren, von prächtigen oder weniger prächtigeren, je nachdem.
Nur einer der jungen Vögel hatte kein Glück: durch eine üble Laune der Natur pfiff er nicht einfach irgendetwas wie seine Altersgenossen, nein, er pfiff Mozart. Je nach Lust und Laune pfiff er die Melodien von Klaviersonaten, Konzerten oder von Symphonien, bei schlechter Laune auch mal die des Requiems. Wie gerne hätte er damit ein Weibchen beeindruckt, doch den meisten gefiel das alles zwar schon irgendwie, aber letzten Endes war ihnen dann doch ein schlichterer Musikant lieber. Und die paar wenigen, die vielleicht doch einen gemeinsamen Nestbau im Sinn gehabt hätte, die sagten ihm selbst nicht zu, denn er hätte ihnen ein um das andere Mal vergeblich zu erklären versucht, dass er nicht Beethoven, nicht Schubert, auch nicht Bach pfiff, ja erst recht nicht Beatles-Songs, sondern nur Mozart – nein, nicht auszudenken, das hätte am Ende bestimmt viel Streit gegeben.
Und so blieb dieser Sonderling von Vogel, selbst unter den Vögeln ein Vogel, einsam. Es wollte einfach nicht Zeit werden, dass er für die Liebe und den Nachwuchs Würmer hätte anschaffen müssen – wo er, so war er sich sicher, durch die Laune der Natur doch sicherlich auch im Stande gewesen wäre, kleine Schnecken herbeizubringen, was die anderen gar nicht vermochten. Hier, im heimatlichen Wäldchen, fand er einfach nicht, was er suchte und so beschloss er, auf Reisen zu gehen. In den Bergen, in den Tälern, am Fluss und an der See, überall pfiff er vor sich hin. Überall gefiel er den Weibchen, aber dann doch zu sehr, als dass ihn eines zu sich genommen hätte. Der Applaus und die kurzen Umarmungen seiner Fans jedoch waren ihm sicher und das genügte ihm schon, es tröstete ihn über seine Einsamkeit hinweg. Bald flog er aber wieder weiter, in andere Länder, weil er ja immer noch nicht das Gefühl hatte, am Ziel angekommen zu sein.
Viele Jahre zogen über das Land und der einsame Vogel hatte längst schon die Hoffnung aufgegeben, irgendwann das richtige Weibchen für sich zu finden. Nein, so dachte er, bei mir ist das anders, mein Beruf ist es nicht, Würmer heranzuschaffen, mein Beruf ist es, zu pfeifen und zu gefallen. So dachte er und sein Denken machte seine Not zur Tugend, aus seinen Lockrufen wurde Kunst, aus einem leidenden Romantiker wurde ein zufriedener Berufsmusiker.
Noch einmal viele Jahre später war der einsame Vogel längst gestorben. Und doch erinnerte man sich überall, über Länder und Meere, an diesen einen Vogel – denn überall, wo er war gab es bald ein paar Jungvögel, die auch Melodien von Mozart pfiffen. Wie er ihnen das wohl beigebracht hat – war er denn, als sie geschlüpft sind, nicht schon fortgeflogen? Doch zu faul, Würmer, geschweige denn Schnecken, zu fangen, waren sie allesamt, Mozarts Söhne.

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Komm mit mir

Nachts ist es schon wieder und ich bin alleine unterwegs. Zur Linken und Rechten des Weges dunkle Bäume, kühler jetzt die Luft als an den vergangenen paar Sommertagen. Sogar ein wenig silbriger Nebel steigt aus den feuchten Wiesen, die sich auf der einen Seite des Weges entlang eines kleinen Baches ziehen. Nach den letzten, geradezu ekstatischen Sommernächten scheinen mir nun auch die Grillen und die Frösche eine Erholungspause nötig zu haben.
Alleine bin ich unterwegs, auf dem Heimweg von einer netten Gesellschaft, von Freunden, die mich doch nur kurz von meiner Einsamkeit ablenken konnten. Die Natur jetzt in der nächtlichen feuchten Kühle – was unterscheidet sie schon von den tiefen Gedanken, von der Technik und der Wissenschaft, denen ich mich verschrieben habe? Genauso menschenleer, genauso alleine kämpfe ich mich dort in der Grübelwelt fort wie jetzt hier, auf dem Weg. Wäre es ein Sommertag gewesen, tiefe Gefühle hätten mich auf dem einsamen Heimweg, weiter in die Einsamkeit zu Hause, aufgewühlt, doch heute ist es eher eine Art Gefühlsleere, keine Gleichgültigkeit, aber auch kein großer innerer Kampf gegen die unvermeidliche Heimkehr, hin zu meinem Schreibtischleben.
Als ich so vor mich hintrotte, tritt mir auf einmal eine Gestalt ins Blickfeld. Ohne sich von mir groß stören zu lassen, geht da ein junger Mann, Anfang zwanzig, freudigen Schrittes an mir vorbei, seinen frohen Blick nur kurz mir zugewandt, wie zu einem Gruß. Ein Wandersmann, leise singend, mit Wanderstock, Hut, Weste und einem roten Halstuch. Anmutig und unbeirrt geht er seinen fröhlichen Weg weiter, weg vom meinem Weg, hinüber zu den Wiesen und in Richtung des Baches; der Tritt seiner rundlichen Stiefel ist stark und weich zugleich. Wie ein prächtiger Hengst, wie ein reich geschmückter Bulle, auf der Höhe seiner selbst und in reiner Freude über seine eigene Schönheit geht er so dahin ins Dunkle.
Nicht sofort kehren meine Tiefsinnigkeiten nach dieser unwirklichen Begegnung wieder, wie im Schweife eines Kometen war ich noch im Nachhinein belebt und meine Versteinerung war unterbrochen. Wie rein, wie heilig dieser war, man kann es ihm nicht verübeln. Sicherlich, so dachte ich, zieht er so frohgemut in das nächste Wirtshaus, zum Weingenuss bei rotbackigen Mädchen, oder er kommt von da. Ach ja, du weckst hübsche Bilder in mir, ich will es dir danken auf meinem dunklen Weg!
Doch, schon auf der kleinen, hölzernen Brücke über dem leise rauschenden Bächlein angelangt, da dreht er sich nochmal um und blickt mich mit seinen großen, braunen Augen aus seinem fast noch kindlichen, gleichmäßig geformten Gesicht an. „Komm mit mir!“, so sagt er. Er sagt es ganz leise, flehentlich und sehnsuchtsvoll, und doch in keinster Weise in seinem Frohsinn getrübt, und ich höre es nur, weil er mir jetzt eigentlich direkt gegenüber steht und nicht dort drüben bei der Brücke. „Komm mit mir! Wo ich bin, da ist es schön, du weißt es, du warst doch auch schon dort!“ Ich spüre, wie bei diesen Worten eine eigenartig liebevolle Kraft des gewaltigen Begehrens, die mich mit ihm mit, ja noch mehr zu ihm hin ziehen möchte, von ihm ausströmt.
„Ja, ich weiß“, sage ich ihm, „ewige, kindliche Freude! Sinnenfreuden, und doch voller Heiligkeit. Wie gern käme ich mit, wie gern käme ich dorthin zurück, aber ich war dem wirklichen Ziel schon so nahe, musst du wissen, ich habe das wahre Ziel schon gefühlt, ich kenne es schon. Keine Frage, ich muss jetzt viel mehr durchs Dunkel, immer wieder, aber das ist richtiger so für mich, das ist wahrer; es ist wie in einem Gesetz geschrieben, es muss so sein!“

Grubenleben

Anfangs waren wir ja noch zu mehreren unterwegs, zu viert oder zu sechst. Wenn man nicht alleine ist, findet man sich leichter durch die Minen. Wobei die Minen, das muss man zugestehen, anfangs auch noch nicht so tief und verschlungen waren, wie sie es heute sind. Nein, damals fanden wir schnell mal auf dem Weg nach wenigen Mintuen schon Erzklumpen, fast noch im Tageslicht. Manchmal führten uns unsere Expeditionen sogar über Tage durch den Dschungel oder, was noch besser war, wir durften dabei zusehen, was die Leute dann aus dem von uns beschafften Erz so alles herstellten: Dampfmaschinen, Besteck und Geschirr, Uhren, allerlei Werkzeuge und Beschläge. Ja, wenn wir wieder all die wunderbaren Dinge, deren Grundlage wir beschaffen haben und die den Bürgern, den normalen, kleinen, schwachen, sesshaften Bürgern in der Stadt, das Leben so viel einfacher machen, zu Gesicht bekommen haben, wussten wir wieder wofür wir arbeiteten, wofür wir unter die Erde gingen.
Ein paar Jahre sind seitdem vergangen und unsere Gruppe hat sich längst zerschlagen. Zwei oder drei suchen noch gemeinsam, weiter oben, andere helfen dabei,  neue Loren zu bauen – das ist einfacher, man sieht nach ein paar Tagen wenigstens, dass wieder ein Wagen fährt, und man ist vielmehr am Tageslicht. Die meiste Zeit suche ich jetzt alleine nach Erz, so tief in den Minen, dass es sich manche Tage nicht einmal lohnt, am Abend – wenn man denn überhaupt merkt, dass es Abend wird – ganz nach draußen zu gehen. Stattdessen gehe ich dann zum nächsten Luftkanal, wo ich mich in einer frischen Brise, die von oben her unverbrauchte Luft in die Gänge trägt, lege und dort meine müden Knochen ausruhe.
Ja, die leichten Tage sind vorbei, und oft, wenn ich so an unsere ersten Expeditionen in die Minen denke, habe ich das Gefühl, dass sie nur ein Training, ein Schule, ja ein Kindergarten waren, zur Vorbereitung auf das, was es jetzt durchzustehen gilt.
Viel tiefer bin ich jetzt schon die Gänge vorgedrungen und trotzdem findet man dort viel weniger an Erz – doch oben ist ja auch schon alles ausgebeutet. Viel härter ist das Graben und Hacken hier geworden, zumindest scheint es mir so, und nur  gelegentlich treffe ich hier auf einen Mitstreiter, der es auch so tief aushält, der auch so geisteskrank ist, hier noch zu schürfen. Man redet ein paar Worte miteinander, zollt gegenseitig Respekt, weniger unter Rivalen als vielmehr unter Wesenskameraden, Seelenverwandten, und dann lässt man sich wieder gehen; jeder, der so tief unter der Erde sucht, hofft ja für sich, endlich irgendwann einen dieser riesigen Erzklumpen zu finden, von denen die Leute sagen, dass so machner hier schon auf so einen gestoßen sei und der Stadt oben genügend Rohstoffe über Monate und dadurch sich selbst unsterblichen Ruhm verschafft habe.
Oft, wenn man aber tagelang kein richtiges Licht gesehen hat und noch nicht einmal eine Spur von Erz, verliert man diese Verheißung ganz aus den Augen. Stattdessen dringen in mir dann die Zweifel hoch und ich denke an all die vielen, die hier wohl schon ihr Leben gelassen haben, die die meiste Zeit in der Illusion gelebt haben, irgendeinmal den großen Clou zu fahren, sich Tag für Tag durch die Minen gegraben haben, um schließlich ohne jegdlichen Erfolg hier unten jämmerlich zu verrecken. Was macht es mich schon aus, dass ich nicht genauso einer wie diese bemitleidenswerten Versager bin? Warum ist mein Kopf immer noch von den Leuten oben von ihren Verheißungen verdreht, ja, von ihren Bekräftigungen, dass ich es schon schaffen könnte? Reichten die paar kleinen, dennoch bemerkenswerten Erfolge, die ich weiter oben verbuchen konnte, noch aus, mir hier Hoffnung auf Größeres zu geben?
Oft tun sie es nicht und ich schlafe unten in den Gängen, ein, zwei Stunden, in völliger Finsternis, wie wenn ich schon begraben wäre, schon längst vergessen, da oben in der hellen Stadt. Danach muss es wieder weiter gehen. Ich zünde mir dann oft eine Kerze an, die mich an meine Verwandten und Freunde oben erinnern soll – und nicht zuletzt natürlich an meine Geliebte, die mich doch bestimmt schon längst aufgegeben, abgeschriben, ja als verrückt abgestempelt hat, wo ich mich hier doch immer noch abmühe, ihr, ja eigentlich nur ihr, den größten Erzbrocken, der je aus dieser Mine ans Tageslicht gekommen ist, der ungnädigen Erdmasse abzuringen.
Wieder ans Werk, weiter, weiter, ans Scheitern denke ich erst später wieder! Es hilft ja nichts, all die Trübsal ist doch nur verlorene Zeit.

 

(ein physikalisches Logbuch)

Ewiges Glück

Da fuhr ich gerade durch eine dieser Neubausiedlungen. Kleines, trautes Bürgerglück, die Doppelhaushälfte in Wunschfarbe, umgeben von ein paar Quadratmetern englischen Rasens. Irgendwo die gemütliche Terrasse mit gusseisernen Gartenmöbeln im italienischen Stil, daneben ranken sich die Rosen – wie aus dem Katalog. Schauplatz des kleinen Familienglückes: für Mama, Papa, die zwei, drei fröhlichen Kinder. Reihe an Reihe stehen so die Häuser, eins um das andere. Ein jedes auf seine Weise gestaltet und doch tanzt keines aus der Reihe. Ein bisschen Individualität darf man sich herausnehmen, aber bloß nicht zu viel: was sagen denn da die Nachbarn? Eine Fahrt durch die kleinbürgerliche Utopie der immer heilen Welt, Sonnenschein auf saubergeschnittenen Hecken.

Der Weg führte mich weiter, hinauf zum Friedhof unterhalb der Kirche. Natürlich, das Glück ist ja kein ewiges, die größte Unerhörtheit ist ja noch nicht abgeschafft. Vom Kirchenhügel herab, so scheint es mir, mahnt der Friedhof, die Flüchtigkeit der ruhigen, heilen Doppelhausidylle nicht zu unterschätzen, er weist hin auf die unumgängliche Entartung des Körperlichen.

Von wegen! Ein Blick über die Friedhofsmauer belehrt mich eines besseren. Da stehen sie, die Grabsteine, Seite an Seite. Darunter liegen sie, alle drei Meter einer, Müllers neben Meiers. Ein jeder Grabstein ist individuell gestaltet, mal mit gemeißelten, mal mit gusseisernen Lettern, solange er nicht zu sehr von der Normgröße abweicht. Davor Blumen, Akelei, Chrysanthemen, Veilchen, Lilien, ganz akkurat angelegt und keinesfalls ungepflegt: was denken sonst die Nachbarn?

Da liegen sie nun, Seite an Seite, in ihrer Doppelgrabhälfte. Nicht einmal der Tod vermag es, das kleine, traute Bürgerglück zu stören.

Das Rätsel

26. 07. 2012
Neulich saßen wir paar Nachbarn aus dem Olympiadorf zusammen beim Grillen. Ich glaube, irgendeiner von ihnen hat da seinen Geburtstag gefeiert. Dabei waren auch ein Physik-Master-Student, der etwas älter als ich ist, und ein Mathe- und Physik-Lehramtsstudent, zwei Semester unter mir. Wie es sich so ergab in der Runde, so hat der Master-Student ein Rätsel ausgepackt, das sein Professor ihm und einigen Kommilitonen bei einer Exkursion erzählt hat. Wir zwei jüngeren wurden natürlich sofort hellhörig: es geht um hundert Kriegsgefangene, die von den Russen erschossen werden sollen. Dabei machen sich die Russen noch einen Spaß aus der Sache und lassen die Gefangenen sich in einer Reihe hintereinander aufstellen und setzen dann einem jeden einen Hut auf. Die Hüte haben eine von drei verschieden Farben. Die Gefangenen, von denen jeder immer nur seine Vordermänner, aber keinen hinter sich sieht, werden dann von hinten her gefragt, welche Farbe denn ihr Hut hat. Ist die Antwort falsch, – peng! – und der nächste darf sein Glück versuchen. Eigentlich ein reines Glücksspiel auf Leben und Tod, möchte man meinen. Doch die Russen sind ja durchaus gnädig und gewähren den Gefangenen, sich vorher kurz zu konsultieren, mit welcher Taktik man denn mehr Leute retten kann, bevor das tödliche Procedere beginnt.
Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass doch so sicherlich auch nicht mehr als die Hälfte der Gefangenen sicher gerettet werden kann. Der eine sagt die Farbe dessen direkt vor ihm, die er ja sieht, riskiert dabei sein eigenes Leben, dafür weiß der Vordermann bescheid. Der sagt seine eigene Farbe, dafür weiß dann der nächste wieder gar nichts und gibt dann einfach wieder dem nächsten einen wohlgemeinten Tipp. Seine sadistische Ader auslebend, wusste unser Nachbar aber nur noch hinzuzufügen: es gibt einen Weg, wie 99 von den 100 Kriegsgefangenen sicher gerettet werden.
Na toll, das ist ja wie bei diesen Matheaufgaben im Studium: zeigen Sie, dass dieses oder jenes gilt. Man weiß schon, worauf es hinaussoll, eigentlich ist die Sache schon klar, und dennoch muss man den genauen Weg der Lösung aus dem Kopf pressen. Einen spontanen Einfall hatten wir dann aber nicht. Nach einer Viertelstunde ließ schon langsam das Interesse nach, ich und ein befreundeter Politikwissenschaftsstudent blieben aber der Sache noch treu. Wenn einfach der hinterste die Farbe des übernächsten sagt oder die des ersten? Trotzdem, wir fanden keine Lösung. Ich denke, zwei Stunden später – die anderen Nachbaren waren schon längst gegangen – saßen wir dann auf dem Boden und bauten Modelle mit Steinen, die die Kriegsgefangenen darstellen sollten. Und trotzdem kamen wir auf keine Lösung. Wie gut, dass der Master-Student uns da immer wieder anstachelte und sagte: „Ja, gar nicht so weit weg.“ Doch gab er auch den Tipp: „Alleine mit Papier und Stift geht es noch besser. Ich hab es dann nach sieben Stunden herausbekommen.“
Irgendwann ließen wir es dann einfach und gingen heim, es war ja eh schon spät. – Nein, ich konnte es noch nicht lassen. Ich setzte mich natürlich noch an den Schreibtisch – es war bestimmt schon nach Mitternacht – und räumte die leidigen Atomphysik-Aufgaben zur Seite (als wäre das nicht schon genug derartiger Aufgaben). Jetzt muss doch die Lösung bald da sein, dachte ich mir, während ich die Anfangsbuchstaben der Farben in kreisrunde Kriegsgefangene kritzelte und wirre Fallunterscheidungen notierte.
Nein, es kam weder eine zündende Idee noch trug die tiefgehende Analyse der Problematik Früchte. Ich legte mich schlafen und dachte, ein Opfer meiner Hartnäckigkeit, schon beim Aufwachen am nächsten Morgen wieder an die armen Kriegsgefangenen.
Die Woche darauf saßen wir wieder zusammen, bis dahin war immer noch unklar, wie man denn die Gefangenen retten könnte (eine derartig lange Konsultationszeit hätten die Russen den Gefangenen bestimmt nicht gewährt). Irgendwie kam die Idee von zahlencodierten Farben auf, zum Beispiel rot ist zwei. Und gleich kam mir auch die Lösung in den Sinn. Die Gefangenen addieren einfach jedes Mal die Zahlen, also die Farben, aller vor ihnen zusammen, vergleichen das mit der (richtigen) „Farbe“, die der Hintermann gesagt hat, und können so auf ihre eigene schließen. Der hinterste, der leider nicht mit Sicherheit überleben kann, muss nur die „Zahl“, also die Farbe, sagen, die beim Teilen der Summe aller Hüte durch drei bleibt. Dann funktioniert der Spaß.
Irgendwie blieben bei mir doch gemischte Gefühle bei dieser Sache; ich versuchte noch im Nachhinein, mir einen Reim darauf zu machen, warum wir so fasziniert an dieses Rätsel gefesselt waren. Sicherlich, irgendwie war es doch relativ schwer. Aber wenn ich mir vorstelle, wir hätten dreifarbige Leuchtdioden nach einem bestimmten Schema ein- und ausschalten oder gar nur eine Folge von drei Variablen enträtseln sollen, so wird mir klar, dass da die Begeisterung ein schnelles Ende gehabt hätte. Für einen Computer wären das genau dieselben Rechenoperationen bis zur Lösung gewesen und doch hätte uns da der Reiz gefehlt. Entscheidend war doch die Information, dass es um Leben und Tod geht, dass es also äußerst wichtig ist, das Rätsel zu lösen. So wandelte sich die nachbarschaftliche Grillgemeinschaft ganz schnell in einen Krisenstab aus Physikern und Politikwissenschaftlern (nebenbei beide prädestiniert für eine Tätigkeit in der Risikoanalyse), als Gefangene in einem Krieg zu retten war. Im Geiste sah man schon die Uniformen der bösen Russen, bäumte sich innerlich auf gegen das himmelschreiende Unrecht an den Gefangenen. Das Spiel mit den Steinen glich auch schon den Reißnägeln auf einer Kriegskarte, mit denen man mögliche Angriffstaktiken durchdiskutiert. Natürlich kamen wir deswegen nicht schneller zu einem Ergebnis; ganz im Gegenteil hinderte uns die tragende Bedeutung, die Dramatik, an einer zündenden Idee.
Was lernt man daraus?
Zum einen, dass das Umfeld, in das man eine Aufgabe eingliedert, die Motivation zur Erledigung der Aufgabe entscheidend beeinflusst. Als Beispiel denke ich da an einen anderen Nachbarn der – wenn es nach seinem Stundenplan geht – Elektrotechnik studiert. Wie trocken, wie staubig, was für langweilige Nerds. Offiziell heißt sein Studienfach aber „Regenerative Energien“ – und schon wird aus dem langweiligen Techniker  ein cleverer Held, der mit seinen klugen Innovationen Deutschland in die Energiewende führt, hin zu mehr Umweltschutz und vernünftigerer Ressourcennutzung. Natürlich löst er in seinem Studium dieselben Differentialgleichungen wie ein echter E-Techniker, doch die Motivation dürfte bei ihm wohl eine andere sein; man darf wohl vermuten, eine größere. Auch in dem Rätsel war es so: auf dem Papier ging es nur um ein paar Farben oder Zahlen, drei Zeilen waren im Grunde genug, vielleicht waren die Steine noch hilfreich. Doch der belächelte Mathe-Nerd, der einen eleganten Beweis gefunden hat, wurde durch das Umfeld der Aufgabe – die bedrohten Kriegsgefangenen – zum Lebensretter.
Zum zweiten kann man aus dieser Geschichte lernen, dass das Umfeld, in das das eigentliche Problem eingegliedert ist, einer vernünftigen Lösung auch im Weg stehen kann. Bei der dramatischen Situation, bei der es um Leben und Tod geht, wo ein Held eine Idee braucht, wo Schüsse fallen und Leichen hinter noch lebenden liegen, denkt man wohl kaum als erstes an ein paar Zahlen und an das Teilen mit Rest. Der Mensch lässt sich oft zu sehr von eigenen, manchmal sogar naiven Emotionen leiten und kommt so nicht zu einer pragmatisch-genialen Lösung, sondern eiert herum, wenn er nicht sogar gänzlich falsch entscheidet. In die Richtung spielt, wie ich meine, auch unser Verhältnis zu Tieren: das kleine Katzenkind, das putzige, wird liebkost, geknuddelt – und zum Fressen bekommt es die Schlachtabfälle von tierunwürdig gehaltenen Schweinen (mit ebenso niedlichen, schwarzen Augen). Man muss sich als Mensch dessen bewusst sein, wie sehr die eigene menschliche Sichtweise einem im Denken beeinflusst und eben auch hindert. Da scheint dann auch die kühle nüchtern-wissenschaftliche (und leider oft auch unbeliebte) Denkweise zu einem schnelleren und besseren Ergebnis zu führen. Wer weiß, ob der Herzchirurg, der bei einer Operation nicht mehr oder weniger empfindet als beim Lösen eines fünfdimensionalen linearen Gleichungssystems, nicht die besseren Ergebnisse liefert als der gefeierte Held und Staroperateur.
Zum dritten kommt mir noch eine andere Sichtweise auf die Sache in den Sinn. Die zweifelsfrei erfundene Rahmenhandlung der Kriegsgefangenen macht aus einem wirklich lächerlichen Problem – Zahlen addieren, mit Farben herumspielen – etwas scheinbar Bedeutsames (und eben wirklich nur scheinbar). Sie lockt durch ihre Wichtigkeit (denn natürlich erachtet ein Mensch das Leben von 100 anderen Menschen als sehr wichtig, ginge es um eine echte Begebenheit) und zieht einen so in ihren Bann, bis denn endlich das Problem gelöst ist. Wie traurig, wenn man nachher erkennt, dass man seinen eigentlich gemütlichen Abend am Schreibtisch mit einem Kinderrätsel zugebracht hat! Ich denke da auch an den Unterschied zwischen dem Physik- und dem Mathematik-Studium. De facto geht es um (relativ komplexe) Operationen mit Symbolen, doch während ein Mathematiker die schöne Form seines Idealkonstruktes genießt, will der Physiker die tiefen, inneren Zusammenhänge der Welt im Faustischen Sinne verstehen. Wie schrecklich, wenn er dann auf einmal merkt, dass das doch nur ein paar kleine, lächerliche Vektoradditionen sind, die als Kopplung quantenmechanischer Drehimpulse so viel Zeit geraubt und Kopfzerbrechen beschert haben. Oder auch an einen ehemals treuen Anhänger einer Sekte, der auf einmal merkt, dass seine wundertätigen, Chakren anregenden Heilsteine nichts sind als ein wertloses Mineral. Oder an den Arzt, der einmal Menschen retten wollte, und dann als Halsnasenohrenarzt doch nur den Leuten so manches aus der Nase zieht.
Man kann diese drei Punkte bestimmt zusammenfassen und da denke ich an Worte des Philosophen Seneca: nämlich dass es im Grunde gar nicht so sehr auf Dinge an sich ankommt, sondern vielmehr darauf, wie wir dazu stehen. Es ist wichtig zu entscheiden: wie stehe ich dazu, was bedeutet mir das? Und: wie stehen andere Leute dazu, was bedeutet es ihnen? Genauso darf man nicht außer Acht lassen, was wohl die objektive (sofern es das gibt) Bedeutung ist, was tatsächlich erwartbare Konsequenzen sind. Und vor allem schadet es nie, auch einmal die Perspektive zu wechseln, die eine oder andere Sichtweise zuzulassen und einen persönlichen Mittelweg zu finden.
Peng.
(Ich hatte die Wahl zwischen rot, gelb und blau und habe als Mittelweg grün gesagt. Das war der Ideale Tod.)

Beim Zahnarzt

In den letzten Tagen war ich mal wieder beim Zahnarzt, Kontrolluntersuchung. Der Betrieb in der Zahnarztpraxis, das ganze Flair hat mich ein wenig ins Grübeln gebracht: wo ist die Grenze zwischen Medizin und Wellness, zwischen Bekämpfung von Krankheit und reiner Wellness, zwischen Notwendigkeit und Luxus? Am Empfang vorgesprochen, werde ich gleich mal ins Wartezimmer verwiesen. Da muss ich nun die Entscheidung treffen: lese ich lieber den Focus, die Auto Bild oder die Men’s Health? Alternativ kann ich auch an dem zentral angebrachten Flachbildschirm die Heldentaten meines Zahnarztes bewundern: er war vor Kurzem in einem Entwicklungsland, um dort im Rahmen eines humanitären Einsatzes eine Zahnarztpraxis aufzubauen. Löblich, aber muss man das seinen deutschen Patienten gleich so unter die Nase reiben? Auf der Toilette brennt eine Kerze, richtig heimelig. Dann sitze ich schon auf dem Behandlungstisch. Die nette Zahnarzthelferin (offenbar gibt es hier strikte Richtlinien in Sachen Höchstalter und -gewicht) poliert mir die Zähne und will mir dann gleich noch eine Zahnaufhellung aufnötigen. Wäre natürlich eine kosmetische Sache, aber das ließe sich der Krankenkasse schon als Notwedigkeit unterjubeln. Während ich danach auf den Herrn Doktor warte, lasse ich meine Seele beim Anblick der Gemälde um mich herum und der Australien-Diashow vor mir am nächsten Flachbildschirm baumeln. Als der gute Mann dann da ist, macht er kurz seine Arbeit: schaut in meinen Mund – es wäre da wohl eine Kleinigkeit zu machen, eine abgebrochene Füllung. Dann verschwindet er. Ich genieße zwischendurch die Atmosphäre, da kann man ja richtig entspannen auf dem Zahnarztstuhl (ich lasse ihn noch weiter nach hinten fahren, der Gemütlichkeit halber). Nach zehn Minuten kommt er wieder, er wird doch nicht gleich das Problemchen lösen? Von wegen, jetzt packt er seine nagelneue Zahnkamera aus. Ist schon wirklich wichtig, dass er mir nun am Bildschirm vor mir die frisch aufgenommenen Fotografien meiner Zähne präsentiert. Dieses und jenes sollte man also machen, sehen Sie. In der Zeit hätte man natürlich auch schon das, was zu machen ist, machen können. Aber es ist doch viel besser, wenn ich mich noch ein paar Wochen bis zum nächsten Termin auf die bevorstehende Heldentat des Herrn Doktors in meinem Mund freuen darf. Ich nehme meine Jacke, nicht ohne beim Verlassen noch ein paar Gratis-Mundwasser-Proben einzustecken.

Immanuel

Immanuel

Dezember 2011

„Der Winter kommt noch jedes Jahr früh genug“, dachte sich Immanuel, während er mit seinen robusten, mit Fell überzogenen Stiefeln durch das Unterholz stapfte. Noch war es aber längst noch nicht soweit, die meisten Bäume trugen noch ihr bunt gefärbtes Laub und ließen es nur vereinzelt in die aufziehenden Herbstwinde losziehen. Der Herbst, das war für Immanuel die Zeit, in der er am meisten zu tun hatte. Da galt es, die Vorräte an Feuerholz für den – doch früh genug – kommenden Winter aufzustocken. „Eine elende Plackerei ist das jedes Jahr“, dachte er sich, oder vielleicht murmelte er es auch in seinen mittlerweile ergrauenden ungepflegten Bart. „Doch es hilft nichts. Ich will ja was verkaufen, muss die Leute drunten im Dorf beliefern. Und selber brauch ich ja auch was.“

Immanuel war nun achtundvierzig Jahre alt und, seit er als junger Bub dazu in der Lage war, arbeitete er hier im Schachtholz. Sein Vater war damals der Förster im Schachtholz gewesen und so war es nur der vorbestimmte Lauf der Dinge, dass Immanuel in seine Fußstapfen getreten und in bepelzten Stiefeln dem Vater nachgefolgt war. Immanuels Mutter war damals schon im Siechhaus des Dorfes, erkrankt an einigen bösartigen Geschwulsten, ihrem unausweichlichen Schicksal eilenden Schrittes entgegengegangen. Nicht lange nach dem tragischen Tode der Mutter war aber auch Immanuels Vater bei einem Unfall während der Arbeit im Schachtholz plötzlich ums Leben gekommen, und so hatte Immanuel – gerade erst siebzehn – kurzerhand den Posten des Försters übernommen. All die Jahre über hatte er seitdem abseits des Dorfes in der Forsthütte gelebt und war, mangels ernsthafter Kontakte und weil er durchaus verwildert, ja gar verroht wirkte, unverheiratet geblieben. An das Wunder, dass er sich doch irgendwann binden würde, hatte er seit bestimmt schon einem Jahrzehnt den Glauben verloren. Seine Pflicht, seine Arbeit im Schachtholz, das war im Grunde schon immer sein Leben gewesen und würde es auch immer bleiben, nicht mehr und nicht weniger.

Darüber machte er sich aber keine tieferen Gedanken, wie es ihm ohnehin nicht zu eigen war. Er stapfte, wie es nun eben seine Plicht, sein Los, sein Leben, war murrend durch das Brombeergeflecht im Unterholz dem nächsten zu fällenden Baum entgegen. Morgen würde er dann sein heutiges Tagwerk, bisher sechzehn Bäume, mit dem Gaul über den kaum befestigten Waldweg ins Forsthaus bringen, um es dann zurechtzusägen. Da jetzt  schon langsam der Abend näher rückte und das goldene Laub des Waldes in ebenso goldenes Licht versetzte, hoffte er, zumindest noch einen weiteren Baum zu fällen. Kaum angelangt am markierten, sozusagen zum Tode besiegelten Kandidaten, zog er seine metallen glänzende Axt hervor und begann sein Werk. „Na, du wirst noch, bis es dunkel wird“, brummte er in sich hinein, während er mit seinen kräftig-groben Händen die Axt umgriffen zu tiefen Schlägen ausholte. Es war bloße Routine für Immanuel und, obwohl ihm der Schweiß im Gesichte stand,  kam er gut voran, sodass er schon kurze Zeit später in seinem knarrigen Bass zur Warnung möglicherweise hierher verirrter Wanderer  „Baum fällt!“ ausrief. Dann trat er gekonnt gegen eine bestimmte Stelle des angeschlagenen Baumes – und sie Sache war nach einem kurzen Krachen erledigt.

Während er von dem Stamm ihm zu Füßen die größeren Seitenäste abschlug, bemerkte er, dass nicht nur das Gold der untergehenden Sonne allmählich einem fahlen Dämmerlicht wich, sondern dass auch der im Laub spielende Wind in immer stärkeren Böhen aufbrauste. „Ich hab’s ja gleich“, murmelte er, wie wenn das Anschwellen der Naturkräfte ihn zum Feierabend ermahnt hätte. In der Tat war der gefällte Baum nach wenigen Axtschlägen zum morgigen Abtransport bereit und so konnte Immanuel den Heimweg antreten. Ein paar Schritte musste er durch das stachelige Unterholz, dessen Schatten schon verblassten, stapfen, dann war er auf dem erdigen Waldweg, der hin zur Forsthütte und auch weiter noch bis hinunter ins Dorf führte. „Jetzt hab‘ ich die Lampe nicht mitgenommen“, dachte er sich, denn mittlerweile wäre ein wenig Beleuchtung auf dem düsteren Waldweg durchaus angebracht gewesen. Aber wozu überhaupt? Immanuel wäre der letzte gewesen, der sich in seinem Schachtholz verlaufen würde. Nur lästig war es, durch das Dunkel zu stapfen, genauso lästig, wie der Wind, der ihm kräftig Blätter und Staub ins Gesicht bließ. Er brummelte nur: „Wie schnell man doch die Stimmung ändern kann.“

Durch das Brausen des Windes, durch das wehende Rauschen der Bäume, drangen nun auch aus der Ferne des Dorfes die Glocken zum Abendgebet. Sie ließen, was längst unübersehbar war, nämlich dass die Nacht angebrochen war, auch hörbar werden. Missmutig wegen der Dunkelheit, wegen der kühl wehenden Windböen, erschöpft und verschwitzt von der harten Arbeit schloss Immanuel die hölzerne Tür zur Forsthütte auf. Drinnen war es ebenso duster und der Wind trug, bevor er die Türe schloss, einen Schwarm Laub hinein. „Wieder einen Tag geschafft.“, sagte er sich und legte mit seinen knorrigen Hängen die Axt und seine weiteren Utensilien ab, dann hängte er seinen schweren Mantel auf. Von draußen trug der Wind noch einen Fetzen Glockengeläut bis in die Hütte. Immanuel saß schon an seinem robust-hölzernen Tisch und entzündete das kleine Öllämpchen in dessen Mitte. Auf einmal ergriff ihn Wehmut. Worauf sollte er denn hoffen?