Gipfelkreuze der Erkenntnis (Oder: worin Reinhold Mesner und Stephen Hawking sich ähneln)

Gesetztes Gipfelkreuz: Symbol der Unsterblichkeit für der Erstbesteiger

Gesetztes Gipfelkreuz: Symbol der Unsterblichkeit für der Erstbesteiger

Der Mensch will sich in die eine oder die andere Richtung verwirklichen und unterscheidet sich darin von den Menschen früherer Zeit in keinster Weise, selbst wenn er weltweites Netz, Gentechnik und Quantenphysik hat. Manche streben danach, einen Dienst an der Gesellschaft zu tun, andere nach Geld, wiederum andere nach Anerkennung, manche nach familiär-betulicher Ruhe, manche aber auch nach dem Ruhm für ihre waghalsigen Taten – solch draufgängerische Zeitgenossen sind meist zur männlichen Hälfte der Menschen gehörig. Früher besegelten diese waghalsigen Kerle die Ozeane, nur um sagen zu können: „Ich war der erste, der auf dieses neue Land seinen Fuß gesetzt hat“. Oder sie kletterten auf hohe Gipfel, nahmen allerhand Mühen mit schroffen Felsen, dünner Luft, widrigen Temperaturen auf sich, auch nur, um mit dem Gipfelkreuz als Erstbesteiger unsterblich zu sein. Unsterblich, genauso wie der erste Mann auf dem Mond, auf ewig im Andenken der Menscheit – die auf lange Sicht natürlich doch ausstirbt und mit ihr aller Ruhm.
Auch der Denker, der Philosoph, der Theoretiker oder der Wissenschaftler strebt nach solchen waghalsigen Abenteuern – aber im Geiste. Seine Ozeane sind die mathematischen Formeln, seine Felsen die Fassaden philosophischer Denkgebäude, seine Mondkrater die überwundenen Grenzen des eigenen Gehirns. Mit seinen Gipfelkreuze markiert er, dem Tode zum Trotz, den Fortschritt der Erkenntnis. Sein eiserner Wille ist stärker als die Natur.

* In eine ähnliche Richtung scheint dem Titel nach wohl auch das Buchs „Unsterblich: Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben als Triebkraft unserer Zivilisation“ von Stephen Cave zu weisen.

Das rein wissenschaftstheoretische Problem am Christentum

Naturwissenschaft und Glauben – solange die zwei Paar Stiefel voneinander getrennt bleiben, gewissermaßen als Aktivität in verschiedenen Gehirnregionen beobachtbar wären, gibt es eigentlich kein Problem. Naturwissenschaft behandelt die Frage „Wie funktioniert es?“ in der Natur (zu der auch das Gehirn und die menschliche Gesellschaft zählen), Religion behandelt die Frage „Was bedeutet es für uns Menschen?“. Naturwissenschaft wird nüchtern, pragmatisch, analysierend und problemlösend gedacht, Religion dagegen gefühlvoller, sinnstiftender, werteorientierter und menschlicher. Dass es das Phänomen naturwissenschaftlichen Denkens gibt ist, ist ebenso unzweifelhaft, wie es das Phänomen religiösen Denkens gibt, und schon von daher haben beide eine Existenzberechtigung. Am einfachsten lebt auch der Weise, der erkannt hat, dass jegliche Grübelei in Fragen der Religion vielleicht zum Scheitern oder zum Unglücklichsein führt, jedenfalls aber Zeitverschwendung ist, und man eben einfach religiös lebt und glaubt oder nicht, in Toleranz auch anderer Lebensformen.

Schade nur, dass sich das Christentum nicht so sehr an die Trennung der zwei Paar Stiefel halten will. Nicht so sehr in der zu Recht bewunderten Lehre Jesu als vielmehr in den Naturwundern, also in der Verwandlung von Wein in Wasser, der Jungfrauengeburt, der Vermehrung von Brot und Fischen, der Heilung von ernsthaft Kranken ohne adäquate Therapie oder der Auferweckung des Lazarus. Na gut, Ausschmückungen der damaligen Zeit, die die wesentliche Bedeutung von Jesus unterstreichen sollten, aber nicht wörtlich zu nehmen sind. Aber wie ist es mit der Auferstehung Jesu? Nach Paulus ist sie die wesentliche Grundlage des Christentums; ist sie erst mal entzogen, so sind die Christen einem ordentlichen Quatsch auf den Leim gegangen; ist sie aber wahr, wer könnte dann glücklicher sein, als ein Christ. Andererseits fordert die Auferstehung Jesu Zweifel geradezu heraus, indem sie eben den Bereich der Religion überschreitet und stattdessen in dem der Naturwissenschaft herumfuhrwerkt. Einem vernünftigen Menschen von heute, wenn nicht gar einem Naturwissenschaftler, ist sie so eher ein Dorn im Auge, eher ein unnötiger wackliger Tonfuß, auf dem die Religion gar nicht zu stehen braucht, da sie doch auch so schwebt, und ein Anlass ewigen Zweifelns und Grübelns. Geht das Reich Gottes wirklich nicht auch so, geht denn Christentum nicht auch ohne wiederbelebte Leiche mit Haut und Knochen? Kann man denn nicht in gedanklicher Ehrlichkeit Naturwissenschaftler sein (und den physischen Tod Tod sein lassen) und dennoch gleichzeitig christlich-religiös (und den Himmel im rein Religiösen, im Subjektiven sehen)?

Nun, der Weg zum Weisen ist schwer, das sind aber nicht seine Schritte. Einfach erkennen, dass man mit der Denkerei nicht weiterkommen wird, und sie bleiben lassen – und besser in der Naturwissenschaft ausleben.

Bedeutungsschwangere Zufälle: Synchronizität im Hirn

Überlagerung von Wellenfunktionen als Ursache für parapsychologische Synchronizität? (Bild: Timm Weit kamp)

Überlagerung von Wellenfunktionen als Ursache für parapsychologische Synchronizität? (Bild: Timm Weit kamp)

Neulich auf der Autobahn: der Verkehr läuft flüssig, für die Uhrzeit sind eigentlich nicht besonders viele Leute unterwegs. Ich höre mir, während der Tacho irgendwas jenseits der Richtgeschwindigkeit anzeigt, meine Lieblings-MP3s an und überhole dabei einen Starnberger. Haha, der hat ja eine lächerliche Autonummer: „STA – U 313“. Mit sowas würde ich ja nicht fahren wollen.
Die Fahrt ging problemlos weiter, bestimmt noch drei, vier Songs. Plötzlich wird aber umgeschaltet auf das Radio, es kommen gerade die Verkehrsnachrichten: „A 9, Richtung München, zwischen Garching und Schwabing stockender Verkehr.“ Moment mal, Garching, ist doch gleich – dachte ich mir noch und musste schon abbremsen. Eine Minute später fuhr ich dann mit Spielstraßengeschwindigkeit dahin. Der Starnberger war wohl ein böses Omen.
Der berühmte Psychiater und Psychologe C. G. Jung hat dieses Phänomen mit dem Begriff Synchronizität bezeichnet. Ein bisschen genauer (aber noch nicht ganz präzise) ist damit gemeint, dass man zwischen zwei Ereignissen irgendwie einen Zusammenhang herstellt, obwohl sie eigentlich nur rein zufällig zusammengefallen sein sollten. Dieser ins Mystische gehende Effekt weckte angeblich sogar das Interesse von Einstein und animierte auch den Physiker Wolfgang Pauli zu längeren Briefwechseln mit C. G. Jung.
Jung berichtet, um noch ein anderes Beispiel zu nennen, dass eine seiner psychiatrischen Patientinnen bei einer Traumdeutungssitzung von einem geträumten Skarabäus erzählte und kurz darauf ein Rosenkäfer (der dem Skarabäus ähnlich sieht und hierzulande häufiger vorkommt) an das Fenster des Zimmers flog, den er dann fangen konnte. Seltsam, sowas, das kann doch nicht nur Zufall sein, oder? (Mir fällt auch als drittes Beispiel ein, wie eine bekannte Mathe-Latein-Studentin, die nach Aussage ihrer Eltern als kleines Kind gerne gequakt haben muss, beim Spaziergang im Klosterurlaub die quakenden Frösche gerade im Kirchhof in Zusammenhang mit einem möglichen Zweitstudium der Theologie gebracht hat; „der Quakfrosch gehört in die Kirche“.)
Schnell kommt da die Vermutung hoch, dass es hinter den klar beobachtbaren, deterministischen Zusammenhängen noch eine tiefere, verborgene Ebene geben muss. Vielleicht gelten ja nicht nur die physikalischen Gesetze, die eine überhöhte Geschwindigkeit am Stauende und einen Auffahrunfall oder einen blinden Rosenkäfer mit einem Fleck am Fenster in Verbindung bringen, sondern daneben auch noch  hermeneutische Gesetze, die Ereignisse gleicher Bedeutung gehäuft zusammenauftreten lassen. Bestimmt haben auch die Unschärferelation der Quantenmechanik, verschränkte Zustände und Quantenteleportation damit etwas zu tun. Nein, keine Esoterik soll das sein, sondern Naturwissenschaft…
Man macht aber einen großen Denkfehler, wenn man die Erklärung der Synchronizität irgendwo draußen in der Natur sucht – vielmehr sollte man sie im eigenen Gehirn suchen (das natürlich auch nur Teil der ganzen Natur ist, aber sich als einziges Objekt prinzipiell der eigenen „objektiven“ Wahrnehmung entzieht). Es ist vernünftig anzunehmen, dass physikalische Prozesse auch ohne beobachtendes Gehirn genauso ablaufen; bei der Synchronizität ist aber das Gehirn wesentlich beteiligt. Synchronizität meint, dass Dinge, die eigentlich zufällig erscheinen, durch ihre Ähnlichkeit in der Bedeutung miteinander verbunden sind. Bedeutung aber ist ganz klar ein innerpsychischer oder zum Gehirn gehörender Begriff, der also nichts mit unbelebter Natur zu tun hat.
Es ist gerade eine besondere Leistung unseres Gehirns, all die zunächst ungeordneten Eindrücke, die ständig auf es einprasseln, miteinander zu vernetzen, miteinander in Verbindung zu bringen und zu verknüpfen. Immer wieder sucht es, anstelle sich alle einzelnen Details und Einzelereignisse zu merken, nach gemeinsamen Eigenschaften. Diese treffen dann gleich auf eine ganze Reihe von Dingen zu, müssen aber eben nur einmal gespeichert werden. Die ständige Suche nach Gemeinsamkeiten der Eindrücke, nach möglichen Verknüpfungen als Ausgangspunkt abstrakterer Zusammenhänge, ist nur das Streben nach einer möglichst effektiven neuronalen Performance. Dieses Streben ist der Grund, warum man vor allem danach fragt „Was ist ähnlich?“ anstelle zu fragen „Worin unterscheidet es sich?“.
Gerade auch eine gute wissenschaftliche Theorie macht die Steigerung der neuronalen Effektivität aus: wir müssen beispielsweise nicht mehr die Daten zu allen chemischen Elementen überprüfen, weil wir sie dank eines – gut bestätigten – allgemeineren und (im Denkprozess) zugrundeliegenden Prinzips einfach herleiten können.
Aber genauso steigert natürlich jede kleine Alltagserkenntnis die neuronale Effektivität eines jeden menschlichen Individuums – und deswegen sucht es danach. „Ach, jetzt ist mir schon mehrfach vorgekommen, dass ich eine Kiwi gegessen habe und kurze Zeit später einen Ausschlag bekommen habe. Es muss wohl einen Zusammenhang zwischen beidem geben.“ Diese Erkenntnis erhöht die neuronale Effektivität – nicht jedes Mal wird bei einem bestimmten Ausschlag nach einer neuen Ursache gesucht, sondern er kann auf das Essen einer Kiwi zurückgeführt werden – und schützt den mit dieser Erkenntnis Gesegneten auch zugleich noch, sofern er sich an das Gelernte hält, vor neuen Ausschlägen.
Bei dem Phänomen der Synchronizität handelt es sich gewissermaßen um eine Fehlfunktion dieses Prinzips der Effektivitätssteigerung im Denken, um missglückte Versuche, eine Verbindung zwischen zwei Dingen herzustellen. Ganz exakt ist nämlich mit Synchronizität gemeint, dass ein Zusammenhang zwischen einer innerpsychischen (das Gespräch über den Skarabäus) und einer physischen Begebenheit (der fliegende Rosenkäfer) hergestellt wird. Beide Begebenheiten weisen also eine Gemeinsamkeit auf (den Käfer), was sich Gehirn sogar durch gleiche, bei beiden Begebenheiten aktive Nervenzellen ausgedrückt wird, und wären somit Kandidaten um auf einen gemeinsam neuronalen Nenner gebracht zu werden. Dabei übersieht der Denkapparat aber, dass die ähnlichen Eindrücke aus zwei völlig unterschiedlichen Bereichen kommen (aus dem Psychoanalysieren und der Botanik), er fragt also nur nach dem „Was ist ähnlich?“ anstatt nach „Worin unterscheidet es sich?“. Der Versuch, das Ähnliche trotz aller Verschiedenheit in eine abstrakte oder allgemeinere Theorie zusammenzuführen, scheitert dann oder wird Anlass zu Stilblüten des Denkens, die ins Esoterische oder Parapsychologische abdriften. (Der strenge Logiker merkt das immer dann, wenn der für wissenschaftliche Theorien gehörige nüchterne Stil durch ein Gefühl zwischen Religion, Philosophie oder Musik gestört wird, gewissermaßen bewusst zu einem Happy End geführt wird, aus vorläufiger und gerne belächelter Denkfaulheit. Er merkt, dass die Menschlichkeit über die Ratio gesiegt hat.)
Macht man sich diese meist fruchtbare, manchmal aber eben auch ins Abseits führende Arbeitsweise unseres Gehirns, Ähnliches zu suchen, bewusst, so erkennt man gleich, dass ein auf einem Nummernschild gelesener und ein erlittener Stau gleiche Nervenzellen anregen können, genauso auch ein besprochener und ein gesehener Käfer, eine Verknüpfung aber an dem Unterschied zwischen gestanzten und geschwärzten Buchstaben und aneinandergereihten und zu langsamen Autos und zwischen erzählten Traumworten und gefangenen Bruchpilot-Insekten scheitert.
(Natürlich heißt das nicht, dass nicht auch Zusammenhänge auf der reinen Bedeutungsebene gefunden werden sollen, beispielsweise, dass Agape, Eros und Philia alle drei eine Form der Liebe sind. Das rein kulturelle Schaffen, des Menschen, Muße sozusagen, schöne Theorien oder Gedankengebilde wie Kunst, Literatur, Musik, z.T. Philosophie, Religion etc. sollte aber umgekehrt dann auch von äußeren, physischen oder objektiven Zusammenhängen, sofern sie nicht rein symbolisch verstanden werden, freigehalten werden.)

Der Denker und Gott – Theologe oder Philosoph?

Entweder ist der Denker religiös, dann denkt er religiös. Er macht sich die Religion zueigen und unterwirft sie sich. So bewältigt er die ungenehm-drastischen moralischen Forderungen. Er unterwirft sich so die Gläubigen, denn mit seiner Gewalt, die er über das Gedankensystem Religion hat, bestimmt er, was gut und böse ist. Er ist wie Gott.
Oder der Denker streitet die Existenz Gottes ab und ist damit ein Relgionskritiker. Er hält sich die unangenehmen moralischen Forderungen vom Leib, indem er ihnen die Grundlage entzieht. Stattdessen legt er selbst fest, was die Menschen seiner Meinung nach zu tun oder zu lassen haben. Wozu schon braucht es einen Gott für solche Gedanken, er denkt ja selbst wie Gott.
Wo im Wesen ist dann der Unterschied zwischen dem Theologen und dem Philosophen?

Die Heilige Messe der katholischen Kirche – aus anderer Perspektive

Sonntag für Sonntag gehen die streng katholisch erzogenen Menschen in die Kirche, um an der Heiligen Messe teilzunehmen. Über die Woche hat sich wieder einiges angestaut, viele ungute Eindrücke, vielleicht auch falsche Handlungen, wenn nicht gar Bemerkungen oder sogar Gedanken. Ein Haufen schlechten Karmas, sozusagen. Was sagt denn da der arme Herr Jesus, der doch so gut war und den man doch in seinem Leiden da oben am Kreuz hängen sieht. Ein Vorbild soll er sein, dieser ungemütliche Zeitgeist, der auf drastische Art, für den heutigen Menschen ganz schön unangenehm, gezeigt hat, worauf es – wie man es in der Kirche lernt – ankommt: dienen, der Kirche auf ewig treu sein, sich erniedrigen, demütig sein, unliebsame Aufgaben in der Gesellschaft übernehmen. Auf den Punkt gebracht: es wird gefordert, dass sich der Katholik aufopfern will.
„Hab ich das aber in der letzten Woche gut genug gemacht? War es wirklich genug, habe ich mich entsprechend der Ideale verhalten? Habe ich mich genug geopfert, war ich masochistisch genug? Übe ich überhaupt den richtigen Beruf aus, opfere ich mich da nicht zu wenig auf? Bin ich nicht auch an Selbstverwirklichung interessiert, war ich nicht wieder egoistisch? Hab ich nicht wieder meinen Trieben Lauf gelassen, hab ich nicht manchmal gestritten, am Glauben gezweifelt oder begehrliche Blicke ausgesandt?
Oder bin ich fertig, kaputt, bis oben hin beladen mit Arbeit am Reich Gottes? Habe ich nicht die ganze Woche Menschen betreut, unliebsame Tätigkeiten übernommen, meine schlechte Laune unterdrückt, um nicht ein schlechtes Wort zu sagen? Bin ich nicht bei den kirchlichen Idealen geblieben, Hahnenschrei hin oder her, habe ich mich nicht immer noch aufgeopfert, wo andere schon längst abgesprungen wären?“
Diese zwei Fälle sollte man also unterscheiden, wenn man die psychische Situation des sonntäglichen Kirchgängers betrachtet, der gerne ein rechtschaffener Katholik wäre, weil er es sein soll. Bin ich der Verantwortung gegenüber dem Untoten am Kreuz gerecht geworden oder nicht?
Im ersten Fall hilft die Heilige Messe als Sühneopfer. Die eigene Schuld, das ganze Unvermögen, das versagen wird exemplarisch vom Priester vorne am Altar verarbeitet, gewissermaßen wie in einen Teig mit eingearbeitet in das geweihte Brot, ausgespuckt auf das Opferlamm. Dann wird die eigene Schuld zusammen mit dem Brot zerbrochen und am Ende sogar aufgegessen. Runtergeschluckt ist sie dann, weg, zumindest wieder eine Woche lang. Der katholische Schuldkomplex ist wieder eine Woche lang ins mehr oder weniger Unterbewusste verdrängt.
Im zweiten Fall ist die Heilige Messe die ersehnte Belohnung. Das eigene vorbildliche Verhalten, die Aufopferung, die Entbehrung, all die Mühen, die man auf sich genommen hat, werden jetzt mit dem Brot, das ja Jesus, der sich genauso aufgeopfert hat, sein soll, honoriert. Meinen ganzen Ärger, der sich unterbewusst bei der Arbeit am Reich Gottes angestaut hat, kann ich jetzt beim Opferlamm auskotzen, den Mist abladen und dann verwandelt aufessen. Ich war brav die Woche über, ich war wie Jesus, deswegen kommt er zu mir, ich darf ihn in mich aufnehmen. So groß ist die Liebe, dass er mich zum Gefressenwerden lieb hat. Durch eine derart große Belohnung, in feierlich-liturgischer Umrahmung mit netter Musik, sind die Anstrengungen gleich wie weggewischt, ein mögliches inneres Aufbegehren gleich wieder besänftigt.
In beiden Fällen ist der katholische Schuldkomplex befriedigt worden: die Schuld ist weg, die Nicht-Schuld ist belohnt. Alles überhaupt kein Problem, er funktioniert ja auch gut, dieser Mechanismus. Eine von mehreren möglichen Programmierungen des Menschen ist dies eben, eines von vielen verschiedenen Menschenbetriebssystemen. Am besten stört man es gar nicht, lässt es laufen, frei nach „Never change a running system“. Schrecklich nur, wenn man den Schuldkomplex mal nicht bedienen kann, einmal wiederstehen möchte, oder wenn man ihn durchschaut zu haben glaubt!

Eine Frage also noch zum Schluss: hätte Jesus das Kirchensystem als Pharisäerei beschimpft?
(Anmerkung: dieser Beitrag soll zum Nachdenken anregen. Er wirft eine andere Perspektive auf die Heilige Messe, eher von außen her. Psychische Mechanismen sagen natürlich nichts über Wahrheit oder Sinnhaftigkeit deren Inhalte aus. Außerdem ist ein Erkannthaben der Mechanismen noch keine Aufhebung derselben.)

Ich bleib‘ in meinem heil’gen Nimmerland

In einem relativ ungewöhnlichen Schritt hat der neue Papst Franziskus seine Bewerbungsrede, gehalten vor den Kardinälen kurz vor dem Konklave, an die Öffentlichkeit gebracht. (http://en.radiovaticana.va/news/2013/03/27/bergoglios_intervention:_a_diagnosis_of_the_problems_in_the_church/en1-677269, aufgerufen am 3. 4. 2013)

Eine scharfsinnige „Diagnose der kirchlichen Probleme“, in der er vor allem vor einer Selbstbezogenheit der Kirche warnt.

Papst Franziskus

Der neue Papst Franziskus warnte noch als Kardinal kurz vor dem Konklave vor „theologischem Narzissmus“.

Besonders beeindruckt dabei der Begriff „theologischer Narzissmus“, der beispielsweise den als Sprecher bei Radio Vatican bekannten Jesuitenpater Eberhard von

Gemmingen, einem doch recht besserwisserischen reinen Kirchenmann, in der BR-Müncher-Runde vom 2. April merklich trifft. Er muss sich bei einem derart sitzenden Vorwurf – dem allgemeinen

Klischee der Jesuiten entsprechend – ganz schön herausreden, um danach wieder reinen Gewissens im Kirchendickicht verschwinden zu können.

Nun, was hat man sich also unter dem „theologischen Narzissmus“ vorzustellen, warum trifft dieser Vorwurf Theologen und hohe Kirchenleute so empfindlich?

Narzissmus bezeichnet in der Psychologie eine übermäßige Selbstverliebtheit und Selbstbezogenheit, die in einem krassen Fall als Persönlichkeitsstörung gemäß ICD-10 unter anderem durch den Glauben, etwas Besonderes zu sein, durch einen bevorzugten Umgang mit hochgestellten Personen, selbst oft Narzissten, durch arrogante und hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten, durch ein Ausbeuten menschlicher Beziehungen und durch einen Mangel an Empathie gekennzeichnet ist. Lässt man einmal von der leidigen Diskussion ab, ob es sich nun beim Narzissmus tatsächlich um eine Krankheit handelt oder nur um eine im Normbereich zu verortende Spielart der menschlichen Charaktervariabilität, so springt die Übereinstimmung bei so manch Theologen und Kirchenmann mit diesen Kriterien, unlängst bis in die oberste Riege hinein, dennoch ins Auge.

Natürlich ist ein Theologe, der sein Leben der Kirchenlehre widmet, schnell dazu verleitet, sich im Vergleich zum gewöhnlichen Alltagsgläubigen für etwas Besonderes zu halten, gerade wenn er wissenschaftlich oder kirchenhierarchisch erfolgreich ist. In diesem Erfolgsfall wird er auch häufig Umgang mit anderen Fachleuten und Würdenträgern haben, die sich wiederum als besonders fromm oder linientreu sehen, und dann in diesen relativ geschlossenen Kreisen mit erhobenem pharisäischen moralischen Zeigefinger – Moral ist ja das Metier der Theologen – auf das Kirchenvolk oder gar die Heiden herabsehen. Ein Ausbeuten menschlicher Beziehungen mag vielleicht vorliegen, wenn tatsächlich gute Taten oder seelsorgerliches Wirken nur zum Zwecke der Vergrößerung des eigenen Ruhms oder der eigenen selbstgefälligen Heiligkeit dienen. Und nicht gerade für Empathie spricht es, wenn die ganz konkreten subjektiven und persönlichen Alltagssorgen der Gläubigen mit der Dampfwalze der theologischen Besserwisserei überfahren werden. Selbst einem zölibatären Leben, das die eigene moralische Integrität über eine echte, liebevolle Beziehung stellt, kann man eine narzisstische Komponente unterstellen.Zuletzt muss ein frommer Theologe – in dem Sinne fromm, als dass er keine Sünde seines eigenen Kataloges begeht – sich sehr selten schuldig fühlen oder gar eigene Fehler eingestehen – wiederum typisch für etwas zu sehr von sich selbst überzeugte Menschen. Kurz, die Gefahr in der Kichenhierarchie oder -wissenschaft narzisstische Züge zu entwickeln, ist groß.
Einige Psychologen unterscheiden auch zwischen einer männlichen und einer weiblichen Form des Narzissmus, deren Merkmale natürlich selten ganz diskret in Reinform auftreten. Während obige Punkte gut der männlichen Variante zuzuordnen sind, zeichnet sich die weibliche Form unter anderem durch Aufopferung, Minderwertigkeitsgefühle, übermäßige  Leistungsbezogenheit und Überanpassung aus (siehe auch http://www.selbsthass.com/narziss.htm, Tabelle links, aufgerufen am 3. 4. 2013). Diese Merkmale, selbstverständlich weit davon entfernt, naturwissenschaftliche Tatsachen zu sein, können wohl die eine oder andere Klosterschwester oder Religionslehrerin, die in der Angst lebt, ihre eigene Reinheit vor Gott durch beispielsweise falsches oder nicht ausreichendes Tun zu verlieren, ebenso aber auch manch aufopferungsvollen Priester zu einer kritischen Selbstreflexion bewegen.
Ein wenig erinnern mich auch manche Theologen, die sich lieber in ihrer bunten und heilen Theologiewelt verkriechen – in das Raritätenkabinett aus Heiligen, Bräuchen, Symbolen, Ritualen, aus Kirchengeschichte, spitzfindigen Diskursen und Moralkodizes – an die Figur des Peter Pan. Peter Pan lebt lieber mit seiner Fee im tollen Nimmerland, wo, was man sich nur vorstellt, schon zur Realität wird, und welches er sich nicht kaputt machen lässt; ja, seine größte Angst ist es, erwachsen zu werden. Auch Peter Pan ist dem Sinne narzisstisch, als er bei seinen spielerischen Abenteuern vor allem ans eigene Vergnügen denkt und aus Egoismus lieber im Nimmerland, lieber ein Kind bleibt. Der amerikanische Psychotherapeut Dan Kiley wählt ihn sogar zum Namensgeber des Peter-Pan-Syndroms, das er bei verantwortunglosen, vergnügungssüchtigen, selbstverliebten und kindischen Männern sieht, die doch innerlich voller Ängstlichkeit, Schuldgefühle und Einsamkeit sind und unsicher in ihrer sexuellen Rolle. (*) Wer weiß, ob Kiley mal einen Katholiken von Rang auf der Couch hatte.
Wenn man nun wieder alle Psychologie beiseite lässt, bleiben ein paar mahnende Denkanstöße an die Theologen und Kirchenleute zurück. Theologie nur um ihrer selbst willen, als l’art pour l’art, ist wie Dauergast-Sein auf Kur, das heißt, anstelle die Zeit in der heilen Welt zur Regeneration für die Arbeit zu nutzen allein die Vorzüge des sorglosen Lebens zu genießen, am besten für immer. Wer Inhalt und Zweck der Theologie, die man vertritt, nicht selbst lebt, zumindest ehrlich danach strebt, gleicht den verrufenen BWLern des Klischees, die anschaffen, sich dabei aber die Arbeit selbst vom Halse halten, um sich in ihrer Selbstverliebtheit ja nicht die Finger bei der Arbeit schmutzig zu machen. Wer Theologie nur als wissenschaftliche Disziplin sieht, in der er glänzt, läuft leicht Gefahr, in Selbstgefälligkeit zu denken, dass er sie daurch selbst schon lebt, sie schon erfüllt. Theologie, die sich auf ein heiles innerkirchliches Leben beschränkt, ist emanzipiert von den unangenehmen Forderungen Jesu, sie ist vielleicht katholisch oder christlich, aber nicht mehr jesuanisch.
Christlich leben – das heißt aber, die Theologie, den Glauben, das Reich Gottes in die Welt hineinwirken zu lassen, wie es in dem Gleichnis mit dem Sauerteig beschrieben. Sich zu bücken, in Demut vor Gott, nicht nur gegenüber frommen Katholiken – denn was ist es schon für eine Leistung, nur seines Gleichen beizustehen? Christen,ob Geweihte, Ordensleute, Theologen oder Laien, müssen auch herausgehen aus ihren kirchlichen Bahnen! Oder singemäß nach den Worten von Franziskus: eine nicht auf sich selbst bezogene Kirche lässt den in ihr eingesperrten Jesus aus sich heraus.

* Natürlich hält Jesus auch das Ideal der sorglosen Kinder hoch. Kindliche Sorglosigkeit bezogen auf existentielle Probleme, kindliche Unvoreingenommenheit und kindlicher Idealismus sind urchristlich; kindischer Leichtsinn, der nur auf eigenen Spaß und auf Spielerei aus ist, kindische Sandkastendiskussionen, kindische Rangkämpfe und faule kindische Tatenlosigkeit dagegen kaum.