Zur Religionsvielfalt

(Hier ein paar Gedanken, die mir in der Sommerakademie, in der ich in einer Arbeitsgruppe zum interreligiösen Dialog war, zur Vielfalt der Religionen gekommen sind.)

Mir kommt es vor, als steckte in jedem Menschen eine Art verborgener Raum. Viele waren vielleicht schon einmal gedanklich in diesem Raum, vielleicht sogar schon öfter, manche haben nur davon gehört, dass sie diesen Raum in sich haben und manchen ist die Existenz dieses einen Raumes noch völlig unbekannt. In diesem einen Raum irgendwo in den Tiefen des Menschen befindet sich die Seelenruhe, das Gefühl der vollkommenen Geborgenheit und des Eins-Seins mit der Welt, im Grunde also die Erfahrung der Transzendenz.
Nun scheint es mir aber auch so zu sein, dass ein jeder Mensch auch gewissermaßen ein Vorzimmer zu diesem einen verborgenen Raum besitzt. Während, so würde ich behaupten, der verborgene Raum hinter diesem Vorzimmer bei allen Menschen gleich aussieht, ist das Vorzimmer ganz unterschiedlich eingerichtet.
In einem jüdischen Vorzimmer findet sich zum Beispiel die Thora und man sollte es nur mit bedecktem Kopf betreten. Natürlich wird dort nur koscheres Essen serviert. In einem muslimischen Vorzimmer geht es dagegen etwas lockerer zu, Alkohol und Schweinefleisch kommen dort natürlich trotzdem nicht auf den Tisch. Eine kleine Nische dort weist Richtung Mekka, worin fünfmal am Tag gebetet wird. Selbstverständlich findet sich dort auch der Koran, doch arabisch sollte man zu seiner Lektüre schon können. Im christlich eingerichteten Vorzimmer hängt ein großes Kreuz, das an Jesus erinnern soll. Auf einem großen Tisch liegt neben einem Kelch mit Wein und einer Schale mit Brot auch die Bibel. Dagegen soll eine mächtige Statue im buddhistischen Vorzimmer an Buddha erinnern; davor ist einiges an Räucherwerk angebracht. Man übt sich dort in der Erkenntnis der vier edlen Wahrheiten und in der Meditation. Fleisch kommt im Hindu-Vorzimmer nicht auf den Tisch, vor allem kein Rindfleisch. Viele verschiedene Gottheiten finden darin Platz, teils durch bunte Figuren dargestellt, aber doch alle irgendwie der eine höchste Gott, dessen Verehrung in Richtung Erleuchtung führt.
Es ist klar, dass es noch viele andere Einrichtungsstile gibt. Viele Menschen halten sich schon im Großen und Ganzen an einen gemeinsamen Stil, entsprechend ihrer Erziehung oder ihrem nächsten Umfeld. Das macht es leichter, gemeinsam mit Freunden vom Vorzimmer in den dahinterliegenden Raum zu gehen, denn man muss sich vorher nicht über kleinliche Geschmacksfragen streiten. Viele Menschen sind aber ein wenig individueller und gestalten die Inneneinrichtung ihres Vorzimmers ganz nach ihrem eigenen Geschmack, mit Fundstücken vielleicht von dieser oder jener Reise, Inspirationen von dem einen oder anderen Stil, mit Büchern über das Universum oder mit Fotografien fantastischer Landschaften. In unserer Zeit stellt das ja meistens kein großes Problem mehr da; zumindest auf einem Teil der Welt gilt ja die Freiheit der Vorzimmergestaltung.
Kein Wunder, dass dann auch der eine oder andere sein Vorzimmer lieber leer lässt, das darf man ja dann auch. Gefährlich ist es vielleicht nur, weil man hinter einem leer stehenden, kärglichen Vorzimmer nicht unbedingt einen prächtigen verborgenen Raum erwartet, wenn man ihn nicht sogar komplett übersieht.
Viele Leute, besonders wenn sie ihr Vorzimmer gemeinsam und sehr künstlerisch-diffizil, mit Schnörkeln und Ornamenten, mit goldenen Figuren und Edelsteinen, mit über lange Jahre gereiften Regeln und Traditionen, mit Geschichten und Traktaten ausgestaltet haben, vergessen, dass sich zwischen dem Vorzimmer und dem verborgenen Raum noch eine Türe befindet, dass die beiden Räumlichkeiten nicht ein- und dasselbe sind. Sie wundern sich auch, dass andere ebenso feinsinnig-komplexe Inneneinrichtungen haben, die trotzdem von ganz anderer Art sind, und verlieren sich in Streitigkeiten über Detail- und Geschmacksfragen. Ja, es kam auch schon das eine oder andere Mal vor, dass die peniblen Inneneinrichtungen des Vorzimmers von anderen verwüstet und zerstört wurden.
Wäre es da nicht besser, die Einzigartigkeit der Vorzimmergestaltung eines jeden Menschen zu achten, dann einfach gemeinsam den Schritt weiter durch die Türe zu gehen und sich dann im verborgenen Raum der Seelenruhe zu treffen?

Mir fällt auch noch ein anderes Bild zu diesem Sachverhalt ein. Die Seelenruhe, der Zustand des Eins-Seins und die Erfahrung der Transzendenz, das alles soll jetzt eine Art Plattform irgendwo in den Lüften weit oben sein. Man kann sich das auch als Wolke oder Himmel oder etwas Ähnliches vorstellen. Auf diese Plattform hoch führen unterschiedliche Wege: Wendeltreppen, geflieste Betontreppen, Leitern, Taue mit Knoten, Holztreppen mit gedrechseltem Geländer. Auch hier hat ein jeder Mensch im Prinzip seine eigene Art und Weise, nach oben zu kommen.
Nun ist der Mensch aber ein Gewohnheitstier und deswegen will ein jeder nur auf seine Art die Plattform erlangen. Man stelle sich doch einmal vor, wie verwirrend es sein muss, immer nur die Stufen einer linksdrehenden Wendeltreppe gestiegen zu haben und sich jetzt plötzlich andersherum drehen zu müssen, wie verwirrend. Noch schlimmer, ein Befürworter der genormten Stahlbetontreppe wird es nahezu als Unmöglichkeit ansehen, sich an einem Tau nach oben zu hangeln.
Kein Wunder, dass da große Streitereien auftreten. So manche beharren darauf, dass nur ihre Treppe nach oben führt und die anderen Wege dagegen ins nichts oder gar nach unten. Andere weigern sich, Umbaumaßnahmen auf ihrem Weg hinzunehmen. Die nächsten zweifeln die Sicherheit der anderen Aufstiegsmöglichkeiten oder gar des eigenen an.
Wäre es nicht auch da besser, jeden auf seinem Wege nach oben kommen zu lassen (sofern er nicht lieber unten stehenbleibt und zuguckt) und sich dann dort in der Plattform zur gemeinsamen ekstatischen Party zu treffen?

Und noch ein drittes Bild habe ich dazu im Kopf. Ein jeder Mensch kennt beispielsweise das Gefühl intensiver Freude, und ich würde behaupten, dass sich dieses Gefühl qualitativ nur wenig unter den einzelnen Menschen unterscheidet. Da bekanntermaßen auch Komponisten Menschen sind, werden auch sie es grundsätzlich ähnlich erleben, wenn sie intensive Freude empfinden. Gravierende Unterschiede findet man aber in der tatsächlichen Vertonung des grundsätzlich gleichen Gefühls: der eine komponiert ein kleines Klavierlied, der nächste eine gigantische Orchestersinfonie, einer verwendet einfache und pathetische Harmoniefolgen, ein anderer entscheidet sich lieber für ausgefeilte Modulationen und so weiter. Auch hier ließe sich über Tonarten, Motive, Rhythmen und ich weiß nicht, was noch alles streiten, sowohl unter den Komponisten selbst als auch unter ihren Fans und Verehrern. Die schwören nämlich darauf, dass Freude nur so und ja nicht anders klingen darf; alles andere ist ein Verfälschung oder ein billiger Abklatsch.
Wie gesagt, es lässt sich schwer über Geschmäcker streiten. Ein passionierter Beethoven-Liebhaber wird sicherlich nicht eine derartig große Freude sagen wir in einem Pop-Konzert von Genesis oder Lady Gaga empfinden wie bei einer Aufführung des vierten Satzes der neunten Sinfonie. Aber er darf sich dessen gewiss sein, dass die intensive Freude, die der Genesis- oder Lady-Gaga-Fan während des Konzerts empfindet, die gleiche ist, wie seine über Beethoven.