Intelligenz als Bürde

Steht einem auch mal im Weg: das Gehirn.

Steht einem auch mal im Weg: das Gehirn.

Mehr zu sehen als andere Menschen und das schneller, das ist die Haupteigenschaft des intelligenteren Menschen. Sein Nervensystem ist einfach ein bisschen diffiziler, feiner und dadurch schneller und genauer und das weitestgehend ohne sein Zutun. Ansonsten unterscheidet sich der intelligentere Mensch vom Durchschnitt kaum: er will genauso eine Familie, einen guten Job, nimmt soweit es geht Rücksicht auf die anderen Menschen, möchte auch mal ganz locker feiern oder sich ungezwungen unterhalten.
Nur funktioniert das nicht so einfach, es ist, wie wenn er als Mensch gezwungen wäre in einer Kolonie von Affen zu leben, die leider genauso aussehen wie er selbst. Er muss sich ständig durch eine zähe Flüssigkeit kämpfen mit all seiner Kraft, wo er doch einfach fliegen möchte, so wie er es kann, wenn er alleine ist. Er will sich ganz locker mit den anderen Menschen unterhalten, einfach aus dem Bauch heraus, und stößt nur auf Unverständnis, wird gar, selbst wenn es keineswegs das ist, was er beabsichtigt hatte, als arrogant, überheblich und besserwisserisch wahrgenommen. In den ersten paar Minuten wird so – zumindest ihm – klar, dass die Kommunikation zwecklos ist, dass er den, den er für einen Mitmenschen halten soll, schon längst durchblickt hat und schon weiß, wie er seine Sätze fortsetzen wird; umgekehrt fühlt sich der Trägere als Durchblickter unwohl. Falls der Intelligentere aufgrund permanenter Missverständnisse die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, probiert er es immer wieder aufs Neue, Menschen um Rat zu fragen, und macht dennoch meistens die Erfahrung, doch keine Antwort bekommen zu haben, jedenfalls keine hinreichende, eine, mit der er zufrieden wäre, und wird so frustriert das Gespräch wieder beenden und auf eigene Faust die Frage zu beantworten suchen. Auch im Alltag hat der Intelligentere zu leiden, wenn er auf dem Bürgersteig einfach nur den Entgegenkommenden aus dem Weg geht, wie es auch die Entgegenkommenden tun, nur meist langsamer, träger. Der Intelligentere empfindet das als unfreundlich, geradezu als Ungerechtigkeit, denn während er schon längst den Weg geräumt hat, wie es sich gehört, hat der andere ihn vielleicht noch nicht einmal bemerkt.
Und wen soll es da wundern, wenn sich der Intelligentere immer mehr von der Durchschnittsgesellschaft fern hält, die ihm als abgestumpft vorkommt, ihn langweilt und viel mehr noch frustriert, ein feines Spinnennetz gleichsam mit der Heckenschere zurechtschneiden möchte? Kann man es ihm vorwerfen, wen er nicht einmal Lust hat, sich für diese Menschen einzusetzen, die ihn ständig nur doch ihre Grobheit quälen zu scheinen, das heißt ihn ungewollt aggressiv angehen, die ihm so in ihrer Gegenwart Kopfschmerzen und Wut bereiten, da er sie ständig nur zu mehr Vernunft, Aufmerksamkeit, Rücksicht und Anstand ermahnen möchte, es aber aus eigenem Anstand und aus Resignation, aus erwarteter Zwecklosigkeit, nicht tut? Wer versteht dann nicht den heilsamen Rückzug in den Elfenbeinturm der Wissenschaft, in die Religion oder die Kunst, weniger aus Überzeugung, mehr aus Selbstschutz? Soll er es dennoch immer wieder versuchen, mit den sogenannten Mitmenschen Kontakt aufzunehmen, und mit dem Hochleistungsrechner auf Rechenschieber herunterschalten? Soll er sich verstellen und den Menschen anpassen – Gänge nach unten schalten geht ja, während man, sofern man nur fünf Gänge hat, zweifellos nicht in den sechsten hochschalten kann – und dabei seine eigene Identität leugnen? Oder soll er doch immer wieder versuchen, sich als der, der er eben ist, zu zeigen, in seiner sogenannten Begabung, und dann statt Anerkennung Unverständnis, wenn nicht gar Ablehnung zu ernten? Ist er verpflichtet, aggressiv und mit Gewalt seine Gedanken, von deren höherer Wertigkeit er nach bestem und mutmaßlich doch gesundem Menschenverstand er überzeugt ist, durchzusetzen, all die damit verbundenen Strapazen auf sich zu nehmen, nur damit das Bessere gegenüber dem Schlechteren gewinnt? Oder soll er sich in demokratischer Resignation dem träge-langweiligen Mittelmaß unterwerfen, ihm freies Spiel lassen, und in einer Art Parallelgesellschaft, wenn nicht gar einer anderen Gattung, ein ihm angemesseneres, da weniger leidvolles Leben führen?
Fraglich nur, wer dem guten Schlaukopf die Antwort liefern kann, denn der muss ja einer der wenigen noch Schlaueren sein.

Futurologie im Licht der Biotechnologie

Grafische Darstellung von simulierten Enzymen: ein Beispiel der Möglichkeiten der moderenen Biotechnologie.

Grafische Darstellung von simulierten Enzymen: ein Beispiel der Möglichkeiten der moderenen Biotechnologie.

Der Mensch muss sich immer weiterentwickeln, will Neues entdecken und seine Umstände verbessern. Bei den Seefahrern der frühen Neuzeit, die die „neue Welt“ entdeckten, ist dies keineswegs anders bei uns, die wir in Genf nach neuen Erkenntnissen über das Higgs-Boson suchen und so noch besser verstehen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Viel bedeutender als die Grundlagenforschung der Teilchenphysik scheinen mir für die nächsten Jahrzehnte aber die Entwicklungen im Bereich der Biotechnologie zu sein, also in einem interdisziplinären Gebiet zwischen Biologie und Medizin, anderen Naturwissenschaften und der Technik, vor allem der IT. Einige bedeutende Entwicklungen dürfte man da erwarten: das Eindringen von Nano-Maschinen in den menschlichen Körper, die auf intelligente Art und Weise Krankheiten beseitigen; als Steigerung dessen das Eindringen dieser Maschinen bis in das menschliche Erbgut hinein, um beispielsweise Erbkrankheiten gleichsam bei der Wurzel zu heilen oder die körperliche Konstitution (Muskelstärke, IQ etc.) zu tunen; schließlich könnte der Mensch – so er sich denn dann noch als solchen bezeichnet – komplett Herr über das Erbgut aller Lebewesen werden (viel mehr noch als bisher im Züchten), indem er designte DNA „ausdruckt“ und zum Leben bringt, dh. neue Lebewesen programmiert. Außerdem scheint eine weitere Verschmelzung von Informationstechnik und Nervennetzen erwartbar zu sein, vor allem unserer zentralen Nervensysteme mit dem Internet, und zwar mehr noch, als es durch das mehrstündige Kleben vor dem Bildschirm ohnehin schon zur Gewohnheit geworden ist, nämlich im Sinne einer tatsächlichen physiologischen Verschmelzung (Chips und Sensoren im Kopf, vielleicht auch nur hochsensible Hüte, die mit den feinen elektromagnetischen Feldern unserer Nervenimpulse wechselwirken). Umgekehrt ist auch die Emigration in den Cyberspace eine nicht vollkommen utopische Entwicklung, wenn also der Kern eines Menschen, sein bewusstes Erleben, nicht mehr von einem biologischen Substrat, sondern einem technischen, dh. einem Rechner, getragen wird, sein Bewusstsein sozusagen emuliert wird.
Mancherlei Entwicklung dürfte uns heutige Menschen gewiss beunruhigen, insbesondere die Nicht-Wissenschaftler. Sind diese Ängste und Zweifel aber gerechtfertigt?

Sind sie nicht eher die Reaktion eines noch nicht genetisch optimierten Wesens auf ihm fremde, nicht einzuschätzende Situationen, freilich in der freien Wildbahn der Steinzeit adäquat, aber doch nicht beim Umgang mit abstrakten Dingen wie der DNA, computational Neurosciences oder Higgs-Bosonen? Steht da der Mensch nicht seiner eigenen Weiterentwicklung, seiner Vervollkommnung im Wege?
Doch darf man ja nicht vergessen, dass er, wenn er darüber entscheidet, was Vervollkommnung, was Weiterentwicklung, was Ziele sind, genauso seiner genetischen oder mentalen Unzulänglichkeit unterliegt. Dass das arme menschliche Tier beispielsweise nach dem Higgs-Boson forscht, weil es einer inneren Neugier zum Zweck der Erschließung neuer Lebensräume, Methoden oder Nahrungsquellen folgt, genauso wie es es noch als Affe getan hat, als es versucht hat, eine Kokosnuss zu öffnen. Dass es das weltweite Netz im Grunde dazu nutzt, um am Tratsch der nächsten Freunde teilzuhaben, sich gemeinsam mit ihnen in lächerlichsten Spielchen die Zeit zu vertreiben und sich Pornografie zu besorgen, ähnlich wie die Höhlenmenschen am Lagerfeuer saßen und sich unterhielten oder mit Steinchen spielten oder obszöne, an die Höhlenwand geschmierte Bilder bewunderten. Dass das arme menschliche Tier die genetischen Zusammenhänge aller Lebewesen und speziell seiner eigenen Existenz vor allem erforscht, um sich bessere Nahrung zu erschließen, sich ein längeres Leben zu bescheren und um nicht ansehen zu müssen, wie ein Artgenosse leiden muss.
Wenn der Mensch aber nicht nur die Welt verändert (wie der es der Ingenieur tut), sondern gar seinen eigenen Körper samt Gehirn verändert, dann wird er auch seine eigene psychische Konstitution, die ja Maßstab für alle Innovation ist, verändern; vielleicht entscheidet er sich, nicht klüger, sondern dümmer zu werden, einfacher, und setzt so seinem Dilemma der ewigen Kultur- und Wissensevolution, seiner Verpflichtung gegenüber dem elementaren Naturgesetz dieses Planeten, der Evolution, ein Ende. Vielleicht entscheidet er sich auch, dass ebenso wie der analytische Intellekt Weisheit, Emotionen, Empathie, Friedfertigkeit, Altruismus und die Religion wesentliche Merkmale der Krone der evolutiven Schöpfung sind, die keineswegs auszurotten sondern vielmehr auszubauen sind?
Vielleicht kommt er aber noch zu einer ganz anderen Erkenntnis: dass es unvergleichbar viel schwieriger ist, sein Verhalten zu ändern, sich zu läutern, anstelle auf technischem Wege die Welt zu verändern.

Der Archetyp des „kränklichen Genies“

Beim kurzen Blick in ein Buch über den Physiker Oppenheimer fiel mir auf, dass er zu einer Art Archetyp des „kränklichen Genies“ gehört. Oppenheimer war ein begabter Junge, der fernab Gleichaltriger wohlbehütet aufwuchs, lieber in Literatur und Wissenschaft versunken. In Konfrontationen mit Jungs in seinem Alter zog er den Kürzeren, weshalb man getrost annehmen darf, dass seine männliche Identität angekratzt war. Auch in späteren Jahren – längst war er genialer Physiker – war ihm eine auffallend schwächliche Statur zu eigen. Vielleicht war diese physische Unterlegenheit gegenüber Männern, selbst wenn sie nur unbewusst in ihm schlummerte, eine Art Triebfeder für den Ehrgeiz in der Wissenschaft. Heute gilt Herr Oppenheimer als Prometheus der Atombombe, die er gewissermaßen ebenso wie der Held der antiken Mythologie das Feuer der Natur für die Menschheit abringen konnte. Der Junge hatte also doch was drauf. In seiner kränklichen, weltfremd-akademischen Art übersah der Gute dabei aber die Konsequenzen; die Kombination von Schwäche im Alltagsleben und Ehrgeiz im Geist kann als Nährboden himmelschreiender Verantwortungslosigkeit angesehen werden.
Zur selben Zeit findet man diesen Archetypus des „kränklichen Genies“ auch auf dem Heiligen Stuhl. Man mag über die Intensität des Protestes von Papst Pius XII. während der Zeit des Nationalsozialismus denken, was man will, unberührt davon bleibt, dass er ein hochintelligenter Mann, abstammend aus einer Kirchenjuristenfamilie, war. Früh schon ging der Weg für den begabten Jungen, begeistert vom Reitsport und der klassischen Musik, in die Hierarchie Roms, die er steil emporklettern sollte, um fast 20 Jahre lang an deren Spitze zu sein. Während seiner Ausbildung war er allerdings von gesundheitlichen Problemen gequält, auch der Zölibat mag etwas zur Schwächung seiner Männlichkeit beigetragen haben. Sicherlich mag man dem promovierten Theologen eine gewisse Weltfremdheit, einhergehend mit einer unrealistischen Einschätzung des Verhalten der Menschen außerhalb des kirchlichen Zirkels unterstellen, eine kompensatorisch-ehrgeizige Unmenschlichkeit kann man ihm aber nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil nämlich setzte sich Pius XII. hochengagiert für die Humanität ein. Man kann vielleicht sagen, dass er seine Kraft dadurch in bessere Kanäle gelenkt hat.
Ein drittes Bespiel für das „kränkliche Genie“ ist der Mathematiker Gödel, berühmt für seine Unvollständigkeitssätze in der mathematischen Logik. Schon in der frühen Jugend litt er oft unter einem sehr schlechten Gesundheitszustand und erzielte dennoch gleichzeitig Bestnoten in der Schule. Kein Wunder, dass sich, als er bereits ein angesehener Mathematiker, eingebarbeitet in ein absurdes und gleichzeitig streng-logisches Denkgebilde, war, entsprechend seines sich schärfenden Verstandes auch seine anfangs begründeten Gesundheitssorgen steigerten. Seine Hypochondrie steigerte sich schließlich soweit, dass er, aus Angst, durch irgendeine übersehene Lücke, eine Unvollständigkeit vergiftetes Essen zu sich zu nehmen, verhungerte.