Zeitreisen mit einem mentalen Trick (leider nur in die Vergangenheit)

Das kennt ja jeder: man lebt schon eine geraume Zeit mit der Partnerin oder dem Partner zusammen oder alleine, wenn man aber wieder ins Haus seiner Eltern zurückkommt, wird man wieder ein Kind – das heißt, man erlebt das Leben wieder mehr aus der Kind-Perspektive. All die Sorgen, die man als Erwachsener nun mal hat, verkleinern sich dann – denn ein Kind kennt die ja nicht – und man ist wieder mehr zum Spaßen aufgelegt oder lässt ganz andere, kleine Dinge in seinen Geist. Klar, man ist in der gewohnten Umgebung, im gewohnten sozialen Gefüge und Gewohnheiten ist es nun mal egal, ob sie fünf Jahre oder fünfundvierzig Jahre alt sind, so fest sind sie in uns eingegraben.
Der Trick mit der mentalen Verjüngungskur funktioniert natürlich nicht nur mit dem Besuch im Elternhaus. Man braucht sich eigentlich nur in irgendeine Situation der eigenen Vergangenheit, sei es der Tanzkurs, der erste Schultag und die Zeit in der ersten Klasse oder was auch immer sonst hineinzuversetzen, und schon erlebt man das Jetzt wieder ein bisschen mit den damaligen Augen. Eigentlich reicht es schon, sich zum Beispiel einfach, aber in vollem Ernste wachzurufen „Ich bin vierzehn.“ (Man muss dabei aufpassen, dass man das auch mit der Stimme von damals „sagt“.) Dann werden sozusagen die Hirnregionen von damals wieder aktiv, die neueren oder späteren, einer gewissen chronologischen Stimmigkeit folgend, dagegen inaktiv (gleichbedeutend mit den abfallenden Erwachsenensorgen im Elternhaus). Natürlich funktioniert das nicht komplett und auch nicht lange, aber in einem gewissen Rahmen kann man sich diesen Trick doch zu Nutze machen.
Muss man zum Beispiel auch als Erwachsener viel lernen, dann hilft es, sich in die eigene Schulzeit – in der man ja gewissermaßen berufsmäßig lernte – zurückzuversetzen. Man ist dann wieder in einem inneren Zustand, der das Lernen gewohnt ist, und lernt auch tatsächlich leichter. Nachher sollte man aber, so schön die eigene Kindheit mit ihrer Wissbegierigkeit ist, wieder erwachsen werden – wer will schon ein Kind in einem Erwachsenenkörper sein?
Auch bei größeren Lebenseinschnitten oder bei falschen Etnwicklungen, einer falsch eingeschlagenen Richtung des Lebensweges sozusagen, mag dieser Trick der mentalen Zeitreise heilsam sein. Man nimmt den Rückwärtsgang, versetzt sich in ein früheres „Selbst“ zurück und biegt von dort aus in eine andere Richtung ab. Klar, dass die heutigen Probleme nicht ganz verschwinden, selbst als verdrängte schwelen sie noch irgendwo im eigenen Geist, aber dennoch ist ein Neuversuch vom früheren Standpunkt aus leichter (der Lebensweg in Richtung Problem oder Schicksalschlag wird dann immer mehr als eine mögliche, andere, aber düstere Alternative gesehen, die vom tatsächlich Geschehenen ins Mögliche verschwimmt). Kaum verwunderlich ist es damit auch, dass die „Gotteskindschaft“, die viele Christen jeden Sonntag feiern und so vor Gott wieder Kind werden, im Sinne der Seelsorge so gut tut.

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