Gedanken zum Leitartikel in „Süddeutsche Zeitung Magazin“ vom 25. Januar 2013

Ein kleines, fiktives Beispiel:
Stellen wir uns eine Lagerhalle eines mittelständischen Unternehmens vor, in der  verschiedenste Bauteile, größer und kleiner, auf eine strukturierte Art und Weise  eingelagert sind. An welchem Lagerplatz genau ein bestimmtes Bauteil landet wird nicht  mehr wie früher von einem Logistiker festgelegt, das erledigt jetzt ein elektronisches  Logistiksystem. Dieses roboterartige System liest mittels Sensoren den Barcode von den  Bauteilen ab, errechnet mittels entsprechender Software den richtigen Lagerplatz und  befördert die Bauteile mittels einer Krananlage dann auch tatsächlich an den bestimmten Lagerplatz. Das System ist an sich ausgereift und funktioniert ziemlich stabil, dennoch  kommt es gelegentlich zu Störungen. Manchmal sind es Teile der Krananlage, die ausgetauscht oder nur gewartet werden müssen, oft müssen auch nur Wälzlager neu gefettet werden. Einmal musste auch die Festplatte des zugehörigen Rechners ausgetauscht werden. Gelegentlich aber funktioniert das Logistiksystem nicht, obwohl durch den Reparatur- und Wartungsservice an keinem einzigen Bauelement ein Fehler
festzustellen ist. Verwunderlich? Keineswegs! Auch die Software des Systems hat kleinere Macken, die dann – wenn beispielsweise ungünstige Zahlenkombinationen der Lagerplätze und Artikelnummern auftreten – zu einem Totalausfall des kompletten Logistiksystems führen. Dass der Krananlage an sich nichts fehlt, nutzt nichts, wenn sie nicht oder falsch angesteuert wird. Doch auch hier lässt sich das System freilich wieder reparieren, es muss eben nur ein sachverständiger Informatiker die Software updaten (die im Fachjargon eben die problematischen Bugs nicht mehr enthält). Danach läuft das System wieder einwandfrei.
Jetzt ein anderes Beispiel, entnommen aus dem SZ-Magazin 4 / 2013.
Mit einem zum Tode verurteilten Häftling wird, bevor ihm die Giftspritze verabreicht werden soll, noch ein fragwürdiges medizinisches Experiment durchgeführt. Bei verbundenen Augen und gefesselt werden dem Gefangenen von einem Arzt kleine, ungefährliche Schnitte in Handflächen und Fußsohlen geritzt. Zur besseren Illusion des Verbluten lässt man dann gleich in der Nähe des Gefangenen Wasser aus Beuteln herunter tropfen, sodass der akustische Eindruck perfekt ist. Der Gefangene glaubt natürlich, dass er tatsächlich im Begriff ist zu verbluten – und verstirbt. Todesursache: eingebildetes Sterben.
Faszinierend, ein medizinisches Phänomen, ähnlich aufregend für die Fachwelt wie ein Mann, der wenige Wochen nach der Überbringung der Nachricht, er werde bald an Krebs sterben, tatsächlich verstarb, obwohl der Tumor ihn im Grunde organisch noch nicht beeinträchtigt hätte. Wirklich sehr verwunderlich, dass es so einen Nocebo-Effekt, dem Gegenteil des wohlbekannten Placebo-Effektes, überhaupt geben kann. Dass in weniger drastischen Fällen Patienten unter Medikamentennebenwirkungen wie Übelkeit oder Durchfall leiden, auch wenn es dazu im strengen pharmakologischen Sinne keine Ursache gibt. Wie verwunderlich, dass das zentrale Steuerungssystem im menschlichen Körper auch ein Wörtchen mitzureden hat und dass bei Störungen dessen – nennen wir
sie Depression aufgrund der Erwartung negativer Wirkungen oder aufgrund von Aussichtslosigkeit im Falle des zum Tode Verurteilten – der komplette Mensch als ganzes krank wird oder sogar stirbt. Wer hätte gar gedacht, dass sich in solchen Fällen sogar neuronale Veränderungen im Gehirn nachweisen lassen!
Bei solchen mysteriösen Phänomenen müssen freilich Mediziner am Prinzip von Ursache und Wirkung, ihrer naturwissenschaftlichen Confessio, zweifeln. Hier ist Magie im Spiel, der siebte Sinn ist gefragt oder die geheimen Kräfte der Seele greifen um sich. Haha.
Grundlage der Verwunderung über obige Fälle und vielleicht auch des Belächelns der psychosomatischen Ebene in der Schulmedizin ist meiner Meinung nach vor allem ein „falsches“ Weltbild. Eine falsche implizite und nicht hinterfragbare Annahme über das Grundwesen der Dinge und des Seins also, ebenso ein Weltbild wie die Ansicht des immer gültigen „Denkprinzips von Ursache und Wirkung“.
Dieses falsche Weltbild, dem mir die Medizin, wenn nicht gar die ganze westliche Gesellschaft oftmals auf den Leim zu gehen scheint, ist die Trennung von Körper und Seele: der Körper sitzt hier am Computer, die Seele, das Schöne, Gute, Wahre im Menschen, schwebt irgendwo 30 cm über dem Kopf. Über das Gehirn, das ein Teil des
Körpers ist, kann die Seele wechselwirken und dann sogar so verblüffende Effekte wie die Veränderungen von Neuronenaktivitäten in bestimmten Arealen des Gehirns hinterlassen.

Die Aufgabe des Arztes ist es dann also, sich mit den Unzulänglichkeiten des Körpers, dieser hochentwickelten Ansammlung von organischer und anorganischer Chemie,  auseinanderzusetzen. Seelische Probleme werden dabei ausgeblendet, die Seele sieht  man hier ja nicht, und werden im Zweifelsfall dem Pfarrer oder Psychotherapeuten  überlassen.
Was ist die logische Grundlage für die Trennung in Körper und Seele bzw. Geist? Die Annahme, dass es überhaupt erst einmal beides gibt, dass es den Körper und dass es die Seele gibt. Beim Körper tut man sich leicht, den sieht man ja, aber wie weist man die  Seele nach? Natürlich, jeder hat in etwa einen Begriff davon, was mit der Seele gemeint  ist, dass sie das bewusste Erleben des Menschen ist, seine geistige Aktivität, sein Kern, sein Charakter oder so ähnlich. Aber man begeht einen riesigen Denkfehler, wenn man  dieser Seele eine tatsächliche Existenz zuschreibt, dass sie also so etwas wie ein  physikalisches elektrisches Feld oder eine Nebelschwade über dem Gehirn ist. Eine  hilfreiche, romantische Vorstellung ist das, ein nützlicher Begriff für die  zwischenmenschliche Alltagskommunikation, aber doch nichts, was tatsächlich da ist oder  nachgewiesen werden kann (ja nicht einmal müsste).
Mein Alternativvorschlag lautet: Schluss mit der Trennung in die Dimensionen Körper und Seele, Schluss mit dem Dualismus. Der Mensch ist eines. Organe, Gliedmaßen, Haare machen den Menschen genauso aus wie sein zentrales Nervensystem. Nichts davon nutzt der Mensch, er ist es. Er ist sein Gehirn, das liebt, das Bücher schreibt, das berechnet, das Musik macht, ebenso wie er seine Füße ist, die an andere Orte gehen, sein Magen ist, der verdaut, oder seine Hände ist, die die Welt formen. Ebenso wenig wie man eine höhere transzendente Ebene annehmen muss für die  Software des Logistiksystems und es die Summe seiner Teile als Ganzes ist, ist auch der  Mensch samt intellektuellen Fähigkeiten eines. Nimmt man dieses monistische Weltbild  als Grundlage, dann erstaunt die Wirkung des Nocebo als Ursache auf die  elektrochemische Dynamik des Gehirns, die das Erleben des Patienten ist, in keinster  Weise und verliert sofort ihren Anschein von mysteriöser Unerklärbarkeit.
 

 

 

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Ein Kommentar zu “Gedanken zum Leitartikel in „Süddeutsche Zeitung Magazin“ vom 25. Januar 2013

  1. Zum Glück gibt es heute eine ganze Menge Menschen, auch in der Medizin, die der Trennung von Körper-Geist-Seele schon lange abgeschworen haben. Wer einen guten Kontakt zu sich selbst hat, zu seinem inneren Erleben und zu seinem Körper, weiß eh längst, dass diese Trennung gar nicht stimmen KANN. Die Trennungsgeschichte erscheint mir eher wie ein kleiner historischer Ausflug in eine Sackgasse. Wird sich auch wieder erledigen, wie so viele Irrtümer.

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