Die Idiotie des Medizinstudiums

Das macht einen Arzt später nicht aus: ein gelehrtes Theoretikerdasein, wie im Studium.

Das macht einen Arzt später nicht aus: ein gelehrtes Theoretikerdasein, wie im Studium.

Sechs Jahre und noch ein bisschen was muss man in Deutschland Medizin studieren – davon fünf Jahre lang Wissen anhäufen, das ohnehin schon existiert und das man ohnehin nur in seiner Oberfläche erfassen, geschweige denn verstehen kann.

Ein bisschen soll man Anatomie können. Das ist noch in Ordnung, denn man muss ja zumindest wissen, wie die Dinge heißen, mit denen man sich später beschäftigt, da dies die Kommunikation mit Kollegen erleichtert, und in etwa wissen, wo was liegt, sollte man auch.
Ein bisschen Histologie soll man auch machen. Die Theorie zu lernen ist in Ordnung, so weiß man wenigstens ungefähr den Zellenaufbau. Praktisches Mikroskopieren – naja, es ist mal ganz nett, das menschliche Gewebe gesehen zu haben, aber es ist komplett sinnlos; später arbeitet man ohnehin professioneller und lernt es dann richtig.
Ein bisschen Chemie soll man können. Ich möchte nicht wissen, ob mir irgendein praktischer Arzt komplexere chemische Formeln erklären könnte oder gar noch die Hund’sche Regel. De facto braucht er das ja nicht, es ist in der Ausbildung zum Arzt also vollkommen fehl am Platz.
Ein bisschen Biologie soll der Arzt gehört haben. Na gut, Medizin ist angewandte Humanbiologie, insofern müsste es ja in Ordnung sein. Wenn man sich auf tatsächlich medizinisch Relevantes beschränkt, dh. Mirkobiologie und Genetik lernt, ist es in Ordnung.
Im Grunde ist das Fächersammelsurium, dass man im Medizinstudium hat, aber reiner Unsinn. Man sammelt vor allem unnützes Wissen an, verlernt dabei, Wesentliches von Belanglosen zu unterscheiden, in dem man alles in sich hineinfrisst, um doch ja eine jede dämliche Frage des Multiple-Choice-Tests zu wissen. Ebenso wenig Zeit wird einem gelassen, wesentliche Dinge auch zu begreifen, zu verstehen, das heißt, im Geiste ein Modell gebildet zu haben. Fakten auswendig zu lernen ist das eine. Damit kann man in den Situationen, die man gelernt hat, und nur in diesen, sich adäquat verhalten, aber man ist dann keinen Deut besser als eine Maschine, als ein Roboter. Sachverhalte zu verstehen und ein Gefühl für die Materie zu haben, ist das andere, denn damit kann man einerseits genaue Fakten im konkreten Bedarfsfall an das Gerüst des Modells, des grundsätzlichen Prinzips, anheften, ohne sie vorher schon alle auswendig gelernt zu haben (es ist also neuronal ökonomischer), und andererseits auch in Fällen, die nicht gerade in das auswendig gelernte Raster passen, vernünftig handeln. Das ist es auch, was klischeehafterweise Ärztchens von richtigen Naturwissenschaftlern unterscheidet.
Ich plädiere dafür, die Ausbildung zum Arzt gänzlich als Ausbildung, also nicht als Studium, zu gestalten. Man lässt sich ausbilden, mit dem Zweck, später in einer Praxis oder einer Klinik zu arbeiten – und das lernt man am besten in einer Praxis oder einer Klinik und braucht dafür garantiert nicht mehr als drei, höchstens vier Jahre. Man lässt
sich für eine praktische Tätigkeit, für ein höheres Handwerk mit viel Schreibkrambegleitung ausbilden, nicht zum kritisch denkenden Akademiker oder zum kreativen Naturwissenschaftler. Im Grunde kann man sich die Vorklinik und die Klinik schenken, man startet gleich im Praxisjahr.
Ähnlich einer richtigen Ausbildung – zum Beispiel zum Krankenpfleger – arbeitet man drei Tage in der Woche in einer Klinik, später auch in einer Praxis, in den unterschiedlichen Fachbereichen. An den anderen zwei Tagen lernt man das, was man dazu braucht, die theoretischen Hintergründe, dh. warum gerade dieses Antibiotikum eingesetzt wurde und ein anderes ungeeignet gewesen wäre, was es mit den Symptomen auf sich hatte usw.

Der große Unterschied dieser Arztausbildung gegenüber anderen bestünde lediglich im Anspruch, sodass lediglich Abiturienten zugelassen würden. Die Vorteile liegen auf der Hand: man ist viel schneller zum Arzt ausgebildet und kann auch schon während der Ausbildung viel mithelfen. Die Ausbildung ist effektiver, da unnützes Wissen den Wissenschaftlern (Humanbiologen, Chemikern, Biologen, Physikern, Ingenieuren) überlassen würde. Durch das praxisnahe Lernen, idealerweise zum Beispiel immer mit Vertrauensärzten oder Ausbildern (die können immer gefragt werden; sie sollten zusätzlich Wissenschaftler, Humanbiologen, sein) und in kleinen Kursen oder Gruppen, würde auch den allzu häufig anzutreffenden Theoretikerassistenzärzten vorgebeugt werden, die zwar alle möglichen Krankheitsbilder, Muskelgruppen und Medikamentensorten herunterbeten können, aber dennoch praktisch nichts zerreißen. Die erlernten Kenntnisse der zwei Tage werden gleich im Alltag angewandt oder umgekehrt die Probleme, die einem im Alltag begegnen, werden gleich in den zwei Theorietagen vertieft und erweitert. Theoretisches und Praktisches werden so im Denkstübchen besser vernetzt (man lernt mehr kausal und final, mit Gründen und Zwecken, dh. problemorientiert). Zudem hat man auch eine größere Motivation, die Theorie dazuzulernen, wenn man gleich – vielleicht in derselben Woche sogar – deren Nutzen direkt an einem Patienten sieht und weiß, dass man die Späßchen nicht nur für die nächste Klausur lernt. (Wer tatsächlich eine fundierte theoretische Kenntnis erlangen möchte – die er im Beruf einfach nicht unbedingt braucht – kann dies selbstverständlich zusätzlich tun, hingewiesen auf entsprechende Literatur.)
Fazit: man lernt im Wesentlichen, indem man den Älteren über die Schulter schaut, angereichert durch stets passende wissenschaftliche Vertiefung. Die Älteren ihrerseits sind zur wissenschaftlichen Auffrischung (wiederum durch Humanbiologen) verpflichtet.
Medizin ist nunmal keine reine Wissenschaft, sie ist eine angewandte und wird deshalb idealerweise angewandt gelernt. Medizinischer Fortschritt und medizinische Forschung wird dann im Wesentlichen von Wissenschaftlern erledigt – in Zusammenarbeit natürlich mit den erfahrenen Praktikern.
Wärend das sogenannte Studium der Medizin nichts Ganzes und nichts Halbes ist, ein Sammelsurium von unzusammenhängenden und für den Moment gänzlich unnützen Sachverhalten (und dennoch sagt jeder staunend „Medizin – oh“), wäre die Arztausbildung in sich geschlossen, rund und zusammenhängend. Sie zielte tatsächlich darauf ab, wohin sie im Allgemeinen führt.
Fraglich natürlich, weshalb man traditioneller-, aber unsinnigerweise zum Arzt so lange „studiert“ wie sonst keiner. Ich denke, dass das noch unentrümpelte Universitätstradition ist, als der Arzt genauso wie der Priester eine Art kleiner Universalgelehrter fürs Land sein sollte, ein „Herr Doktor“ eben. Ein Doktor der Medizin aber ist einer, der sich mit so bedeutenden Dingen wie Hohlmuskeln und schleimigen Hautbläschenbäumen auskennt. Wenn diese aber Herz und Lunge heißen, dann bekommen sie andere Bedeutung, denn dann geht es um Leben und Tod, dann ist ein medizinischer Magier (wie es auch der Priester ist; bemerke das ebenso weiße Gewand, ein urzeitliches Relikt!) nötig. Die magische Note des Übernatürlichen sollte der ordentlich ausgebildete Arzt von heute eigentlich beseite legen und sich anstelle obskurer Zaubertränke (Eigenurin) und Heilverfahren (Aderlass) an die Vernunft, an die Erkenntnisse der empirischen Wissenschaft halten.
Ein weiterer Fehlschluss, ein Denkfehler, der zur Überhäufung im Medizinstudium führt, rührt auch daher: wenn es um den Körper, um das Leben geht, muss es ganz besonders sein. So denkt man, das ist typisch menschlich, und daher kommt auch die Anerkennung der Mediziner. Es geht ums Leben, es muss ein Gott in Weiß her und der muss perfekt ausgebildet sein, ein halber Biologe, Physiker, Pharmazeut oder Chemiker und was sonst noch alles. Klar, besondere Sorgfalt ist dann wichtig, aber das hat nichts mit einer diffus-überladenen Theorieausbildung zu tun, bei der geschätzte 95 % nie wieder benötigt werden. Gelehrte Köpfe, die vor lauter Quatsch im Kopf keine vernünftigen Problemlösungen mehr zustande bringen, gar den gesunden Menschenverstand und eine pragmatische Sichtweise abgelegt haben, nutzen dem Körper – in den man ohnehin bisher nur begrenzt eingreift – kaum etwas. Wenn man die Bedeutung, die an die medizinischen Handgriffe angehängt sind („Wiederbeleben“ statt ein bisschen nach einem vorgefertigten Schema auf die Brust drücken, einfacher als ein Grundrhythmus auf dem Schlagzeug, „Geisteskrankenbehandlung“ statt eine Pille, deren chemische Zusammensetzung und deren Wirkmechanismus man nicht verstanden hat, einwerfen lassen; ähnlich, wie die Wandlung in einer Heiligen Messe etwas ganz anderes ist, als ein bisschen Vorlesen, Brot brechen und Wein umschenken), ablegt, wird der Arztberuf entzaubert. Psychologie ist es, die den Menschen dazu bringt, den Arztberuf und die zugehörige Ausbildung zu überhöhen, und die Bedeutung in den Handlungen (selbstverständlich macht die es auch dem Arzt schwerer, wenn er z.B. wiederbelebt, und weiß, worum es geht, und deshalb nervös ist und nicht nur das leichte Drücke-Schema
anwendet) anstelle der Handlungen an sich zu sehen.
Medizin ist lächerlich einfach, Menschen zu helfen aber ist bedeutend.

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