Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing

Gerade hab ich viel und intensiv Klavier gespielt, richtig lange und mit viel Emotionen. Interessant, wie so scheinbar rein mathematische Formeln, die Noten, die menschlichen Gefühle beeinflussen (meine eigenen Gefühle sind ja eher träge und umwabern meine Gedanken meist im Hintergrund; als Temperatur der  Buchstabensuppe). Nachdem ich heute widerwillig mit dem Lernen für die anstehende Nachholklausur in Kernphysik begonnen und dann ziemlich schlecht gelaunt war, kam mir der Gedanke, ob ich meine Emotionen zu sehr von Formeln beeinflussen lasse. Ganz allgemein scheint es mir bei theoretisch veranlagten Menschen (aber bestimmt bei den anderen auf gewisse Art und Weise ebenso) so zu sein, dass der Stoff, mit denen sie ihren ständig laufenden Gedankenapparat füttern, ihre Emotionen ungemein beeinflussen. Der Ingenieur denkt stets pragmatisch, er wirkt dann auch einfach und bodenständig. Weil er harte Dinge macht, die er versteht, und vor allem eben macht, liebt er das Tatkräftige; Ungenaues, Konsequenzenloses und Gefühlsvolles sind dem, der sich mit Maschinen beschäftigt, fremd. Der Musiker lässt die Noten in seine Gedanken, eine eigenartige Kombination aus mathematischer Präzision und überquellend-emotionaler Eigenwilligkeit. Er wird emotional dynamischer als ein Ingenieur, aber auch verspielter. Seine Emotionen sind aber meist nur ein Spiel, eine Reaktion auf die Art der Musik, die er produziert, künstlich, sie sind nicht auf Mitmenschen gerichtet. Der Pfarrer beschäftigt sich mit Theologie, mit der Lehre der frohen Botschaft. Sinn und Zweck dieser Gedanken ist es, zu heilen, Schmerzen zu lindern, Unabänderliches zu besänftigen. Ob die Botschaft selbst nun wahr ist oder nicht, sie wirkt, auch bei ihm selbst. Er lebt in einer glücklicheren Welt und strahlt das auch nach außen aus. Der harte Naturwissenschaftler (der Holzfäller) beschäftigt sein Gehirn mit knallharten Fakten und Grundlagenproblemen. Er wirkt daher kühl und nüchtern und versucht seine diskussive Art auch auf andere Bereiche anzuwenden. Interessant ist es, wenn Menschen in zweierlei Gedankengebäuden gerne wohnen: Paradebeispiel religiös sozialisierter Naturwissenschaftler. Er (ich?) erlebt beides als einen sinnvollen, ja gerade notwendigen und befruchtenden Ausgleich. Beim Rechnen kann man sich von den Gefühlen erholen, beim Gottesdienst von den Gedankenverrenkungen. Von großem Interesse ist da natürlich, dass sich beides nicht gegenseitig ausschließt, dass also z.B. nicht die Ratio der Erholung in der Religion den Riegel vorschiebt. Produkt dieses Bestrebens sind so manche philosophische Abhandlung über die Vereinbarkeit von beidem: schriftlich verarbeitete Gedankenarbeit, Gedankenkonstruktion zur Besänftigung des Widerspruchs. Musik, Theologie, dass scheinen mir nur sehr abstrakte Gefühlsäußerungen zu sein: „Ach, es ist doch nicht so schlimm.“ Weil sie die Gefühlssoße ganz indirekt (eben abstrakt) in komplizierte und intellektuell anspruchsvolle Gedankengerüste packen, sind sie dem Theoretiker ungeheuer wichtig. Dabei sind sie für ihn nur eine Art Krücke, die ihn Bewusstseinsregionen betreten lassen, in denen der normale Alltagsmensch ganz ohne großes Gedankentrara ein- und ausgeht. Vielleicht dient eine gewisse Vielfalt der geistigen Beschäftigung dem Theoretiker als Repertoire auf unterschiedliche Situationen: jetzt, beim Rohrbruch im Heizungskeller denk ich, wie ich es als Ingenieur gewohnt bin, pragmatisch; jetzt, beim Krankenbesuch lass‘ ich meine naturwissenschaftlich-kühle Art zugunsten einer priesterlichen Anteilnahme beiseite, nimmt mir auch selbst die Angst; usw. So kann der Theoretiker dann deduktiv (das muss er traurigerweise machen) die Denkweisen der verschiedenen Wissensgebiete zu Rollen abmildern und schließlich als dynamisch-empathischer Mitmensch agieren.

Ein Gedanke noch zur Religion: womöglich liegt ihre Bedeutung gerade darin, jenseits aller empirischen Tatsachen, die allzu entmutigend wären, positive Gedankengebäude (eine heile Welt), Urlaubsinseln für das Gehirn, zu schaffen. Glauben ist dann wirklich „nicht wissen“, wenn nicht sogar „wissen, dass nicht, aber trotzdem, weil schön.“

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