Berlin

Berlin bei Nacht. (Fotografie: Robert Debowski)

Berlin bei Nacht. (Fotografie: Robert Debowski)

Auf dem Heimweg von einem netten sommerlichen Picknick auf einer viel zu trockenen Wiese, es ist schon dunkel. Der Weg zur nächsten S-Bahn-Station führt nur um ein paar Ecken in Mitte. Zu den Füßen eines nichtssagenden Graffiti-Kunstwerks an den zerbröckelnden Backsteinen des über hundertjährigen Bahngebäudes liegt Müll, zum Teil wenigstens in einem grauen Sack, unter Zweigabschnitten. Vorbei an den Touristen, über die Straße und hinein in die S-Bahn-Station. Ein Glück, bisher kein Zusammenstoß mit einem dieser bremsenlosen Fahrradfahrer, die an jeder Stelle in dieser Stadt plötzlich ohne irgendein vorheriges Anzeichen an einem vorbeirauschen. Selbst zu Hause auf dem Klo würde mich so einer nicht mehr wundern. Die Treppen hoch zum Bahnsteig: der käsig-fischige Geruch nach Pisse ist heute besonders dominant. Ich sehe mich um, sehe aber keinen – pardon – Penner, der nun eben ohne Dusche leben muss, in der Nähe, es muss wohl wirklich nur an den gelblich-angetrockneten Pfützen in den Ecken liegen. Zehn Minuten Wartezeit, naja, dann flaniert man halt ein bisschen den Bahnsteig auf und ab. Irgendwie sind es arme Seelen, die jetzt um diese Uhrzeit hier warten, mit ihren blauen Haaren oder löchrigen Hosen, manche mit müden Augen im Handylicht, manche mit schmutzigen Füßen. Während ich überlege, ob ich mich, da ebenso wartend, zu diesen armen Seelen dazurechnen sollte, gerät der Pissegestank langsam in den Hintergrund von Cannabisgeruch. In der S-Bahn schwäbische Abiturienten, man macht noch Party an der Warschauer Straße. Bleibt doch bitte einfach in eurer schwäbischen Kleinstadt und fresst Spätzle, ein gut gemeinter Ratschlag!
Umstieg am Ostkreuz, diesem Nachwende-Technik-Palias, das so gar nicht in das leicht verlotterte, aber natürlich bunte Partygänger- und Hausbesetzer-Viertel hier passt. Wie das feingliedrige Räderwerk einer Schweizer Uhr in der Cordsofaritze in einer Hippie-WG, zwischen Tabakkrümeln. Um einen halb-komatösen Raver mit weißen Plastik-Kopfhörern, absurd, da der Herr an die fünfzig ist, stehen ein paar Frühzwanziger, also Hipster. Soll man was machen, soll man nichts machen? Im Halb-Delirium ist der Kerl ja noch irgendwie ansprechbar, einen Arzt will er, ok, aber das will er vermutlich wöchentlich, wenn er so in seiner nassen Hose daliegt. Vielleicht auch ein Simulant, der nur schmarotzerisch in der Klinik zu einer warmen Dusche kommen möchte. Naja, man muss mal in die S-Bahn. Naja, man ruft mal kurz ’n Krankenwagen. Irgendjemand bleibt doch da, trotz allem. Zehn Ecstasy hat er drin, oder zwanzig, ok, ein bisschen weniger wäre wohl besser gewesen, aber kann ja jedem mal passieren, kennt man ja. „Was hat er,“, fragt einer der Sanitäter, „zu viel Drogen? Das hat hier jeder Dritte.“ Weitermachen können sie gleich bei den englischen Schülern, die ihr schlecht gekautes Falafel auf den Bahnsteig würgen. Oder, Moment mal, das sieht mehr nach Fleisch aus, es war wohl eher Döner. Nun gut, alle sind vorerst mit ihrem wohlverdienten Mindestmaß an Humanität versorgt, weiter also mit der nächsten S-Bahn.
Nach ein paar Stationen dann in den Nachtbus, nachdem man noch am Ende des Bahnsteigs sich einen Wild- oder sagen wir Mauerpinkler zum Vorbild genommen hat. Was soll man machen, man ist schon eine Stunde unterwegs und selbst wenn es Toiletten an dieser Station gäbe, wäre das die hygienischere Variante. Das vorausschauende Fahren des Nachtbusfahrers ist auf einen Prognosezeitraum von einer Sekunde beschränkt, vielleicht hat er eine Kurzgedächtnisstörung. An seinem Stehplatz also immer hin- und her-, vor- und zurückgeworfen, trainiert man jetzt wenigstens sowohl die Armmuskulatur als auch den Gleichgewichtssinn. Studien belegen ja, dass sich Großstädter im Alltag mehr bewegen, ob das da eingerechnet wurde? Ich versuche die begehrlichen Blicke der Tunte am Sitzplatz hinter mir zu ignorieren und versuche mich auf das schnelle, aber lustlose Tippen der Finger einer Teenagerin zu konzentrieren, mit ihren weiß lackierten Plastiknägeln. Aussteigen.
Im Schwindel der plötzlichen Bremsung versuche ich zu erkennen, ob die schmutzigen Gehwege und die beschmierten Häusern diejenigen sind, an die zu kommen ich beabsichtigt hatte. Im Vorbeigehen beobachte ich, wie drei Polen in fleckigen, grauen Jogginghosen einem an der Haltestelle wartenden Fahrgast das Päckchen Zigaretten aus der Hand klauen. Nur eine zu schnorren war dann doch ein bisschen mickrig, so reicht es doch etwas länger. Tja, auf sein Recht pochen und eine halbe Stunde auf den nächsten Bus warten oder zigarettenlos in diesen Bus steigen, die Qual der Wahl. Auf der anderen Seite haben sich zwei Halbstarke mit hochgekrempelten Jeans – macht man das hier noch oder womöglich schon wieder? – gegen das Warten auf den Anschlussbus entschieden und so gehen sie auf den letzten paar Metern bis nach Hause vor mir her. Ein Fuchs huscht über die Straße und die Straßenlöcher und, obwohl gerade erst richtig dunkel geworden, ist schon der allererste Anschein des Morgenanbruchs zu erahnen. Er spiegelt sich im Heckfenster des doch noch gekommenen, aber an der Haltestelle vorbeigefahrenen Anschlussbusses. In der Ferne der vertraute Ton einer beschleunigenden S-Bahn, etwas tiefer als das A einer Stimmgabel. Die Tür hinter mir fällt zu. Gute Nacht, Berlin.

Jamsession

Ein verrückter Abend (18. auf 19. Januar 2014)

Den ganzen Tag schon konnte ich mich kaum auf meine eigentliche Arbeit, die Korrektur, konzentrieren, irgendwie habe ich halt doch momentan viel zu viele Hormone im Blut. Ein bisschen kam ich am Abend dann noch dazu, doch lange hat es mich nicht am Schreibtisch gehalten. Ziemlich spontan habe ich mich dann nämlich entschieden, Papa das Auto abzuluchsen und noch nach München in ein größeres Studentenwohnheim zu fahren, wo eine Schlager-Party angesagt war. Wahrscheinlich fragwürdige Musik, was mir in meiner fiebrigen Feiergier aber egal war, denn ein paar bekannte Leute sollte ich laut Facebook dort treffen, zu Hause in Landshut wäre eh mal wieder fast nichts los und überhaupt habe ich ja nichts zu verlieren.
Ich bin dann tatsächlich so gegen zehn im Auto nach München gesessen, wobei ich momentan ziemlich vorsichtig fahren muss. Der ganze Cocktail von Hormonen in meinem Blut benebelt meinen Verstand und macht mich emotionaler als sonst, ein wenig so, wie wenn man getrunken hat (tatsächlich war ich aber vollkommen nüchtern). Eine gute halbe Stunde später war ich dann auch schon am Ziel angekommen, beim Wohnheim im Münchner Norden, wo ein paar tausend Studenten ihre Interims-Bleibe für das Studium haben. Eine halbe Stunde – das ist in den Dimensionen meiner Kleinstadt eine lange Zeit, wenn man in zehn Minuten vom Stadtrand in die Altstadt geradelt. In München ist es aber fast nichts, ich fahre ja oft an die Technische Hochschule von meinem Wohnheim aus länger als eine halbe Stunde. Absurd, so unterschiedliche Distanzen und doch so vergleichbare Fahrtdauern…
Da stand und lief ich dann also auf einmal alleine in der Großstadt herum und wusste auch nicht so recht, ob meine Feierlaune jetzt nicht schon wieder verflogen wäre und ich, gewissermaßen nach Befriedigung des Triebes, in die Welt hinauszugehen, nicht gleich wieder heimfahren sollte. Der erste Blick in den Feierraum, wo schon einige Leute in Unterhaltungen verwoben waren, enttäuschte mich auch, ja ich fühlte mich ziemlich einsam. Mir fiel dann auch noch auf, dass ich pleite war, und so machte ich erstmal einen längeren Abstecher (ich musste per U-Bahn fahren) zum nächsten Geldautomaten.
Mit gefülltem Geldbeutel ging es dann aber an die Party. Zum Glück sah ich jetzt einige bekannte Gesichter mehr in dem Partyraum als vorher, viele Bekannte aus meinem eigenen Wohnheim waren da, auch ein Mädchen, das wohl ein bisschen in mich verliebt ist (aber ich weiß nicht, ob wir so gut zusammenpassen). Eine ganz nette Runde war das dann, natürlich gut alkoholisiert, aber dementsprechend locker war auch die Stimmung. Nach ein paar Schlucken Bier griff die dann auch auf mich über und ich sang, nur mehr ein wenig gehemmt, bei den Schlagern mit. Eine andere Stadt und doch sind Stimmung und Leute nicht so von dem, was ich am Tag zuvor bei einer Feier mit der Pfarrjugend mitgemacht habe, verschieden.
Ein paar mal seilte ich mich von der eigenen Gruppe ab, einfach, um mich umzusehen – naja, um zu sehen, was die Damenwelt eben sonst noch so zu bieten hat. Ich weiß gar nicht so recht, warum, aber irgendwie trieb es mich nocheinmal (vorher war ich auch dort gewesen) in die Studentenkneipe ein paar Schritte weiter. Wie es der Zufall will, traf ich dort in der alternativen und subkulturellen („street-like“), ein wenig freigeistigen Atmosphäre einen Bekannten aus meinem Stipendium, der Philosophie studiert. Auch ein schlauer Kerl und so haben wir uns eine ganz schöne Zeit miteinander unterhalten.
Die Atmosphäre in dieser Kneipe war vor allem durch die Live-Musik dort geprägt. Eine etwas alternativere Band, mit Akkordeon, Harmonika und viel Percussion, das in etwa schien es mir erst zu sein, bis der Bekannte und ich dann vermuteten und schließlich erfuhren, dass es sich um eine Jamsession handelte. Jeder, der wollte, konnte gerade auf die Bühne gehen. Mich juckte es schon in den Fingern. Nachdem mein Bekannter, der selbst hauptsächlich Posaune als Musikinstrument spielt, kurz weggewesen war, trauten wir uns tatsächlich beide unter die anderen Musiker auf die Bühne.
So etwas verrücktes. Auf einmal sitzt man dann am Klavier und soll drauf losspielen. Der Bassist gab ein paar Hinweise zu den Akkorden (irgendwas mit phrygisch, so zigeunermäßig) und dann ging es los. Erst ein bisschen zu laut, aber dann ganz gut. Ja, nach kurzer Zeit hat es richtig Laune gemacht und, obwohl ein Stück eigentlich immer aus einer gleichbleibenden kurzen Akkordfolge bestand, gab es immer neue Wendungen und Experimente, immer neue Klänge und Melodien. Das schöne an dieser Art zu Musizieren ist auch die vollkommene Ungezwungenheit im Spielen; es kommt einfach aus den Tiefen der Seele hoch und wird dann zum Ton. Mein Bekannter spielte mal Harmonica, dann Gitarre, kurzzeitig Klavier, dann trommelte er auch ein wenig und auch ich wechselte zwischen Klavier, Percussion und am Schluss auch Bass hin und her.
So gegen zwei werden wir eingestiegen sein und mit der Zeit spielte man sich immer mehr in eine Art Extase. So manch ein anderer Mitmusiker mag vielleicht tatsächlich die eine oder andere Substanz, härter als Alkohol oder Nikotin, zu sich genommen haben, aber im Grunde war, wie einer meinte, schon die Musik (an sich) eine Droge. Um vier Uhr waren wir immer noch auf der Bühne und hatten auch immer noch einige Zuhörer, die Kneipe war da noch ganz ordentlich gefüllt. So etwas Absurdes, von der Kleinstadt in das wilde Studentenleben der Großstadt, in die Subkultur und – zumindest gefühlt – in die Künstlerszene, dorthin, wo die Nacht der eigentliche Tag ist.
Der Rhythmus zweier Trommeln umschlung sich, der Bass wummerte im tiefen Grund, das E-Piano tänzelte mit seinem glockenartigen Klang über und auf den anderen, Akkordeon (solange es dabei war) und Harmonika gaben der Stimmung eine norddeutsch-sehnsuchtsvolle Note, die Gitarre lenkte dagegen manchmal in Südlichere Richtung. Manch ein Wetteifer ergab sich, wenn es darum ging, welcher Kerl denn nun besser trommeln könnte oder wer sich im Kampf um ein Instrument oder auch um sozusagen die erste, also die deutlichste Stimme. Dann aber auch gegenseitige Anerkennung, wenn der eine den anderen und der andere den einen in seinem Musizieren aufblühen lässt.
Ich wurde müder, sanfter, und doch war für mich die Stimmung noch immer bunt. Aus dem dunkler, tiefgründig-rationalen Alltag bin ich hier in eine magische (wie bei Hesses Steppenwolf das Theater) Nacht geraten, Lebenslust pur, triebhaft und doch rein, nahe ans Ziel meiner Träume. Auch ein paar verstohlene Blicke zur Pianistin, die jetzt wieder eingestiegen ist. Ich am Bass, sie an den Tasten, ein hin- und her, ein musikalischer Flirt, Annährung emporgehoben in das Reich der Töne. Schüchtern ist sie aber und auch der Verdacht regt sich in meinem Herzen, dass unsere Seelen nicht ganz zueinander passen, dass ich denken muss, wo sie ungezwungen und rein ist.
Die anderen Musiker werden wohl auch langsam müder geworden sein oder meine Aufmerksamkeit viel auf andere Leute und Eindrücke, jedenfalls empfand ich unser Zusammenspiel und unser Zusammensein immer harmonischer. Auch bei dem anderen Pianisten, der jetzt an der Gitarre war, scheint es ähnlich gewesen zu sein, immer reiner, kindlicher und friedlicher wurde die Stimmung, viel weniger konkurrierend als voher. Ja, irgendwie waren wir zumindest eine Zeit lang in einer heiligen Sphäre, am Urgrund des Sein, am innigsten Punkt des Menschseins. Irgendwie war der Moment einfach reines Leben, frei von Sinnfragen und Zweifeln. Ich trommelte da gerade und hinter mir trommelte die Pianistin, noch eine musikalische Begegnung ein Versuch der Harmonie, noch einmal Mann und Frau vereint.
Es war nun aber schon wirklich spät, ein gutes Stück nach vier. Ich machte mich also auf den Heimweg. Ein letzter Blick noch in ihre Augen: wie schön wäre es, ja, aber es wird nichts, ich sehe es wie du. Schön war es trotzdem, dachte ich auf dem Weg zum Parkplatz, der Abend hat mich mal wieder gelehrt, wofür es sich eigentlich zu leben lohnt. Gekostet vom Trunk der Seligkeit, vielleicht sogar mit Tränen in den Augen vor lauter Reinheit der Gefühle, trübte es meine Stimmung kaum, dass es jetzt wieder weitergehen würde, nach Hause durch die dunkle Nacht. Ja, wenn ich jetzt sterben müsste, genau in dieser Nacht, dachte ich, hätte der Tod auch seinen Schrecken für mich verloren. In der gegenwärtigen Glückseligkeit erschien er nur noch als kleines, trübes Detail, ein Notwendigkeit, die einen nichts weiter angeht. Ja, ich weiß, ich muss gehen, ganz weit im Hinterkopf ist das Grauen da, aber es verdirbt mir nicht die Freude des Geliebthaben.
Plötzlich fiel ein roter Fleck auf der Straße in mein Bewusstsein. Könnte Blut sein, dachte ich, sogar noch frisch. Aber bestimmt ist es nur rotgefärbte Eiscreme, auf den Boden getropft aus den Händen des betrunkenen Feiervolkes. Doch da sah ich im Grünstreifen gleich daneben einen toten Hasen liegen. Verrückter Abend…

Ein Sommertag – anthropologische Thermodynamik

Das Regenwetter ist endlich vorbei: mehr als eine Woche hatte es geschüttet und kaum jemand wäre auf die Idee gekommen, das man sich gerade in der richtigen Jahreszeit befindet. November, na gut, März vielleicht auch noch – aber Juni? Jetzt aber, von einem Tag auf den anderen, ist der Sommer da und lässt die Thermometer sich verdächtig der 30°-Marke nähern, während man kaum eine halbe Stunde im Freien verbringen kann ohne einen knallroten Sonnenbrand auf der lichtentwöhnten Haut zu riskieren.

Eine Veränderung der intensiven Zustandsvariablen T, der Temperatur, das riecht nach Thermodynamik und statistischer Physik (nicht abschrecken lassen, so schlimm wird es nicht). Betrachten wir zum Beispiel ein kanonisches Ensemble von N idealen Gasteilchen im Volumen V zunächst bei der Temperatur T1. Die Teilchen bewegen sich irgendwie zufällig durcheinander, durchschnittlich entsprechend der thermischen Energie der Temperatur T1 (sie gehorchen dabei aber der Maxwell-Boltzmann’schen Geschwindigkeits-Verteilung). Heizt man jetzt dieses mikrokanonische Ensemble auf die Temperatur T2 auf, so nimmt es eine zusätzliche Wärmemenge – eine Energie – auf, die sich als kinetische Energie der Teilchen wiederfindet: die Gasteilchen wuseln mit einer höheren durchschnittlichen Geschwindigkeit durcheinander, ihre Bewegung wirkt viel chaotischer.

Sei nun eine heterogene Gruppe von N Menschen aus dem deutschen Raum gegeben. Gestern, am letzten Regentag bei T1, da gingen sie alle noch einigermaßen sinnvollen und seriösen Beschäftigungen nach: Stempeln im Einwohnermeldeamt, Medikamentenverabreichung am Krankenbett, Telefonieren im Büro, Würstedrehen in der Metzgerei, Zeitunglesen im Zug, Erziehung der Kinder in der Schule zu anständigeren Erwachsenen oder Planung von Automobilkleinteilen. Natürlich gab es da gewisse graduelle Unterschiede (nicht unbedingt entsprechend der Maxwell-Boltzmann-Verteilung), aber im großen und ganzen herrschte Ordnung zu einem Geruch nach professionellem grauen Kostüm mit schwarzer Strumpfhose, umzusetzenden rechtwinkligen Arbeitsanweisungen und Dienstvorschriften und Druckertoner auf kaffeebefleckten Datenblättern. Es herrschte Ordnung, denn die Köpfe waren kühl. Der Präfrontalkortex leistete seine Dienste, die Ratio hatte das Sagen, die Triebe, die Fleischeslust, das Es oder wie man es sonst nennen mag waren unter Kontrolle.

Und heute? Da herrscht T2 und die zusätzliche Energie sucht sich ihre Wege. In den Köpfen der Menschen legt sie erst einmal die Vernunft lahm. Arbeit, sei es am Computer, auf Station, im Büro, an der Tafel oder sonst wo wird zur Unmöglichkeit. Die Ratio hat keine Chance gegen die Triebe, die heute, wie eine kochende Flüssigkeit in einem Kochtopf, viel zu stark gegen das Gerüst der Vernunft drücken. Gegen alle größeren oder kleineren Widerstände setzen sie dann durch, was sie wollen: durch die Straßen der Stadt spazieren, aufs Land radeln und danach ein Bierchen trinken, an den Brunnen der Plätze sitzen und Eis essen, der vielen nackten Haut hinterher gaffen und davon ermutigt Anbahnungsversuche unternehmen usw. Kaum etwas hält noch die Ordnung, alles schwirrt durcheinander –  wehe, der Manager aus dem klimatisierten Büro mit dem kühlen Kopf will kurz über die Straße gehen, um sich eine belegtes Brötchen zu holen: unberechenbares Chaos trifft ihn, denn die durcheinander wuselnden Menschenteilchen auf der Straße haben heute mehr kinetische Energie. Nicht einmal zur Kenntnis nehmen sie diesen kühlen statistischen Ausreißer (der dann als zusätzliches Teilchen im strengen Sinne das kanonische Ensemble durcheinander bringt).

Und wenn man im heißen Zug (es muss nicht gleich ein ICE mit Aufguss sein) ein bisschen genauer hinsieht in die Gesichter der flirtenden und scherzenden Menschen, die sich kaum still halten können, so blickt man tatsächlich in glänzende, rollende, aufgeweckte Augen. Der sonst strenge, analytisch-rationale und präfrontale Blick ist diesem Merkmal des puren, lebensfreudig-bacchischen Rausches, ebenso bei erhöhtem Blutalkoholspiegel beobachtbar, gewichen, dem Anzeichen der kurzfristig zurückgewonnenen kindlichen Unbekümmertheit.

Wie sehr könnte ich doch fluchen, bei all der Wärmeenergie die Rolle des statistischen Ausreißers nach unten, zur unbewegten Ordnung hin, spielen zu müssen und scharfsinnig zu schreiben. Wobei, was soll’s – ein paar empathische Kollisionen mit den Frühlingsmenschen und schon hat mich die sonnige Lebenslust vom Computer in den Park beschleunigt. Ha, so gut fühlt sich das also an. Das muss man den Südländern doch lassen, denk ich mir da: auch wenn ihre chronisch überhöhte thermische Energie manch Straßen schmuddelig werden lässt, mach Beschäftigten müßiggängerisch macht und manch Staatsfinanzen hilfeschreiend erröten lässt – das bessere Lebensgefühl haben sie schon.

(Am Schluss überlege ich noch, inwieweit die thermische Energie in meinem eigenen Kopf den Scharfsinn durcheinandergebracht und durch süffisante Ironie ersetzt hat.)

Was Über-Ich, Ich und Es mit einer dunklen Sonnenbrille zu tun haben

Bei meinem kurzen Praktikum in der Psychiatrie hatte ich auch das Vergnügen, mit einer schizophrenen Patientin zu sprechen (das meine ich ernst, denn nett war sie zweifelsohne), die gerade eine depressive Phase durchleben musste und deswegen oft zum Mittagessen kaum aus dem Bett zu bewegen war. Zwei Feststellungen muss ich dazu festhalten:
1. In der Absicht, mein dürftiges Wissen über Depressionen anzuwenden, aber auch, um meinem Drang nach existentiellen Gesprächen gerecht zu werden, begann ich ein „Therapiegespräch“ mit der im Bett liegenden Patientin. Sie meinte, dass sie sich nicht nach draußen bewegen könne, da sie dort von den anderen Patienten für hässlich oder sonst irgendwie minderwertig gehalten werde. Mir war natürlich sofort klar, dass diese miesepeterigen Gedanken der keineswegs hässlichen Patientin vor allem ihrer aktuellen Depression geschuldet waren; dass also die Trübsal in ihrem Geist oder Gehirn sie gerade die schlimmsten Visionen des Aus-dem-Bett-Aufstehens sehen ließen*. Meine „tiefen“ Einsichten wollte ich der Patientin erläutern und ihr gleichzeitig auch durch ein seelsorgerliches Gespräch behilflich sein, deswegen erklärte ich ihr, sie habe eine Art schwarze Sonnenbrille vor ihrem inneren Auge, welche ihr alle Wahrnehmungen in einem negativen Licht erscheinen lassen, und dass es nun bei ihr läge, mit Eigenarbeit die Brille abzunehmen. Dass dies eine schwere Aufgabe sei, sei mir bewusst, ihre Brille sei gleichsam angeklebt, aber dabei würde ihr sämtliches therapeutische Personal behilflich sein. Relativ bald hatte die Patientin verstanden, was ich meinte.
Tatsächlich hat sie natürlich in ihrem Kopf keine dunkle Sonnenbrille, ebenso wenig wie diese festgeklebt ist, es handelt sich nur – wer hätte das gedacht – um modellhafte Vorstellungen, die die Einsicht in das in diesem Fall gestörte psychische Erleben der Patientin erleichtern. Dass, geht man auf wissenschaftlichere Ebene, die Sache natürlich weitaus komplexer ist, dass verschiedene Neurotransmitter, genetische Prädisposition oder die Biografie eine Rolle spielen, dürfte klar sein. Der Vorteil des Brillenmodells liegt aber in der Einfachheit, denn gerade einfache Modelle lassen sich leicht einprägen und leicht als Richtlinie des Handelns anwenden (vergleiche „Rechts-vor-links“, zehn Gebote oder die – möglicherweise veraltete – ABC-Regel der Ersthilfe). Ähnlich verhält es sich mit dem Modell von Freud, dass sich das psychische Erleben des Menschen als Dynamik von Über-Ich, Ich und Es verstehen lässt. Es ist einprägsam und eingängig, irgendwie intuitiv verständlich (denn es kommt von einem Menschen und ist so anderen Menschen leicht zugänglich) und man kann damit das eine oder andere psychische Problem therapeutisch angehen. Dennoch, und das gilt für die gesamte Psychoanalyse, sollte man sich dessen bewusst sein, dass es nur furchtbar vereinfachte Denkmodelle für den psychiatrischen Alltagsgebrauch sind, keineswegs aber Enthüllungen à la Weltformel der menschlichen Psyche, die alles psychische Erleben auf wenige Variablen zusammenfasst. Interessante Anregungen mag sie gegeben haben an das allgemeine Geistesleben des Menschen, aber eben nur zweckentfremdet als provokative Ideologie.
2. Lange Rede, kurzer Sinn. Wohl zwanzig Minuten habe ich junger Mann der etwa Sechzigjährigen mit dem Depressionsmodell geschmeichelt, immer wieder an sie hin geredet und sie wie ein rohes Ei behandelt (ich war dabei aber eher natürlich), was ihr offenbar sehr gefiel. Erst dann war sie langsam dazu bereit, sich aufzusetzen, dann immerhin aufzustehen und schließlich sogar mit zum Essen zu gehen – eine ganz schwere Geburt. Ärgerlich ob meiner zeitverschwenderisch-sinnlosen Therapieversuche wurde ich dann aber tags drauf, als die Patientin wieder nicht zum Mittagessen aus ihrem Bett hochkam. Dieses Mal war es mir zu aufwendig, wieder groß mit allen philosophischen und psychiatrischen Künsten an sie hin zu reden – ich holte kurzerhand einen der Krankenpfleger zur Hilfe. Und was sah ich da? Er sagte einfach-bodenständig „Kommen Sie, na los!“, nahm sie an der Hand, sie rappelte sich auf und ging mit ihm zum Mittagessen. So einfach ist das also; das ganze theoretische Brimborium kann man meistens vergessen und stattdessen (sogenannten) gesunden Menschenverstand walten lassen. Eine Lehre muss das sein für all die Psychologen, Psychiater, Therapeuten, Priester und Philosophen: mehr als ihre hochgeistig-schmeichelnden Worte nutzt den Patienten oft das einfache Alltagsleben und der Kontakt mit den Alltagsmenschen. Eine Ermunterung natürlich auch an die „Normalen“: einfach mal ein bisschen Alltag in die Anstalt tragen und dadurch der hermetischen Verschanzung, zauberberg-artig, der psychisch Kranken vorbeugen. Die beißen nicht (die, die schon beißen, bekommt man nicht zu Gesicht). Im Übrigen ein christlicher Gedanke, die gesellschaftlichen Außenseiter ins gewöhnliche Leben zu re-integrieren, was natürlich die Pflicht der Gewöhnlichen ist. Auch wenn christliche, vielleicht sogar ganz allgemein religiöse Ansichten manchen doch selber gottgleichen Psychiatern fremd oder unangenehm sein mögen, in die Praxis umgesetzt als bodenständige und pragmatische Menschenliebe scheinen sie weit mehr zu nutzen als religionskritische Psychoanalyse.

* Das entspricht dann auch wieder der Theorie „Man sieht und denkt, was gerade zur Gefühlslage passt“ oder „Denken und Fühlen sind eng miteinander verwurschtelt“.

Komplexitätsüberranntheit und moralische Zweifel

Gestern habe ich ein paar Berechnungen für einen Seminarvortrag in der theoretischen Biomolekülphysik am Institut durchgeführt. Ich muss sagen, das hat mir mental mal wieder die Kante gegeben, denn es war ziemlich anstrengend. Mit einer bestimmten Quantenchemie-Software konnte ich einzelne Moleküle simulieren, darunter auch ein Biomolekül. Mir wurde erst jetzt so richtig bewusst, worin in der Anwendung der Quantenmechanik hier eigentlich der Hund begraben ist: es geht darum ein Vielteilchensystem irgendwie mathematisch in den Grifff zu bekommen. Ganz ähnlich einem Planetensystem mit schweren Sonnen (dh. Kernen) in der Mitte und leichten Planeten (Elektronen) außenherum, deren Bewegung allerdings nur statistisch beschrieben werden kann (oder innerhalb der Quantenmechanik zumindest so beschrieben wird) und wo alles mit allem irgendwie wechselwirkt. Klar, dass da mathematischer Aufwand betrieben werden muss, wenn man schon die Nuss des Dreikörperpoblems nurmehr numerisch knacken kann.

Man analysiert dann die Bewegung der Elektronen im betreffenden Molekül nach ihren räumlichen „Eigenschwingungen“, also nach Orbitalen, das heißt, nach typischen Formen des Elektronenaufenthaltes. Es ergibt sich dann, dass das betrachtete System ein bisschen von der einen Eigenschwingung enthält, auch aber eine Mischung von dieser und jener anderen, dazu aber auch noch ein wenig von etwas anderem. Das mag sich nach Alchemie anhören (immerhin ist es Chemie), doch zumindest rein rechnerisch wird man solchen Systemen damit Herr. Das Verständnis erleichtert diese Vorgehensweise aber nur bedingt. Ausschlaggebend ist dafür eine adäquate Wahl der Basis, das heißt die Einteilung in Kategorien, nach denen man das System analysiert, die Beschriftung der Schubladen, in die die Daten einsortiert werden (wobei manche Daten in mehrere Schubladen kommen können). Es ist, wie wenn man eine Suppe nach Zutaten (das wäre eine verständnisfördernde und zum Nachkochen geeignete Basis) oder nach Atomsorten (z.B.  60 % Wasserstoff, 25 % Sauerstoff usw., sprich eine unpraktische Basis) analysiert. Oder, wie wenn man ein komplexes Orchesterwerk nach Instrumenten und deren Melodien analysieren kann  (das wäre es, was ein Musikwissenschaftler zum Verständnis braucht), aber auch rein technisch nach Amplituden bei bestimmten Frequenzen (das nutzt dem Musikwissenschafler, der villeicht komponieren möchte wenig, dafür aber einem Toningenieur, der für die Abmischung und das Brennen auf CD zuständig ist). Auch in der psychologischen Forschung geht man oftmals ähnlich vor, wenn man (wie im berühmt-berüchtigeten Kinsey-Report) mittels einer Hauptkomponentenanalyse aus vielschichtigen Daten aus Fragebögen z.B. wichtige Faktoren als Voraussetzung zur Entwicklung eines bestimmten psychischen Merkmals von unwichtigen trennt, genau so wie wenn man wichtige von unwichtigen Eigenschwigungen, wichtige von unwichtigen Zutaten, wichtige von unwichtigen Instrumenten trennt.

Dieses allgemeine Vorgehen ist also eine statistische Methode, die in vielen Bereichen der empirischen Forschung Verwendung findet. Die Neuroinformatik, die allgemeine mathematische und abstrakte Prinzipien aus physioligischen Befunden der Funktionsweise von Gehirnen ableitet, zeigt sogar, dass dieses Einsortieren in wichtige und weniger wichtige Kategorien in der Struktur des Nervennetzes selbst steckt. Wenn also zum Beispiel unser Gehirn visuelle Reize verarbeitet, so führt es eine Musteranalyse durch, das heißt, es erkennt wichtige und weniger wichtige Muster in dem wahrgenommenen Bild (entsprechend der Suppenzutaten, Eigenschwingungen und Entwicklungsfaktoren). Im Grunde nicht verwunderlich, dass wir mit diesem Werkzeug der statistischen Analyse in der Wissenschaft arbeiten, wenn es sozusagen schon in unserem Gehirn steckt. Die mathematische Anwendung dieses Prinzips ist also wohl ein Abbild dessen, wie wir denken, eine kristallierste und formalisierte Methodik, ureigen unserem Denkorgan.

Biomoleküle – jedenfalls auch ein denkbar komplexes System, das mich an alte Strategiespiele wie Anno oder SimCity aus meiner Kindheit erinnerte. Mein Eindruck ist, dass man da ungeheuer viel Gedankenschmalz (und damit auch Zeit) hineinstecken kann. Ist es das aber wert?

Wenn ich daran denke, dass Forschungen in diesem Gebiet beispielsweise den Weg für Entdeckungen ebnen könnten, um gewisse Krankheiten (z. B. Alzheimer, Kreutzfeld-Jakob) besser therapieren zu können, muss ich sagen: ja, das ist Zeit und Arbeit wert, denn es ist ein wahrer Fortschritt der Menschheit. Andererseits habe ich auch Bedenken, dass die Erkenntnisse dieser Disziplin missbraucht werden können, z.B. zu kriegerischen Zwecken oder dass ganze Ökosysteme mit fehlerhafter DNA verseucht werden.

Es ist also bei Forschungen in diesem Bereich unbedingt Wert darauf zu legen, auch die Konsequenzen der Erkenntnisse mitzubedenken, also auch ethisch-moralisch oder „nachhaltig“ (im Sinne von Hans Jonas‘ Prinzip der Verantwortung) zu denken, was natürlich für den oftmals verspielt-menschenunerfahrenen Physiker durchaus eine Herausforderung sein mag. Als Präzedenzfall oder als Archetypus (im Jung’schen Sinn) kommt mir der Mythos von Prometheus, dem Vordenker, in den Sinn. Er gab den Menschen das Feuer und stiftete so Kultur, in dem er den Menschen die Nahrungszubereitung erleichterte und sie mit einer Licht- und Wärmequelle ausstattete. Gleichzeitig war er so aber auch Anlass und somit mitverantwortlich dafür, dass allerlei Übel aus der Büchse der Pandora unter die Menschen kamen.

Ein neues Werkzeug, neue Erkenntnisse, neue Methoden sind also stets ein zweischneidiges Schwert. In der richtigen Hand und mit der richtigen Vor-sicht nützen sie viel; in falschen Händen dagegen droht immenser Schaden (man denke nur an die Atombombe).

Gerade in der biologischen Grundlagenforschung muss also immer wieder an diese unumgängliche Vorsicht appelliert werden. Man spielt dort nicht einfach – wie vielleicht ein reiner Mathematiker – mit Bausteinen, sondern geht einer komplexen und hoch verantwortungsvollen Tätigkeit nach. Diese Verantwortung kann es natürlich auch erfordern, dass gewisse Erkenntnisse verschwiegen und verworfen werden, wenn nach rechtem Ermessen negative Konsequenzen die positiven erwartbarerweise überwiegen oder sie gar im Ganzen nicht hinnehmbar sind.

Vielleicht wäre auch in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen als der Medizin (nach Planck der Urmutter der Naturwissenschaft, neben der Astronomie) ein hippokratischer Eid angebracht, eine Verpflichtung, sich nur für Forschung einzusetzen, die zum Nutzen der Menschheit dient. Ich denke, dass dieser Eid in den reinen Naturwissenschaften, den Grundlagenfächern, sogar noch mehr erforderlich wäre, da dort im Alltag die menschliche Gesellschaft, für die man ja forscht, also der Adressat der Bestrebungen und Bemühungen, viel zu oft aus den Augen und in den Hintergrund des Egoismus des Genies gerät.

Ewiges Glück

Da fuhr ich gerade durch eine dieser Neubausiedlungen. Kleines, trautes Bürgerglück, die Doppelhaushälfte in Wunschfarbe, umgeben von ein paar Quadratmetern englischen Rasens. Irgendwo die gemütliche Terrasse mit gusseisernen Gartenmöbeln im italienischen Stil, daneben ranken sich die Rosen – wie aus dem Katalog. Schauplatz des kleinen Familienglückes: für Mama, Papa, die zwei, drei fröhlichen Kinder. Reihe an Reihe stehen so die Häuser, eins um das andere. Ein jedes auf seine Weise gestaltet und doch tanzt keines aus der Reihe. Ein bisschen Individualität darf man sich herausnehmen, aber bloß nicht zu viel: was sagen denn da die Nachbarn? Eine Fahrt durch die kleinbürgerliche Utopie der immer heilen Welt, Sonnenschein auf saubergeschnittenen Hecken.

Der Weg führte mich weiter, hinauf zum Friedhof unterhalb der Kirche. Natürlich, das Glück ist ja kein ewiges, die größte Unerhörtheit ist ja noch nicht abgeschafft. Vom Kirchenhügel herab, so scheint es mir, mahnt der Friedhof, die Flüchtigkeit der ruhigen, heilen Doppelhausidylle nicht zu unterschätzen, er weist hin auf die unumgängliche Entartung des Körperlichen.

Von wegen! Ein Blick über die Friedhofsmauer belehrt mich eines besseren. Da stehen sie, die Grabsteine, Seite an Seite. Darunter liegen sie, alle drei Meter einer, Müllers neben Meiers. Ein jeder Grabstein ist individuell gestaltet, mal mit gemeißelten, mal mit gusseisernen Lettern, solange er nicht zu sehr von der Normgröße abweicht. Davor Blumen, Akelei, Chrysanthemen, Veilchen, Lilien, ganz akkurat angelegt und keinesfalls ungepflegt: was denken sonst die Nachbarn?

Da liegen sie nun, Seite an Seite, in ihrer Doppelgrabhälfte. Nicht einmal der Tod vermag es, das kleine, traute Bürgerglück zu stören.

Die Alten

17. 9. 2012

Während meiner bisher kurzen Zeit im Krankenhaus als Praktikant habe ich doch schon einen besseren Eindruck von der sogenannten „umgekehrten Alterspyramide“ gewonnen. Ein ungeheurer Haufen alter Leute tummelt sich da, böse formuliert, um dem Herrgott oder dem Schicksal oder was weiß ich noch ein paar Jährchen, vielleicht auch nur ein paar Monate abzuluchsen. Vielleicht ist es aber auch oft anders, dass es die Verwandten, die Kinder, Geschwister, Enkel, Gatten sind, die lieber noch ihre Trauer eine gewisse Zeit mittels technisch-medizinischer Lösungen nach hinten verschieben möchten.
Jedenfalls zeigt sich frappierend, wie sehr mit zunehmenden Alter die Schere auseinander geht: es gibt 75-Jährige, die schon total weg sind, die sich blöd gesoffen haben oder dement sind, und es gibt rüstige über 90-Jährige, die kaum Unterstützung brauchen.
Jeder sehnt sich nach einem langen Leben und sehnt sich vor allem nach einem langen Leben in Gesundheit. Natürlicherweise stellt sich da die Frage: was macht es aus, dass es mit den einen so bald schon bergab geht und die anderen dagegen viel länger halbwegs frisch bleiben? Zuerst kann man die entscheidende Rolle genetischer Disposition nicht verneinen: es scheint einfach verschiedene „Alterstypen“ zu geben, die zusagen in der Familie liegen. Als zweites kommen die Lebensumstände dazu: gab es ausreichend Nahrung, wie viel Alkohol und Tabak wurde konsumiert, war man beruflich bedingt einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt und so weiter.
Ein dritter Aspekt scheint mir aber mehr mit der Mentalität der Leute zusammenzuhängen: lassen sie sich hängen oder bleiben sie am Ball? Es kommt immer wieder vor, dass Menschen gleich beim Eintritt in die Rente abschlaffen, an Aktivität einbüßen, den Lebensmut verlieren und dann auch schneller krank werden oder sterben. Kein Wunder, was sollen sie auch leben, wenn sie nicht gebraucht werden. Vielen alten Leuten – man braucht nur auf der Straße statt unbewusst weg- bewusst hinzusehen – ist die Altersdepression ins Gesicht geschrieben. Und das oft, obwohl sie körperlich noch soweit fit wären. Andere arbeiten weiter, zum Beispiel weil sie einen Familienbetrieb haben, sich in der Rente in einem ehrenamtlichen Verein engagieren oder für Enkelkinder zu sorgen haben. Sie werden gebraucht und das hält sie auf Trab.
Die Deutschen werden immer älter und es gibt immer mehr Ältere. Ist es dann überhaupt vertretbar, ein fixes Rentenalter festzulegen? Nimmt man denn so nicht gerade den gesunden Älteren krass formuliert den Sinn ihres Daseins, schneidet man da nicht ihre Aorta an, reist man da nicht die Wurzeln eines gut gewachsenen Baumes aus? Mit 67 in Rente und dann kommen noch zwanzig Jahre Arbeitslosigkeit? Warum nicht ab z. B. 62 regelmäßige medizinische Gutachten, sodass – wenn möglich und gewünscht – z. B. bis 75 weitergearbeitet wird?
Vielleicht ist es aber auch weniger eine Sache, die man politisch anzugehen hat. Vielmehr muss man den Menschen vor Beginn der Rente geradezu einbläuen, dass sie sich jetzt um andere Aufgaben kümmern müssen. Dass es jetzt ihre gesellschaftliche Pflicht ist, für die Enkelkinder zu sorgen oder vielleicht für die Generation vor ihnen. Dass ihre Kräfte noch in unzähligen ehrenamtlichen Vereinen oder in der Kirche oder der Lokalpolitik benötigt werden. Dass sie es auch selbst in der Hand haben, ob sie sich gleich aus der Gesellschaft zurückziehen und schön langsam alleine ihrem Ende entgegen vegetieren oder ob sie noch einmal zeigen, was sie auch jetzt noch geben können.
Die Menschheit ist von Natur aus so gemacht, dass sie Menschen jeden Alters braucht. Die Jüngeren dürfen nicht darauf verzichten, die Ratschläge der Älteren zu hören, die doch so viel mehr schon durchgemacht haben als sie selbst, auch wenn die Alten manchmal schrullig werden oder die Ratschläge unangenehm sind. Sie dürfen die Älteren nicht um ihre Aufgabe bringen, die Alten dürfen sich ihre Aufgabe aber auch nicht nehmen lassen!
Doch was ist mit der anderen Problematik: mit Demenz? Der restliche menschliche Körper funktioniert oft noch einwandfrei, doch das Gehirn oder der Geist (mens) lösen sich schon auf. In einem fortgeschrittenem Stadium sind die Patienten bettlägerig und erwecken – da man die Person, die man früher in ein – und demselben Körper zu begegnen gewohnt war, nun nicht mehr antrifft – traurigerweise den Eindruck lebendiger Leichen. Eine furchtbare Situation, für die Angehörigen, für die Pflegenden, für die behandelnden Ärzte. Ob sie auch für einen Patienten in diesem Stadium furchtbar ist – wer mag das schon zu beurteilen?
Was ist ethisch in einem derartigen Fall geboten? Warum schläfert ein Tierarzt die verendende Katze ein, warum geht das bei Mitmenschen nicht? Egoismus der Rasse, Humanität? Darf man einen Menschen, der als Person (vermutlich) sowieso schon weg ist, einfach gehen lassen, indem man ihm keine Nahrung mehr gibt und – außer schmerzstillender – keine Medikamente mehr verabreicht? Würde man da nicht das Recht auf Leben des betreffenden Menschen beschneiden? Wer weiß denn schon, ob dieser Mensch nicht noch gerne lebt, ähnlich wie ein Baby gerne in seinem Bettchen liegt, ohne dass es dabei Bewusstsein hat? Außerdem wären die Konsequenzen dieses erlaubten Gehenlassens für Schwerstbehinderte oder Wachkomapatienten jüngeren Alters fatal – letal.
Um kurz auf eine abstraktere Ebene zu gehen: hier treffen zwei unterschiedliche Denkweisen aufeinander (meiner Meinung nach das Grundproblem bei der Gesetzgebung*), nämlich die problemlösende Logik, mathematisch und knallhart, und die Humanität, gefühlsmäßig und fürsorglich. Logisch betrachtet, ist der Lebensweg eines dementen Patienten in diesem Alter einfach zu Ende, da gibt es nichts mehr zu holen und die Kosten und Mühen zur Pflege kann man sich sparen zugunsten eines sanften Todes. Auf der anderen, humanen Ebene fühlt man als Mensch eben mit dem anderen Menschen mit und hat innerlich Skrupel, bewusst das Ende dessen Existenz in Kauf zu nehmen.
Meiner Meinung nach darf man nur mit der zweiten Denkweise, mit der humanen, inhärent menschlichen, in derartigen Fällen urteilen und zwar in jedem Einzelfall neu. Es ist doch so schwierig, das angeborene menschliche Moralempfinden in logische Texte zu gießen. Es geht um innermenschliche Probleme, also muss auch dem innermenschlich-humanen Denken der Vorrang gegeben werden.
Warum pflegt man also die Dementen, gibt ihnen bis zuletzt zu essen und zu trinken? Warum tut der Mensch so etwas Unsinniges, sogar evolutionsbiologisch unsinnig, da sich Alte ja im Allgemeinen nicht mehr fortpflanzen? Weil wir Menschen sind, weil wir die Last und Gabe des Mitleids in uns tragen.

*) Jura hat für mich auch wieder einmal eine große Ähnlichkeit zum Komponieren. Der Komponist gießt seine Emotionen, sein grundmenschliches und triviales Empfinden in ein musikalisches Gerüst und ganz genauso versucht die Gesetzgebung das grundmenschliche Empfinden von rechtem und unrechtem Handeln in ein logisches Paragraphengerüst zu fassen.
D.h. Übersetzung vom humanen in das logische Denken.