Spiegelneuronen und die menschliche Gesellschaft

Eine relativ neue Entdeckung in den Neurowissenschaften sind die sogenannten Spiegelneuronen, deren Erforschung durch den Neurophysiologen Giacomo Rizzolatti 1992 für einen wissenschaftlichen Durchbruch sorgte. Diese spezielle Art von Nervenzellen im Gehirn von Primaten, also auch Menschen, hat eine ganz faszinierende Eigenschaft: sie sind nämlich dann aktiv, wenn das betreffende Lebewesen eine Handlung bei einem anderen Lebewesen, vorzugsweise einem Artgenossen, wahrnimmt – und zwar mit einem derartigen Aktivitätsmuster, als ob es die Handlung gerade selbstdurchführen würde. Durch diese Nervenzellen sieht das Menschen- oder Primatenhirn also im anderen sein eigenes Spiegelbild.

In vielen Situationen in unserem Leben (aber auch im Affenleben, das wir jetzt einmal beiseitelassen) spielen diese Spiegelneuronen eine zentrale Rolle, so zum Beispiel beim Erlernen neuen Verhaltens. Sieht ein Kind bei seiner Mutter, wie man mit Messer und Gabel isst, wird es das viel leichter erlernen, als wenn es das komplett neu lernen müsste. Sieht es dagegen, wie die älteren  Kinder im Kindergarten die Zunge herausstrecken oder Grimassen schneiden, wird es auch bald zu Hause dadurch für Verärgerung oder Belustigung sorgen – selbst wenn es von alleine nie auf die Idee zu derartigen Fratzen gekommen wäre. Ganz wichtig sind die Spiegelneuronen speziell beim Erlernen der Sprache – wir müssen nicht mühsam wie im Lateinunterricht Vokabeln und Grammatik pauken, es reicht, die Sprache in ihrer Anwendung sozusagen aufzuschnappen. Was die anderen so sagen, köchelt im Gehirn eines Kindes zumindest zum Teil so dahin, wie wenn es das alles selbst gesagt hätte, und bald kann es das auch tatsächlich und wendet die grammatischen Regeln ganz von alleine an. Kein Wunder also, dass Sprachreisen, auch in höherem Alter, das beste Mittel sind, um eine Fremdsprache zu erlernen.

Nicht wegzudenken sind die Spiegelneuronen auch bei der Empathie: fühlt sich mein Gegenüber schlecht, so fühle auch bald ich selbst mich schlecht. Aber zumindest ist geteiltes Leid halbes Leid, denn – nach dem Prinzip Actio gegengleich Reactio – hellen die Spiegelneuronen des Gegenübers durch meine gespiegelte gute Laune seine eigene auf.

Ganze Stimmungen und Verstimmungen breiten sich so also mittels Spiegelneuronen, allein schon über die Mimik und subtile Wahrnehmungen der anderen Menschen, über ganze Menschenmengen aus. Ein depressiver Mensch kann eine ganze Familie in ein Jammertal ziehen, ein Spaßvogel eine ganze Klasse in Heiterkeit versetzen und ein Musiker ein ganzes Publikum zum Schwelgen bringen; umgekehrt kann aber auch die vorherrschende Stimmungslage der Menge den Einzelnen mit einer kaum beschreibbaren Macht und selbst gegen seinen Widerstand ergreifen. Ein konkretes Beispiel der verheerenden Macht der Spiegelneuronen dazu nur aus der Arbeitspsychologie: ein fleißiger, hochmotivierter Angestellter wird in eine Abteilung versetzt, in der im Grunde lauter faule Schlafmützen sind, die sich die Zeit im Büro mit Kaffeetrinken, Blumengießen und Klatsch und Tratsch vertreiben. Er kann tun, was er will, jede kleine und subtile Wahrnehmung, sei es das Rascheln nebenan, das Schlurfen über die Gänge, der dumpfe Klang der Stimmen der Untätigen, die Ahnung eines Gähnens  – kurz, ein jeder Kontakt mit den Anzeichen des geringen Arbeitstempos und der geringer Leistungsbereitschaft wird ihn im Sinne eines spiegelneuronalen Mitzieheffektes selbst dämpfen. Bald schon wird er sich assimiliert haben, abends erholt aus der Arbeit in der neuen Abteilung zurückkehren und verzweifelt Herausforderungen im Privatleben suchen. Nur mit größtem Widerstand vermag er gegen die Macht der Spiegelneuronen anzukämpfen und, anstelle sich mitziehen zu lassen, die anderen mitzuziehen.

 

Ja, im Grunde muss man sich also durch die ständige Imitation der und Abstimmung mit den anderen die Stimmungslage, aber auch die Gedankenwelt, das heißt die Emotio und Ratio der Masse, als trüben See vorstellen, also als einen Meinungspool, in dem allerlei Stoffe und Gemenge durcheinander wirbeln und den klaren Blick auf den Grund erschweren. Man kann sich auch tausend schlechte Maler vorstellen, die alle tausend das gleiche Motiv malen sollen und dabei ständig von allen anderen abschauen und ihr eigenes Gemälde gleich wieder anpassen. Ein jedes Gemälde wird immer verwaschener und alle untereinander werden sie immer ähnlicher, die Maler sind sich auch untereinander immer einiger darin, was als richtiger Stil, dh. als akutelle Stimmung und aktuelle Wissenskonsens, gilt ist, was also etabliert ist, doch die Reinheit der Grundform des Motivs, das Ideal sozusagen, ist verloren, wenngleich auch noch zu erahnen.

Selbstverständlich gibt und braucht es aber Menschen, die aus der Reihe tanzen, die sich – aufgrund der großen dazu notwendigen Anstrengung gebührt ihnen oft großer Ruhm – gegen den Druck der Spiegelneuronen zum Leben als Original und somit als Motiv oder verkörpertes Ideal der ganzen Malerschar durchgerungen haben. Ich denke dabei zum Beispiel an Lehrer, die sich nicht in ihrem Wissen, ihren Fertigkeiten und ihren pädagogischen Überzeugungen an die verschwommene Menge ihrer Schüler assimilieren, sondern als (relatives) Original der Grammatik, dh. des Sachwissens, und der Umgangsformen den Schülern als Vorbild dienen, das es zu spiegeln gilt. Auch Wissenschaftler müssen, damit ihre Lehren und Erkenntnisse möglichst sachlich, neutral und unbeeinflusst vom Gerede der Menge bleiben, oft natürlich unter dem Vorwurf der kühlen Empathielosigkeit, sich zu einem gewissen Grad zum Dasein als Original bekennen. Ebenso wie die Lehrer sind aber zum Beispiel auch religiöse Anführer idealerweise Vorbilder im moralischen Handeln. Ihre moralische Originalität sorgt so für Moraltupfer auf Millionen von nachgemalten, gespiegelten Selbstbildern. Nicht, weil ein behinderter Mensch tatsächlich beispielsweise von der Berührung des Papstes profitiert, ist dieses Handeln so wichtig, sondern, weil Millionen Menschen dabei zusehen und es dann in ähnlichen Situationen nachahmen. Selbstverständlich findet man auch in den Künsten, denen die Analogie ja entnommen ist, genügend Originale.

Diese Originale geben also einen Input an reinen, vielleicht auch neuen oder ungewöhnlichen Denk- und Verhaltensmustern, bereit zum Kopieren (die Kopie wird kaum ganz fehlerfrei erfolgen), in die breite Menge, die sich viel mehr durchmischt. Keine Frage, dass bei originellen Menschen also, selbst wenn sie nur symbolisch handeln oder lehren, eine immense Verantwortung liegt – denn indirekt handeln sie – und das wissen sie ja –  über ihre Nachahmer, die deren Wesensart ja oft millionenfach multiplizieren und dann also entsprechend ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse denken und vorgehen oder gemäß ihrem moralischen Beispiel handeln. Nicht übersehen darf man daher die immense Gefahr falscher Vorbilder. Ein starkes Original, unbeeinflusst von der allgemeinen Menge, kann ganze Völker mit wissenschaftlichen Irrtümern durchsetzen und, schlimmer sogar, verhetzen.

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