Wir-Gefühl

Hat man gerade die alltwöchentliche Sonntagabend-Diskussion im Ersten mitverfolgt, bei der es um die finanziellen Nöte Griechenlands ging, so war doch zunächst diese durchgehende Überlegenheit in den deutschen Gesichtern zu sehen. „Haha, wir haben es wirtschaftlich drauf und ihr nicht. Wir sind nett zu euch, und ihr spottet auch noch, ts, ts, ts.“ Der griechische Finanzminister, mag man ihn nun sympathisch finden oder nicht, mag man Verständnis für seinen undankbaren Job haben oder nicht, sah dagegen ziemlich bedröppelt drein, es schien, als brodelte es in ihm ein wenig bei diesen ach so klugen Deutschen.
Interessant ersteinmal, wie sehr man sich da mit der eigenen Gruppe identifiziert, wie man also als Deutscher sich gleich auch – und das eher unterbewusst – auf die Seite der deutschen Studiogäste stellt, auch wenn man selbst weder nennenswerte Beiträge an dem ausgelegten Geld hat noch das Fehlen dieses Geldes Konsequenzen für das eigene Leben nach sich ziehen würde. Auch die Studiogäste und das Publikum halten weitestgehend zusammen, lassen die Differenzen der verschiedenen Meinungen eher in den Hintergrund treten und sind geeint im Wir-Gefühl der Überlegenheit gegenüber der Fremdgruppe der Griechen. Man könnte fast sagen, der gemeinsame „Feind“ des provokativen griechischen Finanzministers würde sie einen.
Geschickt dann eigentlich die rhetorische Taktik des griechischen Finanzministers, das Wir-Gefühl von der Ebene der Nationalstaaten auf ganz Europa auszuweiten. Die Griechen, gerade noch diese uneinsichigen Schuldner von uns Deutschen, die lieber das ganze Jahr über Mittelmehrurlaub genießen als einen ordentlichen Bürokratiestaat zu führen – durch ein paar Worte werden diese Griechen in unseren Köpfen dann auf einmal auch zum „Wir“ – wir alle sind doch Europäer. Schon entwickelt sich mehr Mitgefühl mit unseren europoäischen Mitbürgern in einer unglücklicherweise strukturschwachen Region.
So gedacht sollte das „Wir“ eigentlich viel öfter ausgenutzt werden, wenn beispielsweise ein Teil von uns friedliebenden Zivilisten durch Terroristen bedroht wird oder ein Teil von uns Menschen von Naturkatastrophen heimgesucht wird. Durch ein trickhaftes Ausnutzen unserer menschlichen Psychologie könnten wir Menschen also zu größerer Humanität kommen.
Interessant dann allerdings auch, als die Diskussion zum Thema der Reparationsforderungen Griechenlands überschwenkt und so die Verbrechen der Deutschen zur Zeit der Nazi-Diktatur in Griechenland berührt. Ziemlich schnell weicht da das überlegene Grinsen auf unseren deutschen Gesichtern einem ziemlich düsteren Blick – der wunde Punkt der Kollektivschuld an den Nazi-Verbrechen wurde berührt, wenngleich (mittlerweile) kaum einen der im Studio Anwesenden und der vor dem Fernseher sitzenden Zuschauer eine persönliche Schuld trifft. Wie sich alle Deutschen im positiven Sinne mit der florierenden Wirtschaft identifizieren, so tun sie es auch in der Frage der Schuld – es ist da doch in den Seelen aller Deutschen dieser dunkle Bereich, der in diesem Fall ja auch in die Richtung einer Bringschuld gegenüber den Griechen weist. (Interessant eigentlich auch, dass die Deutschen diese mittlerweile weitestgehend nur noch abstrakte, „vererbte“ und doch zur Wiedergutmachung mahnende Kollektivschuld deutlich vom ungebrochenen Winner-Face der Amerikaner unterscheidet.) Bemerkenswert dann aber, dass die Kollektivschuld von uns Deutschen dann auch gleich wieder in die Fremdgruppe der bösen Nazis ausgelagert werden kann.
Die Lehren also, wenn man durch die psychologische Brille ferngesehen hat: wie sehr ein paar Worte das Denken über Feindschaft und Freundschaft, über Misstrauen und Solidarität, verändern können, indem sie den Horizont des Zugehörigkeitsgefühls verändern; wie sehr ein übergeorndetes Wir-Gefühl Unterschiede auf untergeordneten Ebenen in den Hintergrund treten lässt; und wie sehr sich psychische Komplexe über das einzelne Individuum hinaus erstrecken können und dann auch durch politische Rhetorik adressiert werden können.

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