Bedeutungsschwangere Zufälle: Synchronizität im Hirn

Überlagerung von Wellenfunktionen als Ursache für parapsychologische Synchronizität? (Bild: Timm Weit kamp)

Überlagerung von Wellenfunktionen als Ursache für parapsychologische Synchronizität? (Bild: Timm Weit kamp)

Neulich auf der Autobahn: der Verkehr läuft flüssig, für die Uhrzeit sind eigentlich nicht besonders viele Leute unterwegs. Ich höre mir, während der Tacho irgendwas jenseits der Richtgeschwindigkeit anzeigt, meine Lieblings-MP3s an und überhole dabei einen Starnberger. Haha, der hat ja eine lächerliche Autonummer: „STA – U 313“. Mit sowas würde ich ja nicht fahren wollen.
Die Fahrt ging problemlos weiter, bestimmt noch drei, vier Songs. Plötzlich wird aber umgeschaltet auf das Radio, es kommen gerade die Verkehrsnachrichten: „A 9, Richtung München, zwischen Garching und Schwabing stockender Verkehr.“ Moment mal, Garching, ist doch gleich – dachte ich mir noch und musste schon abbremsen. Eine Minute später fuhr ich dann mit Spielstraßengeschwindigkeit dahin. Der Starnberger war wohl ein böses Omen.
Der berühmte Psychiater und Psychologe C. G. Jung hat dieses Phänomen mit dem Begriff Synchronizität bezeichnet. Ein bisschen genauer (aber noch nicht ganz präzise) ist damit gemeint, dass man zwischen zwei Ereignissen irgendwie einen Zusammenhang herstellt, obwohl sie eigentlich nur rein zufällig zusammengefallen sein sollten. Dieser ins Mystische gehende Effekt weckte angeblich sogar das Interesse von Einstein und animierte auch den Physiker Wolfgang Pauli zu längeren Briefwechseln mit C. G. Jung.
Jung berichtet, um noch ein anderes Beispiel zu nennen, dass eine seiner psychiatrischen Patientinnen bei einer Traumdeutungssitzung von einem geträumten Skarabäus erzählte und kurz darauf ein Rosenkäfer (der dem Skarabäus ähnlich sieht und hierzulande häufiger vorkommt) an das Fenster des Zimmers flog, den er dann fangen konnte. Seltsam, sowas, das kann doch nicht nur Zufall sein, oder? (Mir fällt auch als drittes Beispiel ein, wie eine bekannte Mathe-Latein-Studentin, die nach Aussage ihrer Eltern als kleines Kind gerne gequakt haben muss, beim Spaziergang im Klosterurlaub die quakenden Frösche gerade im Kirchhof in Zusammenhang mit einem möglichen Zweitstudium der Theologie gebracht hat; „der Quakfrosch gehört in die Kirche“.)
Schnell kommt da die Vermutung hoch, dass es hinter den klar beobachtbaren, deterministischen Zusammenhängen noch eine tiefere, verborgene Ebene geben muss. Vielleicht gelten ja nicht nur die physikalischen Gesetze, die eine überhöhte Geschwindigkeit am Stauende und einen Auffahrunfall oder einen blinden Rosenkäfer mit einem Fleck am Fenster in Verbindung bringen, sondern daneben auch noch  hermeneutische Gesetze, die Ereignisse gleicher Bedeutung gehäuft zusammenauftreten lassen. Bestimmt haben auch die Unschärferelation der Quantenmechanik, verschränkte Zustände und Quantenteleportation damit etwas zu tun. Nein, keine Esoterik soll das sein, sondern Naturwissenschaft…
Man macht aber einen großen Denkfehler, wenn man die Erklärung der Synchronizität irgendwo draußen in der Natur sucht – vielmehr sollte man sie im eigenen Gehirn suchen (das natürlich auch nur Teil der ganzen Natur ist, aber sich als einziges Objekt prinzipiell der eigenen „objektiven“ Wahrnehmung entzieht). Es ist vernünftig anzunehmen, dass physikalische Prozesse auch ohne beobachtendes Gehirn genauso ablaufen; bei der Synchronizität ist aber das Gehirn wesentlich beteiligt. Synchronizität meint, dass Dinge, die eigentlich zufällig erscheinen, durch ihre Ähnlichkeit in der Bedeutung miteinander verbunden sind. Bedeutung aber ist ganz klar ein innerpsychischer oder zum Gehirn gehörender Begriff, der also nichts mit unbelebter Natur zu tun hat.
Es ist gerade eine besondere Leistung unseres Gehirns, all die zunächst ungeordneten Eindrücke, die ständig auf es einprasseln, miteinander zu vernetzen, miteinander in Verbindung zu bringen und zu verknüpfen. Immer wieder sucht es, anstelle sich alle einzelnen Details und Einzelereignisse zu merken, nach gemeinsamen Eigenschaften. Diese treffen dann gleich auf eine ganze Reihe von Dingen zu, müssen aber eben nur einmal gespeichert werden. Die ständige Suche nach Gemeinsamkeiten der Eindrücke, nach möglichen Verknüpfungen als Ausgangspunkt abstrakterer Zusammenhänge, ist nur das Streben nach einer möglichst effektiven neuronalen Performance. Dieses Streben ist der Grund, warum man vor allem danach fragt „Was ist ähnlich?“ anstelle zu fragen „Worin unterscheidet es sich?“.
Gerade auch eine gute wissenschaftliche Theorie macht die Steigerung der neuronalen Effektivität aus: wir müssen beispielsweise nicht mehr die Daten zu allen chemischen Elementen überprüfen, weil wir sie dank eines – gut bestätigten – allgemeineren und (im Denkprozess) zugrundeliegenden Prinzips einfach herleiten können.
Aber genauso steigert natürlich jede kleine Alltagserkenntnis die neuronale Effektivität eines jeden menschlichen Individuums – und deswegen sucht es danach. „Ach, jetzt ist mir schon mehrfach vorgekommen, dass ich eine Kiwi gegessen habe und kurze Zeit später einen Ausschlag bekommen habe. Es muss wohl einen Zusammenhang zwischen beidem geben.“ Diese Erkenntnis erhöht die neuronale Effektivität – nicht jedes Mal wird bei einem bestimmten Ausschlag nach einer neuen Ursache gesucht, sondern er kann auf das Essen einer Kiwi zurückgeführt werden – und schützt den mit dieser Erkenntnis Gesegneten auch zugleich noch, sofern er sich an das Gelernte hält, vor neuen Ausschlägen.
Bei dem Phänomen der Synchronizität handelt es sich gewissermaßen um eine Fehlfunktion dieses Prinzips der Effektivitätssteigerung im Denken, um missglückte Versuche, eine Verbindung zwischen zwei Dingen herzustellen. Ganz exakt ist nämlich mit Synchronizität gemeint, dass ein Zusammenhang zwischen einer innerpsychischen (das Gespräch über den Skarabäus) und einer physischen Begebenheit (der fliegende Rosenkäfer) hergestellt wird. Beide Begebenheiten weisen also eine Gemeinsamkeit auf (den Käfer), was sich Gehirn sogar durch gleiche, bei beiden Begebenheiten aktive Nervenzellen ausgedrückt wird, und wären somit Kandidaten um auf einen gemeinsam neuronalen Nenner gebracht zu werden. Dabei übersieht der Denkapparat aber, dass die ähnlichen Eindrücke aus zwei völlig unterschiedlichen Bereichen kommen (aus dem Psychoanalysieren und der Botanik), er fragt also nur nach dem „Was ist ähnlich?“ anstatt nach „Worin unterscheidet es sich?“. Der Versuch, das Ähnliche trotz aller Verschiedenheit in eine abstrakte oder allgemeinere Theorie zusammenzuführen, scheitert dann oder wird Anlass zu Stilblüten des Denkens, die ins Esoterische oder Parapsychologische abdriften. (Der strenge Logiker merkt das immer dann, wenn der für wissenschaftliche Theorien gehörige nüchterne Stil durch ein Gefühl zwischen Religion, Philosophie oder Musik gestört wird, gewissermaßen bewusst zu einem Happy End geführt wird, aus vorläufiger und gerne belächelter Denkfaulheit. Er merkt, dass die Menschlichkeit über die Ratio gesiegt hat.)
Macht man sich diese meist fruchtbare, manchmal aber eben auch ins Abseits führende Arbeitsweise unseres Gehirns, Ähnliches zu suchen, bewusst, so erkennt man gleich, dass ein auf einem Nummernschild gelesener und ein erlittener Stau gleiche Nervenzellen anregen können, genauso auch ein besprochener und ein gesehener Käfer, eine Verknüpfung aber an dem Unterschied zwischen gestanzten und geschwärzten Buchstaben und aneinandergereihten und zu langsamen Autos und zwischen erzählten Traumworten und gefangenen Bruchpilot-Insekten scheitert.
(Natürlich heißt das nicht, dass nicht auch Zusammenhänge auf der reinen Bedeutungsebene gefunden werden sollen, beispielsweise, dass Agape, Eros und Philia alle drei eine Form der Liebe sind. Das rein kulturelle Schaffen, des Menschen, Muße sozusagen, schöne Theorien oder Gedankengebilde wie Kunst, Literatur, Musik, z.T. Philosophie, Religion etc. sollte aber umgekehrt dann auch von äußeren, physischen oder objektiven Zusammenhängen, sofern sie nicht rein symbolisch verstanden werden, freigehalten werden.)

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