Eingeimpfte Schuld: kleine Analyse der Kurzgeschichte „Kinderseele“ von Hermann Hesse

Kloster Maulbronn als Höhepunkt der pietistischen Karriere Hesses: hier hätte seine Ausbildung zum evangelischen Pfarrer begonnen.

Kloster Maulbronn als Höhepunkt der „pietistischen Karriere“ Hesses: hier hätte seine Ausbildung zum evangelischen Pfarrer begonnen.

Aufgewachsen als Sohn zweier aus Indien zurückgekehrten Missionare wurde Hermann Hesse (1877 – 1962) sehr früh von der strengen und frömmelnden protestantischen Strömung des Pietismus geprägt. Allen voran muss wohl sein rechtgläubiger Vater ihm gewissermaßen mit einem Stempel den Pietismus eingedrückt haben und auch früh schon hätte sein Lebensweg ins Richtung Pfarramt weisen sollen. Dazu kam es jedoch nicht; nach einem Ausbruch aus dem theologischen Seminar, einem unfreiwilligen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt und missglückten Ausbildungsversuchen in seiner Pubertät konnte sich der junge Hesse aus der Enge des Pietismus herauswinden und als freigeistiger Künstler seine schließlich nobelpreiswürde schriftstellerische Begabung ausleben.

Einen frühen Einblick in den inneren Konflikt zwischen den hohen Idealen des Pietismus und dem angeborenen Eigensinn gibt die Kurzgeschichte „Kinderseele“ aus dem Jahr 1919. Hesse berichtet in dieser Kindheitsanekdote, wie er als Elfjähriger an einem typischen Mittag zwischen den Schulstunden zu Hause in den Habseligkeiten seines Vaters stöberte und dabei einige Feigen aus einem Kranz stahl und in seinem Zimmer versteckte. Dieses Kavaliersdelikt löste in ihm aber immense Schuldgefühle und Gewissensbisse aus, sodass er dem Nachmittagsunterricht fernblieb und voller schrecklicher Skrupel wegen seines ungezügelten Verbrechertums und erfüllt von Fantasien eines Strafgerichts vor Gott durch das Umland streunte. Wieder in der Stadt traf er am Abend dann auf einen Schulkameraden, mit dem er eine Art Handel ausgemacht hatte, verwickelte sich mit ihm in einen Streit und prügelte sich schließlich mit ihm. Blutend wurde er zu Hause von seiner Mutter umsorgt. Am nächsten Tag, einem Sonntag, hatte er das schlechte Gewissen schon längst verdrängt und genoss den Kirchbesuch und die Zeit für sich, als ihn dann doch sein Vater zur Rede stellte. Auch wenn der Sohn es erst nicht zugeben wollte, musste er schließlich doch am Ende zur Strafe den Nachmittag auf dem Dachboden verbringen.

Beispielhaft kommt hier also ein grundlegender seelischer Konflikt zwischen überhöhten moralischen Ansprüchen und natürlichen Neigungen zum Vorschein. Auf der einen Seite möchte der junge Hesse ja, getreu seiner pietistischen Erziehung und den Forderungen der Lehrer entsprechend, „den idealen, reinen, edlen Pfad zur Höhe gehen“, indem er ein vollends tadelloses und tugendhaftes Leben an den Tag legt. Andererseits muss er aber feststellen, dass ein jeder Versuch in diese Richtung bald durch Rückfälle in „Sünde und Lumperei“ durchkreuzt wird und geradezu ein „grauenvolle[r] Bann“ ihn „dämonisch“ immer wieder zu Regelverstößen treibt. So genießt er eigentlich die innere Reinheit, und schwört sogar bei Kerzenschein dem Bösen ab, vor Augen all die großen tugendhaften Männer vergangener Tage, – und spürt zu Beginn der Handlung der Kurzgeschichte eben doch das Drohen des „Unsägliche[n]“. Von Selbstzweifel erfüllte Angst, eine Angst auch vor Bestrafung, quält ihn da, als er von der Schule ins Elternhaus zurückkehrt und merkt, dass er die als „verbrecherisch“ empfundenen Regungen seiner Seele wohl nicht komplett unter Kontrolle halten können wird. Und so bringt ihn dann auch der „Zwang, Böses zu tun“ in den Wohnbereich seines Vaters, wo er – wie er feststellt – alleine herumstöbert und schließlich der großen Versuchung, Feigen aus dem Kranz zu stehlen, unterliegt. Kurz nach dieser Tat überkommt ihn dann aber „Ekel“ der sich dann, entsprechend der Vorahnung, immer mehr in immense Schuldgefühle und Angst vor einer Bestrafung durch den Vater steigert. Davon erfüllt, wünscht er sich selbst fast den Tod, fürchtet, der Vater könne ihn totschlagen, und sieht in allem, was ihn an die Vergangenheit erinnert – in seinen Zeichnungen, in seiner Schmetterlingssammlung oder, als er den Nachmittagsunterricht schwänzt, draußen in den Schauplätzen der Familienausflüge – nur Relikte einer für immer unwiederbringlichen Reinheit. In einer Art Höhepunkt seiner „Phantastereien“ sieht er sich schon bei seinem eigenen Strafgericht vor Gott stehen und erwägt dort, in einer Art letztem trotzigen Aufbegehren seine Sünden nicht zu bereuen, bevor ihn wieder Selbstzweifel packen.

Dass ein Kind, wenn es gegen die Regeln der Eltern verstößt, ein schlechtes Gewissen hat, ist selbstverständlich und normal, dass dies aber derart drastisch wie bei Hesse ausfällt, ist dagegen höchst bemerkenswert. Die Schwere seines Lausbubenstreichs und die Intensität seiner daraus resultierenden Schuldkaskade stehen ja in keinem Verhältnis zueinander. Diese verzerrte, geradezu hypersensitive moralische Bewertung mag neben Hesses hoher Intelligenz vor allem in der schon erläuterten strengen religiösen Erziehung gründen, die ihm diesen Schuldkomplex gewissermaßen eingeimpft hat. Verzerrt nämlich ist es beispielsweise, wenn er die paar gestohlenen Feigen gleich mit Brandstiftung und Mord in Verbindung bringt; noch drastischer und geradezu ad absurdum geführt sieht man diesen verzerrten Maßstab beim zur Schlägerei entglittenen Streit mit dem Mitschüler am Abend, der eben in Hesse keineswegs noch viel größere Schuldgefühle erzeugt, sondern als „Kriegsrausch“ eher seinen Lebenswillen wieder wach ruft. Sein Gegner, ein Mitschüler, der ihn aufgrund seiner einfachen Herkunft aus der Arbeiterklasse faszinierte, wird dabei als weniger idealistisch und religiös erzogener Gegenpol zum greifbaren Adressaten seiner Wut über sein eigenes moralisches Versagen.

Auf etwas abstrakterer Ebene kann man also festhalten, dass die Anekdote „Kinderseele“ auf zwei Gefahren zu strikter moralischer Erziehung hinweist: zum einen kann diese beim zu Erziehenden einen sehr leidvollen Schuldkomplex erzeugen; denn je strenger die Verhaltensregeln sind und je höher die Bedeutung ihrer Einhaltung eingeschätzt wird, auch eingegliedert in ein religiöses System, desto schwerwiegender wird das Kind jeden kleinsten Regelverstoß einschätzen*; ein eigenverantwortliches und souveränes Überdenken moralischer Richtlinien wird so behindert. Zum zweiten ebnet sie den Weg hin zum Gefühl einer moralischen Überlegenheit gegenüber anderen, deren Effekt es ist, dass die Wut über die eigenen Anstrengungen, dem strengen moralischen Maßstab gerecht zu werden, auf andere, an die derselbe Maßstab angelegt wird, dem diese anderen dann noch weniger genügen, projiziert wird**.

Aus einem erst einmal anerzogenen „Schuldkomplex“, mit Hesses Worten „einer schäbigen Charakterschwäche, einer Neurose“***, auszutreten ist, sofern man es versuchen will oder soll, schwer, auch der Autor pendelte in seinem späteren Leben noch „hundertmal“ zwischen hohem Ideal und enttäuschender Realität hin und her. Interessant ist, dass er, unzufrieden mit dem dennoch anerzogenen Konzept des Pietismus, sich im weiteren Verlauf seines Lebens auch eingehend mit dem Buddhismus beschäftigte; so sehr, dass er dem Religionsgründer Gautama Siddharta einen Roman widmete. Wäre er natürlich gleich buddhistisch erzogen, wäre ihm wohl keine Schuld „eingeimpft“ worden, denn in dieser Lehre gilt das Schuldgefühl allgemein als ein zu vermeidendes Leid.

* Selbstverständlich gibt es auch Kinder, bei denen eine besondere Strenge in moralischen Fragen ganz natürlich und von innen heraus kommt.

** Dieses Verhalten findet sich bei vielen strengen Geistlichen.

*** Es muss aber zugestanden werden, dass er diesen starken Konflikt auch als „Auszeichnung“ und eine besondere Nähe zu Gott empfand.

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Ein Kommentar zu “Eingeimpfte Schuld: kleine Analyse der Kurzgeschichte „Kinderseele“ von Hermann Hesse

  1. Guten Tag, ich finde den obigen Interpretationsansatz sehr gelungen. Jedoch handelt es sich um eine Novelle und keine Kurzgeschichte.

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