Gedanken zum Hirtenwort des Regensburger Bischofs vom 22. 04. 2012

„Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“

Heute hat es mich wie sonntags üblich wieder in die Kirche verschlagen, nicht in meine Heimatpfarrei, sondern in eine benachbarte, in der mein ehemaliger Religionslehrer die Messe feierte. Er, der absolute Pragmatiker, verlas heute anstelle einer Predigt ein bischöfliches Hirtenwort – merklich unwillig. Es ging darin um eine Selige, die bald im Bistum Regensburg heiliggesprochen werden soll. An sich war die Biografie des jungen Mädchens, das aufgrund eines Unfalles bald ans Bett gefesselt war, anrührend und keiner hätte gerne mit ihr getauscht. Auch den Gedanken, dass man sich von Widrigkeiten des Schicksals, vom Unabänderlichen, nicht übermannen lassen soll, sondern innerlich darüber stehen soll, kann ich nur gutheißen. Dann kam aber auch dieses oben erwähnte Zitat aus dem Brief an die Kollosser, dessen Inhalt ich als höchst fragwürdig, in gewisser Weise sogar als lebensfeindlich empfinde. So lange ich im Kopf das Bild eines Heldentodes habe, beispielsweise eines Soldaten, der unter Opferung seines eigenen Lebens im Krieg ein kleines Kind vom Schlachtfeld rettet oder so lange ich an die Feuerwehrmänner in New York denke, die am 11. September 2011 unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit oder ihres Lebens gegen die Brandherde unter den Trümmern kämpften, sehe ich durchaus die Möglichkeit, sein eigenes Leiden als ehrenvoll zu erleben. Nicht, dass man sich darüber freuen würde, aber man nimmt es freiwillig in Kauf und handelt aktiv dementsprechend. Das scheint es mir aber nicht zu sein, was die mitschwingende Botschaft des bischöflichen Hirtenwortes war. Für mich geht es eher in die Richtung, dass das Leiden als solches als erstrebenswert, als heilig dargestellt wird. Dass den brav zuhörenden Gläubigen in der Kirche also vermittelt wird, krank zu sein, sich seinem Schicksal zu ergeben, zu leiden, Schmerzen zu haben sei wünschenswert. So wird das sicherlich bedauernwerte Schicksal selbst – nicht der Umgang damit – als religiöse Heldentat dargestellt. Das Leiden soll doch so weit es geht bekämpft werden, und was man nicht ändern kann, darüber soll man sich nach Möglichkeit innerlich erheben; das ist meine Meinung zum Umgang damit. Mir scheint es aber, als wäre es ein Grundtenor der katholischen Kirche, bewusst aufgesuchtes Leiden sei als positiv zu bewerten. Es nutzt einfach niemanden etwas, wenn das arme Mädchen im Bett leiden muss, sie tut es vor allem nicht für irgendeinen Menschen noch für Gott! Das aktive In-Kauf-nehmen von eigenem Leid zum direkten Nutzen anderer im Falle des Soldaten oder der Feuerwehrmänner – wohl gemerkt aktiv – ist eine Heldentat, die Erhabenheit über das unabänderliche Schicksal ist ebenso rühmlich; sie sind Beispiele der Humanität. Was ist aber positiv daran, krank zu sein, zu leiden, im Siechtum zu sein, was gut an diesem Zustand? Wenn ich in diese Richtung weiter denke, schwebt vor meinem inneren Auge ein Kruzifix, eine Momentaufnahme des qualvollen Todes Christi, wie sie in den meisten katholischen Kirchen zentral im Gewölbe prangt. Auch da stellt sich doch die Frage, musste das sein? Es bedarf schon gewaltiger Gedankenanstrengung, dem bedauerlichen Tod eines Lebenslehrers wie Jesus Christus mir persönlich etwas abzugewinnen. Es war doch für ihn selbst ein ungewolltes Schicksal, und offengestanden auch das ein Leiden, Schmerzen, deren Vermeidung besser gewesen wären. Als Katholik soll man jedoch lieber glauben, dass Jesus sich freiwillig kreuzigen hat lassen, aus freiem Willen sich durchbohren hat lassen, und dass das auch noch gut und vorbildhaft ist. Um es noch drasticher auszudrücken: ich sehe die Gefahr, Masochismus hochzustilisieren! Eigenes Leiden an sich, ohne konkreten Bezug zu irgendeinem anderen Menschen, gutzuheißen, gerne die Opferlamm-Rolle zu übernehmen, sich einspannen zu lassen, sich quälen zu lassen, ohne direkt für jemanden dadurch etwas zu tun, sofern man jegliche mystischen Verbindungen und Zusammenhänge beiseitelässt. Passivität im Leiden wird als gut dargestellt, und das ist der Kern dessen, was mich an dieser Lebenseinstellung anekelt. Aber wozu diesen Gedanken eines feisten Bischofs, der gerne scheinbar wohltätig, chauffiert im schwarzen 7er-BMW, durchs die Oberpfalz tourt, ernst nehmen? Zum Abschluss möchte ich hier noch auf den Gedanken aus Lukas 10,38 ff. verweisen. Maria, die sich nicht wie Marta den ganzen Tag abrackert, die sich nicht durch die bischöflich erforderte „Pflichttreue“ ausszeichnet, hat, so sagt Christus, das bessere gewählt.

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