Die digitale Medizin

Frage eines Medizinstudenten: Wozu soll ich heute noch die Krankheiten, Medikamente und Symptome auswendig lernen?

Sicherlich, wenn man die technischen Möglichkeiten des vergangenen Jahrhunderts betrachtet, war dies wohl das Beste: der Mediziner hat sich die aktuelle Theorie des Heilens angeeignet und wandte sie dann nach bestem Ermessen an.

Was nun aber, wenn ein Computer, ja mehr noch das Internet als Menge aller vernetzter Computer, ständig verfügbar eine viel detailliertere und umfangreichere Theorie des Heilens bietet, als sie selbst der beste Arzt in seinem Hirn haben könnte? Macht es denn da überhaupt noch Sinn, mehr als erste Hilfe (als „offline-Medizin“ für alle Fälle) mental verfügbar zu haben, sofern man natürlich von der Möglichkeit des Zusammenbruchs des Internets absieht?

Oder noch mehr auf den Punkt gebracht: warum die Gesundheit noch einem kleinen, biologischen zentralen Nervensystem eines armen Menschleins überlassen, wenn es doch auch die unvergleichbar viel höhere Intelligenz und das unvergleichbar viel umfangreichere Faktenwissen des Rechnernetzes digital erledigen kann?

Ich stelle mir da eine Medizin vor, die nach dem Suchmaschinenprinzip funktioniert: die Grundparameter des Patienten (Alter, Herkunft, Geschlecht, Beruf, eingenommene Medikamente usw.) sowie die festgestellten Befunde (Rötungen, Labortwerte, Schwellungen, Verhaltensbeobachtungen, Angabe über Schmerzen etc.) werden der „Superintelligenz“ als Input übergeben, sie „denkt“ darüber nach (was sie ja viel besser – sie kennt alle, selbst die neuesten Statistiken, Krankheitsbilder, Komplikationen, Medikamente – , viel schneller und ohne logische Fehler kann) und gibt dann als Output  mögliche Treffer, das heißt Diagnosen und Therapiemöglichkeiten aus. Sprich: nicht nur der Laie, auch der kompetente Arzt wird die Krankheit „googeln“.

Was der Arzt dem Laien dann natürlich noch voraus hat, ist seine Erfahrung, mit der er die Vorschläge der Gesundheitssuchmaschine in Einklang bringen kann und wird.

Aber – und das mag jetzt vielleicht etwas unheimlich klingen – nicht einmal diese letzte Entscheidungsinstanz der Erfahrung des Arztes ist rational betrachtet notwendig, denn die suchmaschinenartige Denkweise der Superintelligenz hat natürlich auch viel mehr Erfahrung als der Arzt. – Wirklich?

Man denke sich den Fall, in dem ein sechzigjähriger Patient, der auf dem Bau gearbeitet und am Feierabend zwei, manchmal drei, oft auch einmal vier Bier getrunken hat und jetzt erhöhte Leberwerte, gelbe Gesichtsfarbe und eine nicht bestreitbare Intelligenzminderung aufweist. Der erfahrene Arzt weiß nun, sagen wir, dass so ein Befund z. B. in 99 % der Fälle unter die Diagnose Leberzirrhose fällt und handelt dann dementsprechend. Die Wahrscheinlichkeitseinschätzung „99 %“ beruht dabei auf seiner Erfahrung und für das verbleibende eine Prozent hat er vielleicht auch noch etwas im Hinterkopf. Der Suchmaschinenalgorithmus dagegen spuckt – gegeben die anfänglichen Informationen – aufgrund ebenso probabilistischer  Überlegungen als Tipp Nummer eins auch die Leberzirrhose aus, da sie unter Einbeziehung allen aktuellen medizinischen Wissens hier zu z. B. 98,9372 %, σ = ± 0, 0052 % zutrifft; zu z. B. 0,7188 % könnte es Nummer zwei sein; nicht zu vergessen Nummer drei und vier und so weiter. Wenn nun also der Arzt sofort nur den ersten Tipp der Suchmaschine berücksichtigt, so tut er dann doch nur genau das, was er ohnehin selbst getan hätte, nur eben auf viel niedrigerem Niveau. Oder umgekehrt: die Suchmaschine sucht sich ganz genauso wie ein denkendes menschliches Gehirnlein erst einmal das wahrscheinlichste heraus, nur kann sie das viel feiner, komplexer und differenzierter. Der Arzt könnte also – nicht anders als ein Pilot – das Denken getrost der Maschine überlassen; rational betrachtet kann es kaum einen Einwand geben, dass das die sichere und bessere Lösung wäre.

Selbst sogar in strittigen Fällen (sagen wir, zu 39,9557 % liegt eine Leberzirrhose vor, zu 56,0202 % allerdings eine Fettleber) kann der Arzt das Denken der Superintelligenz überlassen und deren weiteren Handlungsanweisungen zur Klärung folgen (d.h. zur Durchführung weiterer Untersuchungen oder Laboranalysen oder zur gründlicheren Anamnese, um 39,9557 % in 5,4839 % und 56,0202 % in 94,0065 % zu verwandeln).

Problematisch sind dabei aber natürlich folgende Punkte:

1. a) Die Superintelligenz funktioniert nicht und wir haben es verlernt, selbst – dh. analog – zu arbeiten. Für diesen Fall sind vom Netz abgeschottete Notrechner mit einer Backup-Miniversion des medizinischen Wissens, gespeist mit Strom aus dem Notstromnetz der Klinik, nötig, sofern man nicht doch dann auf das überaus dürftige Wissen des Menschleins zurückgreifen will.

1. b) Dier Superintelligenz ist selbst krank. Falls man es merkt, löst man es eben wie oben: zeitweise Notrechner, bis die Informatiker die Superintelligenz wieder in Betrieb gesetzt haben. Schwierig dürfte es aber eher sein, überhaupt festzustellen, ob der Output der medizinischen Superintelligenz z. B. durch einen (Computer-) Virus verfälscht ist, da man dazu zumindest in einem gewissen Teilbereich klüger als die Superintelligenz sein muss. (Sonst kann man den Fehler ja nicht einmal aufdecken.) In jedem Fall sind ungeheure Sicherheitsmaßnahmen notwendig, um Hackerangriffen vorzubeugen, die aber natürlich auch getroffen werden, da es ja um unsere Gesundheit, eines der höchsten Güter überhaupt, geht.

2. a) Der Input im Speziellen ist ungenau, unvollständig oder falsch. Die Maschine rechnet dann zwar richtig, ausgehend aber von schlechten Informationen über den Patienten. Ein untersuchender Arzt muss also möglichst Alles berücksichtigen und ein möglichst umfangreiches Profil in die Suchmaske der Superintelligenz eingeben. Menschliche Fehler – wie z. B. das Übersehen einer Schwellung an der Oberschenkelinnenseite – sind natürlich immer noch möglich, vorher wie nachher; die Superintelligenz kann ja nur die Denkfehler und Wissensmängel reduzieren.

2. b) Der Input im Allgemeinen ist ungenau, unvollständig oder falsch, d. h. es geraten zum Beispiel falsche wissenschaftliche Erkenntnisse oder Statistiken in den Datenbank-Pool des Gesundheits-Supernetzes. Aufgrund falscher Informationen kann dann – auch wenn kein logischer Fehler vorliegt – ein falsches Ergebnis entstehen. Gefordert ist also vom Wissenschaftler höchste Verantwortung bei der Eingliederung neuer Erkenntnisse. Das freilich ist nichts Neues und gilt genauso schon ohne Computerintelligenz: wenn der gemeine Geheimrat früher aufgrund falscher wissenschaftlicher Erkenntnisse z. B. zu einem Aderlass geraten hätte. Richtig gedacht, aber leider innerhalb einer Theorie, die an sich falsch ist.

Es ist aber eher sogar anzunehmen, dass die Eingliederung falschen Wissens in die Superintelligenz schwieriger wird als die Publikation falscher wissenschaftlicher Ergebnisse, da die Superintelligenz das Neue ja sofort in Bezug zu allem Alten setzen kann und auf mögliche Widersprüche oder Ungereimtheiten, selbst die abwegigsten, sofort hinweisen wird, wohingegen der kleine Wissenschaftler nur sein dürftiges Menschenwissen zur Verfügung hat und seine mangelbehaftete Erfahrung.

3. Der Output, das heißt die Handlungsvorschläge der Intelligenz sind soweit richtig, aber es fehlen die äußeren Gegebenheiten (z. B. Medikamente, ein geeigneter Operateur) zur Umsetzung. Auch das ist natürlich nichts Neues; begrenzte Kapazitäten gab es ja schon immer. Die Superintelligenz muss eben vorher über die Gegebenheiten und die realistisch betrachtet umsetzbaren Therapieformen informiert sein. Insofern ist dies ein Problem für Punkt 2.

Am Bedeutendsten scheint mir persönlich eine Reduktion der Gewichtigkeit der Punkte 1 b und 2 b zu sein.

­­­­Einen weiterer Vorteil dagegen, den ich ausgehend von Punkt 2 b noch einmal explizit betonen möchte, sehe ich in der ungeheuren Dynamik des Wissens der Superintelligenz: aus Erkenntnis A und Erkenntnis B kann sie die Frage aufwerfen, ob nicht auch Erkenntnis C richtig ist und Anlass für die Anstellung einer Untersuchung dahingehend geben. Außerdem können ständig – wie bei einer herkömmlichen Suchmaschine – die Wahrscheinlichkeiten zu Vorfinden einer gewissen Krankheit mit aktuellen Statistiken modifiziert werden, wenn also z. B. in einer bestimmten Region (Lokalität!) aus 95 % 96 % werden, weil dort die gerade die Grippewelle durch die Lande zieht.

Was bleibt jetzt aber noch für den Arzt übrig, was macht er überhaupt noch den ganzen Tag lang? Einfach gesagt: das Menschliche. Jeder Mensch wird lieber von einem Menschen untersucht, jeder Mensch bekommt die Spritze oder die Tabletten lieber von einem Menschen (das wirkt dann auch besser, man darf die Bedeutung menschlicher Zuneigung für den Heilungserfolg ja nicht vernachlässigen), jeder Mensch braucht den liebevollen Zuspruch eines anderen Menschen.

Überspitzt gesagt untersucht der Arzt den Pateinten, geht ins Nebenzimmer an die magische Wahrsagekugel der Gesundheits-Superintelligenz und holt sich bei diesem Orakel den vernünftigsten Rat, um dann wieder zurück zum Patienten zu kommen und mit ihm das weitere Vorgehen persönlich zu besprechen. Wir überlassen also den Maschinen das, was wir ihnen überlassen können und was sie ohnehin viel besser können, um mehr Zeit für das Menschliche – oder die Erfindung und Perfektionierung von Maschinen –  zu haben. Wir lösen nicht die Detailfragen jedes Mal neu an jedem Patienten, sondern lösen sie prinzipiell in der Software der Superintelligenz.

Was aber der zukünftige Arzt also vor allem können muss, das ist einerseits die detaillierte Untersuchung (um möglichst viel durch das Nadelöhr in die Superintelligenz zu bringen) und andererseits die seelsorgerlich-aufmunternde Beratung des Patienten – da macht sich ein Supercomputer einfach nicht so gut.

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Suchtanfänger

Gleißend heller Morgen,
strahlend nach der Nacht.
Optimismus, sorgenfreier,
„Mach was, los geht’s!“ – kurz nach acht.

Ideenreiche Freudenstimmung:
„Alles möglich, alles offen!“

Moment mal,
waren da nicht noch Probleme?
– Süßer Traum zerbricht. –
Stimmt ja, gestern hab ich ja gesoffen.

Grabsteine

Klüger als der Gevatter Tod war ja bekanntlich noch kein Mensch. Was bleibt einem da noch um seine Freiheit als denkbegabtes Wesen zu wahren, was ist da noch die einzige Möglichkeit, diese Unumgänglichkeit mental zu bewältigen? Richtig, der Humor. Geprägt von meinen Klinik-Eindrücken hier ein paar absurde Grabinschriften. Weitere Vorschläge werden gerne entgegengenommen.