Ein Sommertag – anthropologische Thermodynamik

Das Regenwetter ist endlich vorbei: mehr als eine Woche hatte es geschüttet und kaum jemand wäre auf die Idee gekommen, das man sich gerade in der richtigen Jahreszeit befindet. November, na gut, März vielleicht auch noch – aber Juni? Jetzt aber, von einem Tag auf den anderen, ist der Sommer da und lässt die Thermometer sich verdächtig der 30°-Marke nähern, während man kaum eine halbe Stunde im Freien verbringen kann ohne einen knallroten Sonnenbrand auf der lichtentwöhnten Haut zu riskieren.

Eine Veränderung der intensiven Zustandsvariablen T, der Temperatur, das riecht nach Thermodynamik und statistischer Physik (nicht abschrecken lassen, so schlimm wird es nicht). Betrachten wir zum Beispiel ein kanonisches Ensemble von N idealen Gasteilchen im Volumen V zunächst bei der Temperatur T1. Die Teilchen bewegen sich irgendwie zufällig durcheinander, durchschnittlich entsprechend der thermischen Energie der Temperatur T1 (sie gehorchen dabei aber der Maxwell-Boltzmann’schen Geschwindigkeits-Verteilung). Heizt man jetzt dieses mikrokanonische Ensemble auf die Temperatur T2 auf, so nimmt es eine zusätzliche Wärmemenge – eine Energie – auf, die sich als kinetische Energie der Teilchen wiederfindet: die Gasteilchen wuseln mit einer höheren durchschnittlichen Geschwindigkeit durcheinander, ihre Bewegung wirkt viel chaotischer.

Sei nun eine heterogene Gruppe von N Menschen aus dem deutschen Raum gegeben. Gestern, am letzten Regentag bei T1, da gingen sie alle noch einigermaßen sinnvollen und seriösen Beschäftigungen nach: Stempeln im Einwohnermeldeamt, Medikamentenverabreichung am Krankenbett, Telefonieren im Büro, Würstedrehen in der Metzgerei, Zeitunglesen im Zug, Erziehung der Kinder in der Schule zu anständigeren Erwachsenen oder Planung von Automobilkleinteilen. Natürlich gab es da gewisse graduelle Unterschiede (nicht unbedingt entsprechend der Maxwell-Boltzmann-Verteilung), aber im großen und ganzen herrschte Ordnung zu einem Geruch nach professionellem grauen Kostüm mit schwarzer Strumpfhose, umzusetzenden rechtwinkligen Arbeitsanweisungen und Dienstvorschriften und Druckertoner auf kaffeebefleckten Datenblättern. Es herrschte Ordnung, denn die Köpfe waren kühl. Der Präfrontalkortex leistete seine Dienste, die Ratio hatte das Sagen, die Triebe, die Fleischeslust, das Es oder wie man es sonst nennen mag waren unter Kontrolle.

Und heute? Da herrscht T2 und die zusätzliche Energie sucht sich ihre Wege. In den Köpfen der Menschen legt sie erst einmal die Vernunft lahm. Arbeit, sei es am Computer, auf Station, im Büro, an der Tafel oder sonst wo wird zur Unmöglichkeit. Die Ratio hat keine Chance gegen die Triebe, die heute, wie eine kochende Flüssigkeit in einem Kochtopf, viel zu stark gegen das Gerüst der Vernunft drücken. Gegen alle größeren oder kleineren Widerstände setzen sie dann durch, was sie wollen: durch die Straßen der Stadt spazieren, aufs Land radeln und danach ein Bierchen trinken, an den Brunnen der Plätze sitzen und Eis essen, der vielen nackten Haut hinterher gaffen und davon ermutigt Anbahnungsversuche unternehmen usw. Kaum etwas hält noch die Ordnung, alles schwirrt durcheinander –  wehe, der Manager aus dem klimatisierten Büro mit dem kühlen Kopf will kurz über die Straße gehen, um sich eine belegtes Brötchen zu holen: unberechenbares Chaos trifft ihn, denn die durcheinander wuselnden Menschenteilchen auf der Straße haben heute mehr kinetische Energie. Nicht einmal zur Kenntnis nehmen sie diesen kühlen statistischen Ausreißer (der dann als zusätzliches Teilchen im strengen Sinne das kanonische Ensemble durcheinander bringt).

Und wenn man im heißen Zug (es muss nicht gleich ein ICE mit Aufguss sein) ein bisschen genauer hinsieht in die Gesichter der flirtenden und scherzenden Menschen, die sich kaum still halten können, so blickt man tatsächlich in glänzende, rollende, aufgeweckte Augen. Der sonst strenge, analytisch-rationale und präfrontale Blick ist diesem Merkmal des puren, lebensfreudig-bacchischen Rausches, ebenso bei erhöhtem Blutalkoholspiegel beobachtbar, gewichen, dem Anzeichen der kurzfristig zurückgewonnenen kindlichen Unbekümmertheit.

Wie sehr könnte ich doch fluchen, bei all der Wärmeenergie die Rolle des statistischen Ausreißers nach unten, zur unbewegten Ordnung hin, spielen zu müssen und scharfsinnig zu schreiben. Wobei, was soll’s – ein paar empathische Kollisionen mit den Frühlingsmenschen und schon hat mich die sonnige Lebenslust vom Computer in den Park beschleunigt. Ha, so gut fühlt sich das also an. Das muss man den Südländern doch lassen, denk ich mir da: auch wenn ihre chronisch überhöhte thermische Energie manch Straßen schmuddelig werden lässt, mach Beschäftigten müßiggängerisch macht und manch Staatsfinanzen hilfeschreiend erröten lässt – das bessere Lebensgefühl haben sie schon.

(Am Schluss überlege ich noch, inwieweit die thermische Energie in meinem eigenen Kopf den Scharfsinn durcheinandergebracht und durch süffisante Ironie ersetzt hat.)

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