Grubenleben

Anfangs waren wir ja noch zu mehreren unterwegs, zu viert oder zu sechst. Wenn man nicht alleine ist, findet man sich leichter durch die Minen. Wobei die Minen, das muss man zugestehen, anfangs auch noch nicht so tief und verschlungen waren, wie sie es heute sind. Nein, damals fanden wir schnell mal auf dem Weg nach wenigen Mintuen schon Erzklumpen, fast noch im Tageslicht. Manchmal führten uns unsere Expeditionen sogar über Tage durch den Dschungel oder, was noch besser war, wir durften dabei zusehen, was die Leute dann aus dem von uns beschafften Erz so alles herstellten: Dampfmaschinen, Besteck und Geschirr, Uhren, allerlei Werkzeuge und Beschläge. Ja, wenn wir wieder all die wunderbaren Dinge, deren Grundlage wir beschaffen haben und die den Bürgern, den normalen, kleinen, schwachen, sesshaften Bürgern in der Stadt, das Leben so viel einfacher machen, zu Gesicht bekommen haben, wussten wir wieder wofür wir arbeiteten, wofür wir unter die Erde gingen.
Ein paar Jahre sind seitdem vergangen und unsere Gruppe hat sich längst zerschlagen. Zwei oder drei suchen noch gemeinsam, weiter oben, andere helfen dabei,  neue Loren zu bauen – das ist einfacher, man sieht nach ein paar Tagen wenigstens, dass wieder ein Wagen fährt, und man ist vielmehr am Tageslicht. Die meiste Zeit suche ich jetzt alleine nach Erz, so tief in den Minen, dass es sich manche Tage nicht einmal lohnt, am Abend – wenn man denn überhaupt merkt, dass es Abend wird – ganz nach draußen zu gehen. Stattdessen gehe ich dann zum nächsten Luftkanal, wo ich mich in einer frischen Brise, die von oben her unverbrauchte Luft in die Gänge trägt, lege und dort meine müden Knochen ausruhe.
Ja, die leichten Tage sind vorbei, und oft, wenn ich so an unsere ersten Expeditionen in die Minen denke, habe ich das Gefühl, dass sie nur ein Training, ein Schule, ja ein Kindergarten waren, zur Vorbereitung auf das, was es jetzt durchzustehen gilt.
Viel tiefer bin ich jetzt schon die Gänge vorgedrungen und trotzdem findet man dort viel weniger an Erz – doch oben ist ja auch schon alles ausgebeutet. Viel härter ist das Graben und Hacken hier geworden, zumindest scheint es mir so, und nur  gelegentlich treffe ich hier auf einen Mitstreiter, der es auch so tief aushält, der auch so geisteskrank ist, hier noch zu schürfen. Man redet ein paar Worte miteinander, zollt gegenseitig Respekt, weniger unter Rivalen als vielmehr unter Wesenskameraden, Seelenverwandten, und dann lässt man sich wieder gehen; jeder, der so tief unter der Erde sucht, hofft ja für sich, endlich irgendwann einen dieser riesigen Erzklumpen zu finden, von denen die Leute sagen, dass so machner hier schon auf so einen gestoßen sei und der Stadt oben genügend Rohstoffe über Monate und dadurch sich selbst unsterblichen Ruhm verschafft habe.
Oft, wenn man aber tagelang kein richtiges Licht gesehen hat und noch nicht einmal eine Spur von Erz, verliert man diese Verheißung ganz aus den Augen. Stattdessen dringen in mir dann die Zweifel hoch und ich denke an all die vielen, die hier wohl schon ihr Leben gelassen haben, die die meiste Zeit in der Illusion gelebt haben, irgendeinmal den großen Clou zu fahren, sich Tag für Tag durch die Minen gegraben haben, um schließlich ohne jegdlichen Erfolg hier unten jämmerlich zu verrecken. Was macht es mich schon aus, dass ich nicht genauso einer wie diese bemitleidenswerten Versager bin? Warum ist mein Kopf immer noch von den Leuten oben von ihren Verheißungen verdreht, ja, von ihren Bekräftigungen, dass ich es schon schaffen könnte? Reichten die paar kleinen, dennoch bemerkenswerten Erfolge, die ich weiter oben verbuchen konnte, noch aus, mir hier Hoffnung auf Größeres zu geben?
Oft tun sie es nicht und ich schlafe unten in den Gängen, ein, zwei Stunden, in völliger Finsternis, wie wenn ich schon begraben wäre, schon längst vergessen, da oben in der hellen Stadt. Danach muss es wieder weiter gehen. Ich zünde mir dann oft eine Kerze an, die mich an meine Verwandten und Freunde oben erinnern soll – und nicht zuletzt natürlich an meine Geliebte, die mich doch bestimmt schon längst aufgegeben, abgeschriben, ja als verrückt abgestempelt hat, wo ich mich hier doch immer noch abmühe, ihr, ja eigentlich nur ihr, den größten Erzbrocken, der je aus dieser Mine ans Tageslicht gekommen ist, der ungnädigen Erdmasse abzuringen.
Wieder ans Werk, weiter, weiter, ans Scheitern denke ich erst später wieder! Es hilft ja nichts, all die Trübsal ist doch nur verlorene Zeit.

 

(ein physikalisches Logbuch)

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