Ist Physik eine Sekte?

Um meine Bachelor-Arbeit zu absolvieren, war ich eine Zeit lang Mitglied am sogenannten * Center for Theoretical Physics an meiner Uni. Das eine oder andere ist mir dort doch relativ seltsam vorgekommen. Schon gleich beim Einstieg in diesen anscheinend erlauchten Kreis bekam ich eine ganze Liste von Verhaltensregeln, die ich zu befolgen hatte. Melde dich erst da, dann noch einmal dort, nutze den Computer auf diese oder jene Art und Weise, backe Cookies, möglichst donnerstags, befolge die Regeln der Kaffeeliste, duze alle Leute und lasse dich duzen, lasse dir deine Biografie online stellen und einiges mehr. Auch so manches Gespräch mit meinem Betreuer, der namentlich unerwähnt bleiben soll, hinterließ bei mir Gefühle des Zweifels an der Seriosität des ganzen Vereins. Einmal ging es um einen bereits getippten Teil der Arbeit und wir diskutierten über eine Formulierung – zumindest wollte ich das. Die Sache wurde aber abgewiegelt mit den manipulativen Worten: „Willst du denn keine gute Bachelor-Arbeit? Um das mal klarzustellen: entweder du hörst auf deinen Betreuer oder wir lassen es ganz.“

In Folge dessen hatte ich schließlich den Eindruck gewonnen, in einer Art Sekte gelandet zu sein. Sicherlich sind an dem Institut auch einige andere Personen, die weniger verblendet oder instrumentalisiert wirkten. Trotzdem möchte ich jetzt diskutieren, inwieweit gewisse sektentypische Merkmale auf das Arnold-Sommerfeld-Center zutreffen, gewiss natürlich in meiner eigenen subjektiven Färbung. Dabei möchte ich mich an die acht Merkmale halten, wie sie auf der Website http://www.relinfo.ch/sekten/definition.html vorgestellt werden, die aber bestimmt in ähnlicher Weise in anderer – bzw. richtiger – Literatur zu finden sind.

Punkt 1: Es gibt „eine Führungspersönlichkeit, deren Aussagen nicht hinterfragbar sind und der allfällige Verehrung zukommt.“ Das scheint mir zu einem hohen Grad auf den Lehrstuhlleiter Prof. F. zuzutreffen, von dem mein Betreuer oft ehrfurchtsvoll gesprochen hat und mir Tipps gegeben hat, worauf „E****“ (so sein Vorname) in der Prüfung Wert legt, welche Formfehler ihm sofort auffallen und welche wissenschaftlichen Fragestellungen ich in der Arbeit besser ausspare. Das großangelegte Skript des Professors ist in gewisser Weise die zentrale Schrift, die Bibel dieses Lehrstuhls gewesen. Nebenbei sei aber bemerkt, dass ich „E****“ erst am Ende meiner Arbeit kennengelernt habe und er ganz locker war.

Punkt 2: Existenz von „Regulationen für viele Bereiche des Lebens.“ Wie oben bemerkt, gab es gleich zu Beginn eine lange Liste von zu befolgenden Punkten. Außerdem wurde ich zu Beginn in den E-Mail-Verteiler aufgenommen, um darüber informiert zu werden, wenn wieder am Feierabend oder am Wochenende gemeinsam Fahrradtouren unternommen wurden oder zum Grillen gegangen wurde. Oft war man außerdem zusammen bei Vorträgen und wissenschaftlichen Seminaren. Es muss aber natürlich eingeräumt werden, dass die Teilnahme an den Freizeitveranstaltungen alles andere als verpflichtend war.

Punkt 3: Vorliegen eines „(institutionalisierte[n] oder informelle[n]) Kontrollmechanismus[‚] zur Überwachung des Verhaltens der einzelnen Mitglieder.“ Institutionalisiert war die Kontrolle des Umgangs mit den Rechnern: oft erhielt man E-Mails, dass man doch bitte seine Prozesse so und so abschicken hätte müssen. Das hatte aber gewiss vor allem technische Gründe. Das richtige oder falsche Lösen von mathematischen Gleichungen oder ganz allgemein ein von mir empfundener Wettkampf in der Intelligenz spielen wohl eher in die Richtung: „Da stimmt was nicht ich bin dir überlegen.“ Das mag dann schon eher informell sein wie auch der Wettkampf im möglichst lange Arbeiten. (Ich kam mir oft dumm vor, wenn ich einen Tag nicht am Institut sein konnte, um meine Praktikumsbetreuung zu übernehmen.)

Punkt 4: Es gibt „Ein Elitebewusstsein der Organisation.“ Das muss ich ganz klar bejahen. Ungeachtet dessen, dass dort einige Studenten vom „Elitestudiengang Theoretische und Mathematische Physik“ arbeiteten, haftet schon dem Fach „Theoretische Physik“ etwas Elitäres an. Auch die Aufnahme (unter Angabe eines Lebenslaufes, der Studienleistungen, eines Fotos; dann mit Erhalt der neuen E-Mail-Adresse und der zu befolgenden Regularien) wirkte wie die Aufnahme in eine Studentenverbindung. Das Bewusstsein „Wir sind schlau und intelligent, wir haben schon die Welt verstanden“ konnte ich doch oft riechen; im Übrigen auch oft bei anderen Physik-Vorlesungen im Studium, ganz im Gegenteil zur Mathematik.

Punkt 5: „Eine Innen-Außen-Spaltung mit Abwertung der Außenwelt, eine systematische Abwertung des bisherigen Lebens.“ Ja, denn wir innen sind schlau, während die Menschen draußen noch nicht die tieferen Zusammenhänge der Welt verstanden haben (siehe Punkt 4). Die bisherige Abwertung kann ich weniger unterstreichen, aber mir ist noch ein Telefonat meines Betreuers in Erinnerung, der mit Verweis auf seine anfängliche Studienzeit meinte: „Ja, früher, da hatte ich ja noch gar keine Ahnung.“ Die Innen-Außen-Spaltung kommt aber auch dadurch zustande, dass beispielsweise angewandteres Wissen aus den Ingenieurswissenschaften als „niedrig“ gilt und dass man ohnehin kaum mehr Zeit für das Außen hat, siehe dazu Punkt 7.

Punkt 6: „Endogamie, d.h. ein Verbot oder die Ächtung von Liebesbeziehungen zu Außenstehenden.“ Nein, das gab es nicht. Sicherlich sind dort einige theoretischen Physiker mit theoretischen Physikerinnen zusammen, aber eine Regelung darin lag keineswegs vor. Im Normalfall lässt die Arbeit dort ohnehin wenig Zeit für eine Beziehung und ein großer Prozentsatz der Mitglieder ist – dem Klischee entsprechend – eingefleischter Single.

Punkt 7: „Hohe zeitliche Inanspruchnahme der Mitglieder.“ Das trifft in jedem Fall zu. Bei hohen Anforderungen kombiniert mit einem großen Studienehrgeiz und Veröffentlichungsdruck ist ein großer zeitlicher Aufwand unvermeidlich. Ich weiß noch, wie ich mit Kommilitonen gegen Ende der Bachelor-Arbeit bis nach Mitternacht in dem Institut am PC saß. Ganz allgemein trifft das natürlich für das Physik-Studium zu, das einen mit oft sinnlosen, arbeitsbeschaffenden, zeitaufwändigen Übungsblättern einzunehmen versucht. Wer auch zusätzlich noch am Wochenende die Aktionen mitmacht, hat dann jeden Tag Physik – und sich so noch mehr von der gewöhnlichen Gesellschaft abgespalten.

Punkt 8: „Z. T. auch weitgehende Indienstnahme der finanziellen Ressourcen der Mitglieder u.a.m.“ Nein, außer der zeitlichen und mentalen Ressourcen wurde ich nicht ausgenommen.

Unter dem Strich treffen meiner Meinung nach also vier der Punkte stark zu, zwei in einem gewissen Grade und zwei überhaupt nicht. Das wirft doch ein zweifelhaftes Licht auf das Arnold-Sommerfeld-Center. Ich will nicht abstreiten, dass hin zu einer richtigen Sekte noch einige Steigerungen vorliegen und hier vor allem meine persönliche Empfindung dargelegt ist. Dennoch scheint sich meine Vermutung durch die Diskussion der vorgeschlagenen acht Merkmale der Sektenhaftigkeit zum Teil zu bestätigen.

Um noch ein wenig weiterzugehen, würde ich sogar behaupten, dass dem Physik-Studiengang und sogar der Wissenschaft Physik als solcher eine gewisse Sektenhaftigkeit zu eigen ist. Insbesondere scheint es mir oft, dass nicht etwa das Motiv „für die Menschen neues Wissen schaffen, um darauf basierend bessere Lebensbedingungen zu schaffen“ sondern vielmehr die Einstellung „ich schotte mich durch meine tiefen Einsichten in die inneren Zusammenhänge der Welt ab und was ich herausgefunden habe, dass sollen nur eingeweihte verstehen“ vorherrschend ist. Wissenschaftsministerium, da könnte einmal ordentlich auf den Putz gehaut werden!

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