Die zweite Mutter

14. 7. 2012

Von einer Mutter kommen wir, sie war der Urgrund unseres Lebens. Sie war die sanfte Geborgenheit, die weiche Liebe, die nährende Fürsorglichkeit, in der es uns als eigenständiges „Ich“ noch gar nicht gab. Es kam die Zeit, da trennten wir uns, durchschnitten die Nabelschnur der Mutterbindung, sorgten selbst und brauchten die Liebe nicht, da wir sie ja jetzt selbst gaben.

Mir kam der Gedanke, dass man auf eigenartige Art und Weise eine zweite Mutter erwartet, zu der man zurückgeht. Die man jetzt schon in ihrem leichten, liebevollen Wehen erahnt, während einem die Gewissheit ihrer Existenz in einem frischen Schauer die Haare aufstellt, in ehrfürchtig-ängstlichem Staunen. Die zweite Mutter, in deren Schoß wir zurückfallen, so scheint mir, ist die Erde, ist der Tod.

Nein, zu pessimistisch! Ist unsere zweite Mutter nicht eher im Tod – oder vielmehr sogar dahinter? Ist sie nicht das göttliche Wesen, dass wir ein Leben lang nur erahnen dürfen, eine zweite Mutter, wenn man endlich in die Sorglosigkeit durch Fürsorge zurückfallen dürfen, wenn wir der leidigen Aufrechterhaltung des eigenen „Ichs“ müßig geworden sind? Keine schlechten Aussichten, für den, der Mutterliebe erfahren hat, und ein sehr erstrebenswerter Glaube, der einem den Tod doch auch mit einer gewissen erdig-duftigen Süße erhellt. Dann erst erfährt der Mann endgültige Glückseligkeit, wenn er in seinem Ende zu einer Mutter zurückkehrt, dann letztendlich erst ist er vereint wie anfangs.

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