Denkfehler im blauen Dunst – für einen besseren Nichtraucherschutz

Quelle allen Übels: die Zigarette. (© 2005 by Tomasz Sienicki)

Quelle allen Übels: die Zigarette. (© 2005 by Tomasz Sienicki)

Dass der Tabakkonsum ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellt, ist längst kein Geheimnis mehr. Längst rufen die berüchtigten schwarz-weisen Hinweisaufkleber auf den Packungen unmissverständlich einem jeden Käufer ins Bewusstsein, dass er sich auf schnell alternde Haut, Fruchtschädigung, Durchblutungsstörungen, Lungenkrebs – ja eben ganz allgemein auf ein potentiell tödliches Verhalten einlässt.

Genau genommen sind die aufgeklebten Hinweisschilder natürlich nur die Quintessenz sorgfältiger wissenschaftlicher Arbeit. Gerade intellektuellere Personen laufen so Gefahr, die auf den Punkt gebrachten Risiken zu unterschätzen, während sie vermutlich schon längst vom Glimmstengel abgekommen wären, wenn sie um die genauen Mechanismen zum Beispiel eines DNA-Doppelstrangbruches verursacht durch radioaktive Alphazerfälle des im Tabak angesammelten Polonium 210 oder die Entwicklungsstadien eines durch andere mutagene Stoffe wie Vinylchlorid, polyzyklische aromatische Wasserstoffe oder Arsen hervorgerufenen Bronchialkarzinoms – bis hin zur Metastasierung im Gehirn – wüssten.

Nun gut, wer ein bisschen Ahnung von den Gefahren hat – der lässt es eben einfach bleiben; wenn aber ein erwachsener Mensch für sich die Risiken in Kauf nimmt, dann ist das auch in Ordnung. So konnte man wohl die vorherrschende gesellschaftliche Position gegenüber dem Tabakrauch bis vor etwa zehn Jahren beschreiben, bis auch die Gefahren des Passivrauchs immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit rückten.

Es ist eigentlich ganz einfach: ungewollt eingeatmeter Tabakrauch unterscheidet sich hinsichtlich seiner Schädlicheit nicht wesentlich vom bewusst konsumierten. Wer unfreiwillig blauen Dunst ins Gesicht geblasen bekommt, der hat mit denselben gesundheitlichen Schäden zu rechnen, nur eben mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit. Das Argument, dass die unfreiwillig eingeatmete Menge an schädlichen Stoffen dabei unterhalb einer kritischen Schwelle läge, greift dabei freilich nicht – für krebserregende Stoffe gibt es keine für den Körper tolerable Minimalmenge. Jede kleinste Menge Passivrauch geht also zwangsläufig mit einem wenn auch kleinen, so doch vermeidbaren gesundheitlichem Risiko einher. Rein rechtlich verletzt ein Raucher durch seine Emissionen so das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit des Passivrauchers, weswegen der Staat auch die Pflicht hat, die Belastung durch Passivrauch einzuschränken, wie auch unlängst durch die in allen Bundesländern eingeführten Rauchverbote partiell geschehen.

Dass das natürlich noch nicht genug ist, lässt sich ohne größeren Aufwand experimentell belegen: man gehe nur tagsüber wenige Meter auf dem Gehweg in irgendeiner deutschen Innenstadt – und schon ist man wieder zum Passivraucher geworden. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird man dann also die Feststellung “Wo Menschen, da Tabakrauch” bestätigen können – und dann wiederum im Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzt sein. Es ist also absolut konsequent, nicht nur in Gaststätten und öffentlichen Einrichtungen, sondern auf allen öffentlichen Plätzen ein generelles Rauchverbot einzuführen. Eine gesetzliche Regelung, die dem Nichtraucherschutz wirklich gerecht wird, darf das Rauchen nur dann erlauben, wenn eine Fremdgefährdung nach bestem Ermessen ausgeschlossen ist. Die alte Tradition des privaten Raucherzimmers, mit eingebauter Abluftfilterung wie sie auch für die giftige Abluft von Industrieanlagen vorgeschrieben ist, wird also aufleben; neben abgelegenen Einsiedelhöfen und Single-Haushalten ohne Balkon ist ein solches Raucherzimmer wohl das letzte Tabakrauch-Refugium, dass unser Grundgesetz gestattet.

Im Weiteren muss natürlich der Wandel des allgemeinen Bildes gegenüber dem Tabakrauch, in gewisserweise so eines Weltbildes, fortgeführt werden. Tabakrauch ist nicht etwa als unangenehme, aber dennoch in geringen Mengen zu duldende Belästigung, ähnlich anderer körperlicher Ausdünstungen, zu sehen. Vielmehr ist er damit zuvergleichen, dass einem – im Passivrauch-Fall – einmal im Jahr ein Fremder eine Pistole an den Kopf hält und abdrückt, wobei die Wahrscheinlichkeit, dass die Pistole geladen war, etwa 33/800000 beträgt. Das ist nicht besonders hoch und dennoch würde jeder normaler Bürger ein derartiges russisches Roulette gesetzlich verbieten.

Einen anderen Blick auf den Tabakkonsum gestattet übrigens die klinische Psychologie, welcher wiederum das fehlerhafte Denken macher Teile der Gesellschaft in Bezug auf den Tabakrauch deutlich werden lässt. Wie zum Beispiel Magersucht gilt auch der Tabakkonsum als stoffgebundene Sucht und somit als psychiatrische Erkrankung. Psychisch Kranken bietet der Staat, um ihre körperliche und seelische Unversehrtheit wiederherzustellen oder zumindest zu fördern, ein ganze Reihe von Therapiemöglichkeiten an; ja manchmal kann er sogar eine Therapie verpflichtend anordnen.

Im Beispiel einer magersüchtigen Patientin mag sich das folgendermaßen gestalten: die junge Frau isst immer weniger, läuft dafür mehr und erbricht sich. Sie steigert sich immer mehr in die Magersucht hinein, sodass ihr Körpergewicht und ihr allgemeiner gesundheitlicher Zustand ein für sie selbst lebensbedrohliches Niveau erreicht hat. Im Gespräch mit einem Arzt zeigt die spindeldürre Frau allerdings keine Einsicht in ihren höchst kritischen Zustand, ja vielleicht ist sie subjektiv noch nicht einmal unglücklich und so möchte sie keine Therapie beginnen. In diesem Fall kann dann eine Zwangseinweisung angeordnet werden, um schließlich der armen Patientin aus den festgefahrenen, aber höchst gefährlichen Gleisen zu helfen (was nicht leicht ist, aber lohnend). Der gesunde Menschenverstand sagt einem da, dass es – trotz aller Unannehmlichkeit der Zwangseinweisung und vorbei an den lauten Widerständen von Seiten der Patientin – richtig war, diesen Schritt zu ihrer Rettung zu unternehmen; und auch rechtlich begibt man sich da nicht aufs Glatteis. Es ist in diesem Fall vollkommen in Ordnung, den Willen eines psychisch Kranken nicht für voll zu nehmen.

Wie verhält es sich aber mit der psychischen Krankheit der Tabaksucht (ja, wir leben in einem Land, in dem Tabaksucht als Krankheit gilt)? Zahlenmäßig ist sie mit der Magersucht problemlos vergleichbar: etwa jeder zehnte Raucher erkrankt am Lungenkrebs, etwa jeder zwanzigste stirbt am Lungenkrebs (ganz abgesehen von Herzinfarkt und vielen weiteren tabakrauchbedingten Erkrankungen), während etwa jeder zehnte Fall von Magersucht tödlich endet. Der Magersüchtige gefährdet sich selbst, der Raucher ebenso (und zudem noch andere Menschen). Außerdem haben viele Raucher überhaupt keine Einsicht in ihre Krankheit, erheben sogar einen Anspruch auf das Ausleben ihrer Sucht und auf Toleranz, ganz ähnlich wie bei vielen Magersüchtigen. Und genauso wie beim Magersüchtigen die Willensfreiheit dahingehend verzerrt ist, nicht normal zu essen, ist sie es auch beim Raucher durch einen immensen Suchtdruck zugunsten des weiteren Tabakkonsums.

Auf den Punkt gebracht stellen sich die Fragen: warum werden dann also Magersüchtige, die sich selbst gefährden, in psychiatrische Krankenhäuser zwangseingewiesen, Raucher dagegen nicht? Warum wird die Stimme Magersüchtiger, die weiterhin nichts essen wollen und nicht therapiert werden wollen, nicht für voll genommen, während Raucher in Politik und Medien als ebenbürtige und keineswegs wahnsinnige Diskussionspartner gelten? Warum legt an man an zwei vergleichbar riskante psychische Erkrankungen nicht denselben Maßtab an, so wie es die kühle Vernunft fordern würde?

Die Antwort ist so einfach wie traurig: einzelne “Wahnsinnige” werden abgeschoben, eine große, zusammengerotte Menge von “Wahnsinnigen” dagegen gilt als gesellschafts -und profittaugliche Gruppierung. Allein die Zahl macht den Unterschied. Keine Chance selbst- und fremdgefährdende Raucher genau so wie selbstgefährdende Magersüchtige zwangseinzuweisen, zu zahlenmächtig wäre der Prostest der Krankheitsuneinsichtigen und der nutznießenden Tabakindustrie! Die Masse besiegt die Logik.

Zum Ende aber konstruktive Gedanken: die Politik muss den Nichtraucherschutz vorantreiben, auch auf öffentlichen Flächen muss ein Rauchverbot einführt werden. Außerdem böte sich beispielsweise die Einführung eines „Tabakführerscheins“ an, welcher erst nach zehn theoretischen Aufklärungsstunden und einer entsprechenden Prüfung ausgegeben wird und dessen Besitz Voraussetzung für den Tabakkonsum ist. Den schon süchtigen Rauchern aber müssen, zeigen sie nun Einsicht in ihre durch den Suchtdruck verzerrte Willensfreiheit oder nicht, viel bessere Therapiemöglichkeiten zu ihrem eigenen langfristigen Wohle geboten werden. Kurz: Der Cowboy mit dem Glimmstengel muss als hilfsbedürftiger Kranker gelten.

Bibliothek

Willkommen in der Bibliothek!

Hier redet man mit den Stimmen am Rande der Gesellschaft.
– Am Rande, weil sie alles besser wissen.
– Am Rande, weil sich sonst keiner für sie interessiert.
– Am Rande, weil sie tot sind.
– Am Rande, weil, was sie sagen, besser nur aufgeschrieben wird.
– Am Rande, weil sie dorthin gedrängt wurden.
– Am Rande, weil sie es nur dort aushalten.
– Am Rande, weil sie dort ihre Freunde fanden.
– Am Rande, weil sie einfach dorthin gehören.
(Mehrfachnennungen waren möglich.)

Hier treffen Sie auf die Stimmen all derer, die etwas zu sagen zu haben glaubten, aber im Hintergrund blieben, hier hören Sie, was aus verschlossenen Mündern kam. Hier finden Sie das Gemurmel hinter den Kulissen, die Politik im Abseits, das Leben im Abstrakten, die Ewigkeit des nur Gedachten, eingesperrt im Käfig der Regale.

Willkommen in der Bibliothek, dem Friedhof untoter Meinungen, schüchterner Revolutionäre und halbgarer Entwürfe! Sie finden hier geisterhafte Reliquien des Denkens sowie vergilbte Ruinen und Wracks dennoch verflossener Zeit, von A bis Z.
Übertreten Sie nun den Abgrund in die zweite Welt. Treten Sie ein in die schemenhafte Unterseite der gewohnten Welt.

Beim Verlassen bitte alle Bücher an ihren ordnungsgemäßen Platz zurückstellen, aufwachen und die Augen an das Blendwerk der schnelllebigen gewöhnlichen Welt adaptieren lassen.

Warnhinweis: Betreten auf eigene Gefahr! Etwaige negative Auswirkungen auf Ihr gewöhnliches Leben (Lebensunfähigkeit, Verstoßung durch Gesellschaft, chronische Langeweile in erster Welt, Frustration über durchblickte und dennnoch unveränderliche Gesetze in der ersten Welt, Vernachlässigung sozialer Kontakte, Hautblässe, Rückenbeschwerden, stoffungebundene Abhängigkeit) bei unsachgemäßem oder übermäßigem Besuch nicht auszuschließen. Hilfe erhalten Sie bei den anonymen Akademikern.

Eingeimpfte Schuld: kleine Analyse der Kurzgeschichte „Kinderseele“ von Hermann Hesse

Kloster Maulbronn als Höhepunkt der pietistischen Karriere Hesses: hier hätte seine Ausbildung zum evangelischen Pfarrer begonnen.

Kloster Maulbronn als Höhepunkt der „pietistischen Karriere“ Hesses: hier hätte seine Ausbildung zum evangelischen Pfarrer begonnen.

Aufgewachsen als Sohn zweier aus Indien zurückgekehrten Missionare wurde Hermann Hesse (1877 – 1962) sehr früh von der strengen und frömmelnden protestantischen Strömung des Pietismus geprägt. Allen voran muss wohl sein rechtgläubiger Vater ihm gewissermaßen mit einem Stempel den Pietismus eingedrückt haben und auch früh schon hätte sein Lebensweg ins Richtung Pfarramt weisen sollen. Dazu kam es jedoch nicht; nach einem Ausbruch aus dem theologischen Seminar, einem unfreiwilligen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt und missglückten Ausbildungsversuchen in seiner Pubertät konnte sich der junge Hesse aus der Enge des Pietismus herauswinden und als freigeistiger Künstler seine schließlich nobelpreiswürde schriftstellerische Begabung ausleben.

Einen frühen Einblick in den inneren Konflikt zwischen den hohen Idealen des Pietismus und dem angeborenen Eigensinn gibt die Kurzgeschichte „Kinderseele“ aus dem Jahr 1919. Hesse berichtet in dieser Kindheitsanekdote, wie er als Elfjähriger an einem typischen Mittag zwischen den Schulstunden zu Hause in den Habseligkeiten seines Vaters stöberte und dabei einige Feigen aus einem Kranz stahl und in seinem Zimmer versteckte. Dieses Kavaliersdelikt löste in ihm aber immense Schuldgefühle und Gewissensbisse aus, sodass er dem Nachmittagsunterricht fernblieb und voller schrecklicher Skrupel wegen seines ungezügelten Verbrechertums und erfüllt von Fantasien eines Strafgerichts vor Gott durch das Umland streunte. Wieder in der Stadt traf er am Abend dann auf einen Schulkameraden, mit dem er eine Art Handel ausgemacht hatte, verwickelte sich mit ihm in einen Streit und prügelte sich schließlich mit ihm. Blutend wurde er zu Hause von seiner Mutter umsorgt. Am nächsten Tag, einem Sonntag, hatte er das schlechte Gewissen schon längst verdrängt und genoss den Kirchbesuch und die Zeit für sich, als ihn dann doch sein Vater zur Rede stellte. Auch wenn der Sohn es erst nicht zugeben wollte, musste er schließlich doch am Ende zur Strafe den Nachmittag auf dem Dachboden verbringen.

Beispielhaft kommt hier also ein grundlegender seelischer Konflikt zwischen überhöhten moralischen Ansprüchen und natürlichen Neigungen zum Vorschein. Auf der einen Seite möchte der junge Hesse ja, getreu seiner pietistischen Erziehung und den Forderungen der Lehrer entsprechend, „den idealen, reinen, edlen Pfad zur Höhe gehen“, indem er ein vollends tadelloses und tugendhaftes Leben an den Tag legt. Andererseits muss er aber feststellen, dass ein jeder Versuch in diese Richtung bald durch Rückfälle in „Sünde und Lumperei“ durchkreuzt wird und geradezu ein „grauenvolle[r] Bann“ ihn „dämonisch“ immer wieder zu Regelverstößen treibt. So genießt er eigentlich die innere Reinheit, und schwört sogar bei Kerzenschein dem Bösen ab, vor Augen all die großen tugendhaften Männer vergangener Tage, – und spürt zu Beginn der Handlung der Kurzgeschichte eben doch das Drohen des „Unsägliche[n]“. Von Selbstzweifel erfüllte Angst, eine Angst auch vor Bestrafung, quält ihn da, als er von der Schule ins Elternhaus zurückkehrt und merkt, dass er die als „verbrecherisch“ empfundenen Regungen seiner Seele wohl nicht komplett unter Kontrolle halten können wird. Und so bringt ihn dann auch der „Zwang, Böses zu tun“ in den Wohnbereich seines Vaters, wo er – wie er feststellt – alleine herumstöbert und schließlich der großen Versuchung, Feigen aus dem Kranz zu stehlen, unterliegt. Kurz nach dieser Tat überkommt ihn dann aber „Ekel“ der sich dann, entsprechend der Vorahnung, immer mehr in immense Schuldgefühle und Angst vor einer Bestrafung durch den Vater steigert. Davon erfüllt, wünscht er sich selbst fast den Tod, fürchtet, der Vater könne ihn totschlagen, und sieht in allem, was ihn an die Vergangenheit erinnert – in seinen Zeichnungen, in seiner Schmetterlingssammlung oder, als er den Nachmittagsunterricht schwänzt, draußen in den Schauplätzen der Familienausflüge – nur Relikte einer für immer unwiederbringlichen Reinheit. In einer Art Höhepunkt seiner „Phantastereien“ sieht er sich schon bei seinem eigenen Strafgericht vor Gott stehen und erwägt dort, in einer Art letztem trotzigen Aufbegehren seine Sünden nicht zu bereuen, bevor ihn wieder Selbstzweifel packen.

Dass ein Kind, wenn es gegen die Regeln der Eltern verstößt, ein schlechtes Gewissen hat, ist selbstverständlich und normal, dass dies aber derart drastisch wie bei Hesse ausfällt, ist dagegen höchst bemerkenswert. Die Schwere seines Lausbubenstreichs und die Intensität seiner daraus resultierenden Schuldkaskade stehen ja in keinem Verhältnis zueinander. Diese verzerrte, geradezu hypersensitive moralische Bewertung mag neben Hesses hoher Intelligenz vor allem in der schon erläuterten strengen religiösen Erziehung gründen, die ihm diesen Schuldkomplex gewissermaßen eingeimpft hat. Verzerrt nämlich ist es beispielsweise, wenn er die paar gestohlenen Feigen gleich mit Brandstiftung und Mord in Verbindung bringt; noch drastischer und geradezu ad absurdum geführt sieht man diesen verzerrten Maßstab beim zur Schlägerei entglittenen Streit mit dem Mitschüler am Abend, der eben in Hesse keineswegs noch viel größere Schuldgefühle erzeugt, sondern als „Kriegsrausch“ eher seinen Lebenswillen wieder wach ruft. Sein Gegner, ein Mitschüler, der ihn aufgrund seiner einfachen Herkunft aus der Arbeiterklasse faszinierte, wird dabei als weniger idealistisch und religiös erzogener Gegenpol zum greifbaren Adressaten seiner Wut über sein eigenes moralisches Versagen.

Auf etwas abstrakterer Ebene kann man also festhalten, dass die Anekdote „Kinderseele“ auf zwei Gefahren zu strikter moralischer Erziehung hinweist: zum einen kann diese beim zu Erziehenden einen sehr leidvollen Schuldkomplex erzeugen; denn je strenger die Verhaltensregeln sind und je höher die Bedeutung ihrer Einhaltung eingeschätzt wird, auch eingegliedert in ein religiöses System, desto schwerwiegender wird das Kind jeden kleinsten Regelverstoß einschätzen*; ein eigenverantwortliches und souveränes Überdenken moralischer Richtlinien wird so behindert. Zum zweiten ebnet sie den Weg hin zum Gefühl einer moralischen Überlegenheit gegenüber anderen, deren Effekt es ist, dass die Wut über die eigenen Anstrengungen, dem strengen moralischen Maßstab gerecht zu werden, auf andere, an die derselbe Maßstab angelegt wird, dem diese anderen dann noch weniger genügen, projiziert wird**.

Aus einem erst einmal anerzogenen „Schuldkomplex“, mit Hesses Worten „einer schäbigen Charakterschwäche, einer Neurose“***, auszutreten ist, sofern man es versuchen will oder soll, schwer, auch der Autor pendelte in seinem späteren Leben noch „hundertmal“ zwischen hohem Ideal und enttäuschender Realität hin und her. Interessant ist, dass er, unzufrieden mit dem dennoch anerzogenen Konzept des Pietismus, sich im weiteren Verlauf seines Lebens auch eingehend mit dem Buddhismus beschäftigte; so sehr, dass er dem Religionsgründer Gautama Siddharta einen Roman widmete. Wäre er natürlich gleich buddhistisch erzogen, wäre ihm wohl keine Schuld „eingeimpft“ worden, denn in dieser Lehre gilt das Schuldgefühl allgemein als ein zu vermeidendes Leid.

* Selbstverständlich gibt es auch Kinder, bei denen eine besondere Strenge in moralischen Fragen ganz natürlich und von innen heraus kommt.

** Dieses Verhalten findet sich bei vielen strengen Geistlichen.

*** Es muss aber zugestanden werden, dass er diesen starken Konflikt auch als „Auszeichnung“ und eine besondere Nähe zu Gott empfand.

Ein Sommertag – anthropologische Thermodynamik

Das Regenwetter ist endlich vorbei: mehr als eine Woche hatte es geschüttet und kaum jemand wäre auf die Idee gekommen, das man sich gerade in der richtigen Jahreszeit befindet. November, na gut, März vielleicht auch noch – aber Juni? Jetzt aber, von einem Tag auf den anderen, ist der Sommer da und lässt die Thermometer sich verdächtig der 30°-Marke nähern, während man kaum eine halbe Stunde im Freien verbringen kann ohne einen knallroten Sonnenbrand auf der lichtentwöhnten Haut zu riskieren.

Eine Veränderung der intensiven Zustandsvariablen T, der Temperatur, das riecht nach Thermodynamik und statistischer Physik (nicht abschrecken lassen, so schlimm wird es nicht). Betrachten wir zum Beispiel ein kanonisches Ensemble von N idealen Gasteilchen im Volumen V zunächst bei der Temperatur T1. Die Teilchen bewegen sich irgendwie zufällig durcheinander, durchschnittlich entsprechend der thermischen Energie der Temperatur T1 (sie gehorchen dabei aber der Maxwell-Boltzmann’schen Geschwindigkeits-Verteilung). Heizt man jetzt dieses mikrokanonische Ensemble auf die Temperatur T2 auf, so nimmt es eine zusätzliche Wärmemenge – eine Energie – auf, die sich als kinetische Energie der Teilchen wiederfindet: die Gasteilchen wuseln mit einer höheren durchschnittlichen Geschwindigkeit durcheinander, ihre Bewegung wirkt viel chaotischer.

Sei nun eine heterogene Gruppe von N Menschen aus dem deutschen Raum gegeben. Gestern, am letzten Regentag bei T1, da gingen sie alle noch einigermaßen sinnvollen und seriösen Beschäftigungen nach: Stempeln im Einwohnermeldeamt, Medikamentenverabreichung am Krankenbett, Telefonieren im Büro, Würstedrehen in der Metzgerei, Zeitunglesen im Zug, Erziehung der Kinder in der Schule zu anständigeren Erwachsenen oder Planung von Automobilkleinteilen. Natürlich gab es da gewisse graduelle Unterschiede (nicht unbedingt entsprechend der Maxwell-Boltzmann-Verteilung), aber im großen und ganzen herrschte Ordnung zu einem Geruch nach professionellem grauen Kostüm mit schwarzer Strumpfhose, umzusetzenden rechtwinkligen Arbeitsanweisungen und Dienstvorschriften und Druckertoner auf kaffeebefleckten Datenblättern. Es herrschte Ordnung, denn die Köpfe waren kühl. Der Präfrontalkortex leistete seine Dienste, die Ratio hatte das Sagen, die Triebe, die Fleischeslust, das Es oder wie man es sonst nennen mag waren unter Kontrolle.

Und heute? Da herrscht T2 und die zusätzliche Energie sucht sich ihre Wege. In den Köpfen der Menschen legt sie erst einmal die Vernunft lahm. Arbeit, sei es am Computer, auf Station, im Büro, an der Tafel oder sonst wo wird zur Unmöglichkeit. Die Ratio hat keine Chance gegen die Triebe, die heute, wie eine kochende Flüssigkeit in einem Kochtopf, viel zu stark gegen das Gerüst der Vernunft drücken. Gegen alle größeren oder kleineren Widerstände setzen sie dann durch, was sie wollen: durch die Straßen der Stadt spazieren, aufs Land radeln und danach ein Bierchen trinken, an den Brunnen der Plätze sitzen und Eis essen, der vielen nackten Haut hinterher gaffen und davon ermutigt Anbahnungsversuche unternehmen usw. Kaum etwas hält noch die Ordnung, alles schwirrt durcheinander –  wehe, der Manager aus dem klimatisierten Büro mit dem kühlen Kopf will kurz über die Straße gehen, um sich eine belegtes Brötchen zu holen: unberechenbares Chaos trifft ihn, denn die durcheinander wuselnden Menschenteilchen auf der Straße haben heute mehr kinetische Energie. Nicht einmal zur Kenntnis nehmen sie diesen kühlen statistischen Ausreißer (der dann als zusätzliches Teilchen im strengen Sinne das kanonische Ensemble durcheinander bringt).

Und wenn man im heißen Zug (es muss nicht gleich ein ICE mit Aufguss sein) ein bisschen genauer hinsieht in die Gesichter der flirtenden und scherzenden Menschen, die sich kaum still halten können, so blickt man tatsächlich in glänzende, rollende, aufgeweckte Augen. Der sonst strenge, analytisch-rationale und präfrontale Blick ist diesem Merkmal des puren, lebensfreudig-bacchischen Rausches, ebenso bei erhöhtem Blutalkoholspiegel beobachtbar, gewichen, dem Anzeichen der kurzfristig zurückgewonnenen kindlichen Unbekümmertheit.

Wie sehr könnte ich doch fluchen, bei all der Wärmeenergie die Rolle des statistischen Ausreißers nach unten, zur unbewegten Ordnung hin, spielen zu müssen und scharfsinnig zu schreiben. Wobei, was soll’s – ein paar empathische Kollisionen mit den Frühlingsmenschen und schon hat mich die sonnige Lebenslust vom Computer in den Park beschleunigt. Ha, so gut fühlt sich das also an. Das muss man den Südländern doch lassen, denk ich mir da: auch wenn ihre chronisch überhöhte thermische Energie manch Straßen schmuddelig werden lässt, mach Beschäftigten müßiggängerisch macht und manch Staatsfinanzen hilfeschreiend erröten lässt – das bessere Lebensgefühl haben sie schon.

(Am Schluss überlege ich noch, inwieweit die thermische Energie in meinem eigenen Kopf den Scharfsinn durcheinandergebracht und durch süffisante Ironie ersetzt hat.)