Sehnsucht

Immer, immer zu zieht’s mich fort.
Kann nicht bleiben fest an an einem Ort –
denn dort
– packt mich die Schwermut.

Muss losziehen, weit ins Nirgendwo.
Sehnsucht will in die Weite
und dann noch immer weiter fort,
will bis an den Horizont.
Doch, Ankunft ist versagt: die Erde rund.

Lebe erst beim Reisen.
Mein Ziel im Herzen und
dennoch aussichtlos.
Aber keine Wahl: Reisen oder Schmerzen.
Ja, ja, ich zieh schon los.

Sehnsüchtig, süchtig nach dem Weiter.
Erst rasend über Gleise bin ich heiter,
Dahinter und davor – schon vergessen.
Egal: weiter, weiter!

Flucht nach vorn, Flucht bis zum Horizont.
Davor noch in Städte, an die Küste, ans Meer,
in ferne Länder, über Berge, durch Lüfte!
Flucht auf und hinter den Mond.
Immer weiter, Flucht vor dem Tod.

Doch irgendwann muss ich ja heim,
zurück zur Trübsal in mein Kämmerlein,
denn auch dem Suchen muss ein Ende sein.

Ach, könnt ich doch auch dort, am Schreibtisch, allein,
– auf Reisen sein.

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Bibliothek

Willkommen in der Bibliothek!

Hier redet man mit den Stimmen am Rande der Gesellschaft.
– Am Rande, weil sie alles besser wissen.
– Am Rande, weil sich sonst keiner für sie interessiert.
– Am Rande, weil sie tot sind.
– Am Rande, weil, was sie sagen, besser nur aufgeschrieben wird.
– Am Rande, weil sie dorthin gedrängt wurden.
– Am Rande, weil sie es nur dort aushalten.
– Am Rande, weil sie dort ihre Freunde fanden.
– Am Rande, weil sie einfach dorthin gehören.
(Mehrfachnennungen waren möglich.)

Hier treffen Sie auf die Stimmen all derer, die etwas zu sagen zu haben glaubten, aber im Hintergrund blieben, hier hören Sie, was aus verschlossenen Mündern kam. Hier finden Sie das Gemurmel hinter den Kulissen, die Politik im Abseits, das Leben im Abstrakten, die Ewigkeit des nur Gedachten, eingesperrt im Käfig der Regale.

Willkommen in der Bibliothek, dem Friedhof untoter Meinungen, schüchterner Revolutionäre und halbgarer Entwürfe! Sie finden hier geisterhafte Reliquien des Denkens sowie vergilbte Ruinen und Wracks dennoch verflossener Zeit, von A bis Z.
Übertreten Sie nun den Abgrund in die zweite Welt. Treten Sie ein in die schemenhafte Unterseite der gewohnten Welt.

Beim Verlassen bitte alle Bücher an ihren ordnungsgemäßen Platz zurückstellen, aufwachen und die Augen an das Blendwerk der schnelllebigen gewöhnlichen Welt adaptieren lassen.

Warnhinweis: Betreten auf eigene Gefahr! Etwaige negative Auswirkungen auf Ihr gewöhnliches Leben (Lebensunfähigkeit, Verstoßung durch Gesellschaft, chronische Langeweile in erster Welt, Frustration über durchblickte und dennnoch unveränderliche Gesetze in der ersten Welt, Vernachlässigung sozialer Kontakte, Hautblässe, Rückenbeschwerden, stoffungebundene Abhängigkeit) bei unsachgemäßem oder übermäßigem Besuch nicht auszuschließen. Hilfe erhalten Sie bei den anonymen Akademikern.

Suchtanfänger

Gleißend heller Morgen,
strahlend nach der Nacht.
Optimismus, sorgenfreier,
„Mach was, los geht’s!“ – kurz nach acht.

Ideenreiche Freudenstimmung:
„Alles möglich, alles offen!“

Moment mal,
waren da nicht noch Probleme?
– Süßer Traum zerbricht. –
Stimmt ja, gestern hab ich ja gesoffen.

Schreiberei

Sinn und Zweck der Schreiberei

Was soll sie denn, die Schreiberei?
Gedankenarbeit ist sie, macht aus Nervenbrei,
aus Ja und Nein, aus Ein- und Zweierlei
niedergeschrieben sichtbare Realität.

Das Flüchtig-freie, Unentschiedne,
die Idee, den Schluss, den Plan,
Aufschrei, Plappern, Denkerei
meißelt sie ein, schwarz auf weiß,
zweifelsfrei.