Die Alten

17. 9. 2012

Während meiner bisher kurzen Zeit im Krankenhaus als Praktikant habe ich doch schon einen besseren Eindruck von der sogenannten „umgekehrten Alterspyramide“ gewonnen. Ein ungeheurer Haufen alter Leute tummelt sich da, böse formuliert, um dem Herrgott oder dem Schicksal oder was weiß ich noch ein paar Jährchen, vielleicht auch nur ein paar Monate abzuluchsen. Vielleicht ist es aber auch oft anders, dass es die Verwandten, die Kinder, Geschwister, Enkel, Gatten sind, die lieber noch ihre Trauer eine gewisse Zeit mittels technisch-medizinischer Lösungen nach hinten verschieben möchten.
Jedenfalls zeigt sich frappierend, wie sehr mit zunehmenden Alter die Schere auseinander geht: es gibt 75-Jährige, die schon total weg sind, die sich blöd gesoffen haben oder dement sind, und es gibt rüstige über 90-Jährige, die kaum Unterstützung brauchen.
Jeder sehnt sich nach einem langen Leben und sehnt sich vor allem nach einem langen Leben in Gesundheit. Natürlicherweise stellt sich da die Frage: was macht es aus, dass es mit den einen so bald schon bergab geht und die anderen dagegen viel länger halbwegs frisch bleiben? Zuerst kann man die entscheidende Rolle genetischer Disposition nicht verneinen: es scheint einfach verschiedene „Alterstypen“ zu geben, die zusagen in der Familie liegen. Als zweites kommen die Lebensumstände dazu: gab es ausreichend Nahrung, wie viel Alkohol und Tabak wurde konsumiert, war man beruflich bedingt einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt und so weiter.
Ein dritter Aspekt scheint mir aber mehr mit der Mentalität der Leute zusammenzuhängen: lassen sie sich hängen oder bleiben sie am Ball? Es kommt immer wieder vor, dass Menschen gleich beim Eintritt in die Rente abschlaffen, an Aktivität einbüßen, den Lebensmut verlieren und dann auch schneller krank werden oder sterben. Kein Wunder, was sollen sie auch leben, wenn sie nicht gebraucht werden. Vielen alten Leuten – man braucht nur auf der Straße statt unbewusst weg- bewusst hinzusehen – ist die Altersdepression ins Gesicht geschrieben. Und das oft, obwohl sie körperlich noch soweit fit wären. Andere arbeiten weiter, zum Beispiel weil sie einen Familienbetrieb haben, sich in der Rente in einem ehrenamtlichen Verein engagieren oder für Enkelkinder zu sorgen haben. Sie werden gebraucht und das hält sie auf Trab.
Die Deutschen werden immer älter und es gibt immer mehr Ältere. Ist es dann überhaupt vertretbar, ein fixes Rentenalter festzulegen? Nimmt man denn so nicht gerade den gesunden Älteren krass formuliert den Sinn ihres Daseins, schneidet man da nicht ihre Aorta an, reist man da nicht die Wurzeln eines gut gewachsenen Baumes aus? Mit 67 in Rente und dann kommen noch zwanzig Jahre Arbeitslosigkeit? Warum nicht ab z. B. 62 regelmäßige medizinische Gutachten, sodass – wenn möglich und gewünscht – z. B. bis 75 weitergearbeitet wird?
Vielleicht ist es aber auch weniger eine Sache, die man politisch anzugehen hat. Vielmehr muss man den Menschen vor Beginn der Rente geradezu einbläuen, dass sie sich jetzt um andere Aufgaben kümmern müssen. Dass es jetzt ihre gesellschaftliche Pflicht ist, für die Enkelkinder zu sorgen oder vielleicht für die Generation vor ihnen. Dass ihre Kräfte noch in unzähligen ehrenamtlichen Vereinen oder in der Kirche oder der Lokalpolitik benötigt werden. Dass sie es auch selbst in der Hand haben, ob sie sich gleich aus der Gesellschaft zurückziehen und schön langsam alleine ihrem Ende entgegen vegetieren oder ob sie noch einmal zeigen, was sie auch jetzt noch geben können.
Die Menschheit ist von Natur aus so gemacht, dass sie Menschen jeden Alters braucht. Die Jüngeren dürfen nicht darauf verzichten, die Ratschläge der Älteren zu hören, die doch so viel mehr schon durchgemacht haben als sie selbst, auch wenn die Alten manchmal schrullig werden oder die Ratschläge unangenehm sind. Sie dürfen die Älteren nicht um ihre Aufgabe bringen, die Alten dürfen sich ihre Aufgabe aber auch nicht nehmen lassen!
Doch was ist mit der anderen Problematik: mit Demenz? Der restliche menschliche Körper funktioniert oft noch einwandfrei, doch das Gehirn oder der Geist (mens) lösen sich schon auf. In einem fortgeschrittenem Stadium sind die Patienten bettlägerig und erwecken – da man die Person, die man früher in ein – und demselben Körper zu begegnen gewohnt war, nun nicht mehr antrifft – traurigerweise den Eindruck lebendiger Leichen. Eine furchtbare Situation, für die Angehörigen, für die Pflegenden, für die behandelnden Ärzte. Ob sie auch für einen Patienten in diesem Stadium furchtbar ist – wer mag das schon zu beurteilen?
Was ist ethisch in einem derartigen Fall geboten? Warum schläfert ein Tierarzt die verendende Katze ein, warum geht das bei Mitmenschen nicht? Egoismus der Rasse, Humanität? Darf man einen Menschen, der als Person (vermutlich) sowieso schon weg ist, einfach gehen lassen, indem man ihm keine Nahrung mehr gibt und – außer schmerzstillender – keine Medikamente mehr verabreicht? Würde man da nicht das Recht auf Leben des betreffenden Menschen beschneiden? Wer weiß denn schon, ob dieser Mensch nicht noch gerne lebt, ähnlich wie ein Baby gerne in seinem Bettchen liegt, ohne dass es dabei Bewusstsein hat? Außerdem wären die Konsequenzen dieses erlaubten Gehenlassens für Schwerstbehinderte oder Wachkomapatienten jüngeren Alters fatal – letal.
Um kurz auf eine abstraktere Ebene zu gehen: hier treffen zwei unterschiedliche Denkweisen aufeinander (meiner Meinung nach das Grundproblem bei der Gesetzgebung*), nämlich die problemlösende Logik, mathematisch und knallhart, und die Humanität, gefühlsmäßig und fürsorglich. Logisch betrachtet, ist der Lebensweg eines dementen Patienten in diesem Alter einfach zu Ende, da gibt es nichts mehr zu holen und die Kosten und Mühen zur Pflege kann man sich sparen zugunsten eines sanften Todes. Auf der anderen, humanen Ebene fühlt man als Mensch eben mit dem anderen Menschen mit und hat innerlich Skrupel, bewusst das Ende dessen Existenz in Kauf zu nehmen.
Meiner Meinung nach darf man nur mit der zweiten Denkweise, mit der humanen, inhärent menschlichen, in derartigen Fällen urteilen und zwar in jedem Einzelfall neu. Es ist doch so schwierig, das angeborene menschliche Moralempfinden in logische Texte zu gießen. Es geht um innermenschliche Probleme, also muss auch dem innermenschlich-humanen Denken der Vorrang gegeben werden.
Warum pflegt man also die Dementen, gibt ihnen bis zuletzt zu essen und zu trinken? Warum tut der Mensch so etwas Unsinniges, sogar evolutionsbiologisch unsinnig, da sich Alte ja im Allgemeinen nicht mehr fortpflanzen? Weil wir Menschen sind, weil wir die Last und Gabe des Mitleids in uns tragen.

*) Jura hat für mich auch wieder einmal eine große Ähnlichkeit zum Komponieren. Der Komponist gießt seine Emotionen, sein grundmenschliches und triviales Empfinden in ein musikalisches Gerüst und ganz genauso versucht die Gesetzgebung das grundmenschliche Empfinden von rechtem und unrechtem Handeln in ein logisches Paragraphengerüst zu fassen.
D.h. Übersetzung vom humanen in das logische Denken.

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