Jamsession

Ein verrückter Abend (18. auf 19. Januar 2014)

Den ganzen Tag schon konnte ich mich kaum auf meine eigentliche Arbeit, die Korrektur, konzentrieren, irgendwie habe ich halt doch momentan viel zu viele Hormone im Blut. Ein bisschen kam ich am Abend dann noch dazu, doch lange hat es mich nicht am Schreibtisch gehalten. Ziemlich spontan habe ich mich dann nämlich entschieden, Papa das Auto abzuluchsen und noch nach München in ein größeres Studentenwohnheim zu fahren, wo eine Schlager-Party angesagt war. Wahrscheinlich fragwürdige Musik, was mir in meiner fiebrigen Feiergier aber egal war, denn ein paar bekannte Leute sollte ich laut Facebook dort treffen, zu Hause in Landshut wäre eh mal wieder fast nichts los und überhaupt habe ich ja nichts zu verlieren.
Ich bin dann tatsächlich so gegen zehn im Auto nach München gesessen, wobei ich momentan ziemlich vorsichtig fahren muss. Der ganze Cocktail von Hormonen in meinem Blut benebelt meinen Verstand und macht mich emotionaler als sonst, ein wenig so, wie wenn man getrunken hat (tatsächlich war ich aber vollkommen nüchtern). Eine gute halbe Stunde später war ich dann auch schon am Ziel angekommen, beim Wohnheim im Münchner Norden, wo ein paar tausend Studenten ihre Interims-Bleibe für das Studium haben. Eine halbe Stunde – das ist in den Dimensionen meiner Kleinstadt eine lange Zeit, wenn man in zehn Minuten vom Stadtrand in die Altstadt geradelt. In München ist es aber fast nichts, ich fahre ja oft an die Technische Hochschule von meinem Wohnheim aus länger als eine halbe Stunde. Absurd, so unterschiedliche Distanzen und doch so vergleichbare Fahrtdauern…
Da stand und lief ich dann also auf einmal alleine in der Großstadt herum und wusste auch nicht so recht, ob meine Feierlaune jetzt nicht schon wieder verflogen wäre und ich, gewissermaßen nach Befriedigung des Triebes, in die Welt hinauszugehen, nicht gleich wieder heimfahren sollte. Der erste Blick in den Feierraum, wo schon einige Leute in Unterhaltungen verwoben waren, enttäuschte mich auch, ja ich fühlte mich ziemlich einsam. Mir fiel dann auch noch auf, dass ich pleite war, und so machte ich erstmal einen längeren Abstecher (ich musste per U-Bahn fahren) zum nächsten Geldautomaten.
Mit gefülltem Geldbeutel ging es dann aber an die Party. Zum Glück sah ich jetzt einige bekannte Gesichter mehr in dem Partyraum als vorher, viele Bekannte aus meinem eigenen Wohnheim waren da, auch ein Mädchen, das wohl ein bisschen in mich verliebt ist (aber ich weiß nicht, ob wir so gut zusammenpassen). Eine ganz nette Runde war das dann, natürlich gut alkoholisiert, aber dementsprechend locker war auch die Stimmung. Nach ein paar Schlucken Bier griff die dann auch auf mich über und ich sang, nur mehr ein wenig gehemmt, bei den Schlagern mit. Eine andere Stadt und doch sind Stimmung und Leute nicht so von dem, was ich am Tag zuvor bei einer Feier mit der Pfarrjugend mitgemacht habe, verschieden.
Ein paar mal seilte ich mich von der eigenen Gruppe ab, einfach, um mich umzusehen – naja, um zu sehen, was die Damenwelt eben sonst noch so zu bieten hat. Ich weiß gar nicht so recht, warum, aber irgendwie trieb es mich nocheinmal (vorher war ich auch dort gewesen) in die Studentenkneipe ein paar Schritte weiter. Wie es der Zufall will, traf ich dort in der alternativen und subkulturellen („street-like“), ein wenig freigeistigen Atmosphäre einen Bekannten aus meinem Stipendium, der Philosophie studiert. Auch ein schlauer Kerl und so haben wir uns eine ganz schöne Zeit miteinander unterhalten.
Die Atmosphäre in dieser Kneipe war vor allem durch die Live-Musik dort geprägt. Eine etwas alternativere Band, mit Akkordeon, Harmonika und viel Percussion, das in etwa schien es mir erst zu sein, bis der Bekannte und ich dann vermuteten und schließlich erfuhren, dass es sich um eine Jamsession handelte. Jeder, der wollte, konnte gerade auf die Bühne gehen. Mich juckte es schon in den Fingern. Nachdem mein Bekannter, der selbst hauptsächlich Posaune als Musikinstrument spielt, kurz weggewesen war, trauten wir uns tatsächlich beide unter die anderen Musiker auf die Bühne.
So etwas verrücktes. Auf einmal sitzt man dann am Klavier und soll drauf losspielen. Der Bassist gab ein paar Hinweise zu den Akkorden (irgendwas mit phrygisch, so zigeunermäßig) und dann ging es los. Erst ein bisschen zu laut, aber dann ganz gut. Ja, nach kurzer Zeit hat es richtig Laune gemacht und, obwohl ein Stück eigentlich immer aus einer gleichbleibenden kurzen Akkordfolge bestand, gab es immer neue Wendungen und Experimente, immer neue Klänge und Melodien. Das schöne an dieser Art zu Musizieren ist auch die vollkommene Ungezwungenheit im Spielen; es kommt einfach aus den Tiefen der Seele hoch und wird dann zum Ton. Mein Bekannter spielte mal Harmonica, dann Gitarre, kurzzeitig Klavier, dann trommelte er auch ein wenig und auch ich wechselte zwischen Klavier, Percussion und am Schluss auch Bass hin und her.
So gegen zwei werden wir eingestiegen sein und mit der Zeit spielte man sich immer mehr in eine Art Extase. So manch ein anderer Mitmusiker mag vielleicht tatsächlich die eine oder andere Substanz, härter als Alkohol oder Nikotin, zu sich genommen haben, aber im Grunde war, wie einer meinte, schon die Musik (an sich) eine Droge. Um vier Uhr waren wir immer noch auf der Bühne und hatten auch immer noch einige Zuhörer, die Kneipe war da noch ganz ordentlich gefüllt. So etwas Absurdes, von der Kleinstadt in das wilde Studentenleben der Großstadt, in die Subkultur und – zumindest gefühlt – in die Künstlerszene, dorthin, wo die Nacht der eigentliche Tag ist.
Der Rhythmus zweier Trommeln umschlung sich, der Bass wummerte im tiefen Grund, das E-Piano tänzelte mit seinem glockenartigen Klang über und auf den anderen, Akkordeon (solange es dabei war) und Harmonika gaben der Stimmung eine norddeutsch-sehnsuchtsvolle Note, die Gitarre lenkte dagegen manchmal in Südlichere Richtung. Manch ein Wetteifer ergab sich, wenn es darum ging, welcher Kerl denn nun besser trommeln könnte oder wer sich im Kampf um ein Instrument oder auch um sozusagen die erste, also die deutlichste Stimme. Dann aber auch gegenseitige Anerkennung, wenn der eine den anderen und der andere den einen in seinem Musizieren aufblühen lässt.
Ich wurde müder, sanfter, und doch war für mich die Stimmung noch immer bunt. Aus dem dunkler, tiefgründig-rationalen Alltag bin ich hier in eine magische (wie bei Hesses Steppenwolf das Theater) Nacht geraten, Lebenslust pur, triebhaft und doch rein, nahe ans Ziel meiner Träume. Auch ein paar verstohlene Blicke zur Pianistin, die jetzt wieder eingestiegen ist. Ich am Bass, sie an den Tasten, ein hin- und her, ein musikalischer Flirt, Annährung emporgehoben in das Reich der Töne. Schüchtern ist sie aber und auch der Verdacht regt sich in meinem Herzen, dass unsere Seelen nicht ganz zueinander passen, dass ich denken muss, wo sie ungezwungen und rein ist.
Die anderen Musiker werden wohl auch langsam müder geworden sein oder meine Aufmerksamkeit viel auf andere Leute und Eindrücke, jedenfalls empfand ich unser Zusammenspiel und unser Zusammensein immer harmonischer. Auch bei dem anderen Pianisten, der jetzt an der Gitarre war, scheint es ähnlich gewesen zu sein, immer reiner, kindlicher und friedlicher wurde die Stimmung, viel weniger konkurrierend als voher. Ja, irgendwie waren wir zumindest eine Zeit lang in einer heiligen Sphäre, am Urgrund des Sein, am innigsten Punkt des Menschseins. Irgendwie war der Moment einfach reines Leben, frei von Sinnfragen und Zweifeln. Ich trommelte da gerade und hinter mir trommelte die Pianistin, noch eine musikalische Begegnung ein Versuch der Harmonie, noch einmal Mann und Frau vereint.
Es war nun aber schon wirklich spät, ein gutes Stück nach vier. Ich machte mich also auf den Heimweg. Ein letzter Blick noch in ihre Augen: wie schön wäre es, ja, aber es wird nichts, ich sehe es wie du. Schön war es trotzdem, dachte ich auf dem Weg zum Parkplatz, der Abend hat mich mal wieder gelehrt, wofür es sich eigentlich zu leben lohnt. Gekostet vom Trunk der Seligkeit, vielleicht sogar mit Tränen in den Augen vor lauter Reinheit der Gefühle, trübte es meine Stimmung kaum, dass es jetzt wieder weitergehen würde, nach Hause durch die dunkle Nacht. Ja, wenn ich jetzt sterben müsste, genau in dieser Nacht, dachte ich, hätte der Tod auch seinen Schrecken für mich verloren. In der gegenwärtigen Glückseligkeit erschien er nur noch als kleines, trübes Detail, ein Notwendigkeit, die einen nichts weiter angeht. Ja, ich weiß, ich muss gehen, ganz weit im Hinterkopf ist das Grauen da, aber es verdirbt mir nicht die Freude des Geliebthaben.
Plötzlich fiel ein roter Fleck auf der Straße in mein Bewusstsein. Könnte Blut sein, dachte ich, sogar noch frisch. Aber bestimmt ist es nur rotgefärbte Eiscreme, auf den Boden getropft aus den Händen des betrunkenen Feiervolkes. Doch da sah ich im Grünstreifen gleich daneben einen toten Hasen liegen. Verrückter Abend…

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