Manufactum – was sind die guten Dinge, wer kauft sie und warum?

Stadtzentrum München, gleich hinter dem Rathaus am Marienhof, beste Lage. Hier biegt man ein von der Maximiliansstraße, um Schmuck, Kaffee oder Klaviernoten zu kaufen. Neuerdings gibt es da auch einen Laden mit „guten Dinge“ – so werden sie jedenfalls beworben, wie ich vor ein paar Tagen bei einem Besuch mit meinem Vater dort erfahren habe.

Beim Betreten des Ladens war mir erst gar nicht klar: bin ich hier in einem Museum gelandet oder aber bei einem Antiquitätenhändler – oder doch in der Haushaltsabteilung von Karstadt? Sofort zogen mich natürlich die ganzen „guten Dinge“ in ihren Bann. Was es da nicht alles gab: einen Edelstahl-Fleischwolf, ein Emaille-Standsieb, Handnudelmaschinen, Schwammwischer und Stopfeier; lederne Aktentaschen, Füllfederhalter samt Tintenfässern, Typ Spätburgunder; eine Holzbadewanne; Konserven und allerlei Eingemachtes, frisch gebackenes Brot, verschiedene erlesene Käse- und Wurstsorten, Kaffee, Wein und Spirituosen; Hausnummernschilder im städtischen Design; Lichtschalter mit Hebel und Elektrokabel mit Stoffummantelung; einen Globus; Hornkämme, schwarze, Glycerin- und Birkenteerseife der Marke „Apotheke“; Petroleumlampen, Lederfett in Dosen und schließlich sogar ein hölzernes Rudergerät. Ich weiß gar nicht, was alles noch meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, so viele Kuriositäten wurden da angeboten.

Was allerdings ist diesen Dingen gemeinsam? Ich denke, das Meiste davon würde man gefühlsmäßig spätestens in die 60er Jahre einordnen; so manches könnte auch schon von der perfekten Hausfrau oder dem biederen Herren des Hauses in Schwarzweißreklamen im Fernsehen beworben worden sein. Ganz bewusst wird in dem Laden auf traditionelle, altbewährte, nostalgische „Waren“ gesetzt, die sich durch Einfachheit in der Handhabung auszeichnen und durch ihre sorgfältige Herstellung, oft sogar per Hand, strapazierfähig und langlebig sind. Gleichzeitig aber haftet den Dingen auch eine Art edel-luxuriöser Charme an, der nicht zuletzt aus den auffallend hohen Preisen resultiert.

Dementsprechend begegneten mir in diesem Laden vor allem Angehörige der gehobenen Mittelschicht und aufwärts, sodass ich mich in meinem Kapuzen-Sweatshirt ein wenig fehl am Platz fühlte. Der typische Herr in dunkelgrüner Cordhose, dazu ein beiger Mantel, auf der urlaubsgebräunten Glatze ein Hut, darunter eine Hornbrille; die typische Dame im adretten Kostüm, mit hochgestecktem Haar und Seidenstrumpfhose – optisch vermeintlich ein Extrakt aus einem Otto-Katalog zur Geburtszeit meiner Eltern. Diese Gruppe von grob gesagt reichen, konservativen und elitären Bürgern, zumindest scheinbar Bildungsbürgern, gab zusammen mit den vielen „guten Dingen“ dem Geschäft eine gediegene, biedere und alles andere als grelle Atmosphäre. Eine der Verkäuferinnen entschuldigte sich sogar, als sie kurz an der Kasse unaufmerksam war, mit den Worten: „Verzeihen Sie, ich war für eine Sekunde in Gedanken gewesen.“ Hier gibt es also nicht nur „gute Dinge“, hier weiß man sich auch noch wie in „guten“ alten Zeiten zu benehmen.

Was aber sind die Motive, um in diesem Laden einzukaufen? Zunächst einmal denke ich, ist es ein ganz allgemeines Phänomen, dass sich reichere Leute bewusst durch andere, teurere und luxuriösere Dinge von der breiten Masse abheben. Doch ist der Unterschied der guten Dinge beispielsweise zu einem teuren Plasma-Fernseher noch die zusätzliche altmodische Note, die Wertigkeit. So sehe ich als Hauptmotiv für einen Einkauf dort eine klare Gegenbewegung zur hochtechnisierten Alltagswelt, zur Schnelllebigkeit des Internet-dominierten Medienzeitalters, zur Wegwerf-Mentalität und zum Ramsch der bunt-kindischen amerikanisierten Supermarkt-Kultur.

Es ist doch so, dass der Mensch immer einen gewissen Ausgleich erzielen möchte, gewissermaßen einen Kontrapunkt zur Alltagsmelodie oder eine Auflösung der widersprüchlichen Dissonanzen hin zu einem harmonischen Klanggemisch. Wenn der Arbeitsalltag von schneller Dynamik, von intellektuell kaum mehr zu bewältigender Datenflut, von Unbeständigkeit im Job, in den Beziehungen und im Denken geprägt ist, kein Wunder, dass man dann konträr dazu zu Hause Verlässliches, Vertrautes, Ruhiges und Beständiges braucht, die Gemütlichkeit der guten, alten Zeit. Genau dieses Bedürfnis scheinen mir die guten Dinge zu befriedigen. Sie zielen auf eine tiefere und längerfristige Beziehung zwischen Eigentümer und Objekt an, die Wind und Wetter der Dynamik draußen im Alltag trotzt. Kurz: eine altmodisch-konservative Lebensweise ist die natürliche Reaktion auf die unübersichtliche und grelle Arbeitswelt zum Ziel der psychischen Balance.

Nicht umsonst bezeichnet so mancher diese Lebensweise auch als „Neo-Biedermeier“. Beim „ersten“ Biedermeier nach der Niederlage Napoleons war die aufkommende spießbürgerliche Lebensweise ein Ausdruck für den Wunsch, wieder politische Ordnung zu erreichen, was ja gerade das Ziel der Restauration war. Heute sehnt man sich ebenso nach Ordnung, hierzulande wohl weniger im politischen, als im technischen und medialen Bereich. Dass man dann tatsächlich einen mentalen Ausgleich durch die konservative Lebensweise in einem Haushalt mit „guten Dingen“ erreichen kann, wo die Frau noch an der Nudelmaschine oder am Fleischwolf steht und der Mann noch mit einem Füllfederhalter in Burgunderfarbe schreibt, wo vielleicht auch die Kinder wieder Latein lernen und im Knigge in Benimmregeln unterwiesen werden, ist dann ja – solange man das Geld dazu hat – nur positiv zu bewerten.

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Ein Kommentar zu “Manufactum – was sind die guten Dinge, wer kauft sie und warum?

  1. Eine wunderbare Beschreibung deiner Eindrücke! Genau das, was du schlussfolgerst ist das, was Manufactum wohl ausmacht. Sehr gut erkannt.

    Grüße
    Daniel

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