Futurologie im Licht der Biotechnologie

Grafische Darstellung von simulierten Enzymen: ein Beispiel der Möglichkeiten der moderenen Biotechnologie.

Grafische Darstellung von simulierten Enzymen: ein Beispiel der Möglichkeiten der moderenen Biotechnologie.

Der Mensch muss sich immer weiterentwickeln, will Neues entdecken und seine Umstände verbessern. Bei den Seefahrern der frühen Neuzeit, die die „neue Welt“ entdeckten, ist dies keineswegs anders bei uns, die wir in Genf nach neuen Erkenntnissen über das Higgs-Boson suchen und so noch besser verstehen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Viel bedeutender als die Grundlagenforschung der Teilchenphysik scheinen mir für die nächsten Jahrzehnte aber die Entwicklungen im Bereich der Biotechnologie zu sein, also in einem interdisziplinären Gebiet zwischen Biologie und Medizin, anderen Naturwissenschaften und der Technik, vor allem der IT. Einige bedeutende Entwicklungen dürfte man da erwarten: das Eindringen von Nano-Maschinen in den menschlichen Körper, die auf intelligente Art und Weise Krankheiten beseitigen; als Steigerung dessen das Eindringen dieser Maschinen bis in das menschliche Erbgut hinein, um beispielsweise Erbkrankheiten gleichsam bei der Wurzel zu heilen oder die körperliche Konstitution (Muskelstärke, IQ etc.) zu tunen; schließlich könnte der Mensch – so er sich denn dann noch als solchen bezeichnet – komplett Herr über das Erbgut aller Lebewesen werden (viel mehr noch als bisher im Züchten), indem er designte DNA „ausdruckt“ und zum Leben bringt, dh. neue Lebewesen programmiert. Außerdem scheint eine weitere Verschmelzung von Informationstechnik und Nervennetzen erwartbar zu sein, vor allem unserer zentralen Nervensysteme mit dem Internet, und zwar mehr noch, als es durch das mehrstündige Kleben vor dem Bildschirm ohnehin schon zur Gewohnheit geworden ist, nämlich im Sinne einer tatsächlichen physiologischen Verschmelzung (Chips und Sensoren im Kopf, vielleicht auch nur hochsensible Hüte, die mit den feinen elektromagnetischen Feldern unserer Nervenimpulse wechselwirken). Umgekehrt ist auch die Emigration in den Cyberspace eine nicht vollkommen utopische Entwicklung, wenn also der Kern eines Menschen, sein bewusstes Erleben, nicht mehr von einem biologischen Substrat, sondern einem technischen, dh. einem Rechner, getragen wird, sein Bewusstsein sozusagen emuliert wird.
Mancherlei Entwicklung dürfte uns heutige Menschen gewiss beunruhigen, insbesondere die Nicht-Wissenschaftler. Sind diese Ängste und Zweifel aber gerechtfertigt?

Sind sie nicht eher die Reaktion eines noch nicht genetisch optimierten Wesens auf ihm fremde, nicht einzuschätzende Situationen, freilich in der freien Wildbahn der Steinzeit adäquat, aber doch nicht beim Umgang mit abstrakten Dingen wie der DNA, computational Neurosciences oder Higgs-Bosonen? Steht da der Mensch nicht seiner eigenen Weiterentwicklung, seiner Vervollkommnung im Wege?
Doch darf man ja nicht vergessen, dass er, wenn er darüber entscheidet, was Vervollkommnung, was Weiterentwicklung, was Ziele sind, genauso seiner genetischen oder mentalen Unzulänglichkeit unterliegt. Dass das arme menschliche Tier beispielsweise nach dem Higgs-Boson forscht, weil es einer inneren Neugier zum Zweck der Erschließung neuer Lebensräume, Methoden oder Nahrungsquellen folgt, genauso wie es es noch als Affe getan hat, als es versucht hat, eine Kokosnuss zu öffnen. Dass es das weltweite Netz im Grunde dazu nutzt, um am Tratsch der nächsten Freunde teilzuhaben, sich gemeinsam mit ihnen in lächerlichsten Spielchen die Zeit zu vertreiben und sich Pornografie zu besorgen, ähnlich wie die Höhlenmenschen am Lagerfeuer saßen und sich unterhielten oder mit Steinchen spielten oder obszöne, an die Höhlenwand geschmierte Bilder bewunderten. Dass das arme menschliche Tier die genetischen Zusammenhänge aller Lebewesen und speziell seiner eigenen Existenz vor allem erforscht, um sich bessere Nahrung zu erschließen, sich ein längeres Leben zu bescheren und um nicht ansehen zu müssen, wie ein Artgenosse leiden muss.
Wenn der Mensch aber nicht nur die Welt verändert (wie der es der Ingenieur tut), sondern gar seinen eigenen Körper samt Gehirn verändert, dann wird er auch seine eigene psychische Konstitution, die ja Maßstab für alle Innovation ist, verändern; vielleicht entscheidet er sich, nicht klüger, sondern dümmer zu werden, einfacher, und setzt so seinem Dilemma der ewigen Kultur- und Wissensevolution, seiner Verpflichtung gegenüber dem elementaren Naturgesetz dieses Planeten, der Evolution, ein Ende. Vielleicht entscheidet er sich auch, dass ebenso wie der analytische Intellekt Weisheit, Emotionen, Empathie, Friedfertigkeit, Altruismus und die Religion wesentliche Merkmale der Krone der evolutiven Schöpfung sind, die keineswegs auszurotten sondern vielmehr auszubauen sind?
Vielleicht kommt er aber noch zu einer ganz anderen Erkenntnis: dass es unvergleichbar viel schwieriger ist, sein Verhalten zu ändern, sich zu läutern, anstelle auf technischem Wege die Welt zu verändern.

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