Die Heilige Messe der katholischen Kirche – aus anderer Perspektive

Sonntag für Sonntag gehen die streng katholisch erzogenen Menschen in die Kirche, um an der Heiligen Messe teilzunehmen. Über die Woche hat sich wieder einiges angestaut, viele ungute Eindrücke, vielleicht auch falsche Handlungen, wenn nicht gar Bemerkungen oder sogar Gedanken. Ein Haufen schlechten Karmas, sozusagen. Was sagt denn da der arme Herr Jesus, der doch so gut war und den man doch in seinem Leiden da oben am Kreuz hängen sieht. Ein Vorbild soll er sein, dieser ungemütliche Zeitgeist, der auf drastische Art, für den heutigen Menschen ganz schön unangenehm, gezeigt hat, worauf es – wie man es in der Kirche lernt – ankommt: dienen, der Kirche auf ewig treu sein, sich erniedrigen, demütig sein, unliebsame Aufgaben in der Gesellschaft übernehmen. Auf den Punkt gebracht: es wird gefordert, dass sich der Katholik aufopfern will.
„Hab ich das aber in der letzten Woche gut genug gemacht? War es wirklich genug, habe ich mich entsprechend der Ideale verhalten? Habe ich mich genug geopfert, war ich masochistisch genug? Übe ich überhaupt den richtigen Beruf aus, opfere ich mich da nicht zu wenig auf? Bin ich nicht auch an Selbstverwirklichung interessiert, war ich nicht wieder egoistisch? Hab ich nicht wieder meinen Trieben Lauf gelassen, hab ich nicht manchmal gestritten, am Glauben gezweifelt oder begehrliche Blicke ausgesandt?
Oder bin ich fertig, kaputt, bis oben hin beladen mit Arbeit am Reich Gottes? Habe ich nicht die ganze Woche Menschen betreut, unliebsame Tätigkeiten übernommen, meine schlechte Laune unterdrückt, um nicht ein schlechtes Wort zu sagen? Bin ich nicht bei den kirchlichen Idealen geblieben, Hahnenschrei hin oder her, habe ich mich nicht immer noch aufgeopfert, wo andere schon längst abgesprungen wären?“
Diese zwei Fälle sollte man also unterscheiden, wenn man die psychische Situation des sonntäglichen Kirchgängers betrachtet, der gerne ein rechtschaffener Katholik wäre, weil er es sein soll. Bin ich der Verantwortung gegenüber dem Untoten am Kreuz gerecht geworden oder nicht?
Im ersten Fall hilft die Heilige Messe als Sühneopfer. Die eigene Schuld, das ganze Unvermögen, das versagen wird exemplarisch vom Priester vorne am Altar verarbeitet, gewissermaßen wie in einen Teig mit eingearbeitet in das geweihte Brot, ausgespuckt auf das Opferlamm. Dann wird die eigene Schuld zusammen mit dem Brot zerbrochen und am Ende sogar aufgegessen. Runtergeschluckt ist sie dann, weg, zumindest wieder eine Woche lang. Der katholische Schuldkomplex ist wieder eine Woche lang ins mehr oder weniger Unterbewusste verdrängt.
Im zweiten Fall ist die Heilige Messe die ersehnte Belohnung. Das eigene vorbildliche Verhalten, die Aufopferung, die Entbehrung, all die Mühen, die man auf sich genommen hat, werden jetzt mit dem Brot, das ja Jesus, der sich genauso aufgeopfert hat, sein soll, honoriert. Meinen ganzen Ärger, der sich unterbewusst bei der Arbeit am Reich Gottes angestaut hat, kann ich jetzt beim Opferlamm auskotzen, den Mist abladen und dann verwandelt aufessen. Ich war brav die Woche über, ich war wie Jesus, deswegen kommt er zu mir, ich darf ihn in mich aufnehmen. So groß ist die Liebe, dass er mich zum Gefressenwerden lieb hat. Durch eine derart große Belohnung, in feierlich-liturgischer Umrahmung mit netter Musik, sind die Anstrengungen gleich wie weggewischt, ein mögliches inneres Aufbegehren gleich wieder besänftigt.
In beiden Fällen ist der katholische Schuldkomplex befriedigt worden: die Schuld ist weg, die Nicht-Schuld ist belohnt. Alles überhaupt kein Problem, er funktioniert ja auch gut, dieser Mechanismus. Eine von mehreren möglichen Programmierungen des Menschen ist dies eben, eines von vielen verschiedenen Menschenbetriebssystemen. Am besten stört man es gar nicht, lässt es laufen, frei nach „Never change a running system“. Schrecklich nur, wenn man den Schuldkomplex mal nicht bedienen kann, einmal wiederstehen möchte, oder wenn man ihn durchschaut zu haben glaubt!

Eine Frage also noch zum Schluss: hätte Jesus das Kirchensystem als Pharisäerei beschimpft?
(Anmerkung: dieser Beitrag soll zum Nachdenken anregen. Er wirft eine andere Perspektive auf die Heilige Messe, eher von außen her. Psychische Mechanismen sagen natürlich nichts über Wahrheit oder Sinnhaftigkeit deren Inhalte aus. Außerdem ist ein Erkannthaben der Mechanismen noch keine Aufhebung derselben.)

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Ein Kommentar zu “Die Heilige Messe der katholischen Kirche – aus anderer Perspektive

  1. Leider hilft der sonntägliche Messebesuch nicht, diese Konditionierungen „aufzuessen“ ehm … loszuwerden 😉 Sie schwelen oft ganz leise vor sich hin – fast! unbmerkt.

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