Christsein ist im Zweifelsfall unerbittlich

Eigentlich Maßstab für den Ernst des Christentums: Jesus am Kreuz.

Eigentlich Maßstab für den Ernst des Christentums: Jesus am Kreuz.

Der neue Papst hat sich als erster in seinem Amt den Namen Franziskus gegeben, angelehnt an den heiligen Franziskus von Assisi, der als Patron der Händler, der Armen, der Tierärzte und des Umweltschutzes gilt.
Der heilige Franz wuchs, geboren wohl 1181, als Sohn eines reichen Tuchhändlers in sehr wohlhabender Umgebung auf, brach aber dann, nach einem Berufungserlebnis, in dem Jesus am Kruzifix in einer Kirche zu ihm sprach, komplett mit diesem Leben. Er baute mit den eigenen Händen eine Kapelle wieder auf, lebte dann in ärmlicher Kleidung als Einsiedler, pflegte Kranke und Tiere und gründete schließlich den Bettelorden der Franziskaner. Der heilige Frankziskus ahmte das Leben Jesus nach, als Ganzes, und das macht ihn gleichermaßen bewundernswert und wunderlich.
Im Zweifelsfall ist Christsein unerbittlich, verrückt, radikal, dass vergisst man als lauwarmer Sonntagskirchgänger viel zu schnell. Auch Jesus selbst, den man als oberste Instanz, als größtes Vorbild, sogar als göttlich verehrt, war nicht nur ein braver, heilender und kinderlieber Wanderprediger – er war ein der Besatzungsmacht verhasster Auftreiber, ein unwillkommener Sonderling, ein Radikaler. Eigentlich ist Christsein etwas ziemlich unangenehmes, für sich genauso wie auch für die Gesellschaft, würde man es in strenger Konsequenz ähnlich ernst meinen wie der heilige Franziskus.
Wie lächerlich erscheint einem da die mitteleuropäische katholische Glaubenspraxis: Kindergottesdienste mit pädagogisch wertvollen Puppenspielen, flott komponierte Kirchenmusik, Predigten, die entweder von der Weltferne des Priesters zeugen oder dem von der Arbeit gestressten Kopf als Weichspüler zur Erholung dienen, Jugendgruppen, die Mädchen das Bravolesen und Jungs das Saufen beibringen, sich dabei aber möglichst von Tiefergehendem oder gar Christlichem fernhalten, Gebets- oder Altengruppen, die eher als Selbsthilfegruppen durchgehen anstelle den Jüngeren oder Kirchenfernen von den Erfahrungen eines langen, christlichen Lebens zu zeugen. Noch drastischer hat es ein mir namentlich nicht mehr bekannter Philosoph formuliert: die organisierte Kirche sei nicht etwa die Braut Christi, sondern sie habe Jesus verbannt. Statt sich Jesus zum Vorbild zu nehmen, hat sie ihn in ihre Kirchengebäude gehängt, am  Kreuz, aufgeräumt, vertrieben aus dem Alltag. Zu unangenehm, zu radikal ist seine Botschaft und sein Leben!
Das Trauma dieses unangenehmen Zeitgenossen sitzt immer noch, seit etwa zweitausend Jahren jetzt schon – und irgendwie muss man es verabeiten. Einmal in der Woche, sonntags, setzt man sich dann all den ungenehmen Forderungen aus. Verrückte, absurde, radikale Forderungen hört man dann im Evangelium: die Familie verlassen für den Glauben soll man; die Ersten werden die Letzten sein; als Anführer einer Gruppe soll man gerade allen in Demut dienen; Reichtum schadet der Wahrscheinlichkeit einer Aufnahme in den Himmel ungemein; zu den Alten, Kindern und Kranken soll man gehen; ein Sünder, der die meiste Zeit gegen die moralischen Ideale gelebt hat und dann umkehrt, ist Gott lieber als die Rechtschaffenen; im Zweifelsfall geht der Glaube über das eigene Leben. Ungeheuerlich, welchen Forderungen man sich da eigentlich aussetzt, was das eigentlich für sein Leben bedeuten müsste, wie sehr man sich da eigentlich verändern müsste! Doch die radikale Ungeheurlichkeit wird ja abgemildert durch eine theologische Einordnung ins Alltagsleben in der Predigt; die Alten, Kranken, Sterbenden, Armen, Verfolgten oder Krieg leidenden muss man nicht wirklich besuchen und sich um sie kümmern, es reicht schon in den Fürbitten für sie zu beten und nachher einen oder zwei Euro zu spenden. Schließlich wird Jesus noch symbolisch am Altar geopfert, dann ist er endlich wieder weggesperrt in seiner Kirche, wo er erst nächste Woche wieder mit als seinen unangenehmen Forderungen besucht werden muss.
In der kommenden Woche hat man dann Ruhe von all den schrecklichen Dingen auf der Welt – Krankheit, Krieg, Leiden – und in Anbetracht derer des Imparativs des Dagegen-handeln-sollens. Man kann wieder seinem lächerlichen Alltagsbüro-Job nachgehen, sozusagen in Ruhe Briefmarkensammeln.
Mir scheint es, als hätte die Kirche die Funktion als Institution die radikal-verstörende Botschaft Jesu für die Gläubigen gegen einen kleinen Obulus psychisch zu verarbeiten. „Komm herein, halte es eine Stunde durch, aber dann hast du wieder Ruhe davon.“ Ein System, dass den Kirchgängern das Moralischsein abnimmt, ein bisschen liturgische Gehirnwäsche gegen das schlechte Gewissen, dass die Radikalität dieses Jesus macht.
Christsein aber ist in Wahrheit unerbittlich. Christsein, in der radikalen und unerbittlichen Art und Weise wie es auch der heilige Franziskus gelebt hat, heißt in der heute: gegen den Mainstream Gefangene im Gefängnis besuchen; erst einmal seinen Widerwillen überwinden, um einen Nachmittag oder mehr im Altersheim ehrenamtlich mitzuhelfen; konsequent für den Tierschutz eintreten, was zum Beispiel einen minimalen Fleischkonsum miteinschließt; öffentliche Verkehrsmittel der egoistischen PKW-Nutzung vorziehen; sich nicht in den Nichtigkeiten der eigenen Schönheit, Macht, Bedeutung oder Intelligenz – dem Egoismus – zu verlieren; oberflächlichen Fernsehsendungen oder Internetexkursen die spirituelle Ruhe im Gottesdienst vorziehen; Bettelnden nicht nur den Anstandseuro zu geben, sondern sie vielleicht sogar eine Stunde zum Einwohnermeldeamt zu begleiten; statt der Münze im Klingelbeutel, die einen freikauft, möglichst in Armut leben, den Rest an richtige Stelle spenden; das seelsorgerliche Bemühen eines jeden Christen schätzen – ob geweihter oder nicht geweihter Mann oder Frau; in der gläubigen Nähe im Gebet der Verzweiflung und dem Pessimismus keine Chance geben, sondern neue Kraft und Kreativität schöpfen; sich nicht in theologischen Detailfragen der Auslegung des Evangeliums verlieren, sondern pragmatisch und in Liebe den Menschen im Blick haben; im Arbeitsalltag nicht nur eigenen Erfolg, sondern Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verträglichkeit anstreben; im Denken und Tun den kleinbürgerlichen Sorgen die Not in anderen Teilen der Welt entgegenstellen; beständige und ehrliche Liebe zum Partner über flüchtige sexuelle Begierden, Experimentierlust und lächerliche Diskussionen über die Homo-Ehe stellen; Ehrlichkeit über eigenes Ansehen stellen; nachsichtig sein und Enschuldigungen annehmen statt beharrlichen Nachtragens und Streitsucht; anstelle der Nervenschonung Kinder als Angehörige der nächsten Menschheitsgerenation zu fördern und ihnen wichtige Erfahrungen weitergeben; für seine Prinzipien eintreten, sich in ihnen nicht ausnutzen lassen, sondern für sie eintreten, im Zweifelsfall auch laut.
Christsein ist Protest gegen ein Untergehen dieser Prinzipien. Wie Jesus und die Unmenge an Heiligen setzt man als Christ, auch wenn man an diesen radikalen und unangenehmen Forderungen immer wieder scheitern wird, ein Zeichen in der Gesellschaft, dass auch gesehen werden darf und soll. Man verkörpert die verstörende, aber ewige Botschaft Jesu aufs Neue und wird dadurch selbst ewig. Der Christ ist kein abstrakter, theoretischer Theologe, er lebt ganz pragmatisch seine Prinzipien. Seine Theologie bewährt sich in der Praxis, nicht in esoterischen Sphären. Christliche Botschaft ist gelebtes Wort, in Gottvertrauen und in die Tat umgesetzter Gedanke. Durch ihre Aufhebung des Relativitätsprinzips, das Gleichem mit Gleichen vergilt, durch ihre radikale Verwurzelung in Gott, der die ultimative Zukunft ist und durch das höchste Ziel der Förderung des Menschenwohls; durch die Anstrengung, die es kostet, ihre Umsetzung zu erstreben, verstört sie und rüttelt sie wach. Sie lässt den Christen zum Stein des Anstoßes werden, der so durch sein Leben die Gesellschaft verändert. Denn nicht nur bessere Technik, bessere Wissenschaft, größere Gewinne, hübschere Kunst, Musik, Malerei oder Architektur, strengerer Gesetze; kurz nicht nur veränderter Systeme braucht es, sondern auch ein besseren Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen, kurz einen von sich heraus neuen Menschen – Himmel hin oder her.
Christsein ist im Zweifelsfall unerbittlich, vor allem auch gegenüber sich selbst, aber es lässt den Christen über sich selbst hinauswachsen. Das wird der neue Papst Franziskus vorleben.

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