Der Mandelkern, musikalische Maschinen und internationale Politik

Die zwei Mandelkerne (Corpora Amygdaloidae) im menschlichen Gehirn.

Die zwei Mandelkerne (Corpora Amygdaloidae) im menschlichen Gehirn.

Wenn man ein bisschen in der Hirnforschungskiste kramt, stößt man schnell auf die Amygdala. Was schon dem Namen nach mystisch klingt (auf deutsch weniger, da ist es der Mandelkern), hat auch tatsächlich eine geheimnisvolle Wirkung in unserem Denken und Erleben, denn diese Amygdala spielt eine zentrale Rolle bei der emotionialen Bewertung. In gewisser Weise liefert sie die Hintergrundmusik im Spielfilm unseres Lebens und färbt eine jede Situation mit Trauer, Verliebtheit, Angst, Zuversicht, Freude, Nüchternheit, Furcht, Ekel usw.; selten ist sie ganz still.
Es ist also ein großer Fehler zu meinen, man handele stets rational und ungetrübt; auch dann, wenn man glaubt, man täte es, spielen doch subtil Emotionen eine Rolle. Selbst beim furchtbar trockenen Lösen von Mathematikaufgaben macht es einen Unterschied, ob man zuversichtlich gestimmt ist (und dann tatsächlich eher eine gute Lösung findet), oder ob man sich langweilt (und dann bald aufgibt oder höchstens in Pflichterfüllung bereits bekannte Lösungsstrategien anwendet).
Auch beim Umgang mit Maschinen, bei ganz pragmatischen Tätigkeiten, zum Beispiel beim Autofahren oder der Bedienung eines Baggers, spielen natürlich die Emotionen eine Rolle.  Hier überträgt sich die Hintergrundmusik im eigenen Geist auf die Tätigkeit: der eine fährt sein Auto gerade rasant, vielleicht sogar agressiv, der andere ängstlich und zurückhaltend. Die Maschine hat in ihrer Funktionsweise dann sozusagen menschliche Emotionen, funktioniert dann affektiv.
Ganz bewusst setzt man diese sonst eher unerwünschte Übertragung von Emotionen auf Maschinen in der Musik ein; wenn der Mensch seine Gefühle auf einem Flügel, einer Violione oder sogar einem Schlagzeug ausdrückt. Von Menschen gespielte Instrumente enthalten Emotionen, das hört man sofort heraus, wenn man sie mit digitaler, programmierter Musik vergleicht.
Wie ist es nun aber mit mächtigen Staatsmännern, mit Börsenzockern, mit hohen Militärs, mit Diplomaten? Egal, ob die in ihrer Freizeit Bagger fahren oder Dudelsack spielen, ihr Hauptberuf ist das Agieren mit dem System der Staaten oder der Wirtschaft. Die Maschine, die sie bedienen und auf die sich ihre Emotionen übertragen, ist also das Staatsgefüge oder die Weltwirtschaft, ist das internationale Geschehen.
Unheimlich, eigentlich. Diese zwei kleinen Mandelkerne, die einem Präsidenten gerade friedfertige oder kämpferische Hintergrundmusik liefern, entscheiden über Andante oder Furioso auf dem Staatenklavier, entscheiden über Frieden oder Krieg.

PS: Die Reduktion der Emotion auf die Amygdala ist natürlich übermäßig vereinfacht.

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