Komm mit mir

Nachts ist es schon wieder und ich bin alleine unterwegs. Zur Linken und Rechten des Weges dunkle Bäume, kühler jetzt die Luft als an den vergangenen paar Sommertagen. Sogar ein wenig silbriger Nebel steigt aus den feuchten Wiesen, die sich auf der einen Seite des Weges entlang eines kleinen Baches ziehen. Nach den letzten, geradezu ekstatischen Sommernächten scheinen mir nun auch die Grillen und die Frösche eine Erholungspause nötig zu haben.
Alleine bin ich unterwegs, auf dem Heimweg von einer netten Gesellschaft, von Freunden, die mich doch nur kurz von meiner Einsamkeit ablenken konnten. Die Natur jetzt in der nächtlichen feuchten Kühle – was unterscheidet sie schon von den tiefen Gedanken, von der Technik und der Wissenschaft, denen ich mich verschrieben habe? Genauso menschenleer, genauso alleine kämpfe ich mich dort in der Grübelwelt fort wie jetzt hier, auf dem Weg. Wäre es ein Sommertag gewesen, tiefe Gefühle hätten mich auf dem einsamen Heimweg, weiter in die Einsamkeit zu Hause, aufgewühlt, doch heute ist es eher eine Art Gefühlsleere, keine Gleichgültigkeit, aber auch kein großer innerer Kampf gegen die unvermeidliche Heimkehr, hin zu meinem Schreibtischleben.
Als ich so vor mich hintrotte, tritt mir auf einmal eine Gestalt ins Blickfeld. Ohne sich von mir groß stören zu lassen, geht da ein junger Mann, Anfang zwanzig, freudigen Schrittes an mir vorbei, seinen frohen Blick nur kurz mir zugewandt, wie zu einem Gruß. Ein Wandersmann, leise singend, mit Wanderstock, Hut, Weste und einem roten Halstuch. Anmutig und unbeirrt geht er seinen fröhlichen Weg weiter, weg vom meinem Weg, hinüber zu den Wiesen und in Richtung des Baches; der Tritt seiner rundlichen Stiefel ist stark und weich zugleich. Wie ein prächtiger Hengst, wie ein reich geschmückter Bulle, auf der Höhe seiner selbst und in reiner Freude über seine eigene Schönheit geht er so dahin ins Dunkle.
Nicht sofort kehren meine Tiefsinnigkeiten nach dieser unwirklichen Begegnung wieder, wie im Schweife eines Kometen war ich noch im Nachhinein belebt und meine Versteinerung war unterbrochen. Wie rein, wie heilig dieser war, man kann es ihm nicht verübeln. Sicherlich, so dachte ich, zieht er so frohgemut in das nächste Wirtshaus, zum Weingenuss bei rotbackigen Mädchen, oder er kommt von da. Ach ja, du weckst hübsche Bilder in mir, ich will es dir danken auf meinem dunklen Weg!
Doch, schon auf der kleinen, hölzernen Brücke über dem leise rauschenden Bächlein angelangt, da dreht er sich nochmal um und blickt mich mit seinen großen, braunen Augen aus seinem fast noch kindlichen, gleichmäßig geformten Gesicht an. „Komm mit mir!“, so sagt er. Er sagt es ganz leise, flehentlich und sehnsuchtsvoll, und doch in keinster Weise in seinem Frohsinn getrübt, und ich höre es nur, weil er mir jetzt eigentlich direkt gegenüber steht und nicht dort drüben bei der Brücke. „Komm mit mir! Wo ich bin, da ist es schön, du weißt es, du warst doch auch schon dort!“ Ich spüre, wie bei diesen Worten eine eigenartig liebevolle Kraft des gewaltigen Begehrens, die mich mit ihm mit, ja noch mehr zu ihm hin ziehen möchte, von ihm ausströmt.
„Ja, ich weiß“, sage ich ihm, „ewige, kindliche Freude! Sinnenfreuden, und doch voller Heiligkeit. Wie gern käme ich mit, wie gern käme ich dorthin zurück, aber ich war dem wirklichen Ziel schon so nahe, musst du wissen, ich habe das wahre Ziel schon gefühlt, ich kenne es schon. Keine Frage, ich muss jetzt viel mehr durchs Dunkel, immer wieder, aber das ist richtiger so für mich, das ist wahrer; es ist wie in einem Gesetz geschrieben, es muss so sein!“

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