Wochenende in Wien, 11. März 2012

Sonntag, 11. März 2012:
Um zwölf werden wir wach. Ich geh ins Bad (damit wenigstens irgendeiner die Initiative ergreift, wie Niklas später meint). Man frühstückt dann Zigaretten. Angeblich fühlt sich Magi von mir durch die Glastür beobachtet. Sie ist aber schon angezogen. Niklas und ich machen „Synchron-Luftmatratzen-ausatmen-lassen“, das in einen Wettbewerb entartet. Die Situation eskaliert schon wieder in Diskussionen, wir müssen alle lachen. Der Plan ist, in einem Kaffeehaus frühstücken zu gehen. Caro, Niklas und ich brechen geführt von Jo auf. Nach der obligatorischen Zigarettenpause fahren wir mit der U-Bahn zum Stephansplatz. So beidruckend ist der Steffel gar nicht. Wir gehen durch die Wiener Altstadt (Singerstraße usw.) und sehen uns von außen die Hofburg, die Hofreitschule und die Spiegelgasse an, ein schöner Rundweg. Man darf nämlich als Angehöriger von Jos Familie nicht zweimal denselben Weg gehen. Ganz schön edel, was hier alles in den Läden angeboten wird. Die Leute sagen hier, wenn sie jemanden aus Versehen anstoßen, „Gestatten“. Wir erreichen unser Ziel, das Café Prückel. Drinnen liegt der Rauch schwer in der Luft, das Interieur scheint aus den 60ern zu sein. In einer Theke wird Torte angeboten. Am Nachbartisch sitzt ein Literat in Cordhose. Auch sonst sind hier bemerkentswerte Menschen, vor allem einfach schöne, junge, lebensfrohe, authentisch-modische Menschen. Das ist Wien. Während wir vier Wiener Melange trinken, geht es um Düfte, Lebensgeschichten, Nachtgeschichten und Soziologisches. Die große Uhr an der Wand verwandelt das Kaffeehaus in meinen Augen in sowas wie eine Bahnhofshalle. An einer anderen Wand steht: „Buchstaben sind Nomaden. Ihr Tempel ist das Zelt.“ Darunter sitzt der Literat. Wir essen Topfen- statt Apfelstrudel und trinken – wie man hier sagt – Himbeer-Kracherl und Apfelsaft gespritzt. Es geht dann wieder zum Steffel, wo wir die anderen zur weiteren Stadtbesichtigung erwarten. Auf dem Weg entbrennt eine hitzige Diskussion über den Widerspruch von Emotionalität und Rationalität. Niklas hält sich ein wenig aus der Diskussion heraus, Caro und vor allem Jo sind der Meinung, dass man – wenn man einmal die Ursache für Gefühle verstanden hat, wenn man also weiß, warum man dieses oder jenes fühlt – nicht mehr dieses oder jenes fühlen kann, sondern nur noch das Gefühl denken kann. Ich beharre angeregt auf meiner Position, dass man den einen (von vielen) naturwissenschaftichen Aspekt der Gefühle auch wieder verdrängen wird und sich den Gefühlen auch wieder hingeben kann, wozu es vielleicht ein wenig Übung bedarf. Vor allem geht es mir aber darum, ein bisschen zu provozieren und intellektuelle Verwirrung hervorzurufen. Soviel also zum intellektuellen Hahnenkampf. Die anderen sind de facto nur Arni, der uns kauend mit einem Cheeseburger in der Hand begegenet. Jo verabschiedet sich und Niklas und ich bedanken uns noch einmal (in Erinnerung an den Wink mit dem Zaunpfahl im Kaffeehaus, dass Undankbarkeit einer Todsünde gleichkäme). Wir Übriggeblieben gehen in den Stephansdom hinein, wo ich mir trotz rationaler Widerstrebungen ein paar besinnliche Minuten gönne. Die geschäftig-neugierige Stimmung der Besucher dort lädt aber nicht gerade dazu ein, genauso wenig wie Caros Ausführungen über ihre Umbaupläne – der Dom sei perfekt geeignet für den Gothik-Kirchen-Nachtclub, den sie mit Magi eröffnen will. Der Plural von Triptychon ist übrigens Triptychoi. Anschließend fahren wir mit der U-Bahn zum Schwedenplatz. Dort kommt man nämlich an die Donau und Niklas will die Wiener Donau unbedingt mit der in Regensburg vergleichen. Sonst gibt es hier ein futuristisch-gläsernes Gebäude zu bestaunen – das wars. Wir fahren mit der U-Bahn weiter zur Neubaugasse und gehen in Siffis Wohnung. Die liegt kränkelnd in eine Decke eingewickelt auf der Couch – es läuft galileo oder taff oder sonstwas. Sie hat noch einen Kater, es ging gestern bei ihnen nämlich nochmal bis um sieben weiter mit Wodka pur. Wir sammeln uns andächtig-mitleidsvoll ums Krankenbett. Vanessa wird über die Abfahrpläne informiert – in einer Stunde, also um sieben sind wir weg. Wollten wir nicht um sechs bei Magi abfahren? Caro, Arni, Niklas und ich gehen wie vorher ausgemacht ins Europa – die schwarze Kellnerin war heute morgen um fünf auch schon da. Caro und Niklas müssen rauchen. Es nervt. Niklas bestellt aufdringlich. Wir essen die empfohlenen Club-Sandwiches – mit Hähnchenfleisch und viel Curry-Sauce. Niklas bestellt sich dazu intuitiv ein Bier, was ich überhaupt nicht verstehen kann. Caro meint darauf, dass aufgrund unangenehmer Erlebnisse allein der Geruch von Tequila bei ihr Breichreiz hervorrufe. Beim Riechen an einer Kiwi hingegen weiß sie gleichzeitig schon immer ganz genau, wie die Kiwi schmeckt. Bei der nächsten Rauchpause (oder war es Toilettenpause ?) erzählt Arni von der Mensa in München am Sendlinger Tor. Als Caro und Niklas zurückkommen und unser Männergespäch („über Sex!“) belauschen, weckt das „nicht gleich drankommen“ (in der Mensa) falsche Assoziationen. Wir zahlen beim Kellner, einem bärtigen Hippie, um die vierzig. So muss man älter werden. Niklas hatte ein Sandwich, Arni ein, ist ja klar, meint der Kellner. Ich lass mir den Witz nicht nehmen und dränge mich vor Caro. Ich hatte zwei Clubsandwiches, haha. Nach dem Essen wird übrigens geraucht oder tausend Schritte getan. Hast du beides nicht zur Hand. Oben in der nahegelegenen Wohnung ist Siffi wieder auf den Beinen, dafür pennt Vanessa, die mit uns nach Landshut mitfahren soll. Ich übernehme die undankbare Aufgabe, sie zu erwecken. Die nächste Runde Kippen ist in der Küche. Auf der Mikrowelle liegt eine Kiwi, die löst bei Caro ein derartiges Lachen aus, dass sie fast bis zum Lachorgasmus gekommen wäre. Köstlich. Wir schaffen es schließlich doch, den Aufbruch einzuleiten. Niklas und ich führen mal wieder eine Parallelunterhaltung. Man sollte sich aber eigentlich – weil man die Leute ja ohnehin noch nicht so gut kennt – einfach ums Einklinken bemühen. Welch Erkenntnis. Wir bedanken uns für die tolle Zeit. Unten vermisst Caro ihre Kippen, die werden schnell noch geholt, bevor es per U-Bahn zum Praterstern geht. Die zweite U-Bahn, mit der wir fahren, lässt in sich warten. Im U-Bahnhof kaufen wir nochmal Energy-Drinks ein. Ich wollte neben einem Snack und Getränken eine Banane kaufen, in Österreich wird Obst aber nicht an der Kassa abgewogen. Die Warterei zum Zahlen hat ohnhehin schon lange genug gedauert. Es geht wieder Richtung Magis Wohnung unter Tröpfelregen. Das Wort Kiwi erregt nochmal Gelächter bei Caro. Sie will das Auto übrigens nicht zum Gepäckeinladen vorfahren, auf Maggis Hinweis oben in der Wohnung dann aufeinmal schon. Vanessa trinkt das ihr angebotene letzte Bier, war sogar ein Augustiner. Einfach ungeniert. Jo, der sich nach meinem Leben erkundigt hat, wie irgendwer gesagt hat, findet „Vanitas“ einen passenden Namen für Vanessa. Die Grimmigblickende ist nebenbei die Älteste in der Runde. Was Vanitas denn gleich nochmal bedeute, frage ich, gleichzeitig irgendwas mit „Leere“ und eine böse Fortführung dieses Witzes ins Explizite im Kopf. „Vergänglichkeit.“, sagt Jo. Der war böse. Wir bedanken uns auch jetzt noch mal herzlich und verabschieden uns – unbewusst – mit „Bis bald!“. Nach der letzten Runde Kippen und dem Empfang der von oben herab gesandten Brechtüten für alle Fälle sitzen Caro als Fahrerin und Niklas vorne, während Vanessa, Arni und ich uns hinten hineinschlichten. Es geht los. Ich versuche mir meine Nervosität auf dem mittleren Sitzplatz, auf dem man alles sieht, durch meinen Snack zu nehmen. Der ist überraschend asiatisch-scharf. Vanessa kann im Gegensatz zu mir meine Wasserflasche öffnen, sie wird nur wenig angespritzt. Wir sind – trotz funktionsunfähigem Navigationssystem – auf der Ausfahrstraße. Das Handy klingelt, wir haben Magis Luftmatratzen vergessen. Das „Bis bald!“ erfüllt seine fatal vorweggenommene Bestimmung und so holen wir das Vergessene an der Wohung ab. Um sechs wollten wir los, jetzt ist es halb elf. Arni mag handelt von Caro den Umweg über Ergoldsbach heraus, er kann unmöglich um zwei Uhr nachts abgeholt werden. Eine kleine Rauchpause später sind wir schon wieder unterwegs, auch das Navigationssystem beehrt uns jetzt mit Richtungs- und Tempolimit-Hinweisen. Die Fahrt ist wie hinwärts von einigen Rauch-, Tank-, Klo- und Esspausen durchsetzt. Vani trinkt nochmal ein Bier und steckt Niklas damit an. Sie kennt übrigens meine Schwester über den RFL. Arni tut genauso wie mir der rechte des hinteren Teils weh, es ist schon wirklich eng. Irgendwann verfahren wir uns ganz schön, nur nebenbei. An der Grenze stimme ich die Nationalhymne an. Ich darf die zweite Hälfte der Rückfahrt sitzfleischschonenderweise Beifahrer sein, während Vanessa in die Mitte gewandert ihre Flanken von Niklas und Arni gewärmt bekommt. Auf einmal müssen wir schon raus, es geht nach Ergoldsbach. Ein tiefer Sturz vom Stephansplatz in die niederbayrische Pampa! Bei Arnis Zuhause regeln wir schnell das Finanzielle und fahren dann zu viert weiter nach Landshut. Wie klein die Häuser da aussehen, wie provinziell und unbedeutend… Wie auch sonst zu solchen Uhrzeiten (3 Uhr) machen wir Zwischenstation an der OMV-Tankstelle, um Proviant zu kaufen. (Vanessa konnte leider trotz mehrmaliger Erwähnung keinen McDonalds-Halt erreichen.) Bei der Fahrt nach Landshut West – ein Kilometer trennt mich noch von meinem Bett – erregt was auch immer fast einen weiteren Lach-Orgasmus bei Caro, der allerdings in ein ein ernsthaftes Verschlucken einer Erdnuss ihres Snickers mündet. Wir müssen kurzfristig halten, bis sie sich ausgehustet und -gelacht hat. War zum Glück halb so schlimm. Wir halten vorm Haus meiner Eltern. Wie spießig, die Doppelhaushälfte, die zwei BMWs in der Einfahrt… Wie in Amerika, meint Niklas. Ich nehm meine Gepäck. Das letzte mal Passivrauchen aus meiner Perspektive wird zelebriert. Das Wort Kiwi lässt uns noch mal ins Lachen verfallen. Dann verabschieden wir uns endgültig für diese Nacht, wohlwissend das eine Nachbesprechung mit Bilderaustausch ansteht. Schön wars, denke ich mir, während ich die Schmutzwäsche in den Waschkeller bringe.

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