Physik als Religion des Einsamen

Ein paar Gedanken über folgendes Zitat von Albert Einstein:

„Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzete Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.“

Naturwissenschaft als alternative Religion?

Naturwissenschaft als alternative Religion?

Es ist ein wenig traurig, wenn ein Mensch behauptet, die tiefste Erfahrung seien für ihn ein paar genauere Einsichten in die Zusammenhänge der Natur gewesen. Naturwissenschaft ist gut, keine Frage, insbesondere wenn sie der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen dient oder einem besseren Verständnis der Welt, in der wir leben, aber sie als höchstens Maßstab für das eigene Leben oder gar das aller Menschen zu setzen – das heißt, sie zur Religion emporzuheben – erscheint mir doch ein bisschen unreif. Wie einsam muss ein Mensch in seinem Herzen sein, dessen tiefste Erfahrung es ist, sozusagen die kreisförmigen Wellen auf einem See beobachtet zu haben, die enstehen, wenn er am Ufer Steinchen ins Wasser wirft? Hat er nie Gelegenheit gehabt, lieben zu lernen oder wollte er sich nicht das kleinste Quantum an Gefühlsregung in seiner Seele, versteckt hinter der Fassade abgeklärt-wissenschaftlicher Rationalität, womöglich als Peinlichkeit empfunden, zugestehen? Die Steinchen am See verlangen einem nicht den Mut zum Gefühl ab!
Die tiefste Erfahrung, unser Herzallerliebstes – das ist unser Himmel, das ist das Göttliche, das eben ist unsere Religion. Weise scheint mir der zu sein, der, selbst wenn er ein einsamer Wolf ist, an dieser Stelle statt kalter Materie die bleibende Liebe zur Familie, zu den Freunden, zu den Wegbegleitern im Leben, trägt. Er bekennt sich trotz aller kühlen Einsamkeit zur Menschlichkeit.

(Aber wenig verwunderlich eigentlich, dass ein Wissenschaftler, in dessen Leben wenig Menschliches oder gar Gefühle Platz hatten, auch ein unpersönliches Gottesbild hat – ein Gottesbild im Sinne Spinozas. Man könnte meinen, dass der Wissenschaftler wie ein jeder andere das für ihn persönlich Höchste, nämlich die Naturerkenntnis, zu Gott macht. Dreht man den Lichtweg dieser Projektionshypothese um – das steht dem Menschen immer frei – und lässt man so die eigenen Augen zum Farbfilter werden, wird klar, das man Gott nur unvollständig oder gar verfälscht durch die unzulänglichen eigenen Augen sehen kann, dass also der Wissenschaftler Gott kaum anders als als ewiges Naturprinzip sehen kann. Besser als nichts.)

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