Ewiges Glück

Da fuhr ich gerade durch eine dieser Neubausiedlungen. Kleines, trautes Bürgerglück, die Doppelhaushälfte in Wunschfarbe, umgeben von ein paar Quadratmetern englischen Rasens. Irgendwo die gemütliche Terrasse mit gusseisernen Gartenmöbeln im italienischen Stil, daneben ranken sich die Rosen – wie aus dem Katalog. Schauplatz des kleinen Familienglückes: für Mama, Papa, die zwei, drei fröhlichen Kinder. Reihe an Reihe stehen so die Häuser, eins um das andere. Ein jedes auf seine Weise gestaltet und doch tanzt keines aus der Reihe. Ein bisschen Individualität darf man sich herausnehmen, aber bloß nicht zu viel: was sagen denn da die Nachbarn? Eine Fahrt durch die kleinbürgerliche Utopie der immer heilen Welt, Sonnenschein auf saubergeschnittenen Hecken.

Der Weg führte mich weiter, hinauf zum Friedhof unterhalb der Kirche. Natürlich, das Glück ist ja kein ewiges, die größte Unerhörtheit ist ja noch nicht abgeschafft. Vom Kirchenhügel herab, so scheint es mir, mahnt der Friedhof, die Flüchtigkeit der ruhigen, heilen Doppelhausidylle nicht zu unterschätzen, er weist hin auf die unumgängliche Entartung des Körperlichen.

Von wegen! Ein Blick über die Friedhofsmauer belehrt mich eines besseren. Da stehen sie, die Grabsteine, Seite an Seite. Darunter liegen sie, alle drei Meter einer, Müllers neben Meiers. Ein jeder Grabstein ist individuell gestaltet, mal mit gemeißelten, mal mit gusseisernen Lettern, solange er nicht zu sehr von der Normgröße abweicht. Davor Blumen, Akelei, Chrysanthemen, Veilchen, Lilien, ganz akkurat angelegt und keinesfalls ungepflegt: was denken sonst die Nachbarn?

Da liegen sie nun, Seite an Seite, in ihrer Doppelgrabhälfte. Nicht einmal der Tod vermag es, das kleine, traute Bürgerglück zu stören.

Die Alten

17. 9. 2012

Während meiner bisher kurzen Zeit im Krankenhaus als Praktikant habe ich doch schon einen besseren Eindruck von der sogenannten „umgekehrten Alterspyramide“ gewonnen. Ein ungeheurer Haufen alter Leute tummelt sich da, böse formuliert, um dem Herrgott oder dem Schicksal oder was weiß ich noch ein paar Jährchen, vielleicht auch nur ein paar Monate abzuluchsen. Vielleicht ist es aber auch oft anders, dass es die Verwandten, die Kinder, Geschwister, Enkel, Gatten sind, die lieber noch ihre Trauer eine gewisse Zeit mittels technisch-medizinischer Lösungen nach hinten verschieben möchten.
Jedenfalls zeigt sich frappierend, wie sehr mit zunehmenden Alter die Schere auseinander geht: es gibt 75-Jährige, die schon total weg sind, die sich blöd gesoffen haben oder dement sind, und es gibt rüstige über 90-Jährige, die kaum Unterstützung brauchen.
Jeder sehnt sich nach einem langen Leben und sehnt sich vor allem nach einem langen Leben in Gesundheit. Natürlicherweise stellt sich da die Frage: was macht es aus, dass es mit den einen so bald schon bergab geht und die anderen dagegen viel länger halbwegs frisch bleiben? Zuerst kann man die entscheidende Rolle genetischer Disposition nicht verneinen: es scheint einfach verschiedene „Alterstypen“ zu geben, die zusagen in der Familie liegen. Als zweites kommen die Lebensumstände dazu: gab es ausreichend Nahrung, wie viel Alkohol und Tabak wurde konsumiert, war man beruflich bedingt einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt und so weiter.
Ein dritter Aspekt scheint mir aber mehr mit der Mentalität der Leute zusammenzuhängen: lassen sie sich hängen oder bleiben sie am Ball? Es kommt immer wieder vor, dass Menschen gleich beim Eintritt in die Rente abschlaffen, an Aktivität einbüßen, den Lebensmut verlieren und dann auch schneller krank werden oder sterben. Kein Wunder, was sollen sie auch leben, wenn sie nicht gebraucht werden. Vielen alten Leuten – man braucht nur auf der Straße statt unbewusst weg- bewusst hinzusehen – ist die Altersdepression ins Gesicht geschrieben. Und das oft, obwohl sie körperlich noch soweit fit wären. Andere arbeiten weiter, zum Beispiel weil sie einen Familienbetrieb haben, sich in der Rente in einem ehrenamtlichen Verein engagieren oder für Enkelkinder zu sorgen haben. Sie werden gebraucht und das hält sie auf Trab.
Die Deutschen werden immer älter und es gibt immer mehr Ältere. Ist es dann überhaupt vertretbar, ein fixes Rentenalter festzulegen? Nimmt man denn so nicht gerade den gesunden Älteren krass formuliert den Sinn ihres Daseins, schneidet man da nicht ihre Aorta an, reist man da nicht die Wurzeln eines gut gewachsenen Baumes aus? Mit 67 in Rente und dann kommen noch zwanzig Jahre Arbeitslosigkeit? Warum nicht ab z. B. 62 regelmäßige medizinische Gutachten, sodass – wenn möglich und gewünscht – z. B. bis 75 weitergearbeitet wird?
Vielleicht ist es aber auch weniger eine Sache, die man politisch anzugehen hat. Vielmehr muss man den Menschen vor Beginn der Rente geradezu einbläuen, dass sie sich jetzt um andere Aufgaben kümmern müssen. Dass es jetzt ihre gesellschaftliche Pflicht ist, für die Enkelkinder zu sorgen oder vielleicht für die Generation vor ihnen. Dass ihre Kräfte noch in unzähligen ehrenamtlichen Vereinen oder in der Kirche oder der Lokalpolitik benötigt werden. Dass sie es auch selbst in der Hand haben, ob sie sich gleich aus der Gesellschaft zurückziehen und schön langsam alleine ihrem Ende entgegen vegetieren oder ob sie noch einmal zeigen, was sie auch jetzt noch geben können.
Die Menschheit ist von Natur aus so gemacht, dass sie Menschen jeden Alters braucht. Die Jüngeren dürfen nicht darauf verzichten, die Ratschläge der Älteren zu hören, die doch so viel mehr schon durchgemacht haben als sie selbst, auch wenn die Alten manchmal schrullig werden oder die Ratschläge unangenehm sind. Sie dürfen die Älteren nicht um ihre Aufgabe bringen, die Alten dürfen sich ihre Aufgabe aber auch nicht nehmen lassen!
Doch was ist mit der anderen Problematik: mit Demenz? Der restliche menschliche Körper funktioniert oft noch einwandfrei, doch das Gehirn oder der Geist (mens) lösen sich schon auf. In einem fortgeschrittenem Stadium sind die Patienten bettlägerig und erwecken – da man die Person, die man früher in ein – und demselben Körper zu begegnen gewohnt war, nun nicht mehr antrifft – traurigerweise den Eindruck lebendiger Leichen. Eine furchtbare Situation, für die Angehörigen, für die Pflegenden, für die behandelnden Ärzte. Ob sie auch für einen Patienten in diesem Stadium furchtbar ist – wer mag das schon zu beurteilen?
Was ist ethisch in einem derartigen Fall geboten? Warum schläfert ein Tierarzt die verendende Katze ein, warum geht das bei Mitmenschen nicht? Egoismus der Rasse, Humanität? Darf man einen Menschen, der als Person (vermutlich) sowieso schon weg ist, einfach gehen lassen, indem man ihm keine Nahrung mehr gibt und – außer schmerzstillender – keine Medikamente mehr verabreicht? Würde man da nicht das Recht auf Leben des betreffenden Menschen beschneiden? Wer weiß denn schon, ob dieser Mensch nicht noch gerne lebt, ähnlich wie ein Baby gerne in seinem Bettchen liegt, ohne dass es dabei Bewusstsein hat? Außerdem wären die Konsequenzen dieses erlaubten Gehenlassens für Schwerstbehinderte oder Wachkomapatienten jüngeren Alters fatal – letal.
Um kurz auf eine abstraktere Ebene zu gehen: hier treffen zwei unterschiedliche Denkweisen aufeinander (meiner Meinung nach das Grundproblem bei der Gesetzgebung*), nämlich die problemlösende Logik, mathematisch und knallhart, und die Humanität, gefühlsmäßig und fürsorglich. Logisch betrachtet, ist der Lebensweg eines dementen Patienten in diesem Alter einfach zu Ende, da gibt es nichts mehr zu holen und die Kosten und Mühen zur Pflege kann man sich sparen zugunsten eines sanften Todes. Auf der anderen, humanen Ebene fühlt man als Mensch eben mit dem anderen Menschen mit und hat innerlich Skrupel, bewusst das Ende dessen Existenz in Kauf zu nehmen.
Meiner Meinung nach darf man nur mit der zweiten Denkweise, mit der humanen, inhärent menschlichen, in derartigen Fällen urteilen und zwar in jedem Einzelfall neu. Es ist doch so schwierig, das angeborene menschliche Moralempfinden in logische Texte zu gießen. Es geht um innermenschliche Probleme, also muss auch dem innermenschlich-humanen Denken der Vorrang gegeben werden.
Warum pflegt man also die Dementen, gibt ihnen bis zuletzt zu essen und zu trinken? Warum tut der Mensch so etwas Unsinniges, sogar evolutionsbiologisch unsinnig, da sich Alte ja im Allgemeinen nicht mehr fortpflanzen? Weil wir Menschen sind, weil wir die Last und Gabe des Mitleids in uns tragen.

*) Jura hat für mich auch wieder einmal eine große Ähnlichkeit zum Komponieren. Der Komponist gießt seine Emotionen, sein grundmenschliches und triviales Empfinden in ein musikalisches Gerüst und ganz genauso versucht die Gesetzgebung das grundmenschliche Empfinden von rechtem und unrechtem Handeln in ein logisches Paragraphengerüst zu fassen.
D.h. Übersetzung vom humanen in das logische Denken.

Kirche und gedanklicher Dualismus

Die Kirche predigt und fördert auf krasse Art und Weise einen Dualismus im Denken, eine Doppelmoral. Sie trennt im Denken zwischen drinnen und draußen, vor den Kirchentüren und dahinter. Draußen, da ist die Welt der tatsächlichen Bedrohungen, wo tatsächliches Leid, wo tatsächliche Arbeit sind. Drinnen, da ist die Welt der Mystik, der Mitmenschlichkeit, der Gefühle. Im Grunde unsinnig, diese beiden „Welten“ zu trennen, doch genau das ist es, was die Kirche betreibt, bzw. das ist die Funktion, die ihr in der menschlichen Gesellschaft zugewiesen ist. Sie verbannt das Urmenschliche in Kirchen, Dome und Kathedralen, während man draußen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft (Handwerk, Verwaltung) ungezügelt, kaltblütig, rational agieren kann. Anders gesagt, sie übernimmt die psychische Rückendeckung des Alltagsmenschen, sodass er vorne umso stärker und konzentrierter handeln kann. (Das ist ein Erfolgsrezept z. B. für das Bundesland Bayern. Die katholische Erdung, die philosophische Gegebenheit ist die Basis für beste, harte, präzise Ingenieurskunst, international wettbewerbsfähig in modern geführten Konzernen.) Was aber für eine Doppelmoral! Draußen – wo tatsächlich Kollegen arbeitslos werden, wo man auf Bettler stößt, wo sich alte Leute gerade noch mit dem Gehwagen über die Straße kämpfen können – bleibt man hart, gefühllos, unmoralisch, weil man drinnen – in sich und in der Kirche als Gebäude – ja davon überzeugt ist, dass man gut ist. Beide Teilbereiche des Denkens, physiologisch gesprochen vielleicht auch beide Hirnregionen, sind aber klar voneinander getrennt worden und von daher fällt es den wenigsten Menschen auf, wie einfach sie es sich machen. Muss das aber noch sein in einer modernen, europäischen Gesellschaft? Darf da, sollte da nicht auch der Top-Manager ethisches Verantwortungsbewusstsein draußen zeigen dürfen, sollte da die perfektionssüchtige Erfolgspolitikerin nicht auch einmal draußen ihre eigenen Schwächen bekennen? Darf man in dieser Gesellschaft dann auch drinnen – in der Kirche – streng denken, hinterfragen, was Sinn und Zweck der Rituale ist, was noch vertretbar ist an der christlichen Botschaft und was schon längst als antikes Gedankengerümpel aussortiert werden muss? Darf man da auch die Sinnhaftigkeit so mancher wohltätigen Aktion in Frage stellen, ohne – drinnen – als unmenschlich zu gelten (was draußen nur normal gewesen wäre)?
Echte Menschen braucht es hier und da, ganze Menschen, keine in zwei Teile zergliederte! Und am besten kein „hier und da“, sondern nur die eine Welt, in der wir Menschen stets wir selbst sein dürfen!

Manufactum – was sind die guten Dinge, wer kauft sie und warum?

Stadtzentrum München, gleich hinter dem Rathaus am Marienhof, beste Lage. Hier biegt man ein von der Maximiliansstraße, um Schmuck, Kaffee oder Klaviernoten zu kaufen. Neuerdings gibt es da auch einen Laden mit „guten Dinge“ – so werden sie jedenfalls beworben, wie ich vor ein paar Tagen bei einem Besuch mit meinem Vater dort erfahren habe.

Beim Betreten des Ladens war mir erst gar nicht klar: bin ich hier in einem Museum gelandet oder aber bei einem Antiquitätenhändler – oder doch in der Haushaltsabteilung von Karstadt? Sofort zogen mich natürlich die ganzen „guten Dinge“ in ihren Bann. Was es da nicht alles gab: einen Edelstahl-Fleischwolf, ein Emaille-Standsieb, Handnudelmaschinen, Schwammwischer und Stopfeier; lederne Aktentaschen, Füllfederhalter samt Tintenfässern, Typ Spätburgunder; eine Holzbadewanne; Konserven und allerlei Eingemachtes, frisch gebackenes Brot, verschiedene erlesene Käse- und Wurstsorten, Kaffee, Wein und Spirituosen; Hausnummernschilder im städtischen Design; Lichtschalter mit Hebel und Elektrokabel mit Stoffummantelung; einen Globus; Hornkämme, schwarze, Glycerin- und Birkenteerseife der Marke „Apotheke“; Petroleumlampen, Lederfett in Dosen und schließlich sogar ein hölzernes Rudergerät. Ich weiß gar nicht, was alles noch meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, so viele Kuriositäten wurden da angeboten.

Was allerdings ist diesen Dingen gemeinsam? Ich denke, das Meiste davon würde man gefühlsmäßig spätestens in die 60er Jahre einordnen; so manches könnte auch schon von der perfekten Hausfrau oder dem biederen Herren des Hauses in Schwarzweißreklamen im Fernsehen beworben worden sein. Ganz bewusst wird in dem Laden auf traditionelle, altbewährte, nostalgische „Waren“ gesetzt, die sich durch Einfachheit in der Handhabung auszeichnen und durch ihre sorgfältige Herstellung, oft sogar per Hand, strapazierfähig und langlebig sind. Gleichzeitig aber haftet den Dingen auch eine Art edel-luxuriöser Charme an, der nicht zuletzt aus den auffallend hohen Preisen resultiert.

Dementsprechend begegneten mir in diesem Laden vor allem Angehörige der gehobenen Mittelschicht und aufwärts, sodass ich mich in meinem Kapuzen-Sweatshirt ein wenig fehl am Platz fühlte. Der typische Herr in dunkelgrüner Cordhose, dazu ein beiger Mantel, auf der urlaubsgebräunten Glatze ein Hut, darunter eine Hornbrille; die typische Dame im adretten Kostüm, mit hochgestecktem Haar und Seidenstrumpfhose – optisch vermeintlich ein Extrakt aus einem Otto-Katalog zur Geburtszeit meiner Eltern. Diese Gruppe von grob gesagt reichen, konservativen und elitären Bürgern, zumindest scheinbar Bildungsbürgern, gab zusammen mit den vielen „guten Dingen“ dem Geschäft eine gediegene, biedere und alles andere als grelle Atmosphäre. Eine der Verkäuferinnen entschuldigte sich sogar, als sie kurz an der Kasse unaufmerksam war, mit den Worten: „Verzeihen Sie, ich war für eine Sekunde in Gedanken gewesen.“ Hier gibt es also nicht nur „gute Dinge“, hier weiß man sich auch noch wie in „guten“ alten Zeiten zu benehmen.

Was aber sind die Motive, um in diesem Laden einzukaufen? Zunächst einmal denke ich, ist es ein ganz allgemeines Phänomen, dass sich reichere Leute bewusst durch andere, teurere und luxuriösere Dinge von der breiten Masse abheben. Doch ist der Unterschied der guten Dinge beispielsweise zu einem teuren Plasma-Fernseher noch die zusätzliche altmodische Note, die Wertigkeit. So sehe ich als Hauptmotiv für einen Einkauf dort eine klare Gegenbewegung zur hochtechnisierten Alltagswelt, zur Schnelllebigkeit des Internet-dominierten Medienzeitalters, zur Wegwerf-Mentalität und zum Ramsch der bunt-kindischen amerikanisierten Supermarkt-Kultur.

Es ist doch so, dass der Mensch immer einen gewissen Ausgleich erzielen möchte, gewissermaßen einen Kontrapunkt zur Alltagsmelodie oder eine Auflösung der widersprüchlichen Dissonanzen hin zu einem harmonischen Klanggemisch. Wenn der Arbeitsalltag von schneller Dynamik, von intellektuell kaum mehr zu bewältigender Datenflut, von Unbeständigkeit im Job, in den Beziehungen und im Denken geprägt ist, kein Wunder, dass man dann konträr dazu zu Hause Verlässliches, Vertrautes, Ruhiges und Beständiges braucht, die Gemütlichkeit der guten, alten Zeit. Genau dieses Bedürfnis scheinen mir die guten Dinge zu befriedigen. Sie zielen auf eine tiefere und längerfristige Beziehung zwischen Eigentümer und Objekt an, die Wind und Wetter der Dynamik draußen im Alltag trotzt. Kurz: eine altmodisch-konservative Lebensweise ist die natürliche Reaktion auf die unübersichtliche und grelle Arbeitswelt zum Ziel der psychischen Balance.

Nicht umsonst bezeichnet so mancher diese Lebensweise auch als „Neo-Biedermeier“. Beim „ersten“ Biedermeier nach der Niederlage Napoleons war die aufkommende spießbürgerliche Lebensweise ein Ausdruck für den Wunsch, wieder politische Ordnung zu erreichen, was ja gerade das Ziel der Restauration war. Heute sehnt man sich ebenso nach Ordnung, hierzulande wohl weniger im politischen, als im technischen und medialen Bereich. Dass man dann tatsächlich einen mentalen Ausgleich durch die konservative Lebensweise in einem Haushalt mit „guten Dingen“ erreichen kann, wo die Frau noch an der Nudelmaschine oder am Fleischwolf steht und der Mann noch mit einem Füllfederhalter in Burgunderfarbe schreibt, wo vielleicht auch die Kinder wieder Latein lernen und im Knigge in Benimmregeln unterwiesen werden, ist dann ja – solange man das Geld dazu hat – nur positiv zu bewerten.

Schreiberei

Sinn und Zweck der Schreiberei

Was soll sie denn, die Schreiberei?
Gedankenarbeit ist sie, macht aus Nervenbrei,
aus Ja und Nein, aus Ein- und Zweierlei
niedergeschrieben sichtbare Realität.

Das Flüchtig-freie, Unentschiedne,
die Idee, den Schluss, den Plan,
Aufschrei, Plappern, Denkerei
meißelt sie ein, schwarz auf weiß,
zweifelsfrei.

Ist Physik eine Sekte?

Um meine Bachelor-Arbeit zu absolvieren, war ich eine Zeit lang Mitglied am sogenannten * Center for Theoretical Physics an meiner Uni. Das eine oder andere ist mir dort doch relativ seltsam vorgekommen. Schon gleich beim Einstieg in diesen anscheinend erlauchten Kreis bekam ich eine ganze Liste von Verhaltensregeln, die ich zu befolgen hatte. Melde dich erst da, dann noch einmal dort, nutze den Computer auf diese oder jene Art und Weise, backe Cookies, möglichst donnerstags, befolge die Regeln der Kaffeeliste, duze alle Leute und lasse dich duzen, lasse dir deine Biografie online stellen und einiges mehr. Auch so manches Gespräch mit meinem Betreuer, der namentlich unerwähnt bleiben soll, hinterließ bei mir Gefühle des Zweifels an der Seriosität des ganzen Vereins. Einmal ging es um einen bereits getippten Teil der Arbeit und wir diskutierten über eine Formulierung – zumindest wollte ich das. Die Sache wurde aber abgewiegelt mit den manipulativen Worten: „Willst du denn keine gute Bachelor-Arbeit? Um das mal klarzustellen: entweder du hörst auf deinen Betreuer oder wir lassen es ganz.“

In Folge dessen hatte ich schließlich den Eindruck gewonnen, in einer Art Sekte gelandet zu sein. Sicherlich sind an dem Institut auch einige andere Personen, die weniger verblendet oder instrumentalisiert wirkten. Trotzdem möchte ich jetzt diskutieren, inwieweit gewisse sektentypische Merkmale auf das Arnold-Sommerfeld-Center zutreffen, gewiss natürlich in meiner eigenen subjektiven Färbung. Dabei möchte ich mich an die acht Merkmale halten, wie sie auf der Website http://www.relinfo.ch/sekten/definition.html vorgestellt werden, die aber bestimmt in ähnlicher Weise in anderer – bzw. richtiger – Literatur zu finden sind.

Punkt 1: Es gibt „eine Führungspersönlichkeit, deren Aussagen nicht hinterfragbar sind und der allfällige Verehrung zukommt.“ Das scheint mir zu einem hohen Grad auf den Lehrstuhlleiter Prof. F. zuzutreffen, von dem mein Betreuer oft ehrfurchtsvoll gesprochen hat und mir Tipps gegeben hat, worauf „E****“ (so sein Vorname) in der Prüfung Wert legt, welche Formfehler ihm sofort auffallen und welche wissenschaftlichen Fragestellungen ich in der Arbeit besser ausspare. Das großangelegte Skript des Professors ist in gewisser Weise die zentrale Schrift, die Bibel dieses Lehrstuhls gewesen. Nebenbei sei aber bemerkt, dass ich „E****“ erst am Ende meiner Arbeit kennengelernt habe und er ganz locker war.

Punkt 2: Existenz von „Regulationen für viele Bereiche des Lebens.“ Wie oben bemerkt, gab es gleich zu Beginn eine lange Liste von zu befolgenden Punkten. Außerdem wurde ich zu Beginn in den E-Mail-Verteiler aufgenommen, um darüber informiert zu werden, wenn wieder am Feierabend oder am Wochenende gemeinsam Fahrradtouren unternommen wurden oder zum Grillen gegangen wurde. Oft war man außerdem zusammen bei Vorträgen und wissenschaftlichen Seminaren. Es muss aber natürlich eingeräumt werden, dass die Teilnahme an den Freizeitveranstaltungen alles andere als verpflichtend war.

Punkt 3: Vorliegen eines „(institutionalisierte[n] oder informelle[n]) Kontrollmechanismus[‚] zur Überwachung des Verhaltens der einzelnen Mitglieder.“ Institutionalisiert war die Kontrolle des Umgangs mit den Rechnern: oft erhielt man E-Mails, dass man doch bitte seine Prozesse so und so abschicken hätte müssen. Das hatte aber gewiss vor allem technische Gründe. Das richtige oder falsche Lösen von mathematischen Gleichungen oder ganz allgemein ein von mir empfundener Wettkampf in der Intelligenz spielen wohl eher in die Richtung: „Da stimmt was nicht ich bin dir überlegen.“ Das mag dann schon eher informell sein wie auch der Wettkampf im möglichst lange Arbeiten. (Ich kam mir oft dumm vor, wenn ich einen Tag nicht am Institut sein konnte, um meine Praktikumsbetreuung zu übernehmen.)

Punkt 4: Es gibt „Ein Elitebewusstsein der Organisation.“ Das muss ich ganz klar bejahen. Ungeachtet dessen, dass dort einige Studenten vom „Elitestudiengang Theoretische und Mathematische Physik“ arbeiteten, haftet schon dem Fach „Theoretische Physik“ etwas Elitäres an. Auch die Aufnahme (unter Angabe eines Lebenslaufes, der Studienleistungen, eines Fotos; dann mit Erhalt der neuen E-Mail-Adresse und der zu befolgenden Regularien) wirkte wie die Aufnahme in eine Studentenverbindung. Das Bewusstsein „Wir sind schlau und intelligent, wir haben schon die Welt verstanden“ konnte ich doch oft riechen; im Übrigen auch oft bei anderen Physik-Vorlesungen im Studium, ganz im Gegenteil zur Mathematik.

Punkt 5: „Eine Innen-Außen-Spaltung mit Abwertung der Außenwelt, eine systematische Abwertung des bisherigen Lebens.“ Ja, denn wir innen sind schlau, während die Menschen draußen noch nicht die tieferen Zusammenhänge der Welt verstanden haben (siehe Punkt 4). Die bisherige Abwertung kann ich weniger unterstreichen, aber mir ist noch ein Telefonat meines Betreuers in Erinnerung, der mit Verweis auf seine anfängliche Studienzeit meinte: „Ja, früher, da hatte ich ja noch gar keine Ahnung.“ Die Innen-Außen-Spaltung kommt aber auch dadurch zustande, dass beispielsweise angewandteres Wissen aus den Ingenieurswissenschaften als „niedrig“ gilt und dass man ohnehin kaum mehr Zeit für das Außen hat, siehe dazu Punkt 7.

Punkt 6: „Endogamie, d.h. ein Verbot oder die Ächtung von Liebesbeziehungen zu Außenstehenden.“ Nein, das gab es nicht. Sicherlich sind dort einige theoretischen Physiker mit theoretischen Physikerinnen zusammen, aber eine Regelung darin lag keineswegs vor. Im Normalfall lässt die Arbeit dort ohnehin wenig Zeit für eine Beziehung und ein großer Prozentsatz der Mitglieder ist – dem Klischee entsprechend – eingefleischter Single.

Punkt 7: „Hohe zeitliche Inanspruchnahme der Mitglieder.“ Das trifft in jedem Fall zu. Bei hohen Anforderungen kombiniert mit einem großen Studienehrgeiz und Veröffentlichungsdruck ist ein großer zeitlicher Aufwand unvermeidlich. Ich weiß noch, wie ich mit Kommilitonen gegen Ende der Bachelor-Arbeit bis nach Mitternacht in dem Institut am PC saß. Ganz allgemein trifft das natürlich für das Physik-Studium zu, das einen mit oft sinnlosen, arbeitsbeschaffenden, zeitaufwändigen Übungsblättern einzunehmen versucht. Wer auch zusätzlich noch am Wochenende die Aktionen mitmacht, hat dann jeden Tag Physik – und sich so noch mehr von der gewöhnlichen Gesellschaft abgespalten.

Punkt 8: „Z. T. auch weitgehende Indienstnahme der finanziellen Ressourcen der Mitglieder u.a.m.“ Nein, außer der zeitlichen und mentalen Ressourcen wurde ich nicht ausgenommen.

Unter dem Strich treffen meiner Meinung nach also vier der Punkte stark zu, zwei in einem gewissen Grade und zwei überhaupt nicht. Das wirft doch ein zweifelhaftes Licht auf das Arnold-Sommerfeld-Center. Ich will nicht abstreiten, dass hin zu einer richtigen Sekte noch einige Steigerungen vorliegen und hier vor allem meine persönliche Empfindung dargelegt ist. Dennoch scheint sich meine Vermutung durch die Diskussion der vorgeschlagenen acht Merkmale der Sektenhaftigkeit zum Teil zu bestätigen.

Um noch ein wenig weiterzugehen, würde ich sogar behaupten, dass dem Physik-Studiengang und sogar der Wissenschaft Physik als solcher eine gewisse Sektenhaftigkeit zu eigen ist. Insbesondere scheint es mir oft, dass nicht etwa das Motiv „für die Menschen neues Wissen schaffen, um darauf basierend bessere Lebensbedingungen zu schaffen“ sondern vielmehr die Einstellung „ich schotte mich durch meine tiefen Einsichten in die inneren Zusammenhänge der Welt ab und was ich herausgefunden habe, dass sollen nur eingeweihte verstehen“ vorherrschend ist. Wissenschaftsministerium, da könnte einmal ordentlich auf den Putz gehaut werden!