Lieber Kühle

Oh, wie ich diese Jahreszeit hasse, wenn sich der Winter dem Ende zuneigt und der Frühling anbricht, diese Zeit zwischen Ende Februar und Mitte April. Der Schnee taut weg in der verlockend und spöttisch hellen Sonne, zurück bleibt ein schmutziger Haufen aus Kies und Hundekot, alles ist voll gleißendem Staub. Die Natur ist noch nicht wirklich aufgestanden, sie lacht aber schon aus ihrem Gitterbett mit ihrer Energie: „Gleich tu‘ ich’s, ich hab schon Kraft!“. Sie ist ein freches Kleinkind, das dann aus seinem Kinderwagen grinst, da es weiß, dass es eigentlich schon laufen kann.
Noch ein paar kühle, dunkle Nächte gibt es zu genießen, ein kleiner Nachklang kommt noch jener nüchternen, ruhigen, gemütlichen Abende am Schreibtisch bei Tee, als draußen noch stille die Schneeflocken myriardenhaft rieselten.
Doch der ganze Trotz nützt nichts, schon regen sich die ersten jungen Triebe, durchbrechen die Vernunft. Eine seltsame, unkontrollierbare Energie liegt in der Luft, aufmunternd zu großen Taten, zum Durchsegeln der Weltmeere, Bezwingen von Gipfeln, Ausreißen von Bäumen – zur großen Treibjagd. Oh ein Rausch hervorsprudelnder triebhafter Unvernunft, übermütig, und doch höchst zweifelhaft, brüchig und labil. Wohin mit der ganzen Energie – ist doch keiner da, den das juckt, alles lächerlich!
Alles läuft wieder los, der ganze Taumel, ein überbordend Seiltanz von barocker, vollblumiger und dekadent-fleischiger Uneleganz, jede Sekunde schon im Absturz ins ewige Ende. Sprießend-glitschige Keime der kadaverhaften Wurzeln dringen hervor in den hinwegtauenden Schneematsch, „Wir sind wieder da!“, rufen sie, von wegen eisige Starre für immer. Die Luft, durchsetzt von einem verlockenden Duft baldiger Blüte, tatsächlich aber Gestank fauler Erde. Und wieder das Gerufe: „Der Tod ist gewiss, aber vorher sprießen wir nochmal wie wild, ziehen alles in den warmen Dreck, Ruhe, Vernunft, alles rechte Maß, die edle Gesinnung.“
Frühling kommt, die Zeit der Sünde, ekelhaft erwacht er jetzt.
Sogar das schattige Büro, die schattige Bibliothek bei ordentlich Kaffee kann er einem verderben, wenn er einen zur sinn- und kopflosen Teilhabe am pulsierenden Gemenge der wiedererwachten Fleischstücke in den gleißenden Schmutz zieht. Wenn ich so überlege: manchmal würde ich wirklich gerne auf den Norpol auswandern.

Advertisements

Mehr im Kopf

Mehr im Kopf
Gedanken zum Satz „Das ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“

Eine Melodie besteht nicht nur aus einzelnen Tönen, sondern auch aus der Relation der Einzeltöne zueinander. Das Ganze ist also mehr als die Summe seiner Teile. Sagt man aber diesen Satz, so sieht man dieses „Mehr“ in der äußerlichen, objektiven Welt, man „verlagert“ es nach draußen. Meiner Meinung nach ist das „Mehr“ aber eher in unserem Kopf zu suchen und zwar in der spezifischen Arbeitsweise unseres Gehirns, das dazu in der Lage ist, verschiedene Einzelobjekte (und selbst der Begriff „Einzelobjekt“ kommt schon aus der Arbeitsweise des Gehirns) aufgrund gewisser Regeln oder Gesetze zueinander in Relation zu setzen. Strukturen im Sinne von Objekten und ihren Relationen sind also weniger als per se existent zu betrachten als vielmehr als unsere spezielle Sicht der Dinge. So ist die Melodie nun eben einfach ein spezieller akustischer Reiz (wenn man schon überhaupt die Frage „Was ist dieses oder jenes?“ stellen darf), wir erkennen darin aber etwas, was wir als Melodie bezeichnen, und ein Atom ist eben einfach irgend ein kleines Ding, in dem wir eine Substruktur aus Elektronen, Neutronen und Protonen, die durch gewisse Kräfte etc. miteinander in Relation stehen, relativ unabhängig von der restlichen Welt, sehen. Die äußere Welt ist völlig wertfrei, neutral und beziehungslos, in unserem Kopf erkennen und ordnen wir sie aber – Wissenschaft geschieht im Kopf.