Der Mandelkern, musikalische Maschinen und internationale Politik

Die zwei Mandelkerne (Corpora Amygdaloidae) im menschlichen Gehirn.

Die zwei Mandelkerne (Corpora Amygdaloidae) im menschlichen Gehirn.

Wenn man ein bisschen in der Hirnforschungskiste kramt, stößt man schnell auf die Amygdala. Was schon dem Namen nach mystisch klingt (auf deutsch weniger, da ist es der Mandelkern), hat auch tatsächlich eine geheimnisvolle Wirkung in unserem Denken und Erleben, denn diese Amygdala spielt eine zentrale Rolle bei der emotionialen Bewertung. In gewisser Weise liefert sie die Hintergrundmusik im Spielfilm unseres Lebens und färbt eine jede Situation mit Trauer, Verliebtheit, Angst, Zuversicht, Freude, Nüchternheit, Furcht, Ekel usw.; selten ist sie ganz still.
Es ist also ein großer Fehler zu meinen, man handele stets rational und ungetrübt; auch dann, wenn man glaubt, man täte es, spielen doch subtil Emotionen eine Rolle. Selbst beim furchtbar trockenen Lösen von Mathematikaufgaben macht es einen Unterschied, ob man zuversichtlich gestimmt ist (und dann tatsächlich eher eine gute Lösung findet), oder ob man sich langweilt (und dann bald aufgibt oder höchstens in Pflichterfüllung bereits bekannte Lösungsstrategien anwendet).
Auch beim Umgang mit Maschinen, bei ganz pragmatischen Tätigkeiten, zum Beispiel beim Autofahren oder der Bedienung eines Baggers, spielen natürlich die Emotionen eine Rolle.  Hier überträgt sich die Hintergrundmusik im eigenen Geist auf die Tätigkeit: der eine fährt sein Auto gerade rasant, vielleicht sogar agressiv, der andere ängstlich und zurückhaltend. Die Maschine hat in ihrer Funktionsweise dann sozusagen menschliche Emotionen, funktioniert dann affektiv.
Ganz bewusst setzt man diese sonst eher unerwünschte Übertragung von Emotionen auf Maschinen in der Musik ein; wenn der Mensch seine Gefühle auf einem Flügel, einer Violione oder sogar einem Schlagzeug ausdrückt. Von Menschen gespielte Instrumente enthalten Emotionen, das hört man sofort heraus, wenn man sie mit digitaler, programmierter Musik vergleicht.
Wie ist es nun aber mit mächtigen Staatsmännern, mit Börsenzockern, mit hohen Militärs, mit Diplomaten? Egal, ob die in ihrer Freizeit Bagger fahren oder Dudelsack spielen, ihr Hauptberuf ist das Agieren mit dem System der Staaten oder der Wirtschaft. Die Maschine, die sie bedienen und auf die sich ihre Emotionen übertragen, ist also das Staatsgefüge oder die Weltwirtschaft, ist das internationale Geschehen.
Unheimlich, eigentlich. Diese zwei kleinen Mandelkerne, die einem Präsidenten gerade friedfertige oder kämpferische Hintergrundmusik liefern, entscheiden über Andante oder Furioso auf dem Staatenklavier, entscheiden über Frieden oder Krieg.

PS: Die Reduktion der Emotion auf die Amygdala ist natürlich übermäßig vereinfacht.

Psychologie – eine Naturwissenschaft mit humanistischer Verpflichtung

Ein psychologischer Mechanismus, gezeichnet von René Descartes.

Ein psychologischer Mechanismus, gezeichnet von René Descartes.

Als mathematisch-naturwissenschaftlicher Mensch muss man aufpassen, psychologische Sachverhalte nicht zu ernst zu nehmen oder mit dem falschen Denkwerkzeug zu nutzen. Psychologie drückt einfache und wohlbekannte Alltagserfahrungen oft in wissenschaftlichen Worten aus, da sie sich als Naturwissenschaft sieht und somit der empirischen Methodik verpflichtet. Im rein akademischen Bereich, in der Wissenschaft, kann dagegen nichts einzuwenden sein, für die Anwendung der Psychologie ist aber Vorsicht geboten!

Man kann zum Beispiel die narzisstische Persönlichkeitsstörung (ICD F 60.8) als Krankheit auffassen; damit degradiert man dann aber seinen sehr von sich selbst überzeugten Mitmenschen, der ja gerade in seinem Wesenskern betroffen ist, zum Objekt, zum pathologischen Fall oder zum präzise-definierten naturwissenschaftlichen Phänomen. Eine ungute Einstellung im eigenen Geiste, vor allem in der Therapie. Abnorme Neuronenstrukturen, falsch verwachsene Verschaltungen und fehlerhafte Gehirnprogrammierungen sieht man dann anstelle ungewöhnlicher Charaktere. Eine bessere Sichtweise dagegen ist es, die sogenannte „Störung“ als mögliches Problemfeld seines Mitmenschen als Person, in dessen Denken und Interaktion mit anderen Menschen, aufzufassen. Sie zwar mit dem objektiven und wissenschaftlichen Auge zu registrieren, sie aber im guten, diplomatischen Stil, nachsichtig-pädagogisch und mit viel intelligentem Feingefühl zu thematisieren, nicht mit scharfen Diagnosen, den Menschen als Menschen statt als Objekt wahrnehmend. Sie aufzufassen als ungünstige Konstellation, die durch seelsorgerliche oder philosophische Ratschläge aufgelöst werden kann, zum Wohle der betreffenden Person und seiner Mitmenschen.
Psychologie muss im Anwendungsfall immer humanistisch sein, von Mensch zu Mensch, von Mensch für Mensch! Ein Missbrauch der psychologischen Einsichten des Psychologen, der doch selbst ein Mensch ist, für wirtschaftliche, juristische, kriminelle, persönliche Zwecke, Manipulation, so, wie wenn die Physiker die Kernkräfte zur Energiegewinnung ausnützen, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit! Einen Eid des Hippokrates für Psychologen muss es geben!

PS: Jede Wissenschaft hat eine subtile Intention, auf englisch sozusagen eine „Hidden Agenda“, die, auch wenn man noch so weit in ihre Tiefen vorgedrungen ist, nicht untergehen darf! Jede Wissenschaft dient so dem Menschen!

– Medizin: angewandte Naturwissenschaft und Technik zur Therapie und Prophylaxe von Krankeiten.- Physik: Aufdeckung neuer grundlegender Naturgesetze zum Zwecke besserer Technik und besseren Verständnisses der Welt.
– Theologie: Reflexion und Interpretation der Bibel und von Sekundärliteratur zur Förderung einer besseren Ethik der Menschen und eines stabileren Seelenlebens.
– Soziologie: Förderung eines besseren Verständnisses des Menschen seiner eigenen Gesellschaft zur Förderung harmonischerer gesellschaftlicher Abläufe.
– Philosophie: Nachdenken über menschliche Grundfragen zum Zweck eines besseren Selbstverständnisses des Menschen und der Bewältigung von Sinnkrisen.

etc.

Christsein ist im Zweifelsfall unerbittlich

Eigentlich Maßstab für den Ernst des Christentums: Jesus am Kreuz.

Eigentlich Maßstab für den Ernst des Christentums: Jesus am Kreuz.

Der neue Papst hat sich als erster in seinem Amt den Namen Franziskus gegeben, angelehnt an den heiligen Franziskus von Assisi, der als Patron der Händler, der Armen, der Tierärzte und des Umweltschutzes gilt.
Der heilige Franz wuchs, geboren wohl 1181, als Sohn eines reichen Tuchhändlers in sehr wohlhabender Umgebung auf, brach aber dann, nach einem Berufungserlebnis, in dem Jesus am Kruzifix in einer Kirche zu ihm sprach, komplett mit diesem Leben. Er baute mit den eigenen Händen eine Kapelle wieder auf, lebte dann in ärmlicher Kleidung als Einsiedler, pflegte Kranke und Tiere und gründete schließlich den Bettelorden der Franziskaner. Der heilige Frankziskus ahmte das Leben Jesus nach, als Ganzes, und das macht ihn gleichermaßen bewundernswert und wunderlich.
Im Zweifelsfall ist Christsein unerbittlich, verrückt, radikal, dass vergisst man als lauwarmer Sonntagskirchgänger viel zu schnell. Auch Jesus selbst, den man als oberste Instanz, als größtes Vorbild, sogar als göttlich verehrt, war nicht nur ein braver, heilender und kinderlieber Wanderprediger – er war ein der Besatzungsmacht verhasster Auftreiber, ein unwillkommener Sonderling, ein Radikaler. Eigentlich ist Christsein etwas ziemlich unangenehmes, für sich genauso wie auch für die Gesellschaft, würde man es in strenger Konsequenz ähnlich ernst meinen wie der heilige Franziskus.
Wie lächerlich erscheint einem da die mitteleuropäische katholische Glaubenspraxis: Kindergottesdienste mit pädagogisch wertvollen Puppenspielen, flott komponierte Kirchenmusik, Predigten, die entweder von der Weltferne des Priesters zeugen oder dem von der Arbeit gestressten Kopf als Weichspüler zur Erholung dienen, Jugendgruppen, die Mädchen das Bravolesen und Jungs das Saufen beibringen, sich dabei aber möglichst von Tiefergehendem oder gar Christlichem fernhalten, Gebets- oder Altengruppen, die eher als Selbsthilfegruppen durchgehen anstelle den Jüngeren oder Kirchenfernen von den Erfahrungen eines langen, christlichen Lebens zu zeugen. Noch drastischer hat es ein mir namentlich nicht mehr bekannter Philosoph formuliert: die organisierte Kirche sei nicht etwa die Braut Christi, sondern sie habe Jesus verbannt. Statt sich Jesus zum Vorbild zu nehmen, hat sie ihn in ihre Kirchengebäude gehängt, am  Kreuz, aufgeräumt, vertrieben aus dem Alltag. Zu unangenehm, zu radikal ist seine Botschaft und sein Leben!
Das Trauma dieses unangenehmen Zeitgenossen sitzt immer noch, seit etwa zweitausend Jahren jetzt schon – und irgendwie muss man es verabeiten. Einmal in der Woche, sonntags, setzt man sich dann all den ungenehmen Forderungen aus. Verrückte, absurde, radikale Forderungen hört man dann im Evangelium: die Familie verlassen für den Glauben soll man; die Ersten werden die Letzten sein; als Anführer einer Gruppe soll man gerade allen in Demut dienen; Reichtum schadet der Wahrscheinlichkeit einer Aufnahme in den Himmel ungemein; zu den Alten, Kindern und Kranken soll man gehen; ein Sünder, der die meiste Zeit gegen die moralischen Ideale gelebt hat und dann umkehrt, ist Gott lieber als die Rechtschaffenen; im Zweifelsfall geht der Glaube über das eigene Leben. Ungeheuerlich, welchen Forderungen man sich da eigentlich aussetzt, was das eigentlich für sein Leben bedeuten müsste, wie sehr man sich da eigentlich verändern müsste! Doch die radikale Ungeheurlichkeit wird ja abgemildert durch eine theologische Einordnung ins Alltagsleben in der Predigt; die Alten, Kranken, Sterbenden, Armen, Verfolgten oder Krieg leidenden muss man nicht wirklich besuchen und sich um sie kümmern, es reicht schon in den Fürbitten für sie zu beten und nachher einen oder zwei Euro zu spenden. Schließlich wird Jesus noch symbolisch am Altar geopfert, dann ist er endlich wieder weggesperrt in seiner Kirche, wo er erst nächste Woche wieder mit als seinen unangenehmen Forderungen besucht werden muss.
In der kommenden Woche hat man dann Ruhe von all den schrecklichen Dingen auf der Welt – Krankheit, Krieg, Leiden – und in Anbetracht derer des Imparativs des Dagegen-handeln-sollens. Man kann wieder seinem lächerlichen Alltagsbüro-Job nachgehen, sozusagen in Ruhe Briefmarkensammeln.
Mir scheint es, als hätte die Kirche die Funktion als Institution die radikal-verstörende Botschaft Jesu für die Gläubigen gegen einen kleinen Obulus psychisch zu verarbeiten. „Komm herein, halte es eine Stunde durch, aber dann hast du wieder Ruhe davon.“ Ein System, dass den Kirchgängern das Moralischsein abnimmt, ein bisschen liturgische Gehirnwäsche gegen das schlechte Gewissen, dass die Radikalität dieses Jesus macht.
Christsein aber ist in Wahrheit unerbittlich. Christsein, in der radikalen und unerbittlichen Art und Weise wie es auch der heilige Franziskus gelebt hat, heißt in der heute: gegen den Mainstream Gefangene im Gefängnis besuchen; erst einmal seinen Widerwillen überwinden, um einen Nachmittag oder mehr im Altersheim ehrenamtlich mitzuhelfen; konsequent für den Tierschutz eintreten, was zum Beispiel einen minimalen Fleischkonsum miteinschließt; öffentliche Verkehrsmittel der egoistischen PKW-Nutzung vorziehen; sich nicht in den Nichtigkeiten der eigenen Schönheit, Macht, Bedeutung oder Intelligenz – dem Egoismus – zu verlieren; oberflächlichen Fernsehsendungen oder Internetexkursen die spirituelle Ruhe im Gottesdienst vorziehen; Bettelnden nicht nur den Anstandseuro zu geben, sondern sie vielleicht sogar eine Stunde zum Einwohnermeldeamt zu begleiten; statt der Münze im Klingelbeutel, die einen freikauft, möglichst in Armut leben, den Rest an richtige Stelle spenden; das seelsorgerliche Bemühen eines jeden Christen schätzen – ob geweihter oder nicht geweihter Mann oder Frau; in der gläubigen Nähe im Gebet der Verzweiflung und dem Pessimismus keine Chance geben, sondern neue Kraft und Kreativität schöpfen; sich nicht in theologischen Detailfragen der Auslegung des Evangeliums verlieren, sondern pragmatisch und in Liebe den Menschen im Blick haben; im Arbeitsalltag nicht nur eigenen Erfolg, sondern Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verträglichkeit anstreben; im Denken und Tun den kleinbürgerlichen Sorgen die Not in anderen Teilen der Welt entgegenstellen; beständige und ehrliche Liebe zum Partner über flüchtige sexuelle Begierden, Experimentierlust und lächerliche Diskussionen über die Homo-Ehe stellen; Ehrlichkeit über eigenes Ansehen stellen; nachsichtig sein und Enschuldigungen annehmen statt beharrlichen Nachtragens und Streitsucht; anstelle der Nervenschonung Kinder als Angehörige der nächsten Menschheitsgerenation zu fördern und ihnen wichtige Erfahrungen weitergeben; für seine Prinzipien eintreten, sich in ihnen nicht ausnutzen lassen, sondern für sie eintreten, im Zweifelsfall auch laut.
Christsein ist Protest gegen ein Untergehen dieser Prinzipien. Wie Jesus und die Unmenge an Heiligen setzt man als Christ, auch wenn man an diesen radikalen und unangenehmen Forderungen immer wieder scheitern wird, ein Zeichen in der Gesellschaft, dass auch gesehen werden darf und soll. Man verkörpert die verstörende, aber ewige Botschaft Jesu aufs Neue und wird dadurch selbst ewig. Der Christ ist kein abstrakter, theoretischer Theologe, er lebt ganz pragmatisch seine Prinzipien. Seine Theologie bewährt sich in der Praxis, nicht in esoterischen Sphären. Christliche Botschaft ist gelebtes Wort, in Gottvertrauen und in die Tat umgesetzter Gedanke. Durch ihre Aufhebung des Relativitätsprinzips, das Gleichem mit Gleichen vergilt, durch ihre radikale Verwurzelung in Gott, der die ultimative Zukunft ist und durch das höchste Ziel der Förderung des Menschenwohls; durch die Anstrengung, die es kostet, ihre Umsetzung zu erstreben, verstört sie und rüttelt sie wach. Sie lässt den Christen zum Stein des Anstoßes werden, der so durch sein Leben die Gesellschaft verändert. Denn nicht nur bessere Technik, bessere Wissenschaft, größere Gewinne, hübschere Kunst, Musik, Malerei oder Architektur, strengerer Gesetze; kurz nicht nur veränderter Systeme braucht es, sondern auch ein besseren Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen, kurz einen von sich heraus neuen Menschen – Himmel hin oder her.
Christsein ist im Zweifelsfall unerbittlich, vor allem auch gegenüber sich selbst, aber es lässt den Christen über sich selbst hinauswachsen. Das wird der neue Papst Franziskus vorleben.

Die Idiotie des Medizinstudiums

Das macht einen Arzt später nicht aus: ein gelehrtes Theoretikerdasein, wie im Studium.

Das macht einen Arzt später nicht aus: ein gelehrtes Theoretikerdasein, wie im Studium.

Sechs Jahre und noch ein bisschen was muss man in Deutschland Medizin studieren – davon fünf Jahre lang Wissen anhäufen, das ohnehin schon existiert und das man ohnehin nur in seiner Oberfläche erfassen, geschweige denn verstehen kann.

Ein bisschen soll man Anatomie können. Das ist noch in Ordnung, denn man muss ja zumindest wissen, wie die Dinge heißen, mit denen man sich später beschäftigt, da dies die Kommunikation mit Kollegen erleichtert, und in etwa wissen, wo was liegt, sollte man auch.
Ein bisschen Histologie soll man auch machen. Die Theorie zu lernen ist in Ordnung, so weiß man wenigstens ungefähr den Zellenaufbau. Praktisches Mikroskopieren – naja, es ist mal ganz nett, das menschliche Gewebe gesehen zu haben, aber es ist komplett sinnlos; später arbeitet man ohnehin professioneller und lernt es dann richtig.
Ein bisschen Chemie soll man können. Ich möchte nicht wissen, ob mir irgendein praktischer Arzt komplexere chemische Formeln erklären könnte oder gar noch die Hund’sche Regel. De facto braucht er das ja nicht, es ist in der Ausbildung zum Arzt also vollkommen fehl am Platz.
Ein bisschen Biologie soll der Arzt gehört haben. Na gut, Medizin ist angewandte Humanbiologie, insofern müsste es ja in Ordnung sein. Wenn man sich auf tatsächlich medizinisch Relevantes beschränkt, dh. Mirkobiologie und Genetik lernt, ist es in Ordnung.
Im Grunde ist das Fächersammelsurium, dass man im Medizinstudium hat, aber reiner Unsinn. Man sammelt vor allem unnützes Wissen an, verlernt dabei, Wesentliches von Belanglosen zu unterscheiden, in dem man alles in sich hineinfrisst, um doch ja eine jede dämliche Frage des Multiple-Choice-Tests zu wissen. Ebenso wenig Zeit wird einem gelassen, wesentliche Dinge auch zu begreifen, zu verstehen, das heißt, im Geiste ein Modell gebildet zu haben. Fakten auswendig zu lernen ist das eine. Damit kann man in den Situationen, die man gelernt hat, und nur in diesen, sich adäquat verhalten, aber man ist dann keinen Deut besser als eine Maschine, als ein Roboter. Sachverhalte zu verstehen und ein Gefühl für die Materie zu haben, ist das andere, denn damit kann man einerseits genaue Fakten im konkreten Bedarfsfall an das Gerüst des Modells, des grundsätzlichen Prinzips, anheften, ohne sie vorher schon alle auswendig gelernt zu haben (es ist also neuronal ökonomischer), und andererseits auch in Fällen, die nicht gerade in das auswendig gelernte Raster passen, vernünftig handeln. Das ist es auch, was klischeehafterweise Ärztchens von richtigen Naturwissenschaftlern unterscheidet.
Ich plädiere dafür, die Ausbildung zum Arzt gänzlich als Ausbildung, also nicht als Studium, zu gestalten. Man lässt sich ausbilden, mit dem Zweck, später in einer Praxis oder einer Klinik zu arbeiten – und das lernt man am besten in einer Praxis oder einer Klinik und braucht dafür garantiert nicht mehr als drei, höchstens vier Jahre. Man lässt
sich für eine praktische Tätigkeit, für ein höheres Handwerk mit viel Schreibkrambegleitung ausbilden, nicht zum kritisch denkenden Akademiker oder zum kreativen Naturwissenschaftler. Im Grunde kann man sich die Vorklinik und die Klinik schenken, man startet gleich im Praxisjahr.
Ähnlich einer richtigen Ausbildung – zum Beispiel zum Krankenpfleger – arbeitet man drei Tage in der Woche in einer Klinik, später auch in einer Praxis, in den unterschiedlichen Fachbereichen. An den anderen zwei Tagen lernt man das, was man dazu braucht, die theoretischen Hintergründe, dh. warum gerade dieses Antibiotikum eingesetzt wurde und ein anderes ungeeignet gewesen wäre, was es mit den Symptomen auf sich hatte usw.

Der große Unterschied dieser Arztausbildung gegenüber anderen bestünde lediglich im Anspruch, sodass lediglich Abiturienten zugelassen würden. Die Vorteile liegen auf der Hand: man ist viel schneller zum Arzt ausgebildet und kann auch schon während der Ausbildung viel mithelfen. Die Ausbildung ist effektiver, da unnützes Wissen den Wissenschaftlern (Humanbiologen, Chemikern, Biologen, Physikern, Ingenieuren) überlassen würde. Durch das praxisnahe Lernen, idealerweise zum Beispiel immer mit Vertrauensärzten oder Ausbildern (die können immer gefragt werden; sie sollten zusätzlich Wissenschaftler, Humanbiologen, sein) und in kleinen Kursen oder Gruppen, würde auch den allzu häufig anzutreffenden Theoretikerassistenzärzten vorgebeugt werden, die zwar alle möglichen Krankheitsbilder, Muskelgruppen und Medikamentensorten herunterbeten können, aber dennoch praktisch nichts zerreißen. Die erlernten Kenntnisse der zwei Tage werden gleich im Alltag angewandt oder umgekehrt die Probleme, die einem im Alltag begegnen, werden gleich in den zwei Theorietagen vertieft und erweitert. Theoretisches und Praktisches werden so im Denkstübchen besser vernetzt (man lernt mehr kausal und final, mit Gründen und Zwecken, dh. problemorientiert). Zudem hat man auch eine größere Motivation, die Theorie dazuzulernen, wenn man gleich – vielleicht in derselben Woche sogar – deren Nutzen direkt an einem Patienten sieht und weiß, dass man die Späßchen nicht nur für die nächste Klausur lernt. (Wer tatsächlich eine fundierte theoretische Kenntnis erlangen möchte – die er im Beruf einfach nicht unbedingt braucht – kann dies selbstverständlich zusätzlich tun, hingewiesen auf entsprechende Literatur.)
Fazit: man lernt im Wesentlichen, indem man den Älteren über die Schulter schaut, angereichert durch stets passende wissenschaftliche Vertiefung. Die Älteren ihrerseits sind zur wissenschaftlichen Auffrischung (wiederum durch Humanbiologen) verpflichtet.
Medizin ist nunmal keine reine Wissenschaft, sie ist eine angewandte und wird deshalb idealerweise angewandt gelernt. Medizinischer Fortschritt und medizinische Forschung wird dann im Wesentlichen von Wissenschaftlern erledigt – in Zusammenarbeit natürlich mit den erfahrenen Praktikern.
Wärend das sogenannte Studium der Medizin nichts Ganzes und nichts Halbes ist, ein Sammelsurium von unzusammenhängenden und für den Moment gänzlich unnützen Sachverhalten (und dennoch sagt jeder staunend „Medizin – oh“), wäre die Arztausbildung in sich geschlossen, rund und zusammenhängend. Sie zielte tatsächlich darauf ab, wohin sie im Allgemeinen führt.
Fraglich natürlich, weshalb man traditioneller-, aber unsinnigerweise zum Arzt so lange „studiert“ wie sonst keiner. Ich denke, dass das noch unentrümpelte Universitätstradition ist, als der Arzt genauso wie der Priester eine Art kleiner Universalgelehrter fürs Land sein sollte, ein „Herr Doktor“ eben. Ein Doktor der Medizin aber ist einer, der sich mit so bedeutenden Dingen wie Hohlmuskeln und schleimigen Hautbläschenbäumen auskennt. Wenn diese aber Herz und Lunge heißen, dann bekommen sie andere Bedeutung, denn dann geht es um Leben und Tod, dann ist ein medizinischer Magier (wie es auch der Priester ist; bemerke das ebenso weiße Gewand, ein urzeitliches Relikt!) nötig. Die magische Note des Übernatürlichen sollte der ordentlich ausgebildete Arzt von heute eigentlich beseite legen und sich anstelle obskurer Zaubertränke (Eigenurin) und Heilverfahren (Aderlass) an die Vernunft, an die Erkenntnisse der empirischen Wissenschaft halten.
Ein weiterer Fehlschluss, ein Denkfehler, der zur Überhäufung im Medizinstudium führt, rührt auch daher: wenn es um den Körper, um das Leben geht, muss es ganz besonders sein. So denkt man, das ist typisch menschlich, und daher kommt auch die Anerkennung der Mediziner. Es geht ums Leben, es muss ein Gott in Weiß her und der muss perfekt ausgebildet sein, ein halber Biologe, Physiker, Pharmazeut oder Chemiker und was sonst noch alles. Klar, besondere Sorgfalt ist dann wichtig, aber das hat nichts mit einer diffus-überladenen Theorieausbildung zu tun, bei der geschätzte 95 % nie wieder benötigt werden. Gelehrte Köpfe, die vor lauter Quatsch im Kopf keine vernünftigen Problemlösungen mehr zustande bringen, gar den gesunden Menschenverstand und eine pragmatische Sichtweise abgelegt haben, nutzen dem Körper – in den man ohnehin bisher nur begrenzt eingreift – kaum etwas. Wenn man die Bedeutung, die an die medizinischen Handgriffe angehängt sind („Wiederbeleben“ statt ein bisschen nach einem vorgefertigten Schema auf die Brust drücken, einfacher als ein Grundrhythmus auf dem Schlagzeug, „Geisteskrankenbehandlung“ statt eine Pille, deren chemische Zusammensetzung und deren Wirkmechanismus man nicht verstanden hat, einwerfen lassen; ähnlich, wie die Wandlung in einer Heiligen Messe etwas ganz anderes ist, als ein bisschen Vorlesen, Brot brechen und Wein umschenken), ablegt, wird der Arztberuf entzaubert. Psychologie ist es, die den Menschen dazu bringt, den Arztberuf und die zugehörige Ausbildung zu überhöhen, und die Bedeutung in den Handlungen (selbstverständlich macht die es auch dem Arzt schwerer, wenn er z.B. wiederbelebt, und weiß, worum es geht, und deshalb nervös ist und nicht nur das leichte Drücke-Schema
anwendet) anstelle der Handlungen an sich zu sehen.
Medizin ist lächerlich einfach, Menschen zu helfen aber ist bedeutend.