Immanuel

Immanuel

Dezember 2011

„Der Winter kommt noch jedes Jahr früh genug“, dachte sich Immanuel, während er mit seinen robusten, mit Fell überzogenen Stiefeln durch das Unterholz stapfte. Noch war es aber längst noch nicht soweit, die meisten Bäume trugen noch ihr bunt gefärbtes Laub und ließen es nur vereinzelt in die aufziehenden Herbstwinde losziehen. Der Herbst, das war für Immanuel die Zeit, in der er am meisten zu tun hatte. Da galt es, die Vorräte an Feuerholz für den – doch früh genug – kommenden Winter aufzustocken. „Eine elende Plackerei ist das jedes Jahr“, dachte er sich, oder vielleicht murmelte er es auch in seinen mittlerweile ergrauenden ungepflegten Bart. „Doch es hilft nichts. Ich will ja was verkaufen, muss die Leute drunten im Dorf beliefern. Und selber brauch ich ja auch was.“

Immanuel war nun achtundvierzig Jahre alt und, seit er als junger Bub dazu in der Lage war, arbeitete er hier im Schachtholz. Sein Vater war damals der Förster im Schachtholz gewesen und so war es nur der vorbestimmte Lauf der Dinge, dass Immanuel in seine Fußstapfen getreten und in bepelzten Stiefeln dem Vater nachgefolgt war. Immanuels Mutter war damals schon im Siechhaus des Dorfes, erkrankt an einigen bösartigen Geschwulsten, ihrem unausweichlichen Schicksal eilenden Schrittes entgegengegangen. Nicht lange nach dem tragischen Tode der Mutter war aber auch Immanuels Vater bei einem Unfall während der Arbeit im Schachtholz plötzlich ums Leben gekommen, und so hatte Immanuel – gerade erst siebzehn – kurzerhand den Posten des Försters übernommen. All die Jahre über hatte er seitdem abseits des Dorfes in der Forsthütte gelebt und war, mangels ernsthafter Kontakte und weil er durchaus verwildert, ja gar verroht wirkte, unverheiratet geblieben. An das Wunder, dass er sich doch irgendwann binden würde, hatte er seit bestimmt schon einem Jahrzehnt den Glauben verloren. Seine Pflicht, seine Arbeit im Schachtholz, das war im Grunde schon immer sein Leben gewesen und würde es auch immer bleiben, nicht mehr und nicht weniger.

Darüber machte er sich aber keine tieferen Gedanken, wie es ihm ohnehin nicht zu eigen war. Er stapfte, wie es nun eben seine Plicht, sein Los, sein Leben, war murrend durch das Brombeergeflecht im Unterholz dem nächsten zu fällenden Baum entgegen. Morgen würde er dann sein heutiges Tagwerk, bisher sechzehn Bäume, mit dem Gaul über den kaum befestigten Waldweg ins Forsthaus bringen, um es dann zurechtzusägen. Da jetzt  schon langsam der Abend näher rückte und das goldene Laub des Waldes in ebenso goldenes Licht versetzte, hoffte er, zumindest noch einen weiteren Baum zu fällen. Kaum angelangt am markierten, sozusagen zum Tode besiegelten Kandidaten, zog er seine metallen glänzende Axt hervor und begann sein Werk. „Na, du wirst noch, bis es dunkel wird“, brummte er in sich hinein, während er mit seinen kräftig-groben Händen die Axt umgriffen zu tiefen Schlägen ausholte. Es war bloße Routine für Immanuel und, obwohl ihm der Schweiß im Gesichte stand,  kam er gut voran, sodass er schon kurze Zeit später in seinem knarrigen Bass zur Warnung möglicherweise hierher verirrter Wanderer  „Baum fällt!“ ausrief. Dann trat er gekonnt gegen eine bestimmte Stelle des angeschlagenen Baumes – und sie Sache war nach einem kurzen Krachen erledigt.

Während er von dem Stamm ihm zu Füßen die größeren Seitenäste abschlug, bemerkte er, dass nicht nur das Gold der untergehenden Sonne allmählich einem fahlen Dämmerlicht wich, sondern dass auch der im Laub spielende Wind in immer stärkeren Böhen aufbrauste. „Ich hab’s ja gleich“, murmelte er, wie wenn das Anschwellen der Naturkräfte ihn zum Feierabend ermahnt hätte. In der Tat war der gefällte Baum nach wenigen Axtschlägen zum morgigen Abtransport bereit und so konnte Immanuel den Heimweg antreten. Ein paar Schritte musste er durch das stachelige Unterholz, dessen Schatten schon verblassten, stapfen, dann war er auf dem erdigen Waldweg, der hin zur Forsthütte und auch weiter noch bis hinunter ins Dorf führte. „Jetzt hab‘ ich die Lampe nicht mitgenommen“, dachte er sich, denn mittlerweile wäre ein wenig Beleuchtung auf dem düsteren Waldweg durchaus angebracht gewesen. Aber wozu überhaupt? Immanuel wäre der letzte gewesen, der sich in seinem Schachtholz verlaufen würde. Nur lästig war es, durch das Dunkel zu stapfen, genauso lästig, wie der Wind, der ihm kräftig Blätter und Staub ins Gesicht bließ. Er brummelte nur: „Wie schnell man doch die Stimmung ändern kann.“

Durch das Brausen des Windes, durch das wehende Rauschen der Bäume, drangen nun auch aus der Ferne des Dorfes die Glocken zum Abendgebet. Sie ließen, was längst unübersehbar war, nämlich dass die Nacht angebrochen war, auch hörbar werden. Missmutig wegen der Dunkelheit, wegen der kühl wehenden Windböen, erschöpft und verschwitzt von der harten Arbeit schloss Immanuel die hölzerne Tür zur Forsthütte auf. Drinnen war es ebenso duster und der Wind trug, bevor er die Türe schloss, einen Schwarm Laub hinein. „Wieder einen Tag geschafft.“, sagte er sich und legte mit seinen knorrigen Hängen die Axt und seine weiteren Utensilien ab, dann hängte er seinen schweren Mantel auf. Von draußen trug der Wind noch einen Fetzen Glockengeläut bis in die Hütte. Immanuel saß schon an seinem robust-hölzernen Tisch und entzündete das kleine Öllämpchen in dessen Mitte. Auf einmal ergriff ihn Wehmut. Worauf sollte er denn hoffen?

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