Beim Zahnarzt

In den letzten Tagen war ich mal wieder beim Zahnarzt, Kontrolluntersuchung. Der Betrieb in der Zahnarztpraxis, das ganze Flair hat mich ein wenig ins Grübeln gebracht: wo ist die Grenze zwischen Medizin und Wellness, zwischen Bekämpfung von Krankheit und reiner Wellness, zwischen Notwendigkeit und Luxus? Am Empfang vorgesprochen, werde ich gleich mal ins Wartezimmer verwiesen. Da muss ich nun die Entscheidung treffen: lese ich lieber den Focus, die Auto Bild oder die Men’s Health? Alternativ kann ich auch an dem zentral angebrachten Flachbildschirm die Heldentaten meines Zahnarztes bewundern: er war vor Kurzem in einem Entwicklungsland, um dort im Rahmen eines humanitären Einsatzes eine Zahnarztpraxis aufzubauen. Löblich, aber muss man das seinen deutschen Patienten gleich so unter die Nase reiben? Auf der Toilette brennt eine Kerze, richtig heimelig. Dann sitze ich schon auf dem Behandlungstisch. Die nette Zahnarzthelferin (offenbar gibt es hier strikte Richtlinien in Sachen Höchstalter und -gewicht) poliert mir die Zähne und will mir dann gleich noch eine Zahnaufhellung aufnötigen. Wäre natürlich eine kosmetische Sache, aber das ließe sich der Krankenkasse schon als Notwedigkeit unterjubeln. Während ich danach auf den Herrn Doktor warte, lasse ich meine Seele beim Anblick der Gemälde um mich herum und der Australien-Diashow vor mir am nächsten Flachbildschirm baumeln. Als der gute Mann dann da ist, macht er kurz seine Arbeit: schaut in meinen Mund – es wäre da wohl eine Kleinigkeit zu machen, eine abgebrochene Füllung. Dann verschwindet er. Ich genieße zwischendurch die Atmosphäre, da kann man ja richtig entspannen auf dem Zahnarztstuhl (ich lasse ihn noch weiter nach hinten fahren, der Gemütlichkeit halber). Nach zehn Minuten kommt er wieder, er wird doch nicht gleich das Problemchen lösen? Von wegen, jetzt packt er seine nagelneue Zahnkamera aus. Ist schon wirklich wichtig, dass er mir nun am Bildschirm vor mir die frisch aufgenommenen Fotografien meiner Zähne präsentiert. Dieses und jenes sollte man also machen, sehen Sie. In der Zeit hätte man natürlich auch schon das, was zu machen ist, machen können. Aber es ist doch viel besser, wenn ich mich noch ein paar Wochen bis zum nächsten Termin auf die bevorstehende Heldentat des Herrn Doktors in meinem Mund freuen darf. Ich nehme meine Jacke, nicht ohne beim Verlassen noch ein paar Gratis-Mundwasser-Proben einzustecken.

Gedanken zum Hirtenwort des Regensburger Bischofs vom 22. 04. 2012

„Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“

Heute hat es mich wie sonntags üblich wieder in die Kirche verschlagen, nicht in meine Heimatpfarrei, sondern in eine benachbarte, in der mein ehemaliger Religionslehrer die Messe feierte. Er, der absolute Pragmatiker, verlas heute anstelle einer Predigt ein bischöfliches Hirtenwort – merklich unwillig. Es ging darin um eine Selige, die bald im Bistum Regensburg heiliggesprochen werden soll. An sich war die Biografie des jungen Mädchens, das aufgrund eines Unfalles bald ans Bett gefesselt war, anrührend und keiner hätte gerne mit ihr getauscht. Auch den Gedanken, dass man sich von Widrigkeiten des Schicksals, vom Unabänderlichen, nicht übermannen lassen soll, sondern innerlich darüber stehen soll, kann ich nur gutheißen. Dann kam aber auch dieses oben erwähnte Zitat aus dem Brief an die Kollosser, dessen Inhalt ich als höchst fragwürdig, in gewisser Weise sogar als lebensfeindlich empfinde. So lange ich im Kopf das Bild eines Heldentodes habe, beispielsweise eines Soldaten, der unter Opferung seines eigenen Lebens im Krieg ein kleines Kind vom Schlachtfeld rettet oder so lange ich an die Feuerwehrmänner in New York denke, die am 11. September 2011 unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit oder ihres Lebens gegen die Brandherde unter den Trümmern kämpften, sehe ich durchaus die Möglichkeit, sein eigenes Leiden als ehrenvoll zu erleben. Nicht, dass man sich darüber freuen würde, aber man nimmt es freiwillig in Kauf und handelt aktiv dementsprechend. Das scheint es mir aber nicht zu sein, was die mitschwingende Botschaft des bischöflichen Hirtenwortes war. Für mich geht es eher in die Richtung, dass das Leiden als solches als erstrebenswert, als heilig dargestellt wird. Dass den brav zuhörenden Gläubigen in der Kirche also vermittelt wird, krank zu sein, sich seinem Schicksal zu ergeben, zu leiden, Schmerzen zu haben sei wünschenswert. So wird das sicherlich bedauernwerte Schicksal selbst – nicht der Umgang damit – als religiöse Heldentat dargestellt. Das Leiden soll doch so weit es geht bekämpft werden, und was man nicht ändern kann, darüber soll man sich nach Möglichkeit innerlich erheben; das ist meine Meinung zum Umgang damit. Mir scheint es aber, als wäre es ein Grundtenor der katholischen Kirche, bewusst aufgesuchtes Leiden sei als positiv zu bewerten. Es nutzt einfach niemanden etwas, wenn das arme Mädchen im Bett leiden muss, sie tut es vor allem nicht für irgendeinen Menschen noch für Gott! Das aktive In-Kauf-nehmen von eigenem Leid zum direkten Nutzen anderer im Falle des Soldaten oder der Feuerwehrmänner – wohl gemerkt aktiv – ist eine Heldentat, die Erhabenheit über das unabänderliche Schicksal ist ebenso rühmlich; sie sind Beispiele der Humanität. Was ist aber positiv daran, krank zu sein, zu leiden, im Siechtum zu sein, was gut an diesem Zustand? Wenn ich in diese Richtung weiter denke, schwebt vor meinem inneren Auge ein Kruzifix, eine Momentaufnahme des qualvollen Todes Christi, wie sie in den meisten katholischen Kirchen zentral im Gewölbe prangt. Auch da stellt sich doch die Frage, musste das sein? Es bedarf schon gewaltiger Gedankenanstrengung, dem bedauerlichen Tod eines Lebenslehrers wie Jesus Christus mir persönlich etwas abzugewinnen. Es war doch für ihn selbst ein ungewolltes Schicksal, und offengestanden auch das ein Leiden, Schmerzen, deren Vermeidung besser gewesen wären. Als Katholik soll man jedoch lieber glauben, dass Jesus sich freiwillig kreuzigen hat lassen, aus freiem Willen sich durchbohren hat lassen, und dass das auch noch gut und vorbildhaft ist. Um es noch drasticher auszudrücken: ich sehe die Gefahr, Masochismus hochzustilisieren! Eigenes Leiden an sich, ohne konkreten Bezug zu irgendeinem anderen Menschen, gutzuheißen, gerne die Opferlamm-Rolle zu übernehmen, sich einspannen zu lassen, sich quälen zu lassen, ohne direkt für jemanden dadurch etwas zu tun, sofern man jegliche mystischen Verbindungen und Zusammenhänge beiseitelässt. Passivität im Leiden wird als gut dargestellt, und das ist der Kern dessen, was mich an dieser Lebenseinstellung anekelt. Aber wozu diesen Gedanken eines feisten Bischofs, der gerne scheinbar wohltätig, chauffiert im schwarzen 7er-BMW, durchs die Oberpfalz tourt, ernst nehmen? Zum Abschluss möchte ich hier noch auf den Gedanken aus Lukas 10,38 ff. verweisen. Maria, die sich nicht wie Marta den ganzen Tag abrackert, die sich nicht durch die bischöflich erforderte „Pflichttreue“ ausszeichnet, hat, so sagt Christus, das bessere gewählt.

Das Päpstchen

Jetzt in der Zeit der Osterfeiertage kommt wieder der katholische Glauben in meine Gedanken. Meine Vergangenheit hat er ja doch ziemlich geprägt. Habe deswegen ein paar Videos angesehen, auch von Joseph Ratzinger, z. B. als er sich von seiner damaligen Diözese München verabschiedete (http://www.youtube.com/watch?v=8SNsKUzWA5Y). Kurz vorher verliest da in dem Video noch der damalige bayrische Ministerpräsident F. J. Strauß Grußworte, bevor dann Ratzinger selbst zu Wort kommt. Ein Unterschied wie Tag und Nacht: hier der mächtige, spitzbübische, blitzgescheite, aber grobschlächtige Strauß mit seinem Stiernacken, der Worte mit Nachdruck sagt. Einfach eine Persönlichkeit, ein Alpha-Tierchen. Dagegen der schmächtige, knaben-, ja fast jungfernhafte Ratzinger. Zunächst klingen seine Worte weise, hochgebildet, intellektuell. Er trägt sie mit sanften Armbewegungen vor, mit damenhafter Eleganz. Hört man aber genauer hin, so erkennt man: der spielt eine Rolle. Der sagt seine Worte nur so dahin, wie ein kleiner Schulbub, der ein Gedicht auswendig gelernt hat. Was ist er schon mehr, als ein Schulbub, der genau so geformt ist, wie ihn Mama – Mutter Kirche – haben wollte, der ein Leben lang nur brav war? Ich konnte mir bei den Worten das Lachen einfach nicht verkneifen. Kein Auslachen, sondern Mitlachen mit ihm. Er verwendet in der Ansprache so viele Floskeln, so viele inhaltsarme Worthülsen, Stilfiguren. Ja, eigentlich ist er ein Künstler, kein Kardinal oder Papst. Der Mozart der Theologie, mit Worten spielend statt mit Noten. Verschnörkselt, dabei aber ohne tieferen Sinn, flach, sinnlos, aber schön, so wie Mozarts Musik. Er erinnert mich auch an meinen erzkatholischen Mathe-Dozenten, ein 40-jähriger Schulbub, der mit Formeln spielt, der verkünstelte Beweise vorführt. Zweitens kommt mir auch die verkomplizierte Ausdrucksweise von Thomas Mann in den Sinn, der war auch ein Wort-Künstler. Der Inhalt spielt dabei eine untergeordnete Rolle, wichtig ist die Ästhetik der Form.
Was waren das doch gleich für Männer, die einen Sinn für Schnörksel, für Eleganz, für Ästhetik haben, die ewigen Buben? Modedesigner, Pop-Sänger, Musical-Schreiber, Romantik-Komponisten, Schriftsteller: Lebenskünstler. Familie, Verantwortung, echte Arbeit, dafür sind sie sich zu schön. Akkurat inszenierte Liturgie, prächtige Gewänder, nett formulierte Gebetsfloskeln, frömmelndes Getänzel: David Berger (der wirkt ähnlich wie Ratzinger) spricht vom Typus des homosexuell-katholischen Ästheten. So jemand mogelt sich durch bis auf den heiligen Stuhl? Einer der es nicht ernst meint, sondern als Kunst, künstlich? Ich finde, das in Erwägung zu ziehen, nicht komplett absurd. Erbärmerlich nur, dass gerade derselbe Vorschriften gegen den eigenen Schlag erlässt. Weitere Künstler-Priester so wie er sind verboten. Vielleicht ist sich Ratzinger gar nicht so bewusst, welche psychische Triebfeder hinter seinem Werdegang steht. Wahrscheinlich weiß er es aber in sich ganz genau; man kann es ihm ja nicht einmal vorwerfen, den kirchlichen Weg eingeschlagen zu haben, in einer Zeit, in der man sonst mit dem rosa Winkel im KZ gelandet wäre. Nur ist es das nicht, was die Kirche braucht: einen feenhaft-schwärmerischen Modefürsten, vordergründig Mamas brävstes Kind, auf der Bühne des Altarraums für alle zu bestaunen, ein über-angepasstes Kind, dem die Verantwortlichkeiten über den Kopf wachsen. Einen Nachfolger Christi, der kurz vor der Kreuzigung noch einen anderen Pelzhut aufsetzen würde. Nein, nötig wäre ein Mann, ein tatkräftiger, lebensnaher und pragmatisch-rechtgläubiger Leitwolf. Wäre er nicht schon gestorben und würde es nicht alle möglichen kirchlichen Vorschriften sprengen, ich wäre für Franz Josef Strauß als Papst.