Notiz zum gottgleichen Psychiater

Psychiater –  dass es diesen Job überhaupt gibt, ist eigentlich ein starkes Stück. Da maßen sich also tatsächlich Angehörige der Gattung Homo Sapiens an, objektiv darüber entscheiden zu können, ob ihre Artgenossen verrückt sind oder nicht. Im Fall einer positiven Entscheidung zieht das weitreichende Konsequenzen nach sich, der Verrückte wird weggesperrt, geächtet und oft durch Medikamente geistig erweicht einer unfreiwilligen Gehirnwäsche unterzogen. Psychiatrie – das ist nicht nur seelsorgerliche Unterstützung leidender Artgenossen, das ist ein normgebendes Element im Staat. Ähnlich dem Richter kann der Psychiater über eine Art Gefängnisstrafe verfügen, doch während beim Gesetz, der Entscheidungsgrundlage des Richters, klar ist, dass es ein menschengemachtes Konstrukt ist, scheint die objektive Naturwissenschaft das Fundament des Psychiaters zu sein. Ein großer Irrtum! Menschen sehen Störungen, krankhaftes Verhalten immer nur vom Standpunkt ihrer normgebenden Mittelmäßigkeit aus. Der schlechte, das heißt nicht therapeutische, dafür gottgleiche Psychiater verteidigt also das arithmetische gesellschaftliche Mittel gegenüber der vielfältigen Abweichung geistiger Konstitution. Er ist insofern Demokratie pur. Weg aus dem Köpfen sollen die Bilder der mächtigen Psychiater und weichen den Weichen, den ehrlichen Leidminderern.

 

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Jeder Gedanke verändert die Welt

Oder: Hirngespinste sind ganz real gesponnene Nervenvernetze.

Hugo Kauffmann: Mädel am Spinnrad. Wer denkt, spinnt sich aus seinen Nervenzellen tatsächlich einen schönen, realen Faden zusammen.

Hugo Kauffmann: Mädel am Spinnrad. Wer denkt, spinnt sich aus seinen Nervenzellen tatsächlich einen schönen, realen Faden zusammen.

„Die Gedanken sind frei“ heißt es in einem bekannten Volkslied. Völlig abgetrennt von der äußeren Welt scheinen sie irgendwo unabhängig im eigenen Geiste zu existieren und nur, wenn man es will, per Wort oder Tat nach außen zu gelangen. Ganz richtig ist diese Sichtweise der Trennung von Gedankenwelt und tatsächlicher, „physikalischer“ Welt aber nicht, denn man übersieht dabei, wie es so oft beim Denken über das Denken geschieht, das Gehirn. Solange man nämlich selbst denkt, tut man sich schwer, das eigene Gehirn, dasjenige Organ, das man je nach Sichtweise selbst ist oder bewohnt oder gebraucht, als äußeres Objekt wahrzunehmen. Man kann – ohne Hilfsmittel bildgebender Verfahren – sein eigenes Denkorgan nicht genauso wahrnehmen wie die Vögel am Himmel, die nette Kollegin am Schreibtisch nebenan oder die Außentemperatur am Thermometer auf dem Balkon. Philosophisch gesprochen scheitert man da an der unüberbrückbaren Schwelle der Subjekt-Objekt-Spaltung. Ich bin ich, alles andere ist eben etwas anderes und „ich“ und „alles andere“ ist nicht dasselbe.

Wenn man sich allerdings nicht auf das eigene Gehirn, sondern auf dasjenige anderer Menschen bezieht und die Erkenntnisse dann erst auf sich selbst und – äquivalent – das eigene Gehirn überträgt, wird es einfacher. Nehmen wir zum Beispiel an, eine Versuchsperson wird mit der funktionellen Magnetresonanztomografie untersucht, einem selbstverständlich noch nicht ausgereiften Verfahren, dass die Aktivität bestimmter Hirnareale grafisch darstellt. Während die Versuchsperson also mitteilt, dass sie sich gerade die beeindruckende Kathedrale aus dem letzten Sommerurlaub in Spanien vorstellt, sieht man auf dem Bildschirm wohl, dass Areale der räumlichen Vorstellung aktiv sind. Geistige Welt – Mitteilung des Gedankeninhalts der Versuchsperson – und physikalische Welt – Aktivitätsmuster auf dem Bildschirm – gehen offenbar miteinander einher, noch mehr: sie sind nur unterschiedliche Betrachtungsweisen ein- und derselben realen Welt; im Blick auf andere Menschen oder Gehirne (wo es das Problem der Subjekt-Objekt-Spaltung nicht gibt) ist das völlig klar.

Die Funktionsweise des Gehirn ist, um noch etwas weiter zu gehen, aber sogar noch mehr als nur das Ein- oder Ausgeschaltetsein bestimmter Teile einer Maschine, wie wenn beispielsweise in einer Software am Computer mal der eine und mal der andere Programmteil aktiv ist, in Analogie zu den beobachteten Mustern aktiver Nervennetze. Denn zusätzlich kann das Gehirn auch Lernen, was im Wesentlichen bedeutet, dass sich neue Verknüpfungen zwischen einzelnen Nervenzellen, Synapsen, bilden. Lernen geht also einher mit der Veränderung des Organs Gehirn, geistiges und physikalisches (bzw. physiologisches) Phänomen sind auch hier untrennbar miteinander verwoben, sind die zwei Seiten der einen Medaille oder sind eben noch mehr: dasselbe. Es ist, wie wenn sich ein funktionierender Computer selbst verändern und umprogrammieren würde – und dabei sogar noch seine „Verdrahtungen“ verändern würde.

Ein Gehirn, sei es das eines Mitmenschen oder das eigene, ist Teil dieser einen Welt im ganz materialistischen Sinn. Gedanken sind aber immer dynamische Prozesse des komplexen Nervensystems Gehirn und insofern also auch Teil dieser einen Welt. Gedanken sind genauso real wie der Blutstrom in Blutgefäßen, welche sich ja auch mit der Zeit verändern, oder wie der Verkehrsstrom auf Straßen und Autobahnen, welche auch, je nach Bedarf, aus- oder rückgebaut werden.

Es ist damit klar, dass eine Trennung in Geistiges und Materielles im Grunde Unsinn ist und nur aus der Unfähigkeit, dem eigenen Datenverkehr und Nervenstraßenbau in allen Details zuzusehen, der Subjekt-Objekt-Spaltung, resultiert. Diese Trennung ist also nur eine Illusion, die daraus resultiert, dass sich ein System wohl nicht komplett selbst verstehen kann (auch rein biologisch wäre es kompletter Unsinn, würde das eigene Gehirn nur mit sich selbst, seiner Selbstanalyse, beschäftigt sein. Jede Nervenzelle wäre nur damit beschäftigt, sich selbst zu verstehen, und wahrscheinlich damit schon komplett überfordert, – da bliebe ja nichts mehr fürs eigentliche Leben da draußen übrig).

Die eigenen Gedanken kann man also auch auf physikalischer, „realer“ Ebene sehen. Denkt man etwas, lernt man etwas, so verändert man dadurch willentlich (zumindest kommt es einem willentlich vor) das eigene Gehirn. Spinnt man gerade an einem Gedankengespinst, so spinnt man tatsächlich auch ein ganz reales, beobachtbares Nervennetz im eigenen Denkorgan.

Diese Spinnereien kann man natürlich noch weiterführen, denn auch die oft unter Naturwissenschaftlern, insbesondere überzeugten Materialisten, als sinnloses Geplapper verrufenen Geisteswissenschaften im weiteren Sinne werden so zu etwas ganz Physikalisch-Realem. Wer beispielsweise einen Roman oder auch ein philosophisches Werk liest, verändert dadurch sein Denken über das Leben oder seine Einstellung zu anderen Menschen und diese Veränderung ist nichts anderes als eine Veränderung seines Gehirns. Die „Moral von dieser G’schicht‘ “ ist damit in das Nervengeflecht des Denkorgans eingewebt und konsequenterweise für ein anderes Erleben und Handeln des Lesers verantwortlich. Ein Schriftsteller oder Philosoph ist insofern ein Fremdnervenzellenweber, böse formuliert ein Manipulator, gut formuliert ein Lehrmeister; er ermöglicht Lernen, Selbstverbesserung, Läuterung, das heißt neuronale Umstrukturierung ohne die Gefahr eigener misslungener Unternehmungsversuche. Er bietet bereits bei diesen oder jenen Lebensproblemen erfolgreiche Nervenstruktur wie eine Software zur Kopie an, sodass nicht jeder sich eine komplett neue Software bilden muss, sondern sie aus verschiedenen Programmteilen zusammenstellen kann. Der Mensch muss sich so gesehen nicht komplett einen neuen Nerventeppich in Sinne der Selbstwerdung oder im Sinne der Bildung im Bildungsroman weben, sondern muss nur die bereits vorhandenen Flicken zu einem harmonischen Flickenteppich zusammensetzen. (Natürlich ist es bei der Naturwissenschaft nicht anders, nur bezieht sie sich nicht auf Innermenschliches. Auch da werden bereits erfolgreiche Nervenstrukturen, genannt Theorien, weitergegeben.)

Auch, um weiterzugehen, Denkgebilde wie die das Gesetz oder menschlichen Staaten, Abstrakta, festgehalten in realen Büchern und Dokumenten, aber dennoch wie von Geisterhand funktionierend, sind zusätzlich noch als mehr oder weniger stark ausgebildetes Nervengeflecht in den Gehirnen der einzelnen Menschen vorhanden. Selbst die Religion erscheint durch die Einheit von geistigem Denken und physikalischem Hirnprozess in einem viel realeren Licht, als man es wohl oft zu glauben versucht ist. Ihre Symbole sind subjektive Worte ganz realer Phänomene im menschlichen Erleben, in der Funktion des Gehirns; sie beziehen sich auf subjektive Grunderfahrungen des Menschseins ganz genauso wie mathematische Formeln auf Objekte der physikalischen Welt. Eine Sünde ist damit nichts anderes, als ein Wort für das – als unangenehm empfundene – Aktivitätsmuster eines schlechten Gewissens; „teuflisch“ ist ein Wort, dass für ein unausgeglichenes, dominant rational-präfrontales Denken bei Unterdrückung natürlichen, intuitiven, wertegeleiteten, menschlicheren Denkens steht; „sich im Namen der Gottesmutter für das kommende Gottesreich einsetzen“ ist somit ein subjektiver, verschlüsselter Ausdruck, der für ein Nervengeflecht (Richard Dawkins würde sagen, ein „Mem“) steht, das emotional geladene Fürsorglichkeit gegenüber den Mitmenschen anregt und insofern ja ganz klar als positiv zu bewerten ist. Religiöse Rituale sind dann ein Spiel mit diesen Symbolen (ähnlich wie Heisenberg theoretische Physik mit einem Spiel vergleicht), aber noch viel mehr, nämlich ganz reale, physikalische Umstrukturierungen der Gehirne der Gläubigen mit ganz realen Konsequenzen, idealerweise guten, kritisch formuliert Gehirnwäsche, wohlwollend formuliert Seelsorge. Der Segen, das heißt ein guter Zuspruch durch einen anderen im Namen Gottes, geht also einher mit der Anregung und Verstärkung von Neuronenkreisen, deren Aktivität als heilsam und stabilisierend empfunden werden, und heilt und stabilisiert so tatsächlich das komplexe System Gehirn. Die für das Leben des Menschen ganz zentrale Bedeutung der Symbol-Komposition Religion, bedeutend, da es ja um die eigene neuronale Stabilität bzw. gleichbedeutend um das Seelenheil geht, wird durch ganz bedeutsame Worte (wie z. B. Ewigkeit, Allmacht, Ursünde, Heil der Welt) und prächtige Gebäude und Ritualgegenstände unterstrichen und sogar noch erhöht.

Man könnte mit dieser Spinnerei von Nervengespinsten sogar so weit gehen (mir persönlich ist es eigentlich schon zu abwegig), Gott als physikalisch-real zu beweisen. Wenn man Gott nämlich denken kann, so gibt es auch damit einhergehend ein Nervengeflecht, welches diesen Gedanken repräsentiert, gewissermaßen verkörpert. Der Gedanke „Gott“ ist also eine bestimmte, ganz real nachweisbare Nervenstruktur in den Gehirnen der Menschen mit ganz realen (wiederum idealerweise positiven) Konsequenzen auf das Denken und Handeln der Menschen. Verkündigung und Bekehrung sind dann der Vorgang der Ausbreitung dieser Nervenstruktur, wie die Übertragung von ein paar Programmcodezielen auf einen anderen Rechner; religionskritisch formuliert die Übertragung eines Nervenparasiten, der ohne menschliches Gehirn nicht auskommt, theologisch formuliert lässt man Gott in sich wohnen. (Beide Sichtweisen sind eigentlich ein- und dasselbe, nur die färbende Haltung gegenüber der Sache an sich macht den Unterschied.)

Die feine philosophische Unterscheidung, die sich hier aufdrängen würde, wäre dann nur folgende: gibt es nur den Gedanken an Gott, dh. ist Gott nur der Gedanke an sich und gar nicht mehr, oder ist der Gedanke an Gott eben tatsächlich erst einmal ein Gedanke und das Objekt dieses Gedankens irgendwo anders, aber vom Gedanken unabhängig? Leider ist das aber eine prinzipiell unlösbare Frage und insofern ist der „Beweis“ oben eben wieder kein Beweis; die Unlösbarkeit der Frage garantiert aber immerhin die logische Möglichkeit einer Entscheidung für oder gegen einen Glauben an Gott, sodass eben keine der beiden Alternativen prinzipiell ausscheiden müsste. Letztlich – und so wird es immer bleiben – ist allein die persönliche Position maßgebend, sei sie nun gläubig oder nicht. Es obliegt dem eigenen, zumindest subjektiv als frei empfundenen Denken, die grundsätzlich neutralen Fakten, eben beispielsweise der Neurowissenschaften, in das eine oder andere Weltbild, einem persönlichen Neuronenflickteppich, zu integrieren; man verhält sich dabei wie der Interpret eines Musikstückes, der bei aller Eindeutigkeit in der Notation dennoch seine künstlerische Freiheit bewahrt.

Abschließend noch diese (im Leser und mir ganz realen) Gedanken: Ein Psychotherapeut verändert durch sein Gespräch mit dem Klienten dessen Gehirn, seine Worte sind einem ganz realen Sinn das Skalpell, mit dem er am Gehirn operiert, denn sie verändern als Gedankeninput die Nervenstruktur des Patienten (und freilich auch des Therapeuten). Weitläufiger gefasst ist natürlich eine jede Form der Erziehung eine Operation am Gehirn, indem sie die neuronale Beschaffenheit des Zöglings verändert und das anfangs noch wildwuchernde Nervengeflecht zur hübsch-kultivierten Hecke zurechtschneidet; eine im ungünstigen Fall tyrannische Erziehung wird so ohne jegliche Handgreiflichkeit zur ganz realen Körperverletzung. Noch weitergedacht verändert aber jedes Gespräch, jede Lektüre, sei sie wissenschaftlicher oder innermenschlicher Natur, ein jeder Kontakt mit der Außenwelt, eine jeden Wahrnehmung und sogar jeder tiefsinnige introspektive Gedanke dieses komplexe System aus Nervenzellen, das eigene Gehirn. So fließt alles mit der Zeit; alles ist der Veränderung unterworfen und alles hängt miteinander zusammen – in einer einzigen, realen Welt, unsere Köpfe mit einbegriffen.

Was Über-Ich, Ich und Es mit einer dunklen Sonnenbrille zu tun haben

Bei meinem kurzen Praktikum in der Psychiatrie hatte ich auch das Vergnügen, mit einer schizophrenen Patientin zu sprechen (das meine ich ernst, denn nett war sie zweifelsohne), die gerade eine depressive Phase durchleben musste und deswegen oft zum Mittagessen kaum aus dem Bett zu bewegen war. Zwei Feststellungen muss ich dazu festhalten:
1. In der Absicht, mein dürftiges Wissen über Depressionen anzuwenden, aber auch, um meinem Drang nach existentiellen Gesprächen gerecht zu werden, begann ich ein „Therapiegespräch“ mit der im Bett liegenden Patientin. Sie meinte, dass sie sich nicht nach draußen bewegen könne, da sie dort von den anderen Patienten für hässlich oder sonst irgendwie minderwertig gehalten werde. Mir war natürlich sofort klar, dass diese miesepeterigen Gedanken der keineswegs hässlichen Patientin vor allem ihrer aktuellen Depression geschuldet waren; dass also die Trübsal in ihrem Geist oder Gehirn sie gerade die schlimmsten Visionen des Aus-dem-Bett-Aufstehens sehen ließen*. Meine „tiefen“ Einsichten wollte ich der Patientin erläutern und ihr gleichzeitig auch durch ein seelsorgerliches Gespräch behilflich sein, deswegen erklärte ich ihr, sie habe eine Art schwarze Sonnenbrille vor ihrem inneren Auge, welche ihr alle Wahrnehmungen in einem negativen Licht erscheinen lassen, und dass es nun bei ihr läge, mit Eigenarbeit die Brille abzunehmen. Dass dies eine schwere Aufgabe sei, sei mir bewusst, ihre Brille sei gleichsam angeklebt, aber dabei würde ihr sämtliches therapeutische Personal behilflich sein. Relativ bald hatte die Patientin verstanden, was ich meinte.
Tatsächlich hat sie natürlich in ihrem Kopf keine dunkle Sonnenbrille, ebenso wenig wie diese festgeklebt ist, es handelt sich nur – wer hätte das gedacht – um modellhafte Vorstellungen, die die Einsicht in das in diesem Fall gestörte psychische Erleben der Patientin erleichtern. Dass, geht man auf wissenschaftlichere Ebene, die Sache natürlich weitaus komplexer ist, dass verschiedene Neurotransmitter, genetische Prädisposition oder die Biografie eine Rolle spielen, dürfte klar sein. Der Vorteil des Brillenmodells liegt aber in der Einfachheit, denn gerade einfache Modelle lassen sich leicht einprägen und leicht als Richtlinie des Handelns anwenden (vergleiche „Rechts-vor-links“, zehn Gebote oder die – möglicherweise veraltete – ABC-Regel der Ersthilfe). Ähnlich verhält es sich mit dem Modell von Freud, dass sich das psychische Erleben des Menschen als Dynamik von Über-Ich, Ich und Es verstehen lässt. Es ist einprägsam und eingängig, irgendwie intuitiv verständlich (denn es kommt von einem Menschen und ist so anderen Menschen leicht zugänglich) und man kann damit das eine oder andere psychische Problem therapeutisch angehen. Dennoch, und das gilt für die gesamte Psychoanalyse, sollte man sich dessen bewusst sein, dass es nur furchtbar vereinfachte Denkmodelle für den psychiatrischen Alltagsgebrauch sind, keineswegs aber Enthüllungen à la Weltformel der menschlichen Psyche, die alles psychische Erleben auf wenige Variablen zusammenfasst. Interessante Anregungen mag sie gegeben haben an das allgemeine Geistesleben des Menschen, aber eben nur zweckentfremdet als provokative Ideologie.
2. Lange Rede, kurzer Sinn. Wohl zwanzig Minuten habe ich junger Mann der etwa Sechzigjährigen mit dem Depressionsmodell geschmeichelt, immer wieder an sie hin geredet und sie wie ein rohes Ei behandelt (ich war dabei aber eher natürlich), was ihr offenbar sehr gefiel. Erst dann war sie langsam dazu bereit, sich aufzusetzen, dann immerhin aufzustehen und schließlich sogar mit zum Essen zu gehen – eine ganz schwere Geburt. Ärgerlich ob meiner zeitverschwenderisch-sinnlosen Therapieversuche wurde ich dann aber tags drauf, als die Patientin wieder nicht zum Mittagessen aus ihrem Bett hochkam. Dieses Mal war es mir zu aufwendig, wieder groß mit allen philosophischen und psychiatrischen Künsten an sie hin zu reden – ich holte kurzerhand einen der Krankenpfleger zur Hilfe. Und was sah ich da? Er sagte einfach-bodenständig „Kommen Sie, na los!“, nahm sie an der Hand, sie rappelte sich auf und ging mit ihm zum Mittagessen. So einfach ist das also; das ganze theoretische Brimborium kann man meistens vergessen und stattdessen (sogenannten) gesunden Menschenverstand walten lassen. Eine Lehre muss das sein für all die Psychologen, Psychiater, Therapeuten, Priester und Philosophen: mehr als ihre hochgeistig-schmeichelnden Worte nutzt den Patienten oft das einfache Alltagsleben und der Kontakt mit den Alltagsmenschen. Eine Ermunterung natürlich auch an die „Normalen“: einfach mal ein bisschen Alltag in die Anstalt tragen und dadurch der hermetischen Verschanzung, zauberberg-artig, der psychisch Kranken vorbeugen. Die beißen nicht (die, die schon beißen, bekommt man nicht zu Gesicht). Im Übrigen ein christlicher Gedanke, die gesellschaftlichen Außenseiter ins gewöhnliche Leben zu re-integrieren, was natürlich die Pflicht der Gewöhnlichen ist. Auch wenn christliche, vielleicht sogar ganz allgemein religiöse Ansichten manchen doch selber gottgleichen Psychiatern fremd oder unangenehm sein mögen, in die Praxis umgesetzt als bodenständige und pragmatische Menschenliebe scheinen sie weit mehr zu nutzen als religionskritische Psychoanalyse.

* Das entspricht dann auch wieder der Theorie „Man sieht und denkt, was gerade zur Gefühlslage passt“ oder „Denken und Fühlen sind eng miteinander verwurschtelt“.