Gedanken zu „Father Elijah“ von Micheal O’Brien (Kapitel 3)

Ich rolle gerade, wahrscheinlich weil ich zu viel Zeit habe, die Beschäftigungen aus, bei denen ich vor drei Jahren vor Beginn des Studiums gestanden hatte. Da hatte mir der Kaplan meiner alten katholischen Pfarrei gerade das Buch „Father Elijah“ von Michael O’Brien geschenkt. Vor drei Jahren erschien mir der Inhalt, das Lebensmodell, das darin beschrieben ist, noch als unhinterfragbar ideal, als ein Ziel. Mittlerweile lese ich das Buch aber mit anderen, zur Kritik geschärften Augen.

Das Konzept des Romans ist denkbar einfach gestaltet: es gibt die gute Seite, nämlich die besorgte katholische Kirche, und die böse Seite, die kapitalistischen Politiker der Weltgemeinschaft und die modernen Theologen. Erschütternd finde ich dabei, dass ich selbst in dieser vereinfachten Schwarz-Weiß-Welt, selbstverständlich mich auf der guten Seite verordnend, zu denken gewohnt war, dass ich das durch die Kirchennähe verinnerlicht hatte: „Oh, der oder die glaubt nicht an Gott, der oder die ist nicht so ganz ok. Oh die großen Firmen, die Politik, die Wirtschaft, die Medien, das ist nicht so gut, da lass‘ mal lieber die Finger von.“ Da lieber einem anständigen Handwerk nachgehen und in der Schule dem Lateinunterricht, in der Freizeit dann der Musik und als Ministrant dem Gottesdienst. „So ist es brav.“

Jetzt kann ich den Roman als unnötig weltanschaulich angereicherten, seichten Thriller genießen, jedoch nicht mehr ernstnehmen. Das aber im Gegensatz zu meinem damaligen „spirituellen Mentor“, der den Inhalt, wie ich glaube, als Wahrheit, als Realität angesehen hatte. Den Inhalt dieses Romans, der einem eine Welt sauber geschieden in Gut und Böse einreden will (wie auch ein anderes Buch: „Die große Scheidung“ von C. S. Lewis), der einen auf die gute Insel ziehen will, zum Schaf, zum Kind machen will, einem also in gewisser Hinsicht auch die Autonomie im Denken nehmen möchte. Sicherlich meint diesen Bekehrungswillen niemand der Kirchenleute, insbesondere nicht der Autor „böse“; dennoch riecht der Roman sehr nach Menschenfängerei, weg von der Welt und hinein in die behütenden Fesseln einer Sekte.

Eine kurze Interpretation möchte ich hier noch abgeben zum 3. Kaptitel, zugrunde legend dabei Jungs Archetypentheorie. In diesem Kapitel trifft der unfreiwillig zum Helden berufene bescheidene Protagonist Father Elijah in den vatikanischen Palästen auf zwei Kardinäle und schließlich auch auf den Papst. Dieser weiht Elijah darin ein, dass die Apokalypse, der Weltuntergang und die Wiederkunft Christi bevorstünden und es also oberste Priorität sei, die Seelen der Menschen auf die richtige (kirchliche) Seite zu ziehen. Die größte Bedrohung der gegenwärtigen Menschheit sei ein erfolgreicher, aufstrebender Weltpolitiker, der den Übergang hin zu einem globalen Staat erzielen möchte und nebenbei noch allerlei Einfluss in Wirtschaft und Medien hat. Brechen wir das einmal hinunter auf die menschliche Ursippe, projizieren wir das zurück auf eine Gesellschaft von vielleicht zweihundert gerade sesshaft gewordenen Steinzeitmenschen. Die Kirchenmänner sind in diesem Gedankenspiel die älteren oder schwächeren, die feinfühligeren Männer, die anstatt mit den anderen hinaus in die Welt und auf Jagd zu gehen, bei den Frauen, in der Frauenwelt bleiben müssen. Der erfolgreiche Weltpolitiker ist dagegen das potente Alphatierchen, machtvoll in den Steppen von Wirtschaft, Staatslenkung und Medien, einer, der sich – auch im Werben um Frauen – profiliert hat. Kurz, einer, der seinen Mann gestanden hat und in der Männerwelt maximal erfolgreich ist. Diesem Leitwolf ist natürlich die emotionale Frauenwelt zu Hause am Lagerfeuer oder bei den Zelten oder Hütten fremd; ja jede eigene Tendenz bei sich in diese Richtung empfindet er als Bedrohung seines Erfolges, seiner Potenz, seines Wertekanons. Die unterschwellige Faszination, die die Welt der Emotionen, der Fürsorglichkeit, der Spiritualität, der Welt der Frauen und der daheimgebliebenen Männer auf ihn ausübt, kann er nur durch das Bekämpfen derselben ausdrücken. Umgekehrt faszinieren die schwachen, untergeordneten, an die Frauenwelt gebundenen daheimgebliebenen Kirchenmänner die Heldentaten, der Erfolg, die Kämpfe, der Ehrgeiz und die Stärke, die draußen auf der Jagd im Mittelpunkt stehen. Unter der Hand auch für sie erstrebenswert, wären sie nicht zu schwach, schwächer als das Alphatierchen, zu schwach, um mitmachen zu dürfen, vielleicht auch zu willensschwach oder träge oder änderungsscheu. Da bleibt nur der mentale Trick, das Objekt der eigenen Begierde, d. h. den Jagderfolg, zu entwerten. „Diese bösen, erfolgreichen Jäger! Ohne Moral, das Ende der guten Sitten!“ Unterschwelliger Neid wird so nach außen in moralische Integrität verwandelt. Doch die Ursippe braucht beide Männlichkeitskonzepte, es ist schon gut so, dass es beide Strömungen im Männlichen gibt. Der bipolare Kampf zwischen Jägertum und Fürsorglichkeit, kaum mehr als Gezicke unter Männern unterschiedlichsten Charakters, der die Entscheidung für eine der beiden Seiten herausfordert, ist doch viel zu einfach. Die Romanhandlung hebt ihn jedenfalls bis in die Höhe des apokalyptischen Kampfes zwischen Kirche und Welt (entsprechend „daheim“ und „Jagd“, Altruismus und Potenz) empor. Lächerlich ist diese Trennung; im Menschen, im Mann, steckt doch beides miteinander vermischt, Fürsorglichkeit und Erfolgswille.

Gefährlich finde ich, dass der Roman beim Leser die Zerstückelung der Männlichkeitseinheit fördert und ihm die Überbetonung der „Daheim“-Seite als einzig richtigen Weg suggerieren möchte. Interessant ist da noch die Frage, inwiefern dass das Denken des heutigen Christentums im Allgemeinen widerspiegelt und ob man Glaubensmänner anderer Religionen, z. B. des Islams, auch als Daheimgebliebene wahrnehmen würde.

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