Ich bleib‘ in meinem heil’gen Nimmerland

In einem relativ ungewöhnlichen Schritt hat der neue Papst Franziskus seine Bewerbungsrede, gehalten vor den Kardinälen kurz vor dem Konklave, an die Öffentlichkeit gebracht. (http://en.radiovaticana.va/news/2013/03/27/bergoglios_intervention:_a_diagnosis_of_the_problems_in_the_church/en1-677269, aufgerufen am 3. 4. 2013)

Eine scharfsinnige „Diagnose der kirchlichen Probleme“, in der er vor allem vor einer Selbstbezogenheit der Kirche warnt.

Papst Franziskus

Der neue Papst Franziskus warnte noch als Kardinal kurz vor dem Konklave vor „theologischem Narzissmus“.

Besonders beeindruckt dabei der Begriff „theologischer Narzissmus“, der beispielsweise den als Sprecher bei Radio Vatican bekannten Jesuitenpater Eberhard von

Gemmingen, einem doch recht besserwisserischen reinen Kirchenmann, in der BR-Müncher-Runde vom 2. April merklich trifft. Er muss sich bei einem derart sitzenden Vorwurf – dem allgemeinen

Klischee der Jesuiten entsprechend – ganz schön herausreden, um danach wieder reinen Gewissens im Kirchendickicht verschwinden zu können.

Nun, was hat man sich also unter dem „theologischen Narzissmus“ vorzustellen, warum trifft dieser Vorwurf Theologen und hohe Kirchenleute so empfindlich?

Narzissmus bezeichnet in der Psychologie eine übermäßige Selbstverliebtheit und Selbstbezogenheit, die in einem krassen Fall als Persönlichkeitsstörung gemäß ICD-10 unter anderem durch den Glauben, etwas Besonderes zu sein, durch einen bevorzugten Umgang mit hochgestellten Personen, selbst oft Narzissten, durch arrogante und hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten, durch ein Ausbeuten menschlicher Beziehungen und durch einen Mangel an Empathie gekennzeichnet ist. Lässt man einmal von der leidigen Diskussion ab, ob es sich nun beim Narzissmus tatsächlich um eine Krankheit handelt oder nur um eine im Normbereich zu verortende Spielart der menschlichen Charaktervariabilität, so springt die Übereinstimmung bei so manch Theologen und Kirchenmann mit diesen Kriterien, unlängst bis in die oberste Riege hinein, dennoch ins Auge.

Natürlich ist ein Theologe, der sein Leben der Kirchenlehre widmet, schnell dazu verleitet, sich im Vergleich zum gewöhnlichen Alltagsgläubigen für etwas Besonderes zu halten, gerade wenn er wissenschaftlich oder kirchenhierarchisch erfolgreich ist. In diesem Erfolgsfall wird er auch häufig Umgang mit anderen Fachleuten und Würdenträgern haben, die sich wiederum als besonders fromm oder linientreu sehen, und dann in diesen relativ geschlossenen Kreisen mit erhobenem pharisäischen moralischen Zeigefinger – Moral ist ja das Metier der Theologen – auf das Kirchenvolk oder gar die Heiden herabsehen. Ein Ausbeuten menschlicher Beziehungen mag vielleicht vorliegen, wenn tatsächlich gute Taten oder seelsorgerliches Wirken nur zum Zwecke der Vergrößerung des eigenen Ruhms oder der eigenen selbstgefälligen Heiligkeit dienen. Und nicht gerade für Empathie spricht es, wenn die ganz konkreten subjektiven und persönlichen Alltagssorgen der Gläubigen mit der Dampfwalze der theologischen Besserwisserei überfahren werden. Selbst einem zölibatären Leben, das die eigene moralische Integrität über eine echte, liebevolle Beziehung stellt, kann man eine narzisstische Komponente unterstellen.Zuletzt muss ein frommer Theologe – in dem Sinne fromm, als dass er keine Sünde seines eigenen Kataloges begeht – sich sehr selten schuldig fühlen oder gar eigene Fehler eingestehen – wiederum typisch für etwas zu sehr von sich selbst überzeugte Menschen. Kurz, die Gefahr in der Kichenhierarchie oder -wissenschaft narzisstische Züge zu entwickeln, ist groß.
Einige Psychologen unterscheiden auch zwischen einer männlichen und einer weiblichen Form des Narzissmus, deren Merkmale natürlich selten ganz diskret in Reinform auftreten. Während obige Punkte gut der männlichen Variante zuzuordnen sind, zeichnet sich die weibliche Form unter anderem durch Aufopferung, Minderwertigkeitsgefühle, übermäßige  Leistungsbezogenheit und Überanpassung aus (siehe auch http://www.selbsthass.com/narziss.htm, Tabelle links, aufgerufen am 3. 4. 2013). Diese Merkmale, selbstverständlich weit davon entfernt, naturwissenschaftliche Tatsachen zu sein, können wohl die eine oder andere Klosterschwester oder Religionslehrerin, die in der Angst lebt, ihre eigene Reinheit vor Gott durch beispielsweise falsches oder nicht ausreichendes Tun zu verlieren, ebenso aber auch manch aufopferungsvollen Priester zu einer kritischen Selbstreflexion bewegen.
Ein wenig erinnern mich auch manche Theologen, die sich lieber in ihrer bunten und heilen Theologiewelt verkriechen – in das Raritätenkabinett aus Heiligen, Bräuchen, Symbolen, Ritualen, aus Kirchengeschichte, spitzfindigen Diskursen und Moralkodizes – an die Figur des Peter Pan. Peter Pan lebt lieber mit seiner Fee im tollen Nimmerland, wo, was man sich nur vorstellt, schon zur Realität wird, und welches er sich nicht kaputt machen lässt; ja, seine größte Angst ist es, erwachsen zu werden. Auch Peter Pan ist dem Sinne narzisstisch, als er bei seinen spielerischen Abenteuern vor allem ans eigene Vergnügen denkt und aus Egoismus lieber im Nimmerland, lieber ein Kind bleibt. Der amerikanische Psychotherapeut Dan Kiley wählt ihn sogar zum Namensgeber des Peter-Pan-Syndroms, das er bei verantwortunglosen, vergnügungssüchtigen, selbstverliebten und kindischen Männern sieht, die doch innerlich voller Ängstlichkeit, Schuldgefühle und Einsamkeit sind und unsicher in ihrer sexuellen Rolle. (*) Wer weiß, ob Kiley mal einen Katholiken von Rang auf der Couch hatte.
Wenn man nun wieder alle Psychologie beiseite lässt, bleiben ein paar mahnende Denkanstöße an die Theologen und Kirchenleute zurück. Theologie nur um ihrer selbst willen, als l’art pour l’art, ist wie Dauergast-Sein auf Kur, das heißt, anstelle die Zeit in der heilen Welt zur Regeneration für die Arbeit zu nutzen allein die Vorzüge des sorglosen Lebens zu genießen, am besten für immer. Wer Inhalt und Zweck der Theologie, die man vertritt, nicht selbst lebt, zumindest ehrlich danach strebt, gleicht den verrufenen BWLern des Klischees, die anschaffen, sich dabei aber die Arbeit selbst vom Halse halten, um sich in ihrer Selbstverliebtheit ja nicht die Finger bei der Arbeit schmutzig zu machen. Wer Theologie nur als wissenschaftliche Disziplin sieht, in der er glänzt, läuft leicht Gefahr, in Selbstgefälligkeit zu denken, dass er sie daurch selbst schon lebt, sie schon erfüllt. Theologie, die sich auf ein heiles innerkirchliches Leben beschränkt, ist emanzipiert von den unangenehmen Forderungen Jesu, sie ist vielleicht katholisch oder christlich, aber nicht mehr jesuanisch.
Christlich leben – das heißt aber, die Theologie, den Glauben, das Reich Gottes in die Welt hineinwirken zu lassen, wie es in dem Gleichnis mit dem Sauerteig beschrieben. Sich zu bücken, in Demut vor Gott, nicht nur gegenüber frommen Katholiken – denn was ist es schon für eine Leistung, nur seines Gleichen beizustehen? Christen,ob Geweihte, Ordensleute, Theologen oder Laien, müssen auch herausgehen aus ihren kirchlichen Bahnen! Oder singemäß nach den Worten von Franziskus: eine nicht auf sich selbst bezogene Kirche lässt den in ihr eingesperrten Jesus aus sich heraus.

* Natürlich hält Jesus auch das Ideal der sorglosen Kinder hoch. Kindliche Sorglosigkeit bezogen auf existentielle Probleme, kindliche Unvoreingenommenheit und kindlicher Idealismus sind urchristlich; kindischer Leichtsinn, der nur auf eigenen Spaß und auf Spielerei aus ist, kindische Sandkastendiskussionen, kindische Rangkämpfe und faule kindische Tatenlosigkeit dagegen kaum.

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