Was Über-Ich, Ich und Es mit einer dunklen Sonnenbrille zu tun haben

Bei meinem kurzen Praktikum in der Psychiatrie hatte ich auch das Vergnügen, mit einer schizophrenen Patientin zu sprechen (das meine ich ernst, denn nett war sie zweifelsohne), die gerade eine depressive Phase durchleben musste und deswegen oft zum Mittagessen kaum aus dem Bett zu bewegen war. Zwei Feststellungen muss ich dazu festhalten:
1. In der Absicht, mein dürftiges Wissen über Depressionen anzuwenden, aber auch, um meinem Drang nach existentiellen Gesprächen gerecht zu werden, begann ich ein „Therapiegespräch“ mit der im Bett liegenden Patientin. Sie meinte, dass sie sich nicht nach draußen bewegen könne, da sie dort von den anderen Patienten für hässlich oder sonst irgendwie minderwertig gehalten werde. Mir war natürlich sofort klar, dass diese miesepeterigen Gedanken der keineswegs hässlichen Patientin vor allem ihrer aktuellen Depression geschuldet waren; dass also die Trübsal in ihrem Geist oder Gehirn sie gerade die schlimmsten Visionen des Aus-dem-Bett-Aufstehens sehen ließen*. Meine „tiefen“ Einsichten wollte ich der Patientin erläutern und ihr gleichzeitig auch durch ein seelsorgerliches Gespräch behilflich sein, deswegen erklärte ich ihr, sie habe eine Art schwarze Sonnenbrille vor ihrem inneren Auge, welche ihr alle Wahrnehmungen in einem negativen Licht erscheinen lassen, und dass es nun bei ihr läge, mit Eigenarbeit die Brille abzunehmen. Dass dies eine schwere Aufgabe sei, sei mir bewusst, ihre Brille sei gleichsam angeklebt, aber dabei würde ihr sämtliches therapeutische Personal behilflich sein. Relativ bald hatte die Patientin verstanden, was ich meinte.
Tatsächlich hat sie natürlich in ihrem Kopf keine dunkle Sonnenbrille, ebenso wenig wie diese festgeklebt ist, es handelt sich nur – wer hätte das gedacht – um modellhafte Vorstellungen, die die Einsicht in das in diesem Fall gestörte psychische Erleben der Patientin erleichtern. Dass, geht man auf wissenschaftlichere Ebene, die Sache natürlich weitaus komplexer ist, dass verschiedene Neurotransmitter, genetische Prädisposition oder die Biografie eine Rolle spielen, dürfte klar sein. Der Vorteil des Brillenmodells liegt aber in der Einfachheit, denn gerade einfache Modelle lassen sich leicht einprägen und leicht als Richtlinie des Handelns anwenden (vergleiche „Rechts-vor-links“, zehn Gebote oder die – möglicherweise veraltete – ABC-Regel der Ersthilfe). Ähnlich verhält es sich mit dem Modell von Freud, dass sich das psychische Erleben des Menschen als Dynamik von Über-Ich, Ich und Es verstehen lässt. Es ist einprägsam und eingängig, irgendwie intuitiv verständlich (denn es kommt von einem Menschen und ist so anderen Menschen leicht zugänglich) und man kann damit das eine oder andere psychische Problem therapeutisch angehen. Dennoch, und das gilt für die gesamte Psychoanalyse, sollte man sich dessen bewusst sein, dass es nur furchtbar vereinfachte Denkmodelle für den psychiatrischen Alltagsgebrauch sind, keineswegs aber Enthüllungen à la Weltformel der menschlichen Psyche, die alles psychische Erleben auf wenige Variablen zusammenfasst. Interessante Anregungen mag sie gegeben haben an das allgemeine Geistesleben des Menschen, aber eben nur zweckentfremdet als provokative Ideologie.
2. Lange Rede, kurzer Sinn. Wohl zwanzig Minuten habe ich junger Mann der etwa Sechzigjährigen mit dem Depressionsmodell geschmeichelt, immer wieder an sie hin geredet und sie wie ein rohes Ei behandelt (ich war dabei aber eher natürlich), was ihr offenbar sehr gefiel. Erst dann war sie langsam dazu bereit, sich aufzusetzen, dann immerhin aufzustehen und schließlich sogar mit zum Essen zu gehen – eine ganz schwere Geburt. Ärgerlich ob meiner zeitverschwenderisch-sinnlosen Therapieversuche wurde ich dann aber tags drauf, als die Patientin wieder nicht zum Mittagessen aus ihrem Bett hochkam. Dieses Mal war es mir zu aufwendig, wieder groß mit allen philosophischen und psychiatrischen Künsten an sie hin zu reden – ich holte kurzerhand einen der Krankenpfleger zur Hilfe. Und was sah ich da? Er sagte einfach-bodenständig „Kommen Sie, na los!“, nahm sie an der Hand, sie rappelte sich auf und ging mit ihm zum Mittagessen. So einfach ist das also; das ganze theoretische Brimborium kann man meistens vergessen und stattdessen (sogenannten) gesunden Menschenverstand walten lassen. Eine Lehre muss das sein für all die Psychologen, Psychiater, Therapeuten, Priester und Philosophen: mehr als ihre hochgeistig-schmeichelnden Worte nutzt den Patienten oft das einfache Alltagsleben und der Kontakt mit den Alltagsmenschen. Eine Ermunterung natürlich auch an die „Normalen“: einfach mal ein bisschen Alltag in die Anstalt tragen und dadurch der hermetischen Verschanzung, zauberberg-artig, der psychisch Kranken vorbeugen. Die beißen nicht (die, die schon beißen, bekommt man nicht zu Gesicht). Im Übrigen ein christlicher Gedanke, die gesellschaftlichen Außenseiter ins gewöhnliche Leben zu re-integrieren, was natürlich die Pflicht der Gewöhnlichen ist. Auch wenn christliche, vielleicht sogar ganz allgemein religiöse Ansichten manchen doch selber gottgleichen Psychiatern fremd oder unangenehm sein mögen, in die Praxis umgesetzt als bodenständige und pragmatische Menschenliebe scheinen sie weit mehr zu nutzen als religionskritische Psychoanalyse.

* Das entspricht dann auch wieder der Theorie „Man sieht und denkt, was gerade zur Gefühlslage passt“ oder „Denken und Fühlen sind eng miteinander verwurschtelt“.

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